Auch dieses Jahr wird das Pop-Kultur-Festival in Berlin von BDS-Unterstützern angegriffen

Ein Antisemitismusticket für’s Festival

Das Berliner Pop-Kultur-Festival wird wie schon im letzten Jahr von der israelfeindlichen »Boycott, Divestment and Sanctions«-Kampagne, kurz BDS, unter Druck gesetzt. Bis jetzt haben sechs Musiker beziehungsweise Bands ihre Teilnahme in diesem Jahr abgesagt. Mehrheitlich stammen sie aus Großbritannien. Ein Zufall?

1200 Euro. So hoch ist insgesamt der Reisekostenzuschuss, mit dem sich die Israelische Botschaft in Deutschland als einer von mehreren Partnern an dem Berliner Pop-Kultur- Festival beteiligt. Dieser Beitrag ist Grund für die antizionistische Kampagne BDS, zum Boykott des Musikfestivals aufzurufen und die teilnehmenden Bands aufzufordern, ihre Auftritte abzusagen.

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Bereits im vergangenen Jahr hatten mehrere Bands ihre Teilnahme bei dem Festival abgesagt, unter anderem die Young Fathers, die wegen ihrer Unterstützung von BDS auch in diesem Jahr Schlagzeilen machten, nachdem sie von der Ruhrtriennale zunächst ausgeladen und dann von der Kuratorin Stefanie Carp wieder eingeladen wurden. Begründung: Man wolle nicht, dass sich Künstler wegen ihrer Haltung zensiert fühlen.

Die Boykottaktion zeigt wieder Ergebnisse: Der US-amerikanische Sänger John Maus, das britische PostPunk-Trio Shopping, die britischen Sänger Richard Dawson, Alun Woodward, Nadine Shah und die Indie-Popsängerin Gwenno verzichten allesamt auf ihre Auftritte in diesem Jahr.

BDS setzt die Künstler unter Druck. Die Taktik: Erst auf die öffentliche Ankündigung warten, dann Druck auf die Eingeladenen auszuüben, um dann gegebenenfalls eine öffentliche Absage zu erzwingen.

»Die israelische Regierung und Armee töten unschuldige Palästinenser und verletzen ihre Menschenrechte. Diese hoffnungslose Situation muss sich ändern«, begründete Gwenno ihre Absage. Sie wolle sich damit mit allen solidarisch zeigen, »die Imperialismus und Unterdrückung ablehnen, im Glauben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen«.

Über die Motivation solcher Aussagen kann nur spekuliert werden. Teilweise mag Naivität eine Rolle spielen, teilweise stößt die BDS-Bewegung aber gerade bei alternativen Künstlern eben auch auf offene Ohren.

Ein großer Teil von BDS selbst ist von Antisemitismus getrieben. Das hat die Kampagne seit ihrer Gründung 2005 immer wieder unter Beweis gestellt. In ihrem ersten Aufruf wird davon gesprochen, der israelischen Staatsgründung sei eine ethnische Säuberung des Landes vorausgegangen. Implizit wird das Ende des jüdischen Staates gefordert, indem man auf das »Rückkehrrecht der Palästinenser« nach Israel pocht. Immer wieder gehen Aktivisten von BDS gegen Einzelpersonen vor, egal ob Akademiker, Schauspieler, Aktivisten, Autoren oder Sportler – und zwar einfach nur deswegen, weil sie Israelis sind oder sich mit dem jüdischen Staat solidarisch zeigen, oder weil sie den Forderungen von BDS nicht nachkommen. Für die BDS-Bewegung sind Juden Kolonisatoren (wie ebenfalls in ihrer ersten Erklärung und in Folge zu lesen ist) und Palästinenser ein quasi indigenes Volk. Ein perfekter Manichäismus.

Auch deshalb ist die Boykott­bewegung so anschlussfähig für Linke. Spätestens seit Israel nicht mehr als eines von mehreren schwachen »Opfern« imaginiert werden kann, wird der sogenannte Nahost-Konflikt oft sehr vereinfacht wiedergegeben: auf der einen Seite der westliche Kolonialstaat, auf der anderen Seite die legitime nationale Befreiungsbewegung. So passt die Sichtweise des westlichen Staates als Aggressor, umgeben von »unterdrückten Völkern«, nur zu gut ins eigene Denkgebäude, das jeden Konflikt auf das Gegensatzpaar von westlich-unterdrückerisch versus kolonisiert-subversiv herunterbricht.

Hier sind postkoloniale Kategorien gleichsam leer- und heißgelaufen und politische Theorien zu agitatorischer Weltanschauung geronnen. Die Folge ist Realitätsverlust auf Kosten realer Probleme: Die Schreie der Unterdrückten sind BDS zufolge nur dort legitim, wo sie sich gegen vermeintlich westlich-weiße Hegemonie richten und ansonsten verdächtig, mit jener im Bunde zu sein, wenn sie sich nicht gegen diese aussprechen. Mit anklagendem Ton werden im Aufruf von BDS am Festival teilnehmende Künstler gefragt: »Werdet ihr auf der richtigen Seite der Geschich­te stehen?«
Die Dämonisierung und Delegi­timierung Israels durch BDS scheint die Musiker, die sich von der Teilnahme bereits zurückgezogen haben, nicht zu interesssieren: Die Band Shopping beispielsweise. Das Pop-Kultur Festival »wäscht Israels militärische Besatzung und Jahrzehnte der Unterdrückung rein«, schreibt das Trio in einem Statement und bedient damit nicht nur den Jargon von BDS, sondern betreibt selbst Dämonisierung.

Warum sind es ausgerechnet so oft Künstler aus Großbritannien, die sich von der BDS-Kampagne beeindrucken und einspannen lassen? Nachfrage beim Soziologen David Hirsh, der ein Buch über gegen­wärtigen linken Antisemitismus geschrieben hat. »In Großbritannien gibt es eine sehr geringe Holocaust-Schuld (Holocaust guilt). Dafür gibt es allerdings eine große Kolonialschuld«, sagt er der Jungle World.