Im Iran wurden Frauen festgenommen, weil sie ins Stadion wollten

Das Stadion als No-go-Area

Während der Fifa-Präsident Gianni Infantino beim Teheraner Stadtderby auf der Tribüne saß, wurden vor dem Azadi-Stadion Frauen verhaftet – nur weil sie auch Fußball gucken wollten.

»Azadi« ist das persische Wort für Freiheit – im Teheraner Azadi-Stadion gilt sie jedoch nicht für alle. Als dort am 1. März vor 80 000 Zuschauern in der »Persian Gulf Pro League«, der ersten iranischen Männerfußballliga, der Esteghlal FC im Stadtderby auf Persepolis traf und gewann, konnten sich längst nicht alle Fans der beiden Vereine freuen oder grämen. Mindestens 35 Frauen wurden in der Umgebung des Stadions festgenommen, der Eintritt ist ihnen ohnehin verwehrt.

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Die 86. Auflage des Derbys hatte bereits zuvor für Aufsehen gesorgt, nachdem bekannt geworden war, dass der Präsident des Weltfußballverbands Fifa, Gianni Infantino, dem Spiel beiwohnen würde – einer Ver­anstaltung nur für Männer. Denn im Iran ist es ausschließlich Männern erlaubt, Männerfußballspiele zu besuchen. Das entsprechende Gesetz gilt seit der »Islamischen Revolution« von 1979. Letztmals sollen Frauen im Oktober 1981 das prestigeträchtige Teheraner Derby im Stadion verfolgt haben. Gegen das Stadionverbot regt sich seit langem Widerstand bei oppositionellen Kräften des Landes, vor allem unter fußballbegeisterten Frauenrechtlerinnen. Fußball ist der populärste Sport im Iran. Seit dem Jahr 2006 gibt es dort unter dem Slogan »Open Stadiums« eine Kampagne, die freien Zugang für alle fordert.

Anlässlich des jüngsten Aufeinandertreffens der beiden Hauptstadtteams am 1. März hatte die im US-amerikanischen Exil lebende regierungskritische Journalistin Masih Alinejad Frauen aufgefordert, zum Stadion zu gehen und zu verlangen, eingelassen zu werden. Einige Dutzend folgten ihrem Appell – und wurden umgehend Repressalien ausgesetzt.

 

»Solange Mädchen in diesem Land gezwungen werden, Männerkleidung zu tragen, um ein Fußballspiel zu sehen, gehe ich nicht ins Stadion.« Parveneh Salashuri, iranische Parlamentsabgeordnete

 

Die Frauen wurden nach ­Angaben von »Open Stadiums« und internationalen Medien vor dem Spiel festgenommen und für mehrere Stunden eingesperrt. Dabei hatten nicht einmal alle versucht, das Stadion zu betreten, manche waren bereits in der näheren Umgebung festgenommen worden. Unter den verhafteten Frauen soll auch ein 13jähriges Mädchen gewesen sein. Der iranischen Nachrichtenagentur ISNA sagte ein Sprecher des Innenministeriums, die Frauen seien nicht fest­genommen, sondern lediglich an einen »angemesseneren Ort« transportiert worden.

Die Kampagne »Open Stadiums« hatte den Fifa-Präsidenten vor dem Spiel aufgefordert, sich für ihre Sache einzusetzen. Sie hatte ihn an die offiziellen Statuten des Weltfußballverbands erinnert, die selbstverständlich auch für den Iran gelten. Artikel 4 der Fifa-Statuten untersagt den Mitgliedsverbänden jegliche Diskriminierung, unter anderem auch wegen des Geschlechts – und das ausdrücklich »unter Androhung der Suspendierung oder des Ausschlusses«. Infantino nahm während des Teheraner Derbys gleichwohl auf der Ehrentribüne Platz. Eigenen Angaben zufolge wusste er sowohl von der Kritik der Frauenrechtlerinnen als auch später von den Festnahmen. Der Fifa-Präsident sagte, er habe sich, anstatt Sanktionen zu verhängen oder die Beziehungen abzubrechen, dafür entschieden, die iranischen Machthaber im Gespräch davon zu überzeugen, Frauen zukünftig Einlass in Fußballstadien zu gewähren.

Es gibt berechtigte Zweifel daran, dass diese Strategie Erfolg haben wird. Schon Infantinos Vorgänger Sepp Blatter hatte sich 2013 während einer Iranreise mit dem Präsidenten des Landes, Hassan Rohani, getroffen. Blatter hatte sich seinerzeit optimistisch gezeigt, dass der Stadionbann für Frauen in absehbarer Zeit abgeschafft werde, wurde jedoch eines Besseren belehrt. 2015 forderte er ­erneut die Abschaffung des Gesetzes.

Während Präsident Rohani in der Sache verhandlungsbereit sein soll, steht für den Klerus eine Abschaffung der Geschlechterdiskriminierung im Stadion bisher nicht zur ­Debatte. Mal heißt es, es sei grundsätzlich nicht mit den »islamischen Werten« vereinbar, dass Frauen Männer beim Sport beobachten. Mal sind Flüche und angeblicher Hooli­ganismus der Männer der Grund dafür, dass die Stadien für Frauen verschlossen bleiben.

Der ehemalige iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad versuchte bereits 2006, seine Popularität bei den Wählerinnen durch eine Lockerung des Verbots zu erhöhen. Nach einer Intervention von Klerikern musste er seinen Vorschlag jedoch schnell zurücknehmen. In den Folgejahren versuchten Frauen dennoch wiederholt, sich der Vorschrift zu widersetzen. Während des Teheraner Stadtduells vor einem Jahr etwa wurden acht Frauen festgenommen, die sich als Männer verkleidet Zutritt zum Stadion verschaffen wollten. Im Juni 2017 forderte Masoud Shojaei, damals Kapitän der Männernationalmannschaft des Landes, die Abschaffung des Verbots. Im September schien es beinahe so weit zu sein, als für ein Länderspiel des Iran eigens Tickets für Frauen angeboten wurden. Schnell aber folgte ein Dementi und die Karteninhaberinnen wurden an den Stadiontoren aufgehalten. Frauen waren dennoch anwesend: im Gästebereich des Gegners aus ­Syrien und auf der Tribüne, wohin einige weibliche iranische Parlamentsangehörige offiziell eingeladen worden waren. Die Abgeordnete ­Parveneh Salashuri besuchte die Partie trotzdem nicht. »Solange Mädchen in diesem Land gezwungen werden, Männerkleidung zu tragen, um ein Fußballspiel zu sehen, gehe ich nicht ins Stadion«, sagte sie. Am nächsten Tag gab es einen Hackerangriff auf die Homepage des Nationalstadions. »Lasst iranische Frauen ins Stadion«, stand nun dort zu lesen.

Die repressive Politik des iranischen Regimes betrifft aber nicht nur den Fußball, sondern auch andere Be­reiche des Sports. 2012 wurde das Stadionverbot für Frauen auch auf Männervolleyballspiele ausgeweitet. 2016 untersagte der oberste Religionsführer Ali Khamenei Frauen das Fahrradfahren in der Öffentlichkeit.

Fifa-Präsident Infantino hat derweil auf den offenen Brief der Kampagne »Open Stadiums« geantwortet und seine Unterstützung versichert. Demnach soll die Fifa die Geschehnisse vom 1. März noch aufarbeiten. »Wir schätzen es, dass er uns geantwortet hat«, sagte ein Mitglied der Kampagne der Jungle World, »aber anstelle der Worte wollen wir jetzt ein Projekt, das die Stadien öffnet«.
Am 14. Juni beginnt die Fußball-WM in Russland. Nach derzeitigem Stand ist der Iran das einzige Teilnehmerland, in dem Frauen systematisch am Spielbesuch gehindert ­werden. Selbst in Saudi-Arabien wurden Anfang des Jahres erstmals Zuschauerinnen bei einem Erstligaspiel zugelassen.