Ein Nachruf auf die Schriftstellerin Ruth Klüger

Die Weiterlebende

Im Alter von 88 Jahren ist die Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger gestorben.


Ruth Klüger hat die Shoah überlebt und in ihren Erinnerungen »Weiter leben« Zeugnis vom Grauen der Vernichtungs­lager abgelegt. Als eine der wenigen Frauen, deren Bücher zum Kanon der Holocaust-Literatur gezählt werden, verknüpfte sie subjektive Erfahrungen mit den Debatten der Shoah-Forschung, formulierte geschlechtsspezifische Perspektiven und feministische Kritik. Durch ihren entschiedenen Einspruch gegen Holocaust-Kitsch und Gedenkstättentourismus provozierte sie neue Auseinandersetzungen. Ihre Dialogbereitschaft wurde mitunter als Versöhnungsangebot missverstanden. Sie ließ es in ihrem Verhältnis zu Deutschland nicht an Klarheit mangeln: »Ich halte Ressentiments für ein angebrachtes Gefühl für Unrecht, das nicht wiedergutzumachen ist.« Klügers Verhältnis zu ihrer Geburtsstadt Wien blieb ambivalent.

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Es war ihr wichtig, dass der Großteil ihres Lebens mehr mit Barockgedichten und Heinrich von Kleist als »mit diesem Buch« zu tun gehabt hatte. Ihre Essays vermitteln eine Begeisterung für Literatur, die als »naive Bekanntschaft« in einem »judenkinderfeindlichen« Umfeld begann. Als sie später zum Leidwesen ihrer Söhne, denen sie selbstgedichtete Limericks in die Lunchboxen legte, die Sprache der Täter nicht mehr benutzte, blieben Gedichte, die in Auschwitz zur Überlebensstrategie gehört hatten, »verlässlicher Seelenbeistand«. Nach ihrer Emigration in die USA 1947 studierte sie zunächst Bibliothekswissenschaften und Anglistik, später machte sie trotz des zwiespältigen Verhältnisses zur deutschen Sprache eine beachtliche akademische Karriere als Germanistin.

Darüber, wie ihr Weiterleben als Frau und Jüdin im männlich dominierten Universitätsbetrieb und in der US-amerikanischen Diaspora verlaufen ist, hat sie eine weitere Autobiographie geschrieben. »Unterwegs verloren« beginnt mit der Begründung, warum sie sich die tätowierte KZ-Nummer entfernen ließ und setzte die Aufarbeitung fort. Wegen einer Passage über das Scheitern ihrer Ehe wurde ihr »Unversöhnlichkeit« unterstellt. Ein Vorwurf, der verkennt, wie sensibel, aber auch unerbittlich Klüger auf Ungerechtigkeiten und Verlogenheit reagierte. Dabei vermochte sie stets zu differenzieren, war auf eine abgeklärte Weise ehrlich und hatte große Freude am Streitgespräch.

»Wir sind ein Auslaufmodell und die wenigen von uns, die es noch gibt, sind Kinder gewesen«, sagte sie 2011 in einer Rede. Bei jeder Nachricht vom Tod einer Überlebenden war die Vorstellung, dass Ruth Klüger gerade zufällig Heinrich Heine rezitiert oder Blackjack spielt, ein kleiner Trost. Am 6. Oktober ist sie im Alter von 88 Jahren im kalifornischen Irvine gestorben.