Kno’ledge Cesar im Gespräch über die rassistischen Elemente der niederländischen Nikolaus-Tradition

»Koloniales Klischee«

Kommenden Samstag ist es wieder so weit: Die Ankunft des Nikolaus im Hafen von Rotterdam wird in den Niederlanden groß gefeiert. Begleitet wird er von schwarzen Helfern, den Zwarten Piets. Das Spektakel wird live übertragen. Doch es gibt auch Protest gegen die rassistischen Elemente dieser Tradition. Die Jungle World sprach darüber mit dem Amsterdamer Musiker Kno’ledge Cesar.

Wie hat sich die Nikolaus-Tradition entwickelt? Unser Sintaklaas kommt schon Mitte November mit dem Dampfschiff von Spanien aus in die Niederlande. Am 5. Dezember bringt er den Kindern dann ihre Geschenke. Er hat ein paar schwarze Helfer, die Piets. Das sind schwarz geschminkte Leute mit Kraushaarperücken, großen Ohrringen und großen roten Lippen. Diese Darstellung entspricht vollkommen dem Klischee eines afrikanischen Sklaven aus der Kolonialzeit. Die Tradition existiert in dieser Form in den Niederlanden seit dem 19. Jahrhundert. Erstmals trat der Zwarte Piet 1845 in »Der Heilige Nikolaus und sein Diener«, einer Kurzgeschichte des Amsterdamer Lehrers Jan Schenkman, auf – als unterbelichteter und Angst einflößender Handlanger des Bischofs. Seine Aufgabe war es unter anderem, unartige Kinder zu bestrafen und in seinem Sack nach Spanien zu verschleppen. In den Abbildungen trägt er bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Rute mit sich, um die Kinder zu schlagen. Zu der Zeit, aus der die Tradition stammt, erstreckten sich die Niederlande über drei Kontinente, darunter die Kolonien in Surinam und Indonesien. Holland war intensiv am Sklavenhandel beteiligt, sowohl am Verkauf von Sklaven nach Europa als auch an der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft auf den Plantagen. Seit wann gibt es Proteste gegen die Sinterklaas-Tradition? Die ersten Proteste gab es bereits in den Sechzigern. Infolge der Kritik an der Darstellung des Zwarzen Piet verschwand dann zwar die Rute, der Rest blieb aber gleich. Schon damals war es schwierig zu vermitteln, dass die stereotype Darstellung viele Niederländer persönlich beleidigt. Sie und andere Aktivisten riefen vor einiger Zeit eine T-Shirt-Aktion ins Leben. Die Kampagne »Zwarze Piet is Rasisme« begann 2011. Quinsy Gario und ich wollten über den bestehenden Rassismus in der holländischen Gesellschaft aufklären. Unsere Kampagne basiert hauptsächlich auf Dialog. Wir haben T-Shirts mit dem Slogan »Der Schwarze Piet ist Rassismus« bedruckt und verkaufen sie bei Festivals und im Internet. Wenn ich das T-Shirt trage, komme ich schnell ins Gespräch mit Leuten auf der Straße. Die meisten weißen Niederländer wissen sehr wenig über die koloniale Geschichte ihres Landes. Das ist wirklich schockierend! Wenn wir ihnen erklären, weshalb wir die Darstellung des Zwarten Piet ablehnen, verstehen die meisten Leute aber, worum es uns geht. Wie kommt Ihre Kampagne in den Niederlanden an? Die Diskussion um den Liebling der Kinder ist hier sehr aufgeladen. Die Holländer sind sentimental. Sie haben Angst, dass wir ihnen ein nationales Folkloreerlebnis wegnehmen oder den Nikolaus gar ganz abschaffen wollen. Schließlich ist der »Geschenketag« einer der wichtigsten Feiertage im ganzen Land und besonders die Kinder lieben ihn. Es sind aber vor allem die Erwachsenen, die sich von unserer Kampagne bedroht fühlen, und sie reagieren entsprechend aggressiv. Im vorigen Jahr wurden wir sogar von der Polizei daran gehindert, am Rande der Feierlichkeiten ein Transparent zu entrollen. Wir wurden unter Gewaltanwendung abgeführt, mit Pfefferspray verletzt und zeitweilig festgenommen. Wir hätten der Polizei zufolge provoziert und ihren Anweisungen nicht Folge geleistet. Aber auch in liberalen Kreisen ist es ein schwieriges Thema. Oft wird uns gesagt, wir sollten uns über ein unschuldiges Kinderfest nicht aufregen. Die übertriebene Political Correctness habe nichts mit Antirassismus zu tun. Grundsätzlich ist eine Diskussion über Rassismus hier kompliziert, denn es gibt hier ja keine Rassisten! (lacht) Und die Politik? Der holländische Staat möchte um jeden Preis an dieser Tradition festhalten. Bereits seit vier Jahren ist es möglich, auch das sogenannte immaterielle Kulturerbe durch die Unseco schützen zu lassen. Dabei geht es in erster Linie um nationale Traditionen. Die niederländische Regierung möchte auch das Sinterklaas-Fest von der Unesco schützen lassen und damit natürlich auch die Tradition der schwarzen Helfer.

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