Ein Gespräch mit Valentin Gendrot über Gewalt und Rassismus in der französischen Polizei

»Bastard wurde ein ganz alltäglicher Ausdruck für mich«

Valentin Gendrot ist der erste Journalist, dem es gelungen ist, die französische Polizei zu infiltrieren. In seinem kürzlich auf Französisch erschienenen Buch »Flic« beschreibt er ein Klima des Rassismus, toxischer Männlichkeit und Gewalt.
Interview Von

Sie sind der erste Journalist, der es geschafft hat, undercover bei der französischen Polizei zu ­recherchieren. Wie ist Ihnen das gelungen?

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Das war, ehrlich gesagt, nicht besonders schwierig. Ich habe einfach eine Ausbildung zum Polizisten ­gemacht und dann als Polizist gearbeitet. In Frankreich kann man auf unterschiedlichen Wegen Polizist werden. Die Ausbildung, die ich ­gemacht habe, dauert nur drei ­Monate. Man muss eine Eingangsprüfung bestehen, dann verbringt man die drei Monate in einer Polizeischule bis zur Abschlussprüfung. Im Gegensatz zur vollwertigen Polizeiausbildung, die sechs bis zwölf Monate dauert, ist man am Ende aber kein Beamter, man ist bei der Polizei nur angestellt.

Was lernt man denn dort in so kurzer Zeit?

Die Ausbildung zielt hauptsächlich darauf ab, den Polizeischülern repressive Maßnahmen beizubringen. Man simuliert zum Beispiel Festnahmen und Straßenkontrollen. Man lernt Schießen und Techniken zur Selbstverteidigung, solche Dinge.

Dürfen Sie nach drei Monaten sofort eine Waffe tragen?

Ja, nach drei Monaten wird man tatsächlich mit einer Polizeiwaffe auf die Straße geschickt. Und ich war nicht sehr gut im Schießen. Genau genommen war ich mit dieser Waffe eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Zum Glück musste ich sie im Polizeidienst nie einsetzen. Am schockierendsten an der Ausbildung finde ich aber, dass wir den Themenkomplex häusliche Gewalt in gerade mal drei Stunden abgehandelt haben, obwohl Polizisten damit tagtäglich konfrontiert sind. Wir bekamen eine Stunde Theorieunterricht. Der Rest bestand darin, dass wir uns einen Spielfilm zum Thema angesehen haben.

Was für Leute machen diese Kurz­ausbildung zum Polizisten?

Die kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Einer der Aus­zubildenden war vorher Türsteher, ein anderer Altenpfleger, wieder ein anderer hat vorher in einer Fabrik gearbeitet. Die Anforderungen sind niedrig, auch weil es an Personen mangelt, die überhaupt Polizisten werden wollen. Bei gerade mal 1 300 Euro netto, die ein angestellter Polizist verdient, ist das auch nicht verwunderlich. Also nehmen die jeden, den sie kriegen können.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie dort auch auf einen Auszubildenden trafen, der sich zuvor im Umfeld militanter Neonazis bewegt hatte. War das ein Einzelfall oder ist das gang und gäbe bei der französischen Polizei?

Dass es bei der französischen Polizei Rechte und Rechtsextremisten gibt, sollte einen nicht überraschen. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass die Mehrheit der französischen Polizisten entweder konservativ oder rechtsextrem wählt.

Hatten Sie in diesem Umfeld keine Angst, dass man Sie enttarnt?

Doch. Ich hatte zudem das Pech, dass zu dieser Zeit eine Reportage von mir im französischen Fernsehen lief. In dem Film ging es um die Arbeits­bedingungen bei Lidl. Dabei war ich selbst zu sehen. Leider hat einer der Auszubildenden auf meinem Zimmer die Reportage gesehen und mich ­erkannt. Ich habe dann nur sehr mühsam den Verdacht, dass ich die Person in der Reportage war, zerstreuen können. Ich habe das einfach strikt geleugnet.

Für Ihre Undercover-Recherche brauchten Sie einen sehr langen Atem. Nach der Ausbildung mussten Sie 15 Monate als Fahrer für eine Psychiatrie arbeiten. Erst ­danach ist es Ihnen gelungen, in eine reguläre Dienststelle im 19. Arrondissement in Paris versetzt zu werden. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag?

Ja. Ich war gerade zehn Minuten auf der Wache, als ich Zeuge wurde, wie ein Polizist einen Mann geschlagen hat, der sich in Gewahrsam befand. Der wollte nur auf die Toilette. Zwei Stunden später stand ich zusammen mit einem anderen Kollegen vor der Dienststelle. Wir waren für den Wachdienst eingeteilt. Eine Frau kam auf uns zu, die der Polizei mitteilen wollte, dass ihr Mann sie mit dem Tod bedroht habe. Statt die Frau auf die Wache zu bitten, war die Reaktion meines Kollegen lediglich, ihr zu sagen, dass sie noch einmal vorbeikommen solle, falls ihr Mann seine Drohung wiederhole. Hingegen hat derselbe Polizist zwei Minuten später jemanden, dem sein Handy gestohlen wurde, anstandslos vorgelassen. Nach diesem ersten Tag war ich einfach nur fassungslos.

In den darauffolgenden Monaten sind Sie vielfach Zeuge von Polizeigewalt worden. Können Sie weitere Situationen schildern?

Ich war beispielsweise drei- oder viermal dabei, als Migranten im Einsatzwagen verprügelt wurden. Einmal hat ein Migrant einen Polizisten mit seinem Handy angeblich an der Augenbraue berührt. Wie das passiert sein soll, weiß ich nicht. Ich habe das selbst nicht gesehen. Jedenfalls haben wir den Mann festgenommen und in den Wagen verfrachtet. Da­raufhin sind wir einige Kilometer gefahren, bis wir mitten auf der Straße anhielten. Einer der Polizisten hat dem Mann dann in dem Auto mehrfach ins Gesicht und auf den Brustkorb geschlagen. Danach haben wir ihn laufen lassen. Die meisten Gewaltakte, die ich beobachten konnte, haben eine Gemeinsamkeit: Sie finden unter dem Radar der Öffentlichkeit statt.

Wer sind in der Regel die Opfer dieser Polizeigewalt?

Schwarze oder arabischstämmige junge Männer. In meiner Zeit in ­dieser Dienststelle habe ich kein einziges Mal beobachtet, dass ein weißer Franzose Opfer geworden wäre. Die Gewalt zeigt sich auch in der Sprache: Die Polizisten bezeichnen untereinander Schwarze und Arabischstämmige häufig als »Bastarde« – ein extrem rassistisches Wort. Zuerst war ich schockiert, aber ­irgendwann, nach drei oder vier Monaten, fing ich selbst an, dieses Wort zu benutzen. Das wurde ein ganz alltäglicher Ausdruck für mich.

Wie haben Sie sich angesichts dieser Gewalt verhalten?

Wenn ich Gewalt sehe, will ich eigentlich nur wegrennen. Hier war ich viele Male gezwungen, an Ort und Stelle zu bleiben, um zu beobachten. Innerlich bin ich in diesen Momenten versteinert. Nach vier, fünf Monaten konnte ich nicht mehr. Ich war psychisch am Ende.

Einmal haben Sie bei polizeiinternen Ermittlungen einen Kollegen gedeckt, der einen schwarzen Jugendlichen misshandelt hatte. Wie kam es dazu?

Ein Kollege hat einen Jugendlichen bei einem Einsatz, im Polizeiauto und auch auf der Wache mehrmals geschlagen. Später hat er Anzeige ­gegen den Jugendlichen erstattet, und ein weiterer Kollege hat einen fingierten Bericht über den Einsatz angefertigt. Der Jugendliche hat ebenfalls Anzeige erstattet wegen Polizeigewalt. Weil Aussage gegen Aussage stand, wurden polizeiinterne Ermittlungen eingeleitet. Das heißt, alle, die bei dem Einsatz dabei waren, mussten befragt werden. Die Ermittlerin kam dann irgendwann auf mich zu und sagte: »Das ist nur eine Formalität, keine Sorge!« Da war mir sofort klar, was geplant war: Die wollten das unter den Teppich kehren. Und dafür brauchte es Falschaussagen.

Warum haben Sie dieses Spiel mitgemacht?

Zunächst habe ich schwer damit gehadert. Ich bin mir heute aber sicher, dass ich richtig gehandelt habe. Eine Undercover-Recherche ist wie ein fahrender Zug. Man springt auf und muss dann beobachten, was passiert. Hätte ich den Kollegen nicht gedeckt, wäre ich für all meine Kollegen zu ­einem Aussätzigen geworden. Ich hätte das Buch nicht beenden und den Fall nicht in dieser Form öffentlich machen können. So konnte ich hin­gegen alle Elemente dieses polizeilichen Fehlverhaltens genau beschreiben. Auch was die ermittelnde IGPN betrifft, das polizeiinterne Kontroll­organ. Polizisten ermitteln hier gegen Polizisten. Die Polizei ist aber eine Berufsgruppe mit einem unglaublich starken Korpsgeist. Also deckt man sich gegenseitig, und die Minderheit der wirklich gewalttätigen Polizisten wird nicht bestraft. Durch mein Buch hat die Staatsanwaltschaft von Paris nun neue Ermittlungen aufgenommen. Ich warte jetzt darauf, dass ich ein weiteres Mal vernommen werde. Ich will, dass der Kollege ­bestraft und das Opfer entschädigt wird.

Ihr Bericht hinterlässt den Eindruck, dass innerhalb der Polizei eine außer Kontrolle geratene Kultur der Gewalt herrscht. An einer Stelle beschreiben Sie, wie Ihnen ein Kollege voller Stolz ein Handyvideo zeigte, in dem er auf einen Menschen schießt.

Ja, so wie man eine Jagdtrophäe zeigt. Auf dem Video war ein Motorrad­fahrer zu sehen, der auf den Kollegen zufuhr. Der hat ihn dann angeschossen. Der Kollege wollte mir damit verdeutlichen, dass er nicht irgendwer ist, sondern jemand, der keine Angst hat. Bei der Polizei herrscht ein übertriebener Männlichkeitskult.

Die exzessive Polizeigewalt in Frankreich, gerade gegen Arabischstämmige, ist nicht neu. 1961, zur Zeit des Algerien-Kriegs, hat die Polizei unter demonstrierenden Algeriern ein Massaker angerichtet – mitten in Paris. Sehen Sie hier historische Parallelen?

Man kann jedenfalls sagen, dass seit einem Jahrhundert Menschen mit Migrationshintergrund die hauptsächlichen Opfer dieser Gewalt sind. Im 19. Jahrhundert konzentrierte sich die Polizei noch vor allem auf die Repression der Arbeiterklasse. Ab dem 20. Jahrhunderte aber findet man viele Fälle, in denen sich die Gewalt gegen die migrantische Bevölkerung richtet. Das liegt auch daran, dass ein Teil der Polizisten Migration mit Kriminalität gleichsetzt. Ich muss aber noch einmal betonen, dass nicht alle Polizisten so sind und die rassistische Gewalt von einer Minderheit ausgeht.

Amnesty International und auch die Uno kritisieren seit Jahren, dass Frankreich zu wenig gegen Polizeigewalt unternimmt. Allein bei den Protesten der Gelbwesten wurden Hunderte Demonstranten verletzt, einige davon schwer. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum sich in all den Jahren offensichtlich wenig geändert hat?

Die französische Bevölkerung ist beim Thema Polizei extrem gespalten. Ein Teil ist der Ansicht, dass die ­Gewalt in gewissen Fällen notwendig sei, nach dem Motto: Wo gehobelt wird, da fallen Späne – übrigens ein Satz, den ich auch auf der Wache mehrmals gehört habe.

Sie haben sechs Monate in der Dienststelle im 19. Arrondissement durchgehalten, bis Sie Ihre Kündigung eingereicht haben. Insgesamt hat die Recherche Sie zwei Jahre Ihres Lebens gekostet. Wie haben Sie sich selbst in dieser Zeit verändert?

Ich war früher ein relativ sorgloser Mensch. Ich hatte das Glück, ohne Gewalt aufzuwachsen. Die Tatsache, dass ich zumindest diese sechs Monate auf meiner Dienststelle in einer gewalttätigen Umgebung verbracht habe, hat mich stark verändert. Ich bin heute viel misstrauischer. Wenn ich früher zum Beispiel in die Metro eingestiegen bin, habe ich mir einfach einen Platz gesucht wie jeder andere auch. Heute beobachte ich die Menschen um mich herum genau. Ich passe die ganze Zeit auf.

Die französische Polizei hat auf Ihre Veröffentlichung nicht gerade begeistert reagiert. Würden Sie jetzt noch im 19. Arrondissement spazieren gehen?

Bislang war ich nicht noch einmal dort. Ich wüsste aber nicht, warum ich das vermeiden sollte. Mein Buch richtet sich überhaupt nicht gegen die Polizei. Mir ging es auch darum, auf die miserablen Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Der Polizei geht es schlecht, aber niemand spricht darüber. Ich habe dieses Schweigen gebrochen, und ich hoffe, dass mein Buch dazu beiträgt, die Situation zu verbessern. Ob meine ehemaligen Kollegen sich freuen würden, mich wiederzusehen, steht auf einem anderen Blatt.

Das Buch des Journalisten Valentin Gendrot über seine Investigativrecherche in der französischen Polizei ist unter dem Titel »Flic« (deutsch: Polizist) im Verlag Éditions Goutte d’Or erschienen.