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Lies, lesender Arbeiter!

In Leipzig findet vom 17. bis zum 20. März die Buchmesse statt. Zehn Autorinnen und Autoren stellen neue Bücher vor.

Vom Glück der Welt
Mit welchem Unfug Menschen sich beschäftigen! Sie schnüren irgendwelche »Finanzpakete« zusammen, lassen sie ein paar mal um den Globus kreisen und stellen dann beim Auspacken fest, dass nur Luft drin war. Sie erfinden USB-Staubsauger. Sie lesen Magazine, in denen andere Menschen ihnen erzählen, wie sie sich kleiden sollen. Kurzum: Sie brummen wichtigwichtig durch ihr Leben, tun und machen, und doch ist alles nur heiße Luft.
Dabei ginge es auch anders. Sie könnten der Wahrheit nachspüren. Indem sie beispielsweise Regenwürmer erforschen. Oder Schwebfliegen. Also: Sie könnten Sinnvolles anfangen mit ihrer Zeit auf Erden.
Von solchen Menschen handelt »Der Rosinenkönig«, eines der schönsten und anrührendsten und sinnstiftendsten Bücher, das mir je unterkam.
Sein Autor Fredrik Sjöberg hat sich schon als Kind den Schmetterlingen seiner schwedischen Heimat gewidmet. In seinem Verlangen, seltene Exemplare mit mottenlockendem UV-Licht anzuziehen, legt er die gesamte Straßenbeleuchtung seines Heimatdorfes lahm. Später wechselt er auf Schwebfliegen, von denen es eine erstaunliche Vielfalt gibt. Seinen Seelenfrieden findet er aber erst, als er sich ganz und gar einer einzigen Gattung dieser Insekten verschreibt, der Callicera. Von denen gibt es nur rund ein Dutzend Arten, die dafür aber verteilt über die ganze Welt vorkommen. Die Chance, sie tatsächlich zu finden, ist verschwindend gering, denn sie sind extrem selten, einzelgängerisch und durch keine bekannte Methode gezielt aufzuspüren oder gar anzulocken. Erst, indem Sjöberg sich dieser praktisch aussichtslosen Suche mit ganzer Seele verschreibt, findet er seinen Sinn im Leben und kann die Welt entspannt und amüsiert betrachten. Und anderen Sinnsuchern nachspüren.
Etwa dem schwedischen Naturforscher Gustaf Eisen. Ein Mann, der bis heute berühmt ist. In der Szene der Regenwurmsystematiker. Und bei Glasperlenforschern. Auch bei Jägern des Heiligen Grals. Und, nicht zu vergessen, bei Rosinenanbauhistorikern. Ein Mann, der sich sein Leben lang mit unterschiedlichsten Dingen befasst hat, immer mit ganzer Hingabe, Leidenschaft, um alles genau, sehr genau, exakt zu durchdringen und zu systematisieren. Sein Leben lang hat Eisen gesammelt, hauptsächlich für die California Academy of Sciences, und dann ging alles beim großen Erdbeben in San Francisco von 1906 in Flammen auf. Eisen zuckte mit den Achseln und wandte sich einem neuen Forschungsgegenstand zu.
Sjöberg verwebt seine eigene Biographie mit der von Eisen, dem er nachstellt wie seinen Schwebfliegen: mit Akribie und Hingabe. Mit dem Wissen, dass es nichts Wichtigeres gibt als die Sache, der man sich widmet. Er erfährt dabei mehr von der Welt als alle Herumbrummer und Windmacher zusammen.
In gewisser Weise ist »Der Rosinenkönig« der präzise Gegenentwurf zum Typus Guttenberg. Hier der dem Wahrhaftigen verpflichtete Mann mit der Passion für die Sache, dort der nach öffentlicher Bedeutung und hübscher Fassade lechzende Wichtigtuer.
Jeden aber, der wirkliche Leidenschaft kennt, der mehr sucht als das Herumgegockel in den Verwertungsketten, der einen Sinn hat für die wahren Dinge, für Regenwürmer und Schwebfliegen und Rosinen, uns also, uns macht »Der Rosinenkönig« glücklich. Und bekommt seinen Ehrenplatz bei den ganz Großen: neben »Die letzten ihrer Art« von Douglas Adams, neben der »Reise mit der Beagle« von Charles Darwin, neben »Western Reptiles and Amphibians« von Robert Stebbins.
Heiko Werning
Fredrik Sjöberg: Der Rosinenkönig. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Galiani, Berlin 2011, 240 S., 18,95 Euro

Mixtapefaschisten

Es gibt zu viele Jungsbücher unter den Neu­erscheinungen. Autoren von typischen Jungs­büchern meinen, eine Geschichte sei schon komisch, wenn es nur um das stetige Scheitern des Protagonisten geht, von den ersten Schritten in der grausamen Welt bis zur Midlifecrisis des alternden Berufsjugendlichen. Um keinen Zweifel an ihrem Humor aufkommen zu lassen, quälen solche Autoren ihre Leserinnen und Leser auch noch mit den unzähligen feuchten Träumen des über Jahrzehnte Pubertierenden, die natürlich ohne Ausnahme unerfüllt bleiben, und mit Witzen. Da es vor allem auf deren Quantität ankommt, werden die guten, die darunter sein mögen, durch unzählige mittelmäßige und flache zunichte gemacht.
Colson Whiteheads Roman »Der letzte Sommer auf Long Island« hat das Zeug zu einem typischen Jungsbuch. »Für einige würde dieses präsexuelle Übergangsstadium nur kurz sein. Nicht für mich«, stellt der 15jährige Benji darin fest, und man bereitet sich im Geiste automatisch schon auf die Beschreibung schier endloser Jahre des trostlosen Daseins eines Cliquendepps vor, den die Mädchen nie rangelassen haben. Doch bei Benji war in der Vergangenheit alles anders (»Welcher Trottel vergaß, dass er mit Fünf ein Aufreißer gewesen war?«), und gegen Ende der Geschichte gibt es sogar den ersten Kuss. Bloß entdeckt Benji dabei eine andere Liebe als die, die man erwartet.
Whitehead mutet seinen Leserinnen und Lesern eine Geschichte zu, in welcher der heftig pubertierende Jugendliche, wenn auch im Rückblick des älter gewordenen Ich-Erzählers, den einen oder anderen klugen Gedanken fasst. Benji, der sich vorgenommen hat, Ben zu werden, bleibt zwar für die anderen Benji, aber trotzdem passiert etwas mit ihm. Nichts entwickelt sich so, wie er es sich vorgestellt oder erträumt hatte, aber es entwickelt sich immerhin etwas. Und das tut – Jungsbuchautoren, aufgepasst! – der Komik keinen Abbruch.
Lakonisch beschreibt Whitehead das Verhältnis von Benji und seinem um ein Jahr jüngeren Bruder Reggie, die beide viel Kraft aufgewendet haben, um ihr quasi Zwillingsdasein aufzugeben, aber immer noch ein Team sind. Es ist die Geschichte von gewöhnlichen Jungs, für die der Sommerferienort Sag Harbor eine Galaxie darstellt, mit ihren eigenen Riten, Schimpfwörtern und Beschäftigungsstrategien, und für die ihre selbst zusammengestellten Mixtapes von ähnlicher Bedeutung sind wie die Schlangenlederjacke für einen erwachsenen Mann: »Alles ließen wir schleifen, aber was unsere Kassetten anging, waren wir Faschisten.«
Aber Benji und seine Freunde sind auch »der Welt zufolge geradezu der Inbegriff eines Paradoxons: schwarze Jungs mit Strandhäusern«. Ihre Eltern gehören zu der Generation von Schwarzen, die es schafften, »die Eliteunis im Nordosten zu infiltrieren«, Anwälte, Ärzte oder Lehrer wurden und einen Ferienort der schwarzen Mittelschicht gründeten. In der Bill Cosby Show erkennen sie sich wieder. Sie schimpfen auf die schwarze Unterschicht, streiten über die Marke der beim Grillen zu benutzenden Pappteller und zaubern – »tock, klonk, knirsch, bump« – tagtäglich einen Drink nach dem anderen aus dem Kühlschrank hervor. Ihre Kinder wissen, dass man es sich nicht gefallen lassen darf, wenn einem jemand den Kopf tätschelt. Benji gehört zu denen, die es besser haben. Allerdings ist es die schnöde Lohnarbeit, der erste Job, der die wirklich wichtige Erkenntnis reifen lässt: »Mittlerweile weiß ich, dass sich die lebenden Toten, wenn sie kommen, nicht beim Einkaufszentrum, sondern in der Eisdiele versammeln werden.«
Regina Stötzel
Colson Whitehead: Der letzte Sommer auf Long Island. Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. Hanser, München 2011. 330 S., 21,90 Euro

Die Aktualität des Harmlosen

Es geht viel um Sex in den Comics und Karikaturen Jean-Marc Reisers, und die Freude am Tabubruch spielt dabei oft eine ebenso große Rolle wie die Freude an der Sache selbst. Mal holt eine Frau aus Frust über »die Männer« ihrem Hund einen runter, mal kopulieren Esel und Kuh, sehr zum Missfallen des daneben in der Krippe liegenden Christkinds. Dass so einer, in Frankreich wie auch in Deutschland, in den siebziger und achtziger Jahren öfter mal Ärger mit selbsternannten und staatlich lizenzierten Hütern der Sittlichkeit hatte, kann man sich vorstellen. Dass er heute zum Liebling des Feuilletons avanciert ist, auch. Denn so, wie der arrivierte Spießer von damals unanständigen Schmuddelkram zumindest offiziell nur mit der Kneifzange anfasste, weil ein wenig Anstand und Scham eben zum guten Ton gehörten, goutiert der arrivierte Spießer von heute den frivolen Spaß, weil ein wenig Liberalität und Unverklemmtheit eben zum guten Ton gehören.
Reiser eignet sich dafür hervorragend. Was an seinen Comics vor 30 Jahren noch empörte, stört heute niemanden mehr ernsthaft, und da der Künstler 1983 im Alter von nur 43 Jahren an Knochenkrebs verstorben ist, hatte er schon lange keine Gelegenheit mehr, sich unbeliebt zu machen. Dem passionierten Provokateur wären zu einigen heute kontroversen Themen, wie etwa der Hysterie über Kinderpornographie oder dem Streit um die sogenannten Mohammed-Karikaturen, sicher einige böse Kommentare eingefallen. Weil derlei aber nicht mehr zu befürchten ist, ist sein Werk heute »bemerkenswert aktuell« (Spiegel Online) bzw. »von einer Aktualität, die größer nicht sein könnte« (Süddeutsche Zeitung). Derzeit wird er mit einer großen Werkschau im Caricatura-Museum in Frankfurt am Main geehrt, und anlässlich des siebzigsten Geburtstags des Karikaturisten legt der Verlag Kein & Aber seine Werke in überarbeiteter Übersetzung neu auf.
Was bleibt, nachdem der Reiz des Provokativen weitestgehend erloschen ist, von Reisers Werk übrig? Seine künstlerischen Qualitäten stehen außer Frage. Reisers reduzierte, bewusst unordentliche, expressive Zeichnungen waren stilbildend. In Deutschland ist es insbesondere Walter Moers, der ihm viel verdankt. Viel gerühmt wird Reisers Talent, Absurditäten des Alltagslebens offenzulegen und sich über peinliche Verhaltensweisen und fragwürdige Empfindlichkeiten lustig zu machen, ohne dabei in Zynismus abzugleiten. Ein solches Talent lässt sich Reiser sicher nicht absprechen, aber in seinem Genre ist das nicht mehr als eine Basisqualifikation. Jedoch gelingt ihm trotz seines Humors nicht immer alles. Mancher zunächst vielversprechende Strip endet in einer eher faden Schlusspointe. Reisers Schnoddrigkeit kann man mögen, aber es fehlt oft an kritischer Substanz. Viele Strips behandeln auch soziale und politische Themen, aus ihnen spricht ein diffus sozialdemokratischer Geist. Eben darin, dass Reiser heute niemandem mehr weh tut, zeigt sich, dass sein Witz keineswegs »hervorragend gealtert« ist, wie ein Rezensent von Spiegel Online glaubt.
Oliver Schott
Jean-Marc Reiser: Tierleben, Großartige Zeiten!, Unter Frauen, Der Schweinepriester. Aus dem Französischen von Bernd Fritz. Kein & Aber, Zürich/Berlin 2011. Vier Bände mit je 72 oder 80 S., je 14,90 Euro

Der Kulturstaats­minister

Ich sitze vor der Tastatur und warte auf die Worte. So habe ich es von Michael Sonntag gelernt, dem Alter ego des seit geraumer Zeit zum Romancier avancierten Entertainers Rocko Schamoni. Bloß wann stellt es sich ein, das »intellektuelle Befruchtungserlebnis«?
Mal sehen, wie Schamoni selbst es schafft, die Seiten zu füllen. Erst mal einen auf selbstreflexiv machen – kommt immer gut in der Branche: Supersubtil handelt »Tag der geschlossenen Tür« davon, wie das auf ewig unreife Sonntagskind zum Schriftsteller wird – obwohl keine Muse es küsst. Man darf dabei zusehen, wie Sonntag und sein Schöpfer die Zeit mit Zeilenschinden totschlagen.
Weil im Leben des Hängerhelden nichts passiert, muss in seiner Heimatstadt etwas passieren. Der Lebensverweigerer muss, da der Kühlschrank leer ist und die Stubenfliege keine Dialogbereitschaft erkennen lässt, »wohl oder übel doch die Wohnung verlassen«. Schamoni zückt den Hamburger Eventkalender und setzt seinen antriebsschwachen Protagonisten Horrorshows wie Schlagermove und Motorradgottesdienst aus. Sonntag hasst moderne Architektur, Abrissbirnen, Rauchverbot, Reeperbahntouristen und andere Eindringlinge, die »unser« schön rottes St. Pauli kaputtmachen (dabei müsste der Ex-Dorfpunk Schamoni doch aus eigener Erfahrung wissen, wie wichtig die urbane Horizonterweiterung für Provinzidioten ist). Solch konservative Kiezromantik vertritt Sonntags Erfinder ganz ähnlich in Interviews zum Thema Gentrifizierung. Kurzerhand wird der Roman zum Gesinnungsaufsatz der »Recht auf Stadt«-Bewegung, deren prominenter Wortführer der Autor ist. Die dürftige Botschaft seinem Personal in den Mund zu legen und wie ein lallender Besoffener immer wieder darauf zurückzukommen, ist in etwa so originell, als wenn die anständig essende Karen Duve ihren nächsten Roman auf dem Schlachthof spielen ließe.
Als das biedere Hamburger Abendblatt sich jüngst in Satire übte, sah es Schamoni im Jahr 2013 als Kulturstaatsminister (FDP), mit »Amtssitz im Golden Pudel Club«. Auch in linken Szenekreisen genießt King Rocko, der sich gern mal auf einer Solidaritätsgala für das Deutsche Schauspielhaus und den Erhalt der »Hamburger Kultur« zum Clown macht, ungebrochen »Kultstatus«. Aber hey, ich sag’ euch was: Der King ist nackt. Zumindest als Schriftsteller. Der hatte – wie Studio-Braun-Kamerad Heinz Strunk (»Fleisch ist mein Gemüse«) – bislang genau eine gute Geschichte zu erzählen: die seiner Jugend (»Dorfpunks«). Je näher Schamoni autobiographisch der Gegenwart kommt, desto mehr fehlt ihm die selbstironische Distanz. Also streckt er den Roman »Tag der geschlossenen Tür« mit flüchtigen Gags, wie man sie in Twitter-Timelines zusammenspinnt, oder er fabuliert enervierend ausführlich davon, was Sonntag so träumt, und gaukelt damit eine Tiefgründigkeit vor, die es nicht gibt.
»Wie viel überflüssige Kunst wohl produziert werden muss, um auf ein einziges Max-Ernst-Gemälde zu kommen?« sinniert Sonntag einmal. »Ich habe irgendwann erkannt, dass ich zur Kategorie der Verschwender gehöre, und (…) aufgehört, mich verrückt zu machen. Der Druck ist verflogen.« Wenn das so ist, kann man ja unsortiert raushauen, was einem durchs Hirn wabert – schwupps, ist die Seite voller Buchstaben. Und wir warten immer noch auf das intellektuelle Befruchtungserlebnis.
Marit Hofmann
Rocko Schamoni: Tag der geschlossenen Tür. Piper, München 2011, 262 S., 16,95 Euro

Nie wieder Chicken Wings

Tony Chu könnte sofort herausfinden, wer Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit zusammengestellt hat. Er müsste dem ehemaligen Verteidigungsminister nur ein Ohr abbeißen, um alles über dessen Sünden zu erfahren. Chu ist Cibopath. Wenn er auf etwas herumkaut, ereilt ihn eine Vision, die ihm alles über die Speise offenbart. Die kann noch unappetitlicher sein als ein mit Haargel veschmiertes Ohr, denn der Ermittler Chu hat Wichtigeres zu tun, als sich um akademische Schummelei zu kümmern. Weil 23 Millionen Amerikaner an der Vogelgrippe starben, ist der Genuss von Hühnerfleisch verboten. Diese Prohibition führt selbstverständlich dazu, dass Hühnchenfleisch zum begehrtesten Nahrungsmittel avanciert und der Vertrieb des Federviehs von rücksichtlosen Kriminellen, besser gesagt von noch rücksichtloseren Kriminellen als den uns bekannten Unternehmern der Geflügelwirtschaft, übernommen wird.
Nur Chu verschmäht die verbotene Speise, schließlich erfährt er bei einem Biss in die Hähnchenkeule alles über den Lebensweg des Tieres, das einst auf diesem Bein stand. Auch mit vegetarischer Kost wird er nicht glücklich, da er ungewollt sämtliche Chemikalien kennenlernt, mit denen sie behandelt wurde. Doch keine Sorge, ausgedacht hat sich diese Geschichte weder Renate Künast noch ein veganes Künstlerkollektiv. Für John Layman ist Chus Cibopathie nicht der Ausgangspunkt für moralisierende Betrachtungen über die Nahrungsaufnahme im Spätkapitalismus. »Leichenschmaus« ist eine Kriminalsatire, die man auch als Persiflage auf die zahlreichen Krimi- und Mystery-Serien lesen kann, deren Hauptfiguren mithilfe ihrer »Visionen« oder besonderen geistigen Talenten Verbrechen aufklären. Geschossen wird auch, seine Ermittlungserfolge verdankt Chu jedoch seinen cibopathischen Fähigkeiten, die ihn allerdings nicht nur zu einem sehr mageren, sondern auch zu einem sehr einsamen Menschen machen. Seine Kollegen finden Chus Arbeitsweise geschmacklos, und für ein Candlelight Dinner ist er nicht geschaffen.
Vor allem der absurde Realismus macht den Reiz der Geschichte aus. Layman nutzt Elemente der Storyline diverser Filmgenres, um sie zu verfremden. Immer wieder lässt er seinen unglücklichen Helden mit bizarren Einfällen aus der bürokratischen Polizeiarbeit ausbrechen, so erfahren wir nebenbei auch etwas über das Schicksal der Bewohner des Planeten Altilis-738. Immer wieder verdirbt Layman uns allerdings auch den Appetit. Er spielt mit den Ängsten vor einer nur undurchschaubaren Gastronomie, indem er etwa zeigt, dass in einem Kaffee nicht unbedingt nur die vorgesehenen Zutaten sind, wenn man den Kellner verärgert hat. Rob Guillory zeichnet die Geschichte in einem semirealistischen, mit Elementen des Cartoons und des Manga aufgelockerten Stil. Er bleibt relativ dezent, was den graphic content betrifft, doch vor dem Essen sollten Sie diese Graphic Novel nicht lesen.
Jörn Schulz
John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss 1: Leichenschmaus. Aus dem amerikanischen Englisch von Marc-Oliver Frisch. Cross-Cult, Ludwigsburg 2010, 128 S., 16,80 Euro

Drum lasset uns bieten

Jonathan Lethem sollte twittern. Aus seinem neuen Roman »Chronic City« haben gleich mehrere Sätze das Zeug dazu, im Online-Netzwerk die Runde zu machen, Retweets und Sternchen zu sammeln. Sein bester Satz könnte sogar zu einem Mem der konsumkritischen Bewegung werden: »›Der Mensch ist frei geboren‹, bemerkte Perkus, ›und kauft doch überall in Ketten.‹«
Ein bisschen Komik ragt aus dem Meer der Ödnis ebenso heraus wie ein wenig Kritik aus dem Konformismus, ein Fitzelchen Dekadenz aus dem Luxus und ein Stück Absicht aus dem Zufall und der Gedankenlosigkeit. Damit ist die Welt umrissen, in die uns »Chronic City« führt: in den New Yorker Stadtteil Manhattan in einer unbestimmten, möglicherweise nahen Zukunft und in die Lebens- und Verhaltensweisen seiner wohlhabenden Bewohner.
Ein in die Jahre gekommener Fernsehstar trifft auf einen in die Jahre gekommenen Kulturkritiker, und gemeinsam bewegen sie sich an den Rändern und in den Zentren der High Society, erleben und bereden den Zustand der New Yorker Gesellschaft, wittern Verfall, Oberflächlichkeit, Dekadenz, Intrigen und Lügen der Macht sowie die Bereitschaft der Gesellschaft, vieles davon bedingungslos hinzunehmen. Kritik trifft auf Luxus, abweichendes Verhalten auf den Mainstream, Dinge, Gedanken und Personen weisen Wege in Welten, die noch erstrebenswert sein könnten, weil sie anders sind, doch das Andere könnte auch nur wieder der Teil des Bestehenden sein, den man bisher noch nicht kannte. Zieht gar jemand die Fäden, ist alles eine große Verschwörung?
Apropos traditionell linkes Weltbild: Lethem zeigt, wie schnell sich eine Kritik der Oberflächen ihren Lieblingsobjekten – Luxus und Dekadenz – annähert und selbst oberflächlich wird. Anstatt dem Misstrauen gegen die Wirklichkeit sprachlich und ästhetisch Raum zu geben und es treiben zu lassen, bleibt Lethem konventionell. Kein Wort davon, dass Dekadenz Krisen- und Blütezeiten kennt und dass Freiheit und Urbanismus auch dann Themen einer Kulturkritik sein können, wenn sie in widersprüchlichen Formen erscheinen. Nein, Second Life ist kein gutes Synonym für Entfremdung, und die Teilnahme an einer Bieterschlacht auf Ebay zeugt nicht vom Niedergang des Denkens und der verzweifelten Suche nach einer »anderen, besseren Welt«.
»Chronic City« ist ein Roman des Scheiterns, doch anders als gute literarische Chroniken des Scheiterns wie zuletzt Jonathan Franzens »Freiheit« scheitert er an sich selbst – an zu viel Simulation und zu viel Identitätsgehuber zugleich. Lethems Figur Perkus hat Recht, wenn sie sagt: »Hinterfrage deinen Solipsismus: Bietet er ein besseres Zuhause als die Selbsttäuschung, die du beenden willst?«
Eine neuformulierte literarische Kritik der Welt des Geldes, des Luxus und der Dekadenz ist möglich – jenseits von Neidbeißerei. Und leider auch jenseits von Lethem.
Maik Söhler
Jonathan Lethem: Chronic City. Aus dem amerikanischen Englisch von Johann Christoph Maass und Michael Zöllner. Tropen, Stuttgart 2011, 492 S., 24,95 Euro

Im Buchstaben­taumel

Eigentlich ist typographische Buchgestaltung vorwiegend bei den Schöngeistern der Kulturindustrie beliebt. Weil sie sich nicht damit zufrieden geben können, als Gegenwert für ihr Geld ein paar hundert bedruckte Seiten in Broschur zu erhalten, goutieren sie es als Ausdruck besonderer Kultiviertheit, Bücher mit »künstlerisch« gestaltetem Einband und Illustration zu erwerben. In der Regel lenkt dabei das ornamentale Drumherum nur von der Sache selber ab, indem es vergessen macht, dass Bücher zunächst einmal gelesen statt betrachtet werden wollen. Manchmal aber weist die typographische Gestaltung auf eine Dimension des Textes hin, die ohne sie verborgen geblieben wäre. Die Erzählungen Edgar Allan Poes sind dafür ein besonders gutes Beispiel. Bereits die frühen Leseausgaben, die oft schlecht übersetzt waren und ihre Vorlagen nach Art von Schundliteratur nur verstümmelt wiedergaben, verliehen diesen durch groteske Illustrationen einen abenteuerlichen Reiz, der den oft jugendlichen Lesern eine Andeutung davon vermittelte, was ihnen durch die Übertragung ins Deutsche verloren ging. Später, nachdem Poe als Vorläufer der literarischen Avantgarde kanonisiert war, wurden seine Bücher mit ihren paradoxen Raumkonstellationen zum Experimentierfeld für moderne Illustratoren. Die nun als siebenter Band der Typographischen Bibliothek des Wallstein-Verlags erschienene, von Hans Wollschläger übersetzte und von Klaus Detjen typographisch gestaltete Doppelausgabe von Poes Erzählung »Ein Sturz in den Malstrom« und Charles Baudelaires Poe-Essay ist ein herausragendes Beispiel für den Einfluss, den Poes Texte auf die Imaginationskraft von Buchillustratoren ausgeübt haben. Die Erzählung, die in Zusammenarbeit mit der Büchergilde Gutenberg gestaltet wurde, ist in Detjens Fassung durchsetzt von großen, ineinander verschachtelten und bis an die Grenze zur Abstraktion verfremdeten Konfigurationen aus Buchstaben, die den Taumel, von dem der Text erzählt, einerseits typographisch umzusetzen versuchen, andererseits aber auf den sprachlichen, jede Anschaulichkeit übersteigenden Charakter der Erfahrung des »Malstroms« verweisen. Der Essay von Baudelaire, der noch heute zu den einlässlichsten Studien über Poes Literatur gehört, ist nach Art einer gleichberechtigten Fußnote parallel zu Poes Erzählung auf den unteren Teil der Seiten gesetzt. Dadurch entstehen gleichsam zwei Bücher in einem, die unabhängig voneinander, aber auch aufeinander bezogen gelesen werden können. Das macht die Lektüre nicht einfacher, lässt aber die zahlreichen Korrespondenzen zwischen Poe und Baudelaire, die sich keineswegs in Baudelaires ausdrücklichen Bezugnahmen erschöpfen, deutlicher als je vor Augen treten. Überdies ruft es die über Hans Wollschläger vermittelte Wahlverwandtschaft zwischen Poe und Arno Schmidt ins Gedächtnis, dem sublimsten Typographen unter den deutschsprachigen Autoren der Moderne. Schließlich ist das Buch auch noch eine späte Reminiszenz an die längst vergessenen Bemühungen der Büchergilde, dem »lesenden Arbeiter« die Lektüre authentischer Literatur statt mediokrer »Arbeiterliteratur« zuzumuten. Sehr empfehlenswert also, nicht nur für Schöngeister.
Magnus Klaue
Edgar Allan Poe: Ein Sturz in den Malstrom. Aus dem amerikanischen Englisch von Hans Wollschläger. Mit einer Studie von Charles Baudelaire: Edgar Poe, sein Leben und seine Werke. Übersetzt von Guido Meister, in Zusammenarbeit mit Friedhelm Kemp. Wallstein, Göttingen 2011, 96 S., 29 Euro

Wie die Leute ihr Leben vergeuden

Wilson lebt allein mit seiner Hündin, Freunde scheint er keine zu haben. Der Protagonist des neuesten Comicbandes von Daniel Clowes ist ein äußerlich unauffälliger Mann mittleren Alters. Wo immer sich die Gelegenheit dazu bietet, sucht er das Gespräch mit Fremden. Diese unerbetenen Unterhaltungen enden meist damit, dass Wilson sich über das Desinteresse seines Gegenübers beschwert oder über dessen banales Gerede. Seinen Unmut äußert er vorzugsweise in Form von groben Beschimpfungen. Wilson ist unverschämt, besserwisserisch und von sich selbst eingenommen. Doch der Unsympath trifft mit seinen Klagen und Flüchen oft etwas Wahres, etwa wenn er über dem Business-Neusprech eines Unernehmensberaters in ehrliche Verzweiflung ausbricht: »Gott, wie die Leute ihr Leben vergeuden! Es ist furchtbar!«
Die Überschwenglichkeit, mit der Wilson seine Gefühlswelt fremden Menschen preisgibt, verrät sowohl ein Bedürfnis nach menschlicher Anteilnahme als auch eines nach Dramatisierung und Ausschmückung seines eigenen durchschnittlichen Lebens. Mit der traurigen Ahnung, dass die Welt nicht auf ihn gewartet hat, und dem dringenden Wunsch, als einzigartige und besondere Persönlichkeit wahrgenommen zu werden, trägt Clowes’ selbstgerechter Sonderling Züge, die ihn zur Verkörperung des modernen Individuums schlechthin werden lassen.
Die ereignisreiche Handlung des Comics steht im Widerspruch zu der statischen Erzählweise, für die sich der Autor entschieden hat. Clowes berichtet von den Erlebnissen Wilsons in einer Abfolge von 71 Episoden, die jeweils eine Seite lang sind und einem strengen, an das klassische Format des Sonntagsstrips angelehnten Schema folgen: Jede Seite umfasst sechs bis acht Panels und ist mit einer eigenen Überschrift versehen. Das jeweils letzte Bild einer Episode liefert eine Pointe, deren Bitterkeit und Sarkasmus durch den Kontrast zur heiteren Besinnlichkeit, die dem Genre der »Sunday Funnies« für gewöhnlich zu eigen ist, noch schärfer hervortritt. Diese starre Form lässt die Charakterzeichnung zunächst oberflächlich erscheinen. Die Figur Wilson und seine Geschichte müssen vom Leser erst erschlossen werden, das Wesentliche verbirgt sich gleichsam zwischen den einzelnen Szenen.
Die von Strip zu Strip zwischen detailliertem Realismus und albernem Knollennasenstil variierenden, immer etwas altmodisch wirkenden Zeichnungen zeigen unterschiedliche Seiten von Wilsons nicht recht greifbarem Charakter: Mal ist er der arme kleine Mann, dem die Welt übel mitspielt, mal wirkt er lächerlich, peinlich oder arrogant, mal wie ein abgeklärter Intellektueller, mal wie ein spießiger Kleinbürger. Wie Clowes seine Figur auf diese Weise entwickelt, ist großartig. Die Handlung wirkt in ihrem rückhaltlos trostlosen Realismus bisweilen grotesk. Die Monotonie der einzelnen Strips verleiht den dramatischen Ereignissen, die Wilson erschüttern, ein unwirkliches Moment, so dass dem Leser die Geschichte manchmal ebenso entgleitet wie Wilson sein eigenes Leben. Um es mit Wilson zu sagen: »Eine verdammte Tragödie.«
Theodora Becker
Daniel Clowes: Wilson. Aus dem amerikanischen Englisch von Doris Engelke. Eichborn, Frankfurt am Main 2010, 77 Seiten, 19,95 Euro

Nordische Daseinsberatung

Hitler ist entschlafen. Im Jahr 1965. Denn nicht die Alliierten haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen, sondern die Deutschen und ihre Verbündeten, die die Atombombe schneller entwickeln konnten als ihre Kriegsgegner. Das ist die Ausgangslage in Otto Basils großartiger Satire »Wenn das der Führer wüsste«, die soeben neu erschienen ist.
Hitler also ist – wahrscheinlich – eines natürlichen Todes gestorben, und nun beginnt das Gezanke um die Nachfolge, in dem sich rivalisierende junge und ältere Nazis immer mehr in einen Bürgerkrieg hineinsteigern. Die groß aufgezogene Beerdigung des »Führers« am Kyffhäuser wird zum Fiasko.
Doch Otto Basil – dessen einziger Roman nun wieder zugänglich ist – erzählt die Geschichte nicht aus einer auktorialen Erzählperspektive, sondern aus der Warte des kleinen SS-Mannes Albin Totila Höllriegl, dem das Leben als Nazi ganz natürlich ist. Wie die durchnazifizierte Welt im Jahr 1965 aussieht, erfahren wir eher beiläufig.
Höllriegl hat einen Sklavenarbeiter, der ihm dienen muss. Er ist Fachmann in »Nordischer Daseinsberatung«, er ist »Heilpendler«– was Basil die Gelegenheit gibt, den Esoterikkult der Nazis gehörig zu parodieren – und er ist hoffnungslos naiv. Daher verfällt er mal der einen nazistischen Gruppierung, mal der anderen, sein autoritärer Charakter zwingt ihn, jedem Charismatiker Glauben zu schenken, andererseits hält er selbst sein Weltbild für unerschütterlich. Durch einen Zufall gerät er zwischen die Fronten, trifft in Ungnade gefallene Nazis, Verschwörerinnen und einen wirren Philosophen, dann wieder lauscht er der offiziellen Propaganda aus dem Radio, und auch diese lässt sein deutsches Herz höher schlagen. Er will hart sein und ist doch weich, er verachtet die Frauen und begehrt sie gleichermaßen, er ist gehemmt aggressiv und sadistisch.
Diese durchweg negative, aber menschliche Figur schickt der Österreicher Basil – der selbst im Jahr 1938 Schreibverbot erhielt – durch das sich auflösende Großdeutsche Reich. Dabei beschreibt er ausführlich die Funktion der Propaganda, zeigt die Nachwirkungen des militärischen Drills, lässt uns einen Mann in der Männlichkeitskrise sehen und macht durch Zuspitzung all die widerstreitenden Strömungen kenntlich, die es im realen Nazideutschland gab.
Der ebenso komische wie verstörende Roman, der erstmals 1966 erschien, wurde bislang eher als SF-Roman denn als Satire gelesen – und war sogar ein kleiner Bestseller. Dem heutigen Leser fällt jedoch etwas ins Auge, das den damaligen Leser wohl eher befremdet hat. Basil kennt sich in der esoterischen Mythenwelt der Nazis, die die Historiker in den sechziger Jahren noch gar nicht zur Kenntnis nehmen wollten, sehr genau aus. So erwähnt er etwa die SS-Ordensburg Wewelsburg, die es tatsächlich gab, die jedoch von den Geschichtswissenschaftlern jahrzehntelang ignoriert wurde. Vieles von dem, was damalige Leser für Erfindungen halten mussten – sofern sie selbst an den Vorgängen nicht beteiligt waren –, erkennt man heute als tatsächliche Spinnereien der Nazis. Schon insofern handelt es sich bei dieser Satire um einen weitaus realistischeren Roman als manch anderen, der vorgibt, die Nazizeit literarisch zu beschreiben.
Jörg Sundermeier
Otto Basil: Wenn das der Führer wüsste. Milena, Wien 2011, 384 Seiten, 23,90 Euro

Leierkastenliteratur

»Tatsächlich heißt es, dass im Hochgebirge Verunglückte mit grellroten Strümpfen und mit grellroten Mützen leichter gefunden werden als andere, sagte ich zu ihm, aber er antwortete mir nicht.«
Zuweilen wird man beim Lesen einer solchen Passage den Eindruck nicht ganz los, Thomas Bernhard, von dem dieser Satz stammt und dessen Abhandlung über grellrote und grellgrüne Mützen und Strümpfe sich insgesamt über fast zwei Seiten dieser Erzählung zieht, sei ein Schelm gewesen. Ein Hochkomiker war er in jedem Fall, auch wenn er von Literaturbetriebs­angestellten bis heute als der Trauerkloß und Nörgelhausmeister der deutschsprachigen Literatur missverstanden wird.
In dem schmalen Band »Goethe schtirbt«, in dem man einige Erzählungen Bernhards versammelt hat, die bisher nicht in Buchform erschienen sind, findet sich das nur allzu Bekannte: der Hass des Erzählers auf seine »Erzeuger«, auf die »elterliche Kerkerhaft«, auf die »Vernichtereltern« und »Unterdrücker« und allerlei andere finstere Autoritäten, die es abzuwatschen gilt. Literatur als endlose Kreisbewegung, als Leierkastenliteratur: hier der schimpfende Bernhardsche Geistesmensch, dort die »scheußliche«, »widerwärtige« und »tödliche« Welt. Und zwischendrin schreibt Bernhard immer wieder einen seiner Lieblingssätze: »Das ist die Wahrheit.«
Erheiternder als die Erzählungen ist der Sammelband »Der Wahrheit auf der Spur«, in dem sich Reden, Leserbriefe und Interviews des Autors finden. Und wenn man einmal damit angefangen hat, sich Stellen anzustreichen, kommt man aus dem Anstreichen gar nicht mehr heraus. Bernhard spricht in Interviews, wie er auch in Briefen formuliert: apodiktisch, druckreif, respektlos, komisch, frei von jeder Anbiederung. Über Peter Handke: »Ich möchte keines seiner Bücher geschrieben haben, aber alle meine.« Über Rolf Hochhuth: »Es ist grauenhaft, was er schreibt.« Über Botho Strauß: »Der Strauß ist wie ein Ministrant, und so schreibt er auch jetzt.« Über die Grazer Autorenversammlung: »eine Versammlung von untalentierten Arschlöchern«. Über österreichische Schriftsteller: »Die sind ja viel scheußlicher, als man je schreiben kann.« Was stört ihn überhaupt an anderen Schriftstellern? »Dass sie auch Schriftsteller sind.« Über sein Publikum: »Ich kenne es gar nicht und will es auch gar nicht kennen.« Über die Deutschen: »Ich habe im übrigen eine echte Abneigung gegen die Deutschen.« Über Österreich: »Ich habe mich mit der totalen Geistlosigkeit dieser Gesellschaft abgefunden und (…) will mich nicht durch die Übermacht des Stumpfsinns, der hier herrscht, schwächen lassen.« Über Salzburg: »Auf den ersten Blick haben Sie den Eindruck: lauter brave Leute. Hören Sie Ihren Tischnachbarn aber zu, entdecken Sie, dass sie nur von Ausrottung und Gaskammern träumen.« Über den Kanzler: »ein renitent gewordener Spießbürger«. Über die Regierung: »Dummköpfe, Banausen«, »fett gewordene politische Kraftmeier«, »primitive Gewaltmenschen«. Über die Presse: »an Staat und Parteien geradezu pervers gefesselt«. Über das Leben: »Feigheit, Eitelkeit und Neugier sind im Grunde die drei wesentlichen Antriebe, denen das Leben seine Fortsetzung verdankt, obwohl alle erdenklichen Gründe gegen es sprechen.«
Und, ach ja, es gibt ja noch die Briefe an Zeitschriften: »Ihr Heft Nummer 3 vom Dezember trieft vor Dummheit und Scheinheiligkeit und es halten sich in ihm, klassisch österreichisch, Scheinheiligkeit und Dummheit die Waage.«
Zugegeben, man kennt es von dem alten Zeterer nicht anders. Bis auf irgendwelche Einkaufszettel Bernhards dürfte mittlerweile alles von ihm veröffentlicht worden sein. Doch warum soll ein Verlag, wenn er schon neben dubiosen Figuren wie Walser und Grünbein – Bernhard würde wohl sagen: »opportunistischer Kunstschmalz« – einen richtigen Schriftsteller im Programm hat, nicht auch mal dessen Leserbriefe herausgeben?
Thomas Blum
Thomas Bernhard: Der Wahrheit auf der Spur. Reden, Leserbriefe, Interviews, Feuilletons. Suhrkamp, Berlin 2011, 346 S., 19,90 Euro
Thomas Bernhard: Goethe schtirbt. Suhrkamp, Berlin 2010, 103 S., 14,90 Euro