»Lifeline«-Kapitän Claus-Peter Reisch will seine Mission fortsetzen

Kapitän sucht Flagge

Claus-Peter Reisch steht auf Malta vor Gericht. Der Kapitän des zivilen Seenotrettungsschiffs »Lifeline« will auch in Zukunft Menschen vor dem Ertrinken retten.

Claus-Peter Reisch ist derzeit viel unterwegs. Am vorvergangenen Samstag nahm der 57jährige in Wien den Menschenrechtspreis der Österreichischen Liga für Menschenrechte entgegen. »In einer Zeit, in der die Politik – europaweit, aber besonders auch in Österreich – menschenverachtende Tendenzen fördert, rettet Claus-Peter Reisch an der Spitze seines Teams nicht nur Menschenleben, sondern gibt all jenen Mut, die auch nicht nur zuschauen wollen«, begründete Barbara Heilige, die Präsidentin des Vereins, die Auszeichnung. Die bislang letzte Rettungsmission der von Reisch gesteuerten »Lifeline« liegt allerdings bereits einige Monate zurück. Im Juli beschlagnahmte die maltesische Regierung das zivile Seenotrettungsschiff, das dem Dresdner Verein Mission Lifeline gehört. Zuvor war die »Lifeline« tagelang über das Mittelmeer geirrt. Kein europäischer Staat war bereit gewesen, das Schiff, auf dem sich 234 vor der libyschen Küste gerettete Flüchtlinge befanden, in einem seiner Häfen anlegen zu lassen.

Anzeige

Am vergangenen Dienstag musste Reisch erneut in der maltesischen Hauptstadt Valletta vor Gericht erscheinen. Die dortigen Behörden werfen ihm vor, die »Lifeline« fehlerhaft registriert zu haben. Als das Schiff in Malta anlegte, fuhr es unter niederländischer Flagge, registriert war es beim Königlich Niederländischen Wassersportverband. Die niederländischen Behörden bestätigten dies zwar, der Regierung in Den Haag zufolge handelt es sich bei der Registrierung aber lediglich um eine Art Eigentumsnachweis, die den Inhaber nicht zum Führen der Landesflagge auf See berechtigt. Zudem beschuldigen die Behörden den Kapitän, illegal in maltesische Hoheitsgewässer gefahren zu sein. Reisch bestreitet die Vorwürfe.

Von seinen Segelkollegen erhält Reisch nicht nur Zuspruch. Am Liegeplatz seines privaten Segelboots in Italien mieden ihn viele deutsche Segler, erzählt der Kapitän. Dafür habe er sogar Gleichgesinnte bei der Guardia Costiera, der italienischen Küstenwache.

Im Gespräch mit der Jungle World sagt der Kapitän, es gebe eine Flagge, unter der die »Lifeline« künftig fahren sollte: »Der Vatikan verfügt seit 1951 über ein Schiffsregister. Aber bislang ist noch nie ein Schiff unter der Flagge des Vatikan gefahren.« Reisch würde die »Lifeline« gerne als erstes vatikanisches Schiff auf eine Rettungsmission auf dem Mittelmeer schicken. Der Vatikan lehnte dies auf Nachfrage des Kapitäns ab. Das Schiff habe »keine tatsächliche Beziehung zum Vatikanstaat«, schrieb der Kleinstaat an Reisch. Zudem könne der Vatikan »die eigene Zuständigkeit über das Schiff nicht ausüben« und »die Immunität von Besatzung und Passagieren nicht gewährleisten«. Zumindest finanziell unterstützen einzelne katholische Amtsträger Mission Lifeline. Der Erzbischof von München, Reinhard Kardinal Marx, und der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker spendeten jeweils 50 000 Euro an den Verein. Auch die HipHop-Band »Die Fantastischen Vier« und der Fernsehmoderator Klaas Heufer-Umlauf unterstützten die Seenotretter mit hohen Geldbeträgen. Mit Hilfe der Spenden will der Verein ein neues Schiff kaufen, das auslaufen soll, falls die »Lifeline« beschlagnahmt bleibt.

Reisch segelt, seit er 14 Jahre alt ist. Auf das Meer fuhr er erstmals als 18jähriger. Wie viele andere Wassersportler kennt auch Reisch die Gefahr eines Schiffsunglücks: Das Segelboot lässt sich nicht mehr manövrieren, ein Unwetter zieht auf. Zum Glück holt einen die Wasserwacht oder die DLRG da wieder raus. Ehrenamtlich. Das Mindeste, was man nach so einer Rettung macht, ist, sich dafür zu bedanken. Was auf jedem hiesigen Bagger- und Binnensee gilt, soll nach Vorstellung von Rechtspopulisten nicht mehr gelten, wenn es um die Rettung auf hoher See geht. Allen internationalen Verträgen zum Trotz, denn das Seevölkerrecht verpflichtet zur Rettung aus Seenot. Dennoch werden private Seenotrettungsorganisationen immer wieder juristisch verfolgt. »Wer als Privatperson Flüchtlinge von einem anderen Boot übernimmt und an Land bringt, setzt sich dem Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Einreise aus«, sagte Nele Matz-Lück, Professorin für Öffentliches Recht mit dem Schwerpunkt Seerecht, der Frankfurter Rundschau.

Zu denen, die ablehnen, dass Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet und an Land gebracht werden, gehört auch der maltesische Innenminister Michael Farrugia. Vor den Kameras des MDR-Magazins »Exakt« machte der Sozialdemokrat deutlich, dass seine Regierung die »Lifeline« möglichst lange blockieren möchte: »Wir schließen unsere Häfen so lange, bis wir alle notwendigen Informationen haben. Wenn wir dann zufrieden sind, können sie auslaufen.« Das war im August. Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge ertranken 2018 bislang 2 160 Menschen auf dem Mittelmeer oder gelten als vermisst.

Reisch beschreibt nüchtern, wie ein Ertrunkener auf dem Mittelmeer aussieht: »Aufgedunsen, die Haut ganz ausgebleicht. Und so klein, dass man die Wasserleiche kaum als solche erkennt.« Die CSU wählt der ausgebildete Kfz-Mechatroniker, der heutzutage eine Industrievertretung für Sanitär- und Heizungsprodukte führt, mittlerweile nicht mehr. Reisch ist empört darüber, dass die Politik die Rettung von Menschen auf dem Mittelmeer immer weiter erschwert. Auch dass die EU die libysche Küstenwache mitfinanziert, kritisiert der Kapitän der »Lifeline«. Nach Angaben der Bundeswehr unterzeichneten der Militärstab der Europäischen Union (EUMS) und Vertreter der Küstenwache im August 2016 ein Abkommen, das die Ausbildung libyscher Küstenschützer im Rahmen der EU-Marineoperation »Sophia« regelt.

Viele der 234 Flüchtlinge, die die »Lifeline« im Juni aus dem Mittelmeer rettete, befinden sich noch immer auf Malta. Persönlich besuchen konnte Reisch die Menschen bislang nicht. Er schaffte es nur in die Nähe der Unterkunft, in der die Geretteten untergebracht sind. Als die Menschen ihn erkannten, applaudierten sie dem Kapitän. Von seinen Segelkollegen erhält Reisch dagegen nicht nur Zuspruch. Am Liegeplatz seines privaten Segelboots in Italien mieden ihn viele deutsche Segler, erzählt der Kapitän. Dafür habe er sogar Gleichgesinnte bei der Guardia Costiera, der italienischen Küstenwache. Reisch hat schon viele Menschen getroffen, die mit dem Sterben auf dem Mittelmeer konfrontiert sind, etwa tunesische Fischer, die regelmäßig Leichen in ihren Netzen finden – Tote, die nicht in der europäischen Seenotrettungsstatistik auftauchen. Einer der Fischer habe einen provisorischen Friedhof angelegt, auf dem er die angeschwemmten Namenlosen bestatte. »Das hat unsere ganze Crew tief beeindruckt«, sagt Reisch. Der Kapitän der »Lifeline« möchte möglichst bald wieder eine Rettungsmission auf dem Mittelmeer unterstützen. Auch ohne vatikanische Flagge.