»Coming Out« ist der erste Film über Homosexualität in der DDR

Die schwule Wende

»Coming Out«, der erste Film über Homosexualität in der DDR, feierte seine Premiere am Abend des Mauerfalls. Über die Schwulenbewegung im Osten und homosexuelle Melancholie.

Es war 2012, im griechisch-zypriotischen Südteil von Nikosia, als ich in einem Saal des Goethe-Instituts saß und einen Klassiker des schwulen Films zum ersten Mal sah: Heiner Carows »Coming Out« von 1989,
der vom Umgang des Lehrers Philipp mit seinem bisher verheimlichten homosexuellen Begehren erzählt. Um mich herum saß heterosexuelles, deutsch-zypriotisches Kulturpublikum, und ich fragte mich, was diese Menschen um mich herum an dem Film wohl mochten oder interessant fanden. Und dann setzte plötzlich – und genau an der richtigen Stelle, nämlich als Philipp, der Protagonist, am Boden ist, – das Lied »Schlohweißer Tag« der DDR-Rockband Silly ein, das ich damals nicht kannte und das mich überwältigte: »Vögel aus Zigarettenpapier / landen auf deiner Haut. / Ich ruf uns ’n Taxi und schick es nach Bier / im Kühlschrank brennt Licht, wo bin ich denn hier?/ Ist alles so kalt, ist alles so leer / ich mache mich hin, ich mache Verkehr.« Hier fehlt mehr als nur der geliebte Mensch: Alles ist kalt und alles ist leer. Die Melancholie dieser Stelle ist immens, ebenso wie die Intimität die die Zuschauer für die Figur empfinden.

Die Koinzidenz der Ereignisse, der Premiere des schwulen Films und der Öffnung der Grenze, ist den beiden Aktivisten nicht viele Worte wert. So war es eben. »Die schwule Wende«, sagt Rausch, »fand ein paar Jahre früher statt.«

Silly haben der Melancholie der DDR in einigen Liedern einen Ausdruck gegeben, der ansonsten schwer zu finden ist. Am härtesten muss jeden Sozialisten ihr Lied »Menschenland« treffen, in dem präzise die Frage der Fragen gestellt wird: »Wa­rum bin ich nur so allein / in diesem Menschenland?/ Die Wünsche, die ich in mir trag’, / die stürzen über’n Rand.« Es gibt einen Überschuss an Wünschen, die im Sozialismus – in dem sich (zumindest ist das die Idee) nicht Arbeitskraftcontainer, sondern Menschen gegenübertreten könnten – nicht verwirklicht werden. Nicht verwirklicht werden können?

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Für Schwule in der DDR war der Film »Coming Out« ein Ereignis. Denn es war der erste Spielfilm in dem Land, der Homosexualität zu seinem Hauptthema machte. Micha Eggert und Peter Rausch, zwei Schwulen­aktivisten, waren 1973 gemeinsam mit Michael Keller Gründer der Homo­sexuellen Interessengemeinschaft Berlin (HIB), der ersten homosexu­ellen Emanzipationsgruppe in der DDR, in der, wie Rausch im Gespräch mit der Jungle World betont, schwule Männer, Lesben (die sich lange Zeit ebenfalls als schwul bezeichneten) und Transmenschen mit großer Selbstverständlichkeit zusammenarbeiteten. Eggert und Rausch erinnern sich lebhaft an den 9. November 1989, den Abend der Premiere von »Coming Out« in Berlin. Eggert, der als Komparse im Film auftritt, fuhr am frühen Abend mit seinem Trabi nach Mahlsdorf, um die schon damals berühmte und ebenfalls in einer Nebenrolle zu sehende Transe Charlotte von Mahlsdorf zur Premiere um 20 Uhr (es gab eine zweite um 22 Uhr) im Kino International abzuholen. Rausch berichtet, der Sonntags-Club, eine in den achtziger Jahren entstandene Gruppe von Lesben, Schwulen, Transmenschen und Bisexuellen, habe zunächst keine Gästelistenplätze für die Premiere erhalten. »Wir haben drum gekämpft«, sagt Rausch. Mit Erfolg: Vier Plätze bekamen sie. Solche Geschichten, kommen in Rauschs Erzählungen oft vor: Geschichten von erfolgreichen Kämpfen.

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Die mittlerweile geschlossenen Schwulenkneipen »Zum Burgfrieden« und »Schoppenstube« im Prenzlauer Berg dienten dem Film als Drehorte

Bild:
DEFA Stiftung Wolfgang Fritsche

Auf die Frage, wie ihm der Film ­damals gefallen habe, antwortet Rausch: »Wir waren euphorisiert. Es war ja was Einmaliges in der DDR, das hat es vorher so nicht gegeben – und dann in dieser Direktheit. Schon ganz angenehm zu sehen.« Aber er kommt auch gleich zur ­Kritik: »Es war ein Film über eine Opferrolle. Der Held der Geschichte war eben das Opfer der bösen Gesellschaft. Die Emanzipationsgruppen in der Zeit waren schon viel weiter, hatten kollektives Selbstbewusstsein und eigene Lebensräume. Und das spiegelte sich im Film überhaupt nicht wider. Die einzigen, zu denen Phi­lipp gehen konnte, um sich über sein Leid zu verständigen, waren Char­lotte von Mahlsdorf in ihrer Rolle hinterm Tresen und der alte Kommunist, der da an der Bar saß. Der hätte ja auch zu uns kommen können.«

Weder Eggert noch Rausch waren, als sie aus dem Kino kamen, über die Pressekonferenz mit Günter Schabowski, die Bekanntgabe neuer ­Reiseregelungen über die staatliche Nachrichtenagentur ADN und die sich an den Grenzübergängen versammelnden Menschenmengen informiert. Beide bekamen erst später am Abend mit, dass die Grenze offen war. Während Rausch nach Hause ging und einer anrufenden Freundin empfahl, erst am nächsten Tag zur Grenze zu gehen, um dann zu schlafen, verschlug es Eggert eher zufällig als geplant noch nach West-Berlin, und zwar mit einem schwulen Freund aus dem Westen, der ihn in eine Schwulenkneipe mitnahm, wo West- und Ostberliner gemeinsam feierten.

Die Koinzidenz der Ereignisse, der Premiere des schwulen Films und der Öffnung der Grenze, ist den beiden Aktivisten nicht viele Worte wert. So war es eben. »Die schwule Wende«, sagt Rausch, »fand ein paar Jahre früher statt.« Die Bemühungen der HIB, vom Staat als Gruppe anerkannt zu werden, scheiterten Ende der siebziger Jahre. »Das war ein strategischer Fehler staatlicherseits«, sagt Eggert. Damals wäre es möglich gewesen, die schwulen Männer und Frauen in den Sozialismus zu integrieren. Denn in den achtziger Jahren formierten sich Homosexuellengruppen unabhängig vom Staat unter dem Dach der Kirche. Das wiederum hatte zur Folge, dass Mitte der Achtziger die Repression gelockert wurde, ein schwules Tauwetter einsetzte, als dessen Resultat auch Carows Film anzusehen ist.

 

Die Melancholie von »Coming Out« zeugt von einem bestimmten Verständnis von Emanzipation. Die Anfangssequenz gibt der Einsamkeit im Sozialismus Raum und eindrückliche Bilder: In der Silvesternacht wird ein junger Mann halb bewusstlos ins Krankenhaus gebracht. Ihm wird der Magen ausgepumpt, dann sieht man ihn allein im Krankenhausbett auf einem leeren, mit Neonröhren beleuchteten Flur liegen.
Der Selbstmordversuch, der den Film eröffnet, steht in der Abfolge der erzählten Ereignisse ganz am Schluss. Der junge Mann auf dem Krankenhausflur ist Matthias, in den sich der in einer heterosexuellen Beziehung lebende Lehrer Philipp verliebt. Durch diese Zeitstruktur, die Matthias’ Verzweiflung vom Ende der Handlung ganz am Anfang erzählt, wird jedes Element, das wir danach zu sehen bekommen, melancholisch.

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Philipp Klarmann erlebt im Film sein Coming-out

Bild:
DEFA Stiftung Wolfgang Fritsche

Alles steht unter dem Eindruck des Wissens um Matthias’ Selbstmordversuch. Dieser melancholische Grundton hebt den Film von zwei bundesrepublikanischen Vorläufern ab, auf die er sich dennoch zu beziehen scheint. Rosa von Praunheims »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situ­ation, in der er lebt« (1971), der, als er 1973 in der ARD lief, mit zur Gründung der HIB beitrug, ist ätzend kritisch und kämpferisch. Frank Ripplohs »Taxi zum Klo« von 1980, mit dem »Coming Out« den schwulen Lehrer als Hauptfigur teilt, ist dagegen ein hedonistischer Grundton zu eigen. Aus der Sicht dieser zweifachen Differenz scheint »Coming Out« in einer literarischen Tradition homosexueller Melancholie zu stehen, die durch die wichtigsten schwulen Schriftsteller – Hans Henny Jahnn, Guido Bachmann, Hubert Fichte, Ronald M. Schernikau, Detlev Meyer und andere – negiert, aufgebrochen, ironisiert wurde. Doch ­»Coming Out« weist der Melancholie eine andere Funktion zu, eine Funktion, die der Melancholie nur im real existierenden Sozialismus zukommen kann.

Eine Szene im Film zeigt Philipp mit seiner Schulklasse. Die Schüler haben einen Aufsatz über ein Brecht-Gedicht geschrieben, in dem eine Grabstein-Inschrift evoziert wird: »Er hat Vorschläge gemacht. Wir/ ­Haben sie angenommen.« Von den Aufsätzen, die er gelesen hat, ist ­Philipp enttäuscht: »Es geht doch nicht darum, was ich hören will«, sagt er. »Wie wollt ihr denn besser machen, was heute unvollkommen ist? Wie gegen Dummheit kämpfen, wenn ihr sie nicht bemerken wollt?« Hinter Philipps Bemühungen um eine initiative Pädagogik (die nun wieder deutlich an Ripploh erinnert) steht die Überzeugung, der Sozialismus sei nicht abzuschaffen, sondern zu reformieren. Das Verständnis von Emanzipation, das hier aufscheint, entspricht nicht dem der westdeutschen Schwulenbewegung. Vielmehr gemahnt es an Hans Mayer, den DDR-Literaturwissenschaftler, der 1963 in die BRD ging und dort Marxist blieb. Mayer formuliert in seinem Buch »Außenseiter« von 1975 eine Aufklärungskritik, die nicht, wie das heute üblich ist, das Projekt der Aufklärung verwirft, weil es zu »weiß«, »männlich«, »heterosexuell« und »eurozentrisch« sei, sondern die einfordert, dass »das Licht der Aufklärung« auch für die Außenseiter zu scheinen habe: »Dann wird Aufklärung«, schreibt Mayer, »von ihren bürgerlichen und geschichtlichen Ursprüngen abgelöst, zum Synonym einer permanenten Revolution.« Diese Argumenta­tion kehrt sich für die DDR um: der »Kontrast zwischen materialer und formaler Egalität« ist ein anderer als im Westen  – ein Kontrast bleibt er.
In einer anrührenden Szene in »Com­ing Out« sitzt der weinende Philipp mit einem älteren Schwulen in einer

Bar. Auf Philipps Klage: »Weißt du, was das heißt – Lehrer und schwul?« antwortet er trocken: »Es gibt Schlimmeres« und beginnt, von seinem KZ-Aufenthalt als Rosa-Winkel-Häftling zu erzählen und dann von der Zeit, als er als »Aktivist der ersten Stunde« in der Kommunistischen Partei mithalf, den Sozialismus aufzubauen. »Bloß die Schwulen, die haben wir vergessen«, lautet sein Fazit.

Das Goethe-Institut in Nikosia zeigte »Coming Out«, um auf die Vergangenheitsbewältigung des Vergangenheitsbewältigungsweltmeisters Deutschland hinzuweisen, und um in der bis heute geteilten Stadt den ungezogenen und uneinsichtigen Zyprioten die Wiedervereinigung schmackhaft zu machen. Dazu eignet sich Carows Film »Coming Out« denkbar schlecht.