Französische Intellektuelle kritisieren die Verharmlosung von Verbrechen an Juden durch Politik und Medien

Verschwiegen und verharmlost

Der islamistische Terror, der Frankreich seit einem halben Jahrzehnt erschüttert, ist antisemitisch motiviert. Prominente Intellektuelle prangern an, dass Verbrechen an Juden von Medien und Politik verharmlost werden.

In den Straßen Tel Avivs und anderer israelischer Städte fällt auf, wie viele Menschen dort Französisch sprechen. Die Einwanderung französischer Juden ist in Israel wahrnehmbar. Nach Angaben der Einwanderungsorganisation Agence Juive hat sie mit 7 000 Personen 2014 erstmals die aus den USA übertroffen. 2015 waren es fast 8 000, 2016 dann 5 000. Die jüdische Gemeinde Frankreichs ist nach der in den USA die zweitgrößte außerhalb Israels.

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Die Neuankömmlinge nennen diverse Motive für die Einwanderung: Verbundenheit mit Israel, Zukunftsaussichten, religiöse Gründe. Warum sie Frankreich den Rücken gekehrt haben, sagen sie auch: nicht mehr zu ignorierender alltäglicher Antisemitismus sowie das Ausbleiben einer angemessenen Reaktion der Gesellschaft. Sollen sie sich tagein, tagaus darum sorgen, ob ihre Kinder in der Schule gemobbt werden und ob diese auf dem Nachhauseweg sicher sind? Sollen die Kinder unter Drohungen und Demütigungen aufwachsen? Muss man sich jedes Mal nach allen Seiten umsehen, wenn man eine Synagoge oder ein jüdisches Geschäft verlässt? Die Leute in der Metro eingehend mustern, bevor man in einem Wagen Platz nimmt? Die Auswanderer haben diese Fragen für sich beantwortet. Selbstverständlich sind das subjektive Wahrnehmungen. Wenn sie allerdings von derart vielen Menschen geteilt werden, sollte die Öffentlichkeit auch einmal hinhören.

 

Der islamistische Terror wird wenig beachtet

Der islamistische Terror erschüttert Frankreich seit einem halben Jahrzehnt. Dass dieser Terror fast immer antisemitisch motiviert ist, entsprechende Fanale setzt und oft gezielt Juden tötet, wird dagegen wenig beachtet. Dabei sind die Taten der Jihadisten mehr als deutlich. Mohammed Merah ermordete 2012 in Toulouse drei jüdische Kinder und einen Lehrer ihrer Schule. Er schoss ihnen nach NSU-Manier in den Kopf und filmte seine Tat. 2014 ermordete der Franzose Mehdi Nemmouche im jüdischen Museum von Brüssel ein Touristenpaar aus Israel, eine französische Praktikantin und einen Mu­se­ums­angestellten. Am 9. Januar 2015, zwei Tage nach dem Massaker der Brüder Kouachi in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo, stürmte Amedy Coulibaly den koscheren Supermarkt Hyper Cacher an der Pariser Porte de Vincennes, nahm die Anwesenden als Geiseln und tötete vier von ihnen.

Auch das schlimmste Datum der neueren terroristischen Anschläge in Frankreich, der 13. November 2015, hat eine deutliche antisemitische Konnotation. Mit dem Bataclan wählten die Täter des »Islamischen Staats« (IS) eine Konzerthalle zum Hauptziel ihrer Attacken, die in den Jahren zuvor mehrfach bedroht worden war, weil die Eigentümer Juden seien und zionistische Veranstaltungen dort stattgefunden hätten. »Ihr werdet die Konsequenzen eurer Taten tragen. Das nächste Mal kommen wir nicht zum Reden«, hatte die militante Gruppe Jaish al-Islam (Armee des Islam) angekündigt. Sie soll im IS aufgegangen sein.

Neben den als politisch motivierte Straftaten geltenden Attentaten gibt es auch Angriffe auf jüdische Individuen, die als einfache Verbrechen gewertet werden. Nur wenige werden bekannt. Im Jahr 2006 wurde ein junger Pariser, Ilan Halimi, von der sogenannten Gang der Barbaren in den banlieues entführt, drei Wochen gefangen gehalten und gefoltert, bis er seinen Verletzungen erlag. Die Entführer glaubten, für Halimi, der ihrer Ansicht nach zum Weltjudentum gehörte, ein hohes Lösegeld erpressen zu können. Dabei war er Verkäufer in einem Handygeschäft. Ende 2014 überfielen drei Jugendliche ein jüdisches Paar in dessen Wohnung im Pariser Vorort Créteil. Sie fesselten und misshandelten ihre Opfer, um zu erfahren, wo sie ihr Geld versteckt hätten. »In jedem Fall habt ihr, die Juden, Geld«, soll einer der Vermummten gerufen haben. Erneut tauchte dieses Motiv im September 2017 auf, als drei Männer in einem Vorort von Paris nachts in die Wohnung von Roger Pinto einbrachen, der einen sephardischen Verein repräsentiert.

Neben den als politisch geltenden Attentaten gibt es auch Angriffe auf jüdische Individuen, die als einfache Verbrechen gewertet werden. Nur wenige werden bekannt.

 

Sarah Halimi: ermordert, weil sie Jüdin war

Einen besonders schrecklichen Mord verübte der aus Mali stammende Kobili T. am 4. April 2017 im Pariser Stadtteil Belleville. Nach Streitereien in seiner eigenen Familie kletterte er auf den Balkon der pensionierten Ärztin Sarah Halimi, die im Viertel als jüdisch bekannt war. In der Wohung misshandelte er die Frau schwer, ihre Schmerzensschreie und Hilferufe waren in der Nachbarschaft zu hören. Vor den Augen der von Nachbarn alarmierten Polizei, die im Hof eingetroffen war, stieß der Täter Halimi aus einem Fenster im dritten Stock. Anhand begleitender Allahu-Akbar-Rufe, lautstarker Gebete und Koran-Rezitationen des Täters sowie vorangegangener antisemitischer Bedrohungen Halimis durch T.s Schwester hätte das Verbrechen eingeordnet werden können. Doch die Polizei wies den Täter in die Psychiatrie ein und behandelte den Fall lediglich als Tat eines psychisch Gestörten. In Kommentaren hieß es später, die verharmlosende Beurteilung sei wohl den anstehenden Präsidentschaftswahlen geschuldet gewesen: Man habe dem Front National keine Munition für den Wahlkampf liefern wollen. Erst nach vielfachen Interventionen und Appellen jüdischer Organisationen, Schriftsteller und Intellektueller nahm die Mehrheitsgesellschaft davon Kenntnis, dass es sich um ein antisemitisches Verbrechen gehandelt hatte.

Auch die Feministin Elisabeth Badinter äußerte sich öffentlich, obwohl sie an einem Frankreich-Bashing nicht teilnehmen wolle, weil das Land nicht antisemitisch sei. Sie benannte ihre Adressaten eindeutig: Seit der Dreyfus-Affäre von 1894 habe der Kampf gegen den Antisemitismus zum Selbstverständnis der Linken gehört. Diese Tradition sei von der neuen radikalen Linken aufgegeben worden. »Sie solidarisiert sich mit den Arabern in den banlieues und den Palästinensern. Der Kampf für diese Antizionisten hat den Kampf gegen den Antisemitismus zur Strecke gebracht. Marine Le Pen sagt, dass sie keine Antisemitin sei, das mag ja so sein – in ihrer Truppe und in ihrer Wählerschaft ist der traditionelle Antisemitismus keineswegs überwunden. Aber seit 30 Jahren ist es nicht dieser Antisemitismus, der die Juden verfolgt, sondern der neue Antisemitismus der Islamisten.«

 

Die französische Linke ist ein Teil des Problems

Um Badinters Weckruf zu verstehen, muss man an die Gaza-Demonstrationen 2014 erinnern, als nahezu die gesamte französische Linke Woche für Woche zu Demonstrationen gegen Israel aufrief. Bei diesen marschierten an der Spitze häufig einige Reihen von Trotzkisten, Kommunisten, Sozialisten mit Transparenten und dahinter eine tausendköpfige hasserfüllte Menge, die Juden verfluchte. Stellvertretend für die Veranstalter sagte der ehemalige linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon: »Wer kann ernsthaft glauben, dass es in Frankreich, von einer Handvoll Individuen einmal abgesehen, beim Protest gegen Gaza Antisemitismus gibt?« Auch der Programmdirektor von Arte, Alain Le Diberder, der maßgeblich für den Versuch verantwortlich war, die Ausstrahlung der Dokumentation »Auserwählt und ausgegrenzt« über Judenhass in Europa zu verhindern, mag es nicht glauben. Das Thema sei zu komplex, um in einem solchen Film behandelt zu werden, pflichtete die Telerama-Plattform von Le Monde Arte bei. Intellektuelle trotzkistischer Provenienz zeigen eine besonders ausgeprägte Neigung zum Leugnen. Manchmal scheint es, als müssten sie sich unbewußt ständig für die jüdische Abstammung des Lew Davidowitsch Bronstein rächen.

In dieser komplizierten Lage gibt es aber doch Handlungen, die einer desorientierten Linken als Vorbild dienen können. Sie sind schwer zu vollziehen, aber einfach zu verstehen. Es gibt die Frau eines Bruders von Mohammed Merah, die verzweifelt, aber am Ende erfolgreich darum kämpfte, ihren Mann und ihren Sohn der islamistischen Szene zu entreißen. Es gibt eine Schwester, die die hasserfüllte Atmosphäre in der Familie Merah öffentlich machte. Es gibt die Nachbarn von Sarah Halimi, die die Polizei riefen und später den Fanatismus des Täters bezeugten. Es gibt den in Mali geborenen Angestellten des Hyper Cacher, Lassana Bathily, dem es gelang, einige Kunden in einem großen Gefrierschrank vor Coulibaly zu verstecken.