Blogeinträge von Amed Sherwan

Freitag, 09.03.2018 / 20:25 Uhr

Sie wollen nur unseren Wohlstand!

Von
Amed Sherwan

Meine Flucht hat meine Eltern insgesamt 16.800,- Dollar gekostet. Mein Vater musste dafür sein Auto verkaufen und Geld leihen. Er hat das gemacht, nur um mich in Sicherheit und aus ihrem Leben zu bringen und hatte nie die Erwartung, dass ich die Familie nachhole.

Die meisten Geflüchteten, die ich kenne, haben sehr viel Geld für ihre Flucht ausgegeben. Meistens haben sie alles verkauft, was sie besitzen. Denn für die illegale Reise nach Europa nehmen die Schleuser unfassbare Summen. 

Niemand gibt leichtsinnig so viel Geld aus und sein ganzes bisheriges Leben ohne Grund auf. Aus einer europäischen Perspektive mag Europa das Traumland für alle sein. Aber in Wirklichkeit sind die beruflichen Bedingungen für die meisten Geflüchteten hier nicht besser – im Gegenteil – und das wissen inzwischen auch viele, aber was soll man machen, wenn es keinen anderen Weg mehr gibt.

Mein Bruder ist Ingenieur, meine Schwester hat Biologie studiert. Ich werde vermutlich nie studieren, sondern mich mit Aushilfsjobs über Wasser halten. Ich kenne ehemalige Grafikdesignstudenten, Anwälte, Künstlerinnen, Journalistinnen und Fotografen, die nun in der Dönerbude oder im Café arbeiten, putzen gehen oder Pflegehelferausbildungen machen. Sie geben sich damit natürlich zufrieden – aber Traumjobs sind es nicht.

Klar gibt es auch Leute, die aus totaler Armut nach Deutschland kommen – für die ist hier natürlich vieles besser als vorher. Aber für die Leute, die mal ein normales Leben hatten, ist es einfach nur demütigend.

Die geflüchteten Jungs, die ich kenne, hassen es alle, auf Sozialleistungen angewiesen zu sein und in sinnlose Jobmaßnahmen gesteckt zu werden. Sie wollen arbeiten, das ist aber nicht so easy hier wie z.B. in der Türkei. 
Viele müssen auch Geld an ihre Familien schicken, die vielleicht noch in den großen Lagern in den Nahgebieten hocken. Also spielen sie Glücksspiel, verkaufen Drogen und prostituieren sich.

Ich finde bestimmt nicht alle geflüchteten Menschen sympathisch, aber zum Spaß oder für Sozialleistungen sind sie nicht gekommen.

In meiner Jobmaßnahme hatten wir gestern das Thema Zukunftspläne und sind gefragt worden, welches Bruttogehalt wir uns in Zukunft wünschen. Ein junger Mann aus Somalia hat 3.000,- Euro gesagt. Daraufhin haben die Maßnahmeleiterinnen ihn lautstark und abfällig ausgelacht, das sei ja völlig unrealistisch. Die Gruppe hat dann brav mitgelacht. Ein anderer Teilnehmer hat dann 1.500,- vorgeschlagen und ist dafür gelobt worden. Das sei zwar auch nicht leicht, aber ein realistisches Ziel. Große Ziele haben sollen sich arbeitslose Jugendliche sowieso abschminken – und die mit Fluchterfahrungen noch mal mehr!

Freitag, 12.01.2018 / 19:05 Uhr

Flüchtlingsgesicht

Von
Amed Sherwan

Neulich im Reformhaus, sage ich: „Können Sie mir sagen, wo ich den Zitronensaft finde?“ – Verkäuferin: „Geh‘ lieber rüber zu DM, da gibt es den viel billiger!“ 

Scheiße, wenn die wüsste, wie viel teure Lebensmittel ich dank meiner Beziehung zu einer bioüberzeugten Veganerin kaufe.

Letztens mit dem Vermieter: „Hast du viel Kontakt zu den Nachbarn?“ – Ich: „Nee, eigentlich gar nicht!“ – Er: „Oh, das ist bestimmt schwer für dich und ganz anders als im Iran, da gibt es ja viel mehr Kontakt untereinander!“ 

Erbil liegt nicht im Iran und ist eine Großstadt, wo man seine Nachbarn nicht kennt. Und ich habe gar keinen Bock auf nachbarschaftliche Kontakte.

An der Kasse im Supermarkt: Ich lege 20-Euro Guthabenkarte aufs Laufband und die Kassiererin weist mich freundlich und in lauten, einfachen Sätzen darauf hin, dass es auch 10-Euro Guthabenkarten gibt. Laute, deutliche Sätze und mitleidige Blicke sind immerhin besser als die skeptischen Blicke der Kaufhausdetektive.

Ich weiß nicht, wie oft ich auf meine Aussage, dass es mir nicht gut geht oder ich müde bin, gehört habe: „Oh ja, ich kann mir vorstellen, wie viel schlimme Sachen du erlebst hast, mit Krieg, dem IS und so.“

Ich war glücklicherweise noch nie im Krieg und die Geschichten aus Syrien und Afghanistan schockieren mich genauso wie alle anderen. Und selbst Kurdistan ist mir inzwischen so fremd geworden, dass ich mir nicht vorstellen kann, da irgendwann mal wieder zu leben.

Wenn mich Leute unterwegs fragen, wo ich herkomme, antworte ich ganz natürlich: „Flensburg!“ Nicht selten kommt dann die Frage: „Und wo kommst du wirklich her?“
Ich kann gut damit leben, schließlich habe ich nur 1/5 meines Lebens in Deutschland gelebt. Das ist zwar der wichtigste und prägendste Teil meines Lebens gewesen, aber ja, ich bin eingewandert.

Doch wie muss es sein für Leute, die mit Flüchtlingsgesicht in Deutschland geboren sind?

Donnerstag, 28.12.2017 / 15:27 Uhr

Kaffeetrinken bei der Bundespolizei

Von
Amed Sherwan

Das Kaffeetrinken bei der Bundespolizei war wie ein Nachhausekommen. Ich hatte ohne Scheiß Lust den Boden zu küssen, so dankbar war ich im Januar 2016, als die dänische Polizei mich den deutschen Behörden überstellt haben, nachdem ich sehr unangenehme Erlebnisse mit der dänischen Polizei gehabt hatte.

Erstens sind nicht alle Geflüchtete Muslime, zweitens sind nicht alle Muslime Strenggläubige und drittens sind nicht alle Strenggläubigen Islamisten.

Dabei hatte ich kein Verbrechen begangen. Ich war damals als Dolmetscher am Bahnhof Flensburg aktiv und hatte in dem Zusammenhang ein syrisches Ehepaar aus Schweden kennengelernt, die mich nach der Situation am Bahnhof in Pattburg fragten. Verwandte von ihnen waren gerade auf dem Weg durch Deutschland und da sie wussten, dass es verboten sei, Flüchtende mit Privatautos über die Grenze zu transportieren, wollten sie sich für ihre Verwandten persönlich über die Situation an den Bahnhöfen informieren.

Sie wohnten schon lange in Schweden und hatten reguläre Reisepapiere, also willigte ich ein mit ihnen hinzufahren. Dass ich selber mit meiner deutschen Gestattung eigentlich keine europäischen Grenzen queren darf, habe ich dabei bescheuerterweise nicht wirklich auf dem Zettel gehabt. Zu dem Zeitpunkt gab es keine Grenzkontrollen und ich war schon ein paar Mal zum Spaß in Dänemark gewesen – schließlich kann man da ganz einfach zu Fuß hinspazieren.

Kaum in Pattburg am Bahnhof angekommen, wurden wir von der Polizei gestellt, die den armen Schweden unterstellten, sie hätten mich schleusen wollen. Ich versicherte den Beamten, dass das völliger Unsinn sei, weil ich in Flensburg wohne, zur Schule ginge, viele Freunde habe – sie könnten das ganz schnell untersuchen. Das war den Polizisten aber völlig egal. Ich wurde zusammen mit einigen anderen Jugendlichen, Männern, Frauen und Kinder zur Wache gebracht.

Im Untersuchungsgefängnis wurden die Familien nach Geschlechtern getrennt, die Menschen weinten. Der Umgang mit uns war extrem grob und rücksichtslos. Ich wurde zunächst in einer völlig leeren Isolationszelle untergebracht und danach einige Tage zu verschiedenen Verhören quer durch Dänemark hin- und hergefahren. Man drohte mir immer wieder, dass man mich länger festhalten wolle, wenn ich nicht endlich die Wahrheit sagen wolle. Dabei hatte ich nichts zu verschweigen. Ich hatte nichts Anderes verbrochen als blöd zu sein.

Mal abgesehen von der unglaublichen Verschwendung von Geld für Beamten, die mich tagelang rumgefahren und bewacht haben, hat mich vor allen Dingen der Umgangston mit mir und den anderen Geflüchteten schockiert.

Schließlich wurde ein 2-jähriges Einreiseverbot verhängt und ich wurden den deutschen Beamten an der Grenze übergeben. Sie erschienen mir wie Engel, haben mich wie der minderjährige Junge behandelt, der ich war, mir einen Kaffee angeboten und mich zurück in meine Jugendeinrichtung geschickt.

Ein halbes Jahr später musste ich noch mal als Zeuge in Dänemark aussagen und bin ernsthaft nach der Zeugenaussage von einem Polizeibeamten nach Hause eskortiert worden, obwohl ich wochenlang alle erforderlichen Ein- und Ausreisepapiere bei den zuständigen Ministerien in Dänemark und Deutschland besorgt hatte.

Mal abgesehen von der unglaublichen Verschwendung von Geld für Beamten, die mich tagelang rumgefahren und bewacht haben, hat mich vor allen Dingen der Umgangston mit mir und den anderen Geflüchteten schockiert. Es war komplett anders als in Deutschland, obwohl ich hier ja auch schon auf der Flucht aufgegriffen worden bin.

Dabei sind Dänen nicht unfreundliche Menschen, im Gegenteil. Ich kenne viele Dänen und der Ton ist meistens eher herzlicher und offener als in Norddeutschland. Deswegen kann ich meine Erlebnisse nur auf die politische Stimmung in Dänemark zurückführen. Die dänische Volkspartei ist die zweitstärkste Partei. Angst vor Geflüchteten und Muslimen prägt die Stimmung noch viel mehr als hier. Abgelehnte Asylbewerber leben da unter ec hat krassen Bedingungen. Ich bin immer wieder erschüttert, was mir geflüchtete Freunde aus Dänemark erzählen.

Ich kenne viele Geflüchtete, von denen ist wirklich kaum jemand zum Spaß geflohen. Wer gibt schon seinen Status, sein Zuhause, sein komplettes bisheriges Leben auf, wenn er keinen Grund dazu hat. Aber die Menschen werden nicht wie notleidende Menschen behandelt, die seit Wochen unterwegs gewesen waren, sondern wie Schwerverbrecher.

Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass man die weltweiten Probleme mit dem politischen Islam mit Kaffeetrinken lösen kann.

Ich sehe nicht viel Gutes im Islam, denn ich habe mit dieser Religion nicht viel Gutes erlebt. Und ich denke, man darf da nicht naiv sein. Der Islam hat ein gefährliches und unsympathisches Potenzial. Das haben alle Religionen vielleicht – aber beim Islam ist es aus verschiedenen Gründen gerade ganz akut. Das begründet aber nicht, Geflüchtete nicht wie individuelle Menschen zu betrachten.

Erstens sind nicht alle Geflüchtete Muslime, zweitens sind nicht alle Muslime Strenggläubige und drittens sind nicht alle Strenggläubigen Islamisten. Wenn man aus – zwar berechtigter – Angst vor dem Islamismus den Fehler macht, alle Menschen aus muslimischen Ländern unter Terrorverdacht zu stellen und als Verbrecher zu behandeln, geht genau das verloren, weshalb ich nach Europa geflüchtet bin: Gerechtigkeit und Freiheit.

Und genau deshalb finde ich die AfD nicht harmlos. Denn in Dänemark haben die Rechtspopulisten geschafft, die gesamte Politik so weit zu verändern, dass sie eigentlich selbst überflüssig geworden sind.

Alle, die nicht direkt abgeschoben werden können, sollen genauso beschissene Bedingungen behandelt werden wie im Mittleren Osten. Im Ergebnis führt es zu Hass auf allen Seiten. Und darüber freuen sich die Islamisten vermutlich am allermeisten.

Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass man die weltweiten Probleme mit dem politischen Islam mit Kaffeetrinken lösen kann. Aber für einen einzelnen Geflüchteten wie mich kann diese Tasse Kaffee bedeuten, dass man sich ein bisschen in das Land verliebt, in dem man gerade wohnt. Und für ein friedliches Zusammenleben ist es nicht die schlechteste Voraussetzung. Doch Deutschland verändert sich gerade – ich weiß nicht, ob ich noch immer einen Kaffee an der deutschen Grenze kriegen würde.

 

Sonntag, 24.09.2017 / 18:56 Uhr

Kurdisches Referendum: Darum jetzt nicht!

Von
Amed Sherwan

Barzani hat beim mir zum ersten Mal bei einem Aufmarsch von ihm und seinem Gefolge durch Erbil bleibenden Eindruck hinterlassen. Schwerbewaffnete Truppen begleiteten seinen Zug durch die Straßen und die Luft war von Helikoptern gefüllt. Das bedrohliche Bild passte zu den Fotos von Barzanis riesigem, militärbewachten Anwesen, die ich aus den Medien kannte.

Ich wusste schon als Kind, dass die Barzani-Familie ein mächtiger Clan war und viele große Unternehmen in Kurdistan hatte. Und dass man sich mit den Barzanis gut stellen musste, um in Kurdistan Erfolg zu haben. Ich wusste, dass Barzani sich bei Zahnschmerzen sofort mit Privatflugzeug zur Behandlung nach Europa fließen ließ, während normale Leute sogar mit lebensbedrohlichen Krankheiten keine Chance auf Behandlung hatten, weil unser eigenes medizinisches System so beschissen war. Und ich wusste, dass man die Barzanis auf keinen Fall öffentlich kritisieren durfte, weil man sonst sterben könnte.

In der Weltgeschichte ist es  keine neue Idee, von Problemen abzulenken, in dem man das Volk um eine gemeinsame Idee sammelt. Und was wäre da besser als der kurdische Nationalismus und der lang gehegte Wunsch nach einem eignen Staat.

Persönlich erschütterte mich vor allen Dingen der Tod Sardasht Osmans in 2010. Er war Student und kritischer Blogger. Ich bewunderte seinen Mut und Witz. Aber kurz nachdem er ein satirisches Gedicht über Barzanis Familie geschrieben hatte, das viel Aufmerksamkeit erregte, wurde er vor der Universität gekidnappt und später tot aufgefunden. Die Regierung stritt jede Verantwortung ab, aber das Signal war deutlich: Mit Barzani war nicht zu spaßen!

Als die Medien sich nach meiner Freilassung für meinen Fall interessierten, hatte meine Familie daher viel größere Angst davor, dass ich durch Regierungskritische Aussagen als Gotteslästerung in Gefahr geraten könnte.

Barzani ist in meiner Erinnerung schon immer da gewesen. Als Chef der Partei PDK (Demokratische Partei Kurdistans) ist er seit 2005 Präsident der autonomen Region Kurdistan.  Die Verfassung lässt nur zwei vierjährige Amtsperioden zu, 2013 ist seine Präsidentschaft trotzdem um zwei Jahre verlängert worden. Im August 2015 ist Barzani dann einfach auf seinem Posten geblieben und hat das Parlament kurzerhand schließen lassen, um die Regierungsgeschäfte ungestört führen zu können. Praktisch hat er es dadurch gelöst, den Parlamentspräsidenten von der Oppositionspartei Gorran (Liste für Wandel)  an seiner Einreise nach Erbil zu hindern und die Tore des Parlaments zu schließen.

Dieser Staatsstreich ist nicht überall in der Bevölkerung gut angekommen. Die PDK bekommt nicht nur von der Opposition Gegenwind. Mit ihrer Koalitionspartei PUK (Patriotische Union Kurdistans) verbindet die PDK ein jahrzehntelanger Konflikt.

Und die Stimmung in Kurdistan ist nicht davon besser geworden, dass Kurdistan in einer Finanzkrise ist. Die Regierungsangestellten warten auf die Auszahlung ihrer Gehälter, obwohl die Regionalregierung Öleinnahmen in Millionenhöhe hat.  Immer wieder gibt es deutliche Hinweise auf Korruption und Unterschlagung Seitens der Regierung, weil nachweislich viel mehr Öl gewonnen wird, als die offiziellen Berichte zu Öleinnahmen hergeben.

Die guten politischen Beziehungen Barzanis zu Erdogan sind vielen Kurden zuwider. Und die Gerüchte darüber, dass der Ölhandel mit dem IS über Mittelsmänner der kurdischen Regierung floriert, macht Barzani auch nicht beliebter. Die Jesiden haben Barzani zudem nie verziehen, dass die PDK ihnen Sicherheit vor dem IS versprochen hatte, sich die Peshmerga (die Streitkraft der Autonomen Region Kurdistans) aber tatsächlich zurückzog und dem Genozid an den Jesiden im August 2015 tatenlos zusah.

In der Weltgeschichte ist es  keine neue Idee, von Problemen abzulenken, in dem man das Volk um eine gemeinsame Idee sammelt. Und was wäre da besser als der kurdische Nationalismus und der lang gehegte Wunsch nach einem eignen Staat. Die Kurden sind das größte Volk der Welt ohne einen eigenen Staat. Das Volk ist durch Willkürgrenzen der einstigen Kolonialmächte geteilt, seither als Minderheit unterdrückt und hat nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker längst einen eigenen Staat verdient.

Sowohl Syrien als auch Irak sind als Staaten mehr oder weniger aufgelöst und befinden sich in Dauerbürgerkriegen. Es passt in die weltpolitische Agenda, gerade jetzt die Unabhängigkeit zu fordern. Und Dank der Siege der Peschmerga im Kampf gegen den IS und der gewonnen Schlacht um Mossul hat Barzani die Argumente auf seiner Seite und sieht sich in der Lage, den lange gehegten Wunsch nach einem kurdischen Staat auf Basis einer Volksabstimmung umzusetzen.

Barzani argumentiert dafür, dass ein neuer kurdischer Staat das wirksamste Mittel gegen den IS darstellt. Ein demokratisch-pluralistischer kurdischer Staat soll der stabilisierende Faktor werden in einer Region, die zwischen Sunniten und Schiiten sowie westlichen und islamischen Interessen zerrieben wird. Klingt logisch und verlockend – allerdings nur wenn man ausblendet, dass Barzani mit diesem Schritt seine Macht nur verfestigen und als Befreier der Kurden gefeiert werden wird.

Die Opposition hat daher vor dem Referendum eine Reetablierung der parlamentarischen Strukturen gefordert.  Und tatschlich ist in diesem September das Parlament zum ersten mal wieder zusammengekommen. Barzani will damit auch der Weltöffentlichkeit zeigen, dass die Demokratie in Kurdistan funktioniert.  Und auch die Mehrheit der Kurden jubelt. Vergessen sind die Finanzkrise, die Korruptionsvorwürfe und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Ohne internationale Unterstützung und nationalen Konsens ist die Gefahr von sowohl Kriegen und Bürgerkriegen hoch.

Die Gorran-Partei hält sich den Parlamentssitzungen aber fern und fordert, dass es vorher einen Rücktritt Barzanis und ordentliche Präsidentschaftswahlen geben muss. Auch andere kritischen Stimmen in Kurdistan weisen darauf hin, dass die Abstimmung um die Unabhängigkeit zum falschen Zeitpunkt stattfindet. Deshalb hat sich in Kurdistan unter dem Motto »No for Now!« Eine Gegenbewegung etabliert.

Ohne internationale Unterstützung und nationalen Konsens ist die Gefahr von sowohl Kriegen und Bürgerkriegen hoch. Die Unabhängigkeitserklärung ist ein riskantes Vorhaben, das nicht nur interne Konflikte verstärken, sondern Kurdistan auch sonst viele Feinde machen könnte. Einen ersten Warnschuss hat der Iran bereits damit abgegeben, die Flugruten zwischen Iran und Kurdistan am Tag vor dem Referendum zu schließen.

Unbeirrt von der Kritik feuert Barzani feuert die nationalistische Stimmung an. Wie massiv es ihm gelingt, merke ich sogar hier auf Abstand in Deutschland.  Ich habe meine Sympathie für die »No for Now!« auf Facebook geäußert und sofort mehrere Nachrichten dazu bekommen, dass ich ein Vaterlandsverräter sei, dann solle ich doch Arabisch statt Kurdisch sprechen, ich wolle wohl lieber ein irakisches Terrorregime, ich sei ein Opfer iranischer Propaganda usw.

Unheimlich an dieser nationalistisch gefärbten Atmosphäre ist für mich, dass in den Unabhängigkeitsbestrebungen auch Gebiete eingeschlossen sind, in denen nicht nur Kurden leben. Aufgrund der jahrelangen Unterdrückung und Völkermorde durch arabische Regimes, hassen viele Kurden die Araber. Und ich habe schon als Kind gelernt, dass man Araber nicht trauen kann. Kurdistan rühmt sich der Toleranz zum Beispiel gegenüber Juden. Das Überleben der Jesiden ist der Regierung aber offensichtlich scheißegal gewesen. Wie werden sie in ihrem neuen Staat erst mit der arabischen Minderheit umgehen?

Wenn ich die Bilder der aufgeheizten Menschenmassen in Kurdistan sehe, mache ich mir ernsthaft Sorgen, ob es wirklich darum geht, Frieden und Sicherheit für alle zu sichern? Ich bin nicht vor Ort und verfolge das Geschehen nur auf Abstand. Aber alle Menschen, die ich in Kurdistan schätzen gelernt habe, weil sie mir damals beigestanden haben, als ich verfolgt worden bin, stehen dem Vorhaben Barzanis sehr skeptisch gegenüber und zweifeln daran, dass es überhaupt faire Wahlen geben wird.

Ich wünsche meiner Familie, dass sie in Zukunft in einem unabhängigen Kurdistan leben können. Aber aus meiner Sicht ist der Zeitpunkt noch nicht gekommen. Erst müssen demokratische Strukturen geschaffen werden, die allen Menschen in Kurdistan eine friedliche und sichere Zukunft in einem freien Staat ermöglichen.

No for Now!

Freitag, 18.08.2017 / 11:58 Uhr

Bloß nicht zu integriert

Von
Amed Sherwan

Ich habe ein Integrationsproblem. Dabei ist es gar nicht so, dass es mir schwer fällt, mich in die deutsche Gesellschaft einzuleben, im Gegenteil. Aber genau deswegen falle ich seltsamerweise immer wieder auf. Vielleicht bin ich einfach zu integriert?

Lieber Bier als Tee

Ich gehe lieber in die Kneipe als in den Kulturverein, denn ich trinke lieber Bier als Chai. Ich esse lieber vegetarisch als halal, rauche lieber Weed als Shisha und finde Frauen mit Dreadlocks schöner als mit Kopftuch. Ich tanze lieber bei LGBTI-Partys als in der Oriental-Disco und feiere lieber CSD als Eid. Ich gehe lieber Wandern als ins Fitnessstudio, spare lieber für eine Weltreise als auf ein Auto, und ich sage lieber Moin als Salaam.

Ich habe mir einen Spaß gemacht und den Spruch an meine eigenen religiösen Wurzeln angepasst, mir ein T-Shirt mit »Thank Allah I’m an Atheist« bedruckt und ein Foto davon auf Facebook veröffentlicht.

Wenn ich im Ausland gefragt werde, wo ich herkomme, sage ich Deutschland und empfinde das auch so. Deutschland ist derzeit meine Heimat, Kurdistan nur der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Mit meiner Flucht habe ich meine Vergangenheit hinter mich gelegt und alles Neue begeistert aufgesogen. Meine erste Zeit in Deutschland war ich das einzige Kind mit Migrationshintergrund in einem Kinderheim – ich musste einfach auch schnell ankommen, um nicht alleine zu sein.

Ich kenne viele Geflüchtete, die ihre Heimat vermissen. Sie mussten weg, wären aber viel lieber dort geblieben. Und nun hängen sie in einer Art kulturellem Niemandsland fest. Sie kommen nicht richtig an, haben aber auch keinen Kontakt mehr nach Hause. Sie isolieren sich in ihrem Communities, hören traurige Musik aus ihrer Heimat und zelebrieren ihre Kultur. Im Exil werden sie dabei oft viel traditioneller, als sie jemals in ihrer Heimat gewesen sind.

Ein Zoobesuch?

Komischerweise kommt das in der deutschen Gesellschaft teilweise gut an. Begeistert gehen Deutsche zu allen möglichen Kulturfesten, kosten kulinarische Kostproben, lauschen traditioneller Musik und lernen exotische Tänze. Wird da auch darüber diskutiert, wo die wirklichen kulturellen Unterschiede liegen und wie Zusammenleben funktioniert? Und werden da echte Freundschaften geschlossen? Für mich sieht es manchmal eher aus wie ein Zoobesuch.

Ich habe im Mittleren Osten nie traditionelle Musik gehört und fand Fast Food interessanter als das Essen meiner Mutter. Ich habe westliche Popmusik gehört, Simpsons geguckt und Minionsspiele gespielt. Ich wüsste nicht, warum ich plötzlich kurdische Tänze tanzen und mich für Kulturabende interessieren sollte? Ich kann mit dieser Exilkultur wenig anfangen und frage mich manchmal, warum viele Geflüchtete lieber ihre eigene Kultur feiern, statt die europäische kennenzulernen.

Dabei gibt es so viel zu entdecken. Manchmal ist es wie eine richtige Zeitreise. Natürlich lebt man im Mittleren Osten nicht auf dem Mond und hat schon vorher Einblick in europäische Kultur. Aber oftmals sind es sehr vage Vorstellungen – der Alltag in Europa wird in den Erzählungen auf der einen Seite glorifiziert und auf der anderen dämonisiert. Ich hatte deshalb eine sehr komische Vorstellung davon, wie Menschen hier miteinander umgehen, bis ich es selber kennengelernt habe.

Man lernt eher Dari als Deutsch

Insofern ist es aus meiner Sicht unglaublich wichtig, sich nicht zu isolieren, sondern zu konfrontieren. Aber viele Geflüchtete haben da weniger Glück als ich. Als junger Geflüchteter trifft man in den typischen Wohngruppen und Bildungsmaßnahmen wenn überhaupt keinen Querschnitt der deutschen Bevölkerung. Und in der Regel wird man mit anderen Geflüchteten zusammengesteckt und lernt eher Dari und Arabisch als Deutsch.

Auch inhaltlich haben die Integrationsmaßnahmen, die ich erlebt habe, nicht wirklich Neugier auf Deutschland geweckt. Sexualkunde, Politik und Menschenrechten standen bei mir erst auf dem Stundenplan, als ich in eine normale Schule gekommen bin. In allen den vorausgegangenen Maßnahmen sind wir fast nie über »Ich heiße Amed« und »Ich komme aus dem Irak« sowie das endlose Üben von »Entschuldigen Sie bitte!« und »Vielen Dank!« hinausgekommen.

Unter sich bleiben

Es ist daher eigentlich nicht verwunderlich, wenn viele Geflüchtete eher unter sich bleiben und nur sehr oberflächliche Beziehungen zu Deutschen aufbauen. Ich glaube, dass vielen die neue Welt einfach Angst macht. Also bleiben sie unter sich und finden Halt und Trost. Aber wenn sie Pech haben, enden sie damit genau wie einige Kurden, die ich kenne, die hier schon in zweiter Generation leben und trotzdem kaum Kontakte zu Deutschen pflegen.

Deutsche schauen mich aber oft genauso irritiert an, wenn ich ihre selbstverständliche Annahme, dass ich Muslim sei, verneine.

Es ist natürlich in Ordnung, wenn sie an ihrer Kultur festhalten. Solange sie damit keinem auf den Keks gehen, sollen sie doch so glücklich werden. Ich verstehe nur nicht, warum sie sich Europa als Zufluchtsort ausgesucht haben, wenn ihnen europäische Kultur so wenig gefällt. Und ich akzeptiere ganz sicher nicht, von denen darüber belehrt zu werden, wie ich mich zu verhalten und äußern habe, so als ob sie das Patent darauf haben, wie Geflüchtete zu sein haben.

Deutsche schauen mich aber oft genauso irritiert an, wenn ich ihre selbstverständliche Annahme, dass ich Muslim sei, verneine. Und sie meinen mich gelegentlich auch darüber belehren zu müssen, wie ich mich als Geflüchteter zu verhalten habe. Lustigerweise legen sie dabei nicht normale Maßstäbe für deutsche Teenager an. Nein, als geflüchteter Teenager muss man stets dankbar, höflich und tolerant sein – und auf keinen Fall wie ein stinknormaler aufmüpfiger Teenager.

‚Thank God I’m an Atheist‘

Der selbstironische Spruch »Thank God I’m an Atheist« ist weltweit unter Atheisten beliebt. Ich habe mir einen Spaß gemacht und den Spruch an meine eigenen religiösen Wurzeln angepasst, mir ein T-Shirt mit »Thank Allah I’m an Atheist« bedruckt und ein Foto davon auf Facebook veröffentlicht. In einer internationalen atheistischen Gruppe mit vielen Ex-Muslimen hat mir das Shirt fast 1000 Likes eingebracht und zahlreiche Anfragen dazu, wo man das Shirt bestellen könne.

Auf meinem privaten Profil fanden es auch viele lustig. Viele meinten aber, das sei erstens gefährlich und zweitens respektlos. Nicht nur gläubige Muslime, auch nichtgläubige Migranten und erwachsene Deutsche haben mich scharf kritisiert. Dass ich mit dem Spruch weder den Islam noch Muslime angreife, sondern mich über meinen eigenen Atheismus lustig mache, hat sie nicht gestört. Ich solle nicht »Allah« sondern »Gott« schreiben, um nicht unnötig zu provozieren.

Als ich deshalb einige Tage später auf einer Urlaubswanderung auf ein Kruzifix stieß und ein Foto davon mit dem atheistischen Wortwitz »Jesus ist für mich gestorben« gepostet habe, dachte ich auf der sicheren Seite zu sein. Aber auf meiner Seite wurde wieder heftig diskutiert zwischen denen, die diesen Witz harmlos, und jenen, die ihn provokativ und gotteslästerlich fanden. Mit einer solchen Attitüde sei es kein Wunder, wenn ich Drohungen ausgesetzt sei. 

Ich weiß, dass es auch streng religiöse christliche Gemeinschaften gibt, in denen die Jugendlichen nicht solche Witze machen dürfen. Aber die norddeutsche Jugendkultur, die mich umgibt, kennt keinen Respekt vor Religion, und für mich als Ex-Muslim ist das eine Befreiung. Aber ich habe den Verdacht, dass ich weniger Probleme hätte, wenn ich auf meiner Facebook-Seite kurdische Gedichte veröffentlichen würde statt norddeutsche Witze.

Montag, 24.07.2017 / 12:51 Uhr

Wie ein richtiger Mann zu sein hat

Von
Amed Sherwan

Ein richtiger Mann hat ein Auto, verdient Geld, glaubt an Gott und hält die Klappe!

 

Seit einiger Zeit habe ich wieder regelmäßigen Kontakt zu meiner Familie. Nach meiner Flucht hatte ich zunächst nur sehr sporadischen Kontakt. Ich war als Ex-Muslim in Irakisch-Kurdistan nicht nur in Lebensgefahr geraten, ich war für meine Eltern eine Schande. Es war für vermutlich nicht leicht, aber dennoch eine Erleichterung, mich außer Landes zu bringen.

Mein Vater übergab mich in der Türkei den Schleusern. Zusammen mit einer Gruppe anderer alleinreisender Kinder saß ich in dunkle Kleidung gehüllt im hinteren Teil eines Lasters, während wir die Balkanroute fuhren. Es war furchterregend, aber auch etwas aufregend. Und als wir auf einer Raststätte in Österreich ein McDonald‘s Restaurant erblickten, wussten wir, dass wir angekommen waren.

Im Gefängnis wurde ich mit Elektroschocks gezwungen, »wie ein Affe zu tanzen«, weil ich an Darwin und die Evolution glaube

Danach ging es mit Auto nach Deutschland. Ich wurde von meinem Onkel in Empfang genommen, der sich meiner aber schon am nächsten Tag in der Erstaufnahme erledigte. Danach war ich allein. Ich konnte kein Deutsch, mein Englisch war nicht so gut und Arabisch hatte ich nur als Schulfach gehabt. Es fiel mir schwer Kontakte aufzubauen und ich hatte furchtbares Heimweh.

Eines Tages rief ich meine Eltern an und bat sie mich zurückzunehmen. Ich wolle versuchen, meinen Unglauben zu verheimlichen. Ich werde alles tun, um nicht mehr aufzufallen. Dich meine Eltern verneinten kategorisch, ich sei in Kurdistan nicht sicher. Vermutlich hatten sie wirklich Angst um meine Sicherheit, aber es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Es gab keinen Weg zurück.

Ich sah auch keinen Weg nach vorn und am nächsten Tag fand mein Betreuer mich vollgepumpt mit Schlaftabletten. Nach dem Krankenhausaufenthalt wollte mein Vormund mich in die Kinderpsychiatrie unterbringen. Aber glücklicherweise erkannte der zuständige Psychiater, dass eine stationäre Unterbringung aufgrund meiner Erfahrungen im Gefängnis für mich nicht aushaltbar war.

Ich kam zurück in die Jugendwohngruppe, machte mich darauf gefasst, meinen Weg allein zu gehen und brach den Kontakt zu meinen Eltern ganz ab. Den Kontakt nahm ich erst wieder auf, als ich meinen Platz in Deutschland gefunden und besser gewappnet war. Meine Eltern waren sichtlich erleichtert und froh, dass es mir gut ging und wir näherten uns wieder an.

Seitdem reden wir über Alltagsdinge und klammern alle Konfliktthemen aus. Die arrangierte Ehe meiner Schwester habe ich zwar kritisch kommentiert, wir haben uns aber nicht ernsthaft gestritten. Ich habe meinen Eltern sogar erklären können, dass ich ohne Hochzeit in einer Liebesbeziehung lebe. Und wir reden darüber, ob wir uns irgendwann, irgendwo in den Ferien treffen können.

Aber kaum habe ich sie wieder in mein Herz geschlossen, werden die Differenzen wieder deutlich. Stein des Anstoßes ist die Tatsache, dass ich meinen ersten allgemeinen Schulabschluss bestanden habe und nun weiter zur Schule gehen möchte, um den mittleren Schulabschluss und hoffentlich irgendwann Abitur zu machen.

Vor einigen Tagen habe ich deswegen einen brüllenden Vater am Apparat gehabt. Wie lange ich denn noch zur Schule gehen wolle und ob ich danach noch 20 Jahre studieren wolle. Wann ich endlich meinen Führerschein machen und ein Auto kaufen wolle. Wann ich endlich einen Glauben fände. Ich könne Christ werden oder Jude werden, aber an Gott ginge kein Weg vorbei.

Ich entgegnete ich glaube an die Evolution. Aber wer habe die Evolution gemacht, fragte er. Auf meine Gegenfrage, wer Allah gemacht habe, wurde er wütend. Dass ich damals im Gefängnis mit Elektroschocks gezwungen wurde »wie ein Affe zu tanzen«, weil ich an Darwin glaube, und deshalb nicht gut auf das Thema zu sprechen sei, war ihm augenscheinlich egal.

Dass ich meine Familie und Heimat verlassen habe, um endlich frei sprechen und ohne Religionszwang leben zu können, haben meine Eltern offensichtlich vergessen. Meinungsfreiheit sei Unfug, sagte mein Vater. Ich solle endlich lernen, mich unterzuordnen und die Klappe zu halten. Wann werde ich eigentlich mal erwachsen.

Ich weiß, dass ich ohne meine Familie leben kann. Solche Anrufe tun weh, aber sie bringen mich nicht vom Weg ab. Vielen meiner Freunde geht es anders. Sie machen kein Ausbildung und nehmen lieber Aushilfsjobs an, um ihren Eltern zu beweisen, dass sie echte Männer sind. Und um etwas nach Hause schicken zu können, gehen sie parallel illegale Wege um an etwas Geld zu kommen.

Ein richtiger Mann braucht keine Bildung oder kritische Gedanken, sondern ein Auto und Geld. Wie leid mein Vater mir tut, wie gefangen er ist in seiner kleinen, engen Welt. Wäre ich damals nicht vom Glauben abgefallen, wäre ich auch so. Wie dankbar ich bin, dass mir dieses Schicksal erspart worden ist.

Thank Allah, I became an Atheist ;-)

Mittwoch, 19.07.2017 / 10:54 Uhr

Begegnung mit dem Bösen

Von
Amed Sherwan

Als Kind bin gerne in die Moschee gegangen. Besonders stimmungsvoll war es, früh morgens mit meinem Vater zum Gebet zu gehen. Doch mit 11 Jahren verwandelte die Moschee sich für mich von einem Ort der Geborgenheit zu einer Folterkammer.

Ich habe seit meiner Geburt eine Fehlstellung an den Beinen und kann deswegen nicht gut laufen. Das hat mich immer wieder insbesondere beim Sport und beim Spielen beeinträchtigt. Als meine Mutter mir deshalb eines Tages mitgeteilte, sie habe einen medizinischen Spezialisten gefunden, der mich heilen könne, freute ich mich und stieg nichtsahnend zu ihr und ihrem Onkel ins Auto.

Wenn es Allah gab und er ein allmächtiger Gott war – dann war es ganz sicher kein guter Gott.

Wir fuhren nach Kirkuk. Dort angekommen, hielten wir jedoch nicht wie erwartet an einem Krankenhaus, sondern bei einer Moschee. Meine Mutter sagte, sie wolle gerne vor der Behandlung beten, ich solle sie bitte begleiten. Ich hatte dabei ein ungutes Gefühl und weigerte mich, das Auto zu verlassen, doch mein Großonkel packte mich und brachte mich rein.

Beim Exorzisten

Außer mir waren noch vier weitere Kinder dort sowie einige Frauen, die in einem Nebenraum laut schrien und schluchzten. Dass es ein spezieller Exorzismustag war und so etwas dort regelmäßig stattfand, habe ich erst viel später verstanden. Aber mir war gleich klar, dass ich hier keinen medizinischen Spezialisten antreffen würde und meine Mutter mich unter einem Vorwand ins Auto gelockt hatte.

Meine Mutter dachte, dass ich von einem Djinn besessen sei. Im Gegensatz zu meinen beiden älteren Geschwistern und meinem jüngeren Bruder, die alle in der Schule erfolgreich und zu Hause brav waren, war ich oftmals schwierig und unkonzentriert. Der Onkel meiner Mutter hatte ihr deswegen geraten, den Dämon von dem Imam in Kirkuk – einem bekannten Exorzisten – austreiben zu lassen.

Ich bekam es mit der Angst und versuchte zu entkommen, aber der Imam packte mich schnell. Er war ein sehr großer Mann und ich ein sehr kleines Kind. Er brachte mich in einen Nebenraum und forderte, ich solle mich hinlegen. Als ich mich weigerte, kamen meine Mutter und mein Großonkel hinzu und zwangen mich nach unten. Der Imam setzte ein Knie auf meine Brust und stieß es immer wieder heftig nach unten. Ich spannte aus Angst und Schmerz dagegen an, während er sein Knie runterdrückte, auf mich einschlug und mich anschrie, ich solle den Dämon rauslassen. Zuletzt konnte ich nicht mehr gegenhalten und stieß laute Schreie aus.

Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich schreiend unter ihm auf dem Boden lag, bis er endlich zufrieden sagte: »Ah, der Djinn ist raus!« Er stellte mich auf und ich musste ihm in einen anderen Raum folgen. Er befahl mir dabei, endlich mit dem Weinen aufzuhören. Er zeigte dabei auf eine schwere Eisenkette und drohte mir, er wolle mich damit fesseln und ruhigstellen, wenn ich nicht endlich leise sei.

Als geheilt entlassen

Verängstigt und vollkommen leise folgte ich ihm in einen anderen Raum, er legte mich dort hin, deckte meinen Kopf mit einem Tuch mit heiliger Schrift zu und sprach allerlei Gebete über mich, bevor er mich meiner Mutter und meinem Großonkel als geheilt entlassen übergab. Den ganzen Rückweg im Auto habe ich geweint, meine Mutter aber wirkte beruhigt und zufrieden. Doch meine Probleme gingen nicht weg, in der Schule war es weiter schwierig, dafür war das Vertrauen in meine Eltern gebrochen.

Sieben Jahre später in Deutschland hat mir eine Psychiaterin nach zahlreichen Tests erklärt, dass ich ganz eindeutig seit meiner Kindheit an einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leide. Seitdem ich die Diagnose kenne, verstehe ich, dass meine Mutter meinen Hilfebedarf damals erkannt hat. Doch in ihrer Welt gibt es für psychische Probleme keine anderen Erklärungen als die, von einem Dämon – ja im schlimmsten Fall von einem Teufel – besessen zu sein.

Nach dem Erlebnis bin ich vorerst weiter in die Moschee gegangen und habe meinen Glauben nicht in Frage gestellt. Erst als ich mit 14 den ersten islamkritischen Text las, konnte ich mein eigens Erlebnis wirklich zuordnen. Ich beobachtete meine Umwelt mit anderen Augen und erkannte immer mehr Böses um mich rum. Wenn es Allah gab und er ein allmächtiger Gott war – dann war es ganz sicher kein guter Gott.

Bei der Polizei angezeigt

Inzwischen weiß ich, dass Exorzismus auch in anderen Religionsgemeinschaften eine Rolle spielen und auch im Islam strittig sind. Aber nur der blinde Glaube meiner Mutter daran, dass alles, was in der Moschee im Namen Allahs passiert, richtig sein muss, konnte sie dazu bringen, gelassen zuzuschauen, während ihr Kind gefoltert wurde.

Drei Jahre später haben mich meine Eltern bei der Polizei dafür angezeigt, dass ich vom Glauben abgefallen sei. Wieder dachten sie, es sei ein notwendiges Übel – diesmal um mich von meinem Irrglauben zu befreien. Ich musste danach fliehen, weil ich mich in Lebensgefahr befand. Aber meine Eltern konnten und wollten mich auch nicht weiter als Teil der Familie sehen.

Inzwischen habe ich wieder Kontakt zu meinen Eltern. Ich verstehe, wie sehr sie Opfer ihren religiösen Vorstellungen sind. Die Angst vor Schande und Ehrverlust und der Respekt vor Autoritäten ist so groß, dass sie zu grausamsten Handlungen fähig werden – in dem Glauben damit das Richtige zu tun. Trotz allem, was sie mir angetan haben, liebe und vermisse ich meine Eltern. Aber ich verachte die Strukturen, in denen sie gefangen sind.

Über den Autor:

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Amed Sherwan wurde 1998 in Arbil, der Hauptstadt Irakisch-Kurdistans, geboren 16.10.1998 in Erbil als dritter von vier Geschwistern geboren. Im Herbst 2013 wurde er wegen Verbreitung von Atheismus inaftiert und mißhandelt. Danach floh er nach Deutschland. Die Jungle World berichtete über seine Erlebnisse in Flensburg.