Die spanische Stierkampfbranche befindet sich in einer tiefen Krise

Toreros in Not

Nach monatelanger coronabedingter Pause finden in Spanien wieder Stierkämpfe statt. Die Branche befindet sich in einer tiefen Krise. Die rechtsextreme Partei Vox setzt sich für sie ein.
Reportage Von

Sie ist zwar nicht die monumentale Stierkampfarena Las Ventas in Madrid oder die bekannte Plaza de toros de la Real Maestranza de Caballería in Sevilla, der Hauptstadt Andalusiens, aber in der Coso de Santa Margarita im andalusischen Linares kam es zu einem Vorfall, der den meisten Freunden des Stierkampfs geläufig ist. Daran erinnern in Linares am vorvergangenen Sonntag frische Blumen vor der Statue des berühmten Torero Manuel Laureano Rodríguez Sánchez, genannt Manolete. Der starb vor 73 Jahren 30jährig im Sanitätsraum der Coso de Santa Margarita. Viele Fans halten ihn für den besten Stierkämpfer aller Zeiten. Der fast 500 Kilogramm schwere Kampfstier Islero hatte Manoletes Oberschenkel durchbohrt und ihn danach noch mehrmals angestochen. Manche vermuten, dass nicht der Stier, sondern eine Transfu­sion der falschen Blutgruppe den Torero das Leben kostete. Das Franco-Regime ließ Manolete nach seinem Tod als Helden verehren.

Das Publikum in der Stierkampf­arena von Linares ist überwiegend männlich, der Frauenanteil dürfte höchstens zehn Prozent betragen.

In der Coso de Santa Margarita werden seit 1867 Stierkämpfe veranstaltet. Wegen der Covid-19-Pandemie fanden monatelang keine Kämpfe in der Arena statt. Am vorvergangenen Wochen­ende wurde sie wiedereröffnet. Auch in sechs anderen Arenen gab es wieder Stierkämpfe. Eine für dasselbe Wochenende vorgesehene Veranstaltung im bei Madrid gelegenen Alcalá de Henares wurde aufgrund der steigenden Infek­tionszahlen in der Region abgesagt. Zuvor hatten Kämpfe in den südspanischen Städten Mérida und El Puerto de Santa María stattgefunden. Diese wurden vielfach kritisiert, weil dort in großen Menschenansammlungen nicht ausreichend Abstand zwischen den Zuschauern eingehalten worden war.

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In der vor der Stierkampfarena in Linares gelegenen Taverne »Peña Tau­ri­na Paco Moreno« zieht der Jungle World-Reporter am späten Nachmittag die Aufmerksamkeit der einheimischen Gäste auf sich, die bereits Longdrinks zu sich nehmen. »In Australien gibt es Stierkämpfe?« fragt ein Gast den Reporter. Der antwortet: »Nein, in Österreich, wo ich herkomme, gibt es dieses Brauchtum nicht.« In lange Schlangen habe man sich gestern einreihen müssen, um an Karten zu kommen, heißt es in der Kneipe.

Der Sonntagabend ist den Nachwuchskämpfern gewidmet. Drei Matadore treten an, der jüngste ist 25 Jahre alt. Der Pay-TV-Sender Movistar überträgt die Kämpfe live. Auch der anda­lusische Sender Canal Sur zeigt sie. Früher liefen die Kämpfe auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender TVE. Die Jungstars kämpfen an diesem Abend gegen sechs junge Prachtstiere – so viele treten gewöhnlich bei einer Stierkampfveranstaltung an. Die jungen Tiere werden cinqueños (Fünfjährige) genannt, weil sie höchstens fünf Jahre alt sein dürfen. Sie stammen von renommierten Züchtern wie Luis Algarra Polera und Juan Pedro Domecq junior, dessen 2011 verstorbener Vater in Spanien als »Kampfstierflüsterer« bekannt ist.

Vor den Stierkämpfern zieht die Paso-Doble-Kapelle in die Arena von Linares ein

Bild:
Jan Marot

Stierkämpfer kamen einst aus der Unterschicht und bildeten eine randstän­dige soziale Gruppe. Aus Geldnot stellten sie sich den Bullen entgegen. Im 18. und 19. Jahrhundert galt das Motto pan y toros (Brot und Stiere). Der Pöbel sollte mit Stierkämpfen bei Laune gehalten werden. Mittlerweile gibt es renommierte Stierkampfschulen. Diese bilden junge Männer aus vermögenden Stierkämpfer- und Züchterfamilien für viel Geld aus. Die großen Arenen zahlen den Züchtern bis zu 150 000 Euro für sechs Stiere, die Gagen, die die Starkämpfer pro Auftritt erhalten, sind ähnlich hoch. Die Schulen betreiben Austauschprogramme mit Lateinamerika. Dort ist der Stierkampf weitaus populärer als in Spanien.

Fiebermessen vor der Fiesta
In Linares gab es am vorvergangenen Sonntag keine Demonstration von Mitgliedern der Tierschutzpartei PACMA ­gegen die Kämpfe. In anderen Städten wird häufig vor den Arenen protestiert. Am Eingang der Arena wird die Körpertemperatur der Besucher gemessen. Um Ansteckungen mit Sars-CoV-2 zu verhindern, sind Sitzplätze nur im ­Abstand von zwei Metern zueinander freigegeben. Den Jungle World-Reporter trennt jedoch kein Meter von dem Zuschauer in der Reihe hinter ihm. Der Mann ist ein eingefleischter Fan. Eine aufgenähte spanische Flagge ziert seine verrutschte Mund-Nasen-Maske. Er will nicht einsehen, dass ­seine Frau zwei Meter von ihm entfernt sitzen muss und aufgrund der Pandemie ein striktes Rauchverbot herrscht. Die übrigen Besucher tragen ähnliche Masken. Das Publikum ist überwiegend männlich, der Frauenanteil dürfte höchstens zehn Prozent betragen. Die meisten Männer sind dem Anschein nach in ihren Vierzigern oder Fünfzigern, ihre Begleiterinnen scheinen, sofern vorhanden, meist deutlich jünger zu sein. Viele Frauen haben sich in knappe Kleider gezwängt.

Linares hat rund 60 000 Einwohner, die Arbeitslosigkeit ist hoch, in den vergangenen Jahren lag die Quote zeitweise über 44 Prozent. Einst war der Ort eine blühende Bergbau- und Industriestadt sowie ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Prachtbauten zeugen von dieser besseren Zeit. Nach Jahrzehnten sozialdemokratischer Vorherrschaft wählten bei den vergangenen Parlamentswahlen über 20 Prozent der Bewohner die rechtsextreme Partei Vox. Auf den Rängen der Arena ist auch die Arbeiterklasse vertreten. Wenn die Nationalhymne gespielt wird, steht man wie selbstverständlich auf. Während der Schweigeminute für die knapp 30 000 Menschen, die in den vergangenen Monaten in Spanien an Covid-19 gestorben sind ruft manch einer lauthals: »Viva España! Viva Manolete!« (Es lebe Spanien! Es lebe Manolete!)

Auch viele der freigegebenen Plätze sind an diesem Abend nicht besetzt. In Spanien befindet sich der Stierkampf in einer Krise. Aus der Branche heißt es, durch die Pandemie drohe dem Wirtschaftszweig der »Todesstoß«. 2005 fanden in Spanien rund 3 700 Stierkämpfe statt. 2015 waren es noch knapp 1 500. Die Stierkampfbranche behauptet dennoch, nach dem Fußball ziehe der Stierkampf die zweitgrößte Zahl an Fans an. Die Branche erwirtschafte jährlich zwei Milliarden Euro und sichere über 200 000 Arbeitsplätze.

Um 20 Uhr zieht die Paso-Doble-Kapelle in die Arena ein, ihr folgen die Matadores, Picadores und Banderilleros – und nicht zuletzt jene Herrschaften, die am Ende die Aufgabe haben werden, die getöteten Tiere mit einem in den Farben der spanischen Flagge geschmückten Pferdegespann aus der Arena zu schleifen. Manchmal wird der Stier zuvor auch noch einmal eine Ehrenrunde durch die Arena gezogen. Die Picadores sind Reiter, die dem Stier Lanzen in den Rücken stechen. Sie sind die Buhmänner: Was sie auch machen, das Publikum zeigt sich echauffiert und ruft: »Fuera!« (Raus!) Die Banderilleros treiben bunte Spieße in den Körper des Tiers. Der Matador versucht, den Stier mit seinem bunten Tuch, dem capote, anzulocken. Er soll dem Tier mit seinem Degen den Todesstoß versetzen. Vor dem Kampf erteilt der Präsident der Arena zwei meist männlichen Reitern, den alguacilillos (Diminutiv von alguacil, Gemeindediener), die Erlaubnis, die puerta de toriles zu öffnen, hinter der sich die Stiere befinden. In Linares reitet an diesem Abend nur eine alguacililla, eine Reiterin, durch die Arena. Sie klopft dreimal auf die Holz­pforte, dann betritt der erste Stier die Kampffläche.

Das Publikum in Linares wartet auf den ersten Stierkampf nach der coronabedingten Pause

Bild:
Jan Marot

Ein Stierkampf dauert etwa 20 Minuten. Am Ende ist der Stier in den allermeisten Fällen tot. »Die Kunst des Stierkampfes besteht darin, ein prachtvolles Tier binnen 20 Minuten in ein bluttriefendes Fleischbällchen zu verwandeln, und das vor einem frohlockenden Publikum«, schreibt der spanische Schriftsteller und Journalist Manuel Vicent. Er gilt als einer der wichtigsten Dichter des Landes. Befürworter des Stierkampfes verteidigen diesen als »urspanische Tradition«. Das Regelwerk stammt weitgehend von 1796. Sie argumentieren zudem, das Leben eines Kampfstiers sei, abgesehen vom Todeskampf in der Arena, deutlich erfüllter als das eines gewöhnlichen Schlacht­rinds, weil Kampfstiere nicht in engen Ställen, sondern auf weiten Weiden gehalten werden. Kritiker entgegnen, das mache die Quälerei in der Arena nicht wett. Als Argument für den Erhalt des Stierkampf werden auch Arten- und Landschaftsschutz angeführt. Ohne Stierkämpfe stürben die Kampfbullen aus, weil die Fleischindustrie kein Interesse an ihnen habe, heißt es. Die ­dehesas, die beweideten Eichenhaine, auf denen die Kampfstiere aufgezogen werden, seien darauf angewiesen, von diesen abgegrast zu werden. Auf ihnen fühlen sich jedoch auch Ibérico-Schweine wohl.

Als Argument für den Erhalt des Stierkampfs werden auch Arten- und Landschaftsschutz angeführt.

In Linares gibt Álvaro Lorenzo, der jüngste unter den drei Matadores, den showman. Nachdem ein Stier getötet wurde, lässt er auf Knien den nächsten Prachtstier um sich und sein buntes Tuch manövrieren, für Augenblicke wirkt das Schauspiel fast symbiotisch. »Olé! Olé! Olé!«, ruft der Sitznachbar des Reporters, seine Mund-Nasen-Maske verrutscht erneut. Er versucht, in seinem Umkreis Unterstützer für eine Begnadigung des Stiers zu sammeln, jedoch vergeblich: Der Stier wird getötet. Er ist der einzige, der an diesem Abend eine Ehrenrunde erhält.

Ab 16 Jahren dürfen Toreros in den Arenen des Landes gegen Kampfstiere antreten. Der bislang letzte Torero, der in Spanien bei einem Kampf das Leben verlor, war Víctor Barrio. Er starb 2016 im Alter von 29 Jahren in der Krankenstation der Arena von Teruel, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in der nordostspanischen auto­nomen Region Aragonien. Er war der erste professionelle Stierkämpfer seit 1985, der einem Stier unterlag. Beim Stierlauf kommen häufiger Menschen zu Tode. Bei diesem werden die Tiere durch Straßen und über öffentliche Plätze getrieben, auch das Publikum kann daran teilnehmen. Für manche endet das tödlich oder mit schweren Verletzungen.

An diesem Abend in Linares töten die Matadores und Banderilleros alle sechs Stiere. Einer bricht zuvor schwer verwundet am Rand der Kampffläche zusammen. Er kämpft sichtlich gequält mit dem Tod. Das Publikum pfeift und gibt Buhrufe von sich. Mit Tierschutz hat das nichts zu tun. So gut wie nie wird ein Stier begnadigt, auch an diesem Abend nicht. Kommt doch mal einer mit dem Leben davon, so dient er der Zucht der Folgegenerationen, sofern er nicht zu schwer verletzt wurde.

Am Ende des Kampfes zieht ein Pferdegespann den getöteten Stier vom Kampfplatz

Bild:
Jan Marot

Macht ein Matador oder ein Stier seine Sache gut, feiert das Publikum ihn mit Olé-Rufen. Dann gibt es stehenden Applaus, weiße Taschentücher werden geschwenkt. An diesem Abend wird vor allem der Matador Daniel Crespo beklatscht. Auch die Sitznachbarn des Reporters waren voll des Lobes für ihn. Zur Ehre darf er sich die Ohren des toten Stiers abschneiden. Den Schwanz bekommt er nicht, dafür war seine Leistung dann doch nicht gut genug.

Rechtsextreme Stierkampfretter
2013 ließ die damalige konservative Regierung unter Ministerpräsident Mariano Rajoy ein Gesetz beschließen, das den Stierkampf zum »immateriellen Kulturgut« erklärte. Auslöser war ein Volksbegehren; Anhänger des Stierkampfs hatten 600 000 Unterschriften gesammelt. Gemäß dem Gesetz gestellte Anträge an die Unesco, den Stierkampf als »immaterielles Kulturerbe« anzuerkennen, scheiterten jedoch.

In der Pandemie erhalten Stierkämpfer Hilfszahlungen. Sie werden wie Kulturschaffende behandelt. Bei der Auszahlung der Hilfen kommt es ­teilweise zu Verzögerungen. Ende Juli griffen in Toledo knapp 20 Personen aus der Stierkampfbranche den Dienstwagen der Arbeitsministerin Yolanda Díaz vom linken Bündnis Unidas Podemos an und beschimpften sie unter anderem als Hure. In der Region Valencia kündigten wirtschaftlich in Not ­geratene Kampfstierzüchter an, 6 000 Stiere zu schlachten. Letztlich töteten sie 3 000 Tiere. Danach sagte die Regionalregierung ihnen 300 000 Euro an Hilfe zu. Die Zuchtbetriebe werden häufig von Adligen und Großgrundbesitzern geführt, meist seit Generationen. Manchem Züchter verlieh Franco den Adelstitel.

Der Vorsitzende der Partei Vox, Santiago Abascal, und deren Vorsitzende in der Region Madrid, Rocío Monasterio, zeigen sich bei Stierkämpfen und machen Fotos mit Toreros, um ihre traditionalistisch gesinnten Wähler an sich zu binden. Doch auch unter Vox-Anhängern gibt es Stierkampfgegner. Abascal forderte, die Branche solle für alle co­ronabedingten Einnahmeausfälle entschädigt werden. Das will auch der Kampfstierzüchterverband FTL. Dessen Präsident Victorino Martín García, ein erfahrener Züchter aus der Region Madrid, hofft, dass die Pandemie bald vorbei ist, »denn der Kartenverkauf gibt uns allen den Lebensunterhalt«. Toreros würden in Suppenküchen speisen, viele hätten sein einem Jahr keinen Auftritt mehr gehabt. Er sagt: »Wir wollen keine Privilegien, sondern dieselben Rechte wie alle anderen auch.« Hilfsanträge von Stierkämpfern würden nicht schnell genug bearbeitet.