Debatte: Nutzen und Schaden von Heizpilzen

Wie hot darf es sein?

Der Herbst hält Einzug, es wird schwieriger, mit der pandemiebedingten Gewohnheit fortzufahren, sich draußen zu treffen. Deshalb wollen einige Politiker und Lobbyisten das ­Verbot von Heizpilzen aufheben ­lassen. Zurecht?

Fortschritte im Kampf gegen die Erderwärmung sollten nicht wegen der Covid-19-Pandemie aufgegeben werden.

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Viele von der Covid-19-Pandemie gebeutelte Kneipiers und Restaurant­besitzer werden sich in den kommenden Wochen besonders intensiv mit dem Einsatz eines mittelgroßen hässlichen Accessoires auf ihrer Terrasse beschäftigen: der allgemein als Heizpilz bezeichneten Terrassenheiz­strahler. Nur mit dem Einsatz von Heizpilzen könne man in der Pandemie über den Winter kommen, verlautete der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) teilt diese Einschätzung mit dem nordrhein-westfälischen ­Ministerpräsidenten, Armin Laschet (CDU). Selbst Politiker der Grünen wie Anton Hofreiter sehen hier eine »spezielle Ausnahmesituation«, die es erfordere, die »Verbote zeitlich befristet auszusetzen«.

Was da genau die Terrassen kuschelig warm machen soll, sind mit Gas betriebene Heizstrahler, von denen jeder rund vier Tonnen Kohlendioxid pro Jahr in die Luft bläst, wenn er 40 Stunden pro Woche in Gebrauch ist. Greenpeace zufolge entspricht das den jährlichen Emissionen eines Kleinwagens. Wegen dieses absurd hohen Energieverbrauchs haben in den vergangenen Jahren in immer mehr Städte und ganze Bundesländer den Betrieb der ­Geräte untersagt. Wenn sich Politiker in der Pandemie besondere Sorgen um den Erhalt von Arbeitsplätzen und Kneipen machen, könnten sie sich auch auf die Suche nach einer ökologisch sinnvollen Alternative zum Heizpilz machen. Stattdessen wird leicht panisch über die Probleme der kalten Jahreszeiten diskutiert, als handele es sich um ein gänzlich neues Phänomen.

Zwar bekommen Herbst und Winter in der Pandemie eine neue bedrohliche Dimension, allerdings stellen sich seit vielen Jahren Tausende Rad- und Motorradfahrerinnen, Wanderer, Hundebesitzerinnen und Angler in jedem Herbst auf kalte Temperaturen ein. Sie nutzen Wollsocken und dicke Jacken, Heizkissen, Wolldecken und warme Getränke und kommen ganz gut ohne Heizpilze aus. Auch Bewegung zwischendurch soll helfen. Der steife Grog wärmt besser als der kühle Cocktail. Den eignen Körper warmzuhalten, ist jedenfalls sinnvoller, als die Straße zu beheizen.

Selbst auf dem Markt der Heizgeräte gibt es Alternativen zur kleinen schmutzigen Gasfackel »Heizpilz«, die sich ­jedoch noch nicht weit herumgesprochen haben. »Ökopilze« verbrauchen mit kleinerer Flamme und reduzierter Abluft weniger Gas und produzieren dementsprechend deutlich weniger CO2, aber gleich viel Wärme. Der konventionelle Pilz ist ein Zwölf-Kilowatt-Gerät, der Ökopilz ein Vier-Kilowatt-Gerät. Weniger Verbrauch bedeutet eben nicht weniger Leistung und mehr Frieren.

Infrarotlampen sind eine weitere ­alternative Wärmequelle. Sie sind etwas teurer und in der Installation etwas aufwendiger, weil man einen Stromanschluss braucht und Kabel legen muss. Die Infrarotlampe hat dafür einen deutlich geringeren Verbrauch, weil sie nur punktuell Hitze abgibt. Die Lampe geht nur an, wenn man sich ihr nähert, und die Strahlung ist nicht weit gestreut, sondern richtet sich gezielt auf die betreffenden Personen. Die CO2-Bilanz der elektrischen Strahler ist nach Angaben des Umweltbundesamts ähnlich schlecht wie die von gasbetriebenen Heizpilzen. Das liegt allerdings an der emissionsreichen Stromerzeugung in Deutschland – ein grundlegenderes Problem, das auch mit einer höheren Bereitschaft zum unbeheizten Aufenthalt im Freien nicht zu beseitigen ist.

Die Debatte über die temporäre Aufhebung der Heizpilzverbote zeigt, dass die Hoffnung, die Pandemie könne zum Umweltretter werden, einen Ausweg aus der wachstumsfixierten Konsumgesellschaft weisen, wohl eine Illusion war. Doch irgendwann muss man eben mit dem Klimaschutz anfangen. Irgendeinen Nachteil gibt es immer, irgendwelche alten Gewohnheiten und traditionellen Geschäfte sind immer bedroht. Wenn nun sogar Grüne ja zum Heizpilz sagen, so darf man bezweifeln, ob diese Partei, sollte sie demnächst an der Bundesregierung beteiligt sein, tatsächlich die Pariser Klima­beschlüsse verwirklichen wird.

Heinrich Thüer

 

Der Verzicht auf soziale Kontakte rettet das Klima auch nicht.

Der Deutsche liebt seine Pilze – insbesondere Pfifferlinge, Maronen, Steinpilze. Am liebsten hat er sie, wenn sie auf Kreidetafeln der Restaurants sai­sonal hochgejazzt werden. Im Frühling der Spargel, im Herbst die Pilze – so hat die Natur das eingerichtet, und der Deutsche findet Natur super. Des­wegen hat es eine Pilzart bei ihm seit einigen Jahren eher schwer: der Heizpilz.

In vielen Städten oder Stadtbezirken sind die Geräte inzwischen verboten, weil sie größere Mengen CO2 emittieren, was bekanntlich dem Klima schadet. Außerdem ist es – siehe Spargel- und Pilzsaison – nur natürlich, dass es im Winter draußen kalt wird, man folglich reingehen muss und Raucher eh selbst schuld sind. Da kann der Deutsche übers CO2-dampfende Internet täglich fünf Pakete bei Amazon ordern und vier davon mit dem nächsten ­Diesel-LKW wieder zurückschicken. Das eine – hemmungsloser Konsum – ist eben systemrelevant (zumindest für das eigene innere Belohnungssystem). Das andere – Wärmequellen im Außenbereich – eher nicht.

Gut, ein wuchtig qualmendes Osterfeuer muss sein, und tägliches Grillen im Sommer. Das ist tradierte kulturelle Identität. Heizpilze dagegen hatten die germanischen Ahnen nicht. Da hieß es im Winter: Gruppenkuscheln unter Pelzen. Und das wäre auch okay, gäbe es da nicht dieses Virus, das muggeligen Indoor-Events derzeit den Entspannungswert einer zünftigen Partie Russisch Roulette verleiht.

Heizpilze oder die kaum besser beleumundeten Elektroheizer könnten im Pandemiewinter durchaus ein Mindestmaß an halbwegs sicherer Geselligkeit ermöglichen und gastronomische Betriebe vor der Insolvenz retten. Wäre da nur nicht dieser blöde Klimawandel, der sich dadurch – ja was? beschleunigen würde? Wegen ein paar Tausend Heizpilzen, die ihr wärmendes Wunderwerk verrichten, während zugleich ein Großteil der Flugzeuge am Boden bleibt? Aber nein, diese Gegenüberstellung darf man so nicht machen. Die sinkenden Flug­zahlen müssen schließlich schon mit dem wachsenden Online-Kaufrausch verrechnet werden, der wiederum – wir hatten es bereits – systemrelevanter ist als menschliches ­Miteinander vor klammen Kiezkneipen. Zudem gibt es für richtig gute gastronomische ­Betriebe (oder das, was wirtschaftsliberale Politiker und Journalisten dafür halten) innovativere Lösungen als Heizpilze. So setzt etwa Sternekoch Tim Raue auf Ozonlüfter, die die Raumluft »weitgehend virenfrei« halten sollen, andere Edelrestaurants auf ­Hepa-Luftfilteranlagen oder supercoole »Virenfänger«, wie kürzlich der Berliner Tagesspiegel DAX-froh verkündete: »Hohe Investitionen stehen an.«
Leider ist die Wirksamkeit solcher Anlagen gegen Sars-CoV-2-Infektionen ­zumeist nicht sicher nachgewiesen. Sicher ist nur, dass man Geld braucht, um investieren zu können, und klei­nere Betriebe nach den Schließungen im Frühjahr keins mehr haben. Aber so ist das eben. Mal gewinnt der eine, mal verlieren die anderen.

Immerhin, selbst den Grünen scheint die Vielschichtigkeit der Problematik langsam bewusst zu werden. Nach anfänglicher genereller Ablehnung von Außenheizsystemen sprach sich zuletzt die grüne Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop für elektronische Heizer anstelle gasbetriebener Pilze aus. Zwar emittieren diese, da ja 65 Prozent des deutschen Stroms aus fossilen Quellen kommen, nur unwesentlich weniger CO2. Aber das darf bei Elektroautos, mit denen man Verbrennungsmotoren den Garaus machen will, schließlich auch niemanden stören. So lange nur immer neue Technologien produziert und konsumiert werden, können die Grünen immerhin 50 Prozent ihres Wahlslogans »Konjunktur stützen – Klima schützen« umsetzen und diesen Erfolg innovativ-aerosolfrei bei Tim Raue mit Bio-Schampus feiern.

Wer Klimaschutz ernst meint, wird nicht darum herumkommen, unser auf stetigem Wachstum gründendes Wirtschaftssystem (alias Kapitalismus) grundsätzlich in Frage zu stellen. Die Bedeutung von Heizpilzen für die CO2-Bilanz hingegen ist weit geringer als ihr Wert für den Erhalt niedrigschwelliger sozialer Strukturen in Pandemiezeiten und die psychische ­Verfassung all jener, die darin aufgefangen werden.

Markus Liske