Amed Sherwan

Ich kann das generelle Vollverschleierungsverbot in Dänemark ablehnen, ohne Burka oder Niqab zu verharmlosen. Ich kann auch gegen Kleidervorschriften im öffentlichen Raum sein und trotzdem für ein Kopftuchverbot in bestimmten Kontexten argumentieren. Ich kann den Islam gefährlich finden und muss deswegen nicht jeder Islamkritik zustimmen. Und ich kann Islamisten verachten und ihnen trotzdem ein faires Asylverfahren zugestehen.

„Ohne Hijab?“ Ich habe meinen eigenen Augen nicht getraut, als sie mir kürzlich ein aktuelles Foto von sich in einem Restaurant in Erbil geschickt hat, auf dem sie ihre langen schwarzen Haare offen zur Schau trägt. Seit ihrer Pubertät bedeckt sie ihre Haare in der Öffentlichkeit. „Ich habe es meinem Mann versprochen, einmal ohne Kopftuch rauszugehen. Er findet es schön, aber ich mache das nie wieder, denn ich bin eine ehrbare Frau!“ erklärt sie mir. Tja, manchmal ist die Wirklichkeit kompliziert.

Er spricht Englisch mit mir, er traut sich nicht, Kurdisch zu sprechen, so groß ist seine Angst davor, dass jemand ihn belauschen könnte. Das Thema ist für ihn so mit Scham belegt und er hat furchtbare Angst davor, was passieren könnte, wenn jemand seine Gedanken erfahren würde.

„Ist der Koran schuld?“ – „Was steht dazu im Koran?“ – „Du deutest den Koran ganz falsch!“

Als Ex-Muslim werde ich sehr oft gefragt, was ich vom Koran halte. Und noch öfter wird mir vorgeworfen, dass ich den Koran nicht richtig lese. Aber ehrlich gesagt geht mir der Koran so ziemlich am Arsch vorbei.

Meine Flucht hat meine Eltern insgesamt 16.800,- Dollar gekostet. Mein Vater musste dafür sein Auto verkaufen und Geld leihen. Er hat das gemacht, nur um mich in Sicherheit und aus ihrem Leben zu bringen und hatte nie die Erwartung, dass ich die Familie nachhole.

Die meisten Geflüchteten, die ich kenne, haben sehr viel Geld für ihre Flucht ausgegeben. Meistens haben sie alles verkauft, was sie besitzen. Denn für die illegale Reise nach Europa nehmen die Schleuser unfassbare Summen. 

Neulich im Reformhaus, sage ich: „Können Sie mir sagen, wo ich den Zitronensaft finde?“ – Verkäuferin: „Geh‘ lieber rüber zu DM, da gibt es den viel billiger!“ 

Scheiße, wenn die wüsste, wie viel teure Lebensmittel ich dank meiner Beziehung zu einer bioüberzeugten Veganerin kaufe.

Letztens mit dem Vermieter: „Hast du viel Kontakt zu den Nachbarn?“ – Ich: „Nee, eigentlich gar nicht!“ – Er: „Oh, das ist bestimmt schwer für dich und ganz anders als im Iran, da gibt es ja viel mehr Kontakt untereinander!“ 

Das Kaffeetrinken bei der Bundespolizei war wie ein Nachhausekommen. Ich hatte ohne Scheiß Lust den Boden zu küssen, so dankbar war ich im Januar 2016, als die dänische Polizei mich den deutschen Behörden überstellt haben, nachdem ich sehr unangenehme Erlebnisse mit der dänischen Polizei gehabt hatte.

Erstens sind nicht alle Geflüchtete Muslime, zweitens sind nicht alle Muslime Strenggläubige und drittens sind nicht alle Strenggläubigen Islamisten.

Barzani hat beim mir zum ersten Mal bei einem Aufmarsch von ihm und seinem Gefolge durch Erbil bleibenden Eindruck hinterlassen. Schwerbewaffnete Truppen begleiteten seinen Zug durch die Straßen und die Luft war von Helikoptern gefüllt. Das bedrohliche Bild passte zu den Fotos von Barzanis riesigem, militärbewachten Anwesen, die ich aus den Medien kannte.

Ich habe ein Integrationsproblem. Dabei ist es gar nicht so, dass es mir schwer fällt, mich in die deutsche Gesellschaft einzuleben, im Gegenteil. Aber genau deswegen falle ich seltsamerweise immer wieder auf. Vielleicht bin ich einfach zu integriert?

Lieber Bier als Tee

Ein richtiger Mann hat ein Auto, verdient Geld, glaubt an Gott und hält die Klappe!

 

Seit einiger Zeit habe ich wieder regelmäßigen Kontakt zu meiner Familie. Nach meiner Flucht hatte ich zunächst nur sehr sporadischen Kontakt. Ich war als Ex-Muslim in Irakisch-Kurdistan nicht nur in Lebensgefahr geraten, ich war für meine Eltern eine Schande. Es war für vermutlich nicht leicht, aber dennoch eine Erleichterung, mich außer Landes zu bringen.

Als Kind bin gerne in die Moschee gegangen. Besonders stimmungsvoll war es, früh morgens mit meinem Vater zum Gebet zu gehen. Doch mit 11 Jahren verwandelte die Moschee sich für mich von einem Ort der Geborgenheit zu einer Folterkammer.