Der Dokumumentarfilm »Die Dohnal« von Sabine Derflinger

Die Lästige

Die Filmemacherin Sabine Derflinger würdigt in einem beeindruckenden Filmporträt die Feministin, Kämpferin und erste öster­reichische Frauenministerin Johanna Dohnal.

Beim Parteitag der Sozialdemokra­tischen Partei Österreichs (SPÖ) am 3. November 1979 gibt Johanna ­Dohnal im Fernsehen ihr erstes Interview als frisch ernannte Staats­sekretärin für Frauenfragen. »Was ist das für ein Gefühl?« fragt der Journalist des ORF, als habe sie gerade einen Preis gewonnen. »Gar kein Gefühl«, antwortet Johanna Dohnal und bringt ihr Gegenüber für einen Moment aus dem Konzept. Der ­Reporter will weiter wissen, was für ihre Tätigkeit ausschlaggebend sein werde und kommt erneut auf das ­Gefühl zu sprechen. »Ich weiß überhaupt nicht, wie sich ein Staats­sekretär fühlt, ich glaube, so wie jeder andere Mensch auch, aber die Frauenfrage ist eine gesellschafts­politische und nach meiner Auffassung keine Frauenfrage«, stellt Johanna Dohnal klar. Bis zu ihrem Ausscheiden aus der offiziellen Politik wird sie nach diesem Grundsatz verfahren.

Anzeige

Beim Anhören der Reden und Interviews von und mit Dohnal, die 1939 in Wien geboren wurde und 2010 im niederösterreichischen Grabern starb, fällt vor allem die klare Sprache auf, die sich von der heutigen politischen Rhetorik des Drumherumredens, den Worthülsen und schiefen Metaphern deutlich unterscheidet. »Aus taktischen Gründen leisezutreten, hat sich immer noch als Fehler erwiesen« ist ein typischer Dohnal-Satz. Die Filmemacherin Sabine Derflinger, die mit Dohnal »aufwuchs« – sie war 16 Jahre alt, als die Politikerin Staatsministerin wurde –, orientiert sich an diesem Zitat. Statt die Ausnahmepolitikerin zu historisieren und ihr damit museale Weihen zukommen zu lassen, wird sie in »Die Dohnal – Frauenministerin, Feministin, Visionärin« zur Hauptperson einer Gegenwartsbefragung.

Als erste Frauenministerin Österreichs unter Bundeskanzler Franz Vranitzky wurden auf Dohnals Initiative elementare Frauenrechte wie die Beseitigung der Amtsvormundschaft für ledige Mütter, die strafrechtliche Verfolgung von Vergewaltigungen in der Ehe und das gesetzliche Verbot sexueller Belästigung festgeschrieben.

Neben Einzelinterviews mit Familienmitgliedern, ehemaligen Mitarbeiterinnen und Politikern – darunter mit Dohnals Witwe Annemarie Aufreiter, ihrer Tochter und Enkelin und dem ehemaligen Kanzler Franz Vranitzky, in dessen Kabinett sie 1990 Ministerin für Frauenfrage geworden war – hat die Filmemacherin auch verschiedene Gesprächsrunden mit Vertreterinnen jüngerer Generationen aus der Sozialistischen Jugend Österreichs, dem Frauenvolksbegehren 2.0 und anderen Gruppen initiiert. Die politischen Errungenschaften, die Dohnal erkämpft hat, aber auch die Aktualität ihrer Forderungen sind ein wiederkehrendes Thema. Eine Feministin hat es in der Regierung Österreichs nach ihr nicht mehr gegeben.

Als Johanna Dohnal von Bundeskanzler Bruno Kreisky 1979 zur Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen in die Bundesregierung berufen wurde, war die rechtliche Gleichstellung der Frau gerade mal seit acht Jahren gesetzlich verankert. Aber der Zeitgeist »wehte feministisch«, erinnert sich Trautl Brandstaller, Leiterin des ORF-Frauenmagazins »Prisma«. 1974 war die US-amerikanische Feministin Gloria Steinem in der Wiener Stadthalle zu Gast – auf Einladung des damaligen Bundeskanzlers, heute undenkbar in Österreich.

Dohnals Ernennung zur Staatssekretärin (1979) beziehungsweise zur Bundesministerin für Frauenangelegenheiten (1990) stieß aber auch auf Widerstand – nicht nur außerhalb ihrer Partei, sondern auch in den eigenen Reihen. Mit ihren gerade mal 40 Jahren stand die Politikerin, die schon mit 17 in die SPÖ eingetreten und seitdem auf den verschiedensten Ebenen in der Gleichberechtigungspolitik aktiv gewesen war, bei ihrer Ernennung zur Staatssekretärin auch für einen Generationenwechsel.

Dabei nahm sich ihr Werdegang zunächst traditionell aus. 1939 in bescheidene Verhältnisse hineingeboren und vaterlos aufgewachsen, ­begann Johanna Dohnal eine Ausbildung zur Industriekauffrau und heiratete früh. Die Benachteiligungen als arbeitende Mutter erfuhr sie am eigenen Leib; nachdem sie ihr zweites Kind bekommen hatte, wurde ihr gekündigt. Ihre lesbische Identität lebte sie erst, nachdem ihre Ehe am Ende war. Dass sie mit einer Frau zusammen war, verbarg sie zwar nicht, ein offenes Bekenntnis gab sie dennoch nie ab, was ihr von femi­nistischer Seite verschiedentlich vorgeworfen wurde.

Johanna Dohnal war trotz ihrer Radikalität immer auch Pragmatikerin. »Es war schlicht in der SPÖ nicht denkbar. Punkt«, sagt Aufreiter dazu. Dass Dohnal trotz all ihrer Integrität und Glaubwürdigkeit natürlich auch immer eine Rolle spielen musste, zeigt ein Foto, das die Fotografin Elfie Semotan von ihr gemacht hat. Die »private« Person, die hier im Anzug und mit Zigarette im Mund zu sehen ist, strahlt eine Gelassenheit und Coolness aus, die bei den öffentlichen Auftritten hinter einer amtlichen Haltung versteckt bleiben.

Derflinger erzählt Dohnals frauenpolitische Kämpfe und die damit verbundenen Debatten zum großen Teil mit Archivmaterial, etwa aus der Diskussionsendung »Club 2« oder »Prisma«, einem TV-Magazin, das die Emanzipation der Frau thematisierte und wichtige Anstöße zur Frauenpolitik lieferte. »Die Dohnal« wirft so einen Blick auf den gesellschaftlichen Zustand der damaligen Zeit und schreibt nebenbei auch eine Geschichte des österreichischen Fernsehens. An den Redebeiträgen der Talkshowgäste wie auch gewöhnlicher Menschen, die auf der Straße zu Themen wie etwa Elternzeit für Väter befragt werden, wird klar, in welch konservatives und frauenfeindliches Klima Dohnal ihre Überzeugungen hineintragen musste. In Fernsehrunden war sie zum Teil heftigen Angriffen ausgesetzt; nach einer Parlamentsdebatte über Vergewaltigung, so erinnert sich Aufreiter, habe sich Dohnal zu Hause erst einmal übergeben müssen. Ein herablassender Blick auf ihr Amt war die Normalität. »Ewig Frauenfragen?« wird sie in ­einer Pressestunde gefragt: »Füllt das ihr Leben aus?« – »Ja, mehr als ich manchmal verkraften kann.«

Trotz Gegenwinds konservativer Kräfte kämpfte Johanna Dohnal für Gesetzesänderungen, die heute selbstverständlich sind. Als erste Frauenministerin Österreichs unter Bundeskanzler Franz Vranitzky wurden auf ihre Initiative elementare Frauenrechte wie die Beseitigung der Amtsvormundschaft für ledige Mütter, die strafrechtliche Verfolgung von Vergewaltigungen in der Ehe und das gesetzliche Verbot sexueller Belästigung festgeschrieben. Dohnal ging aber auch an die Fundamente der geschlechtlichen Sozialisation, wenn sie sich gegen Rollenklischees in Kinderbüchern wandte und ein zeitgemäßeres Familienbild forderte oder sich dafür stark machte, junge Frauen für vermeintliche »Männerberufe« zu interessieren.

Bei einer auf ihre Initiative entstandenen Aktion wurde mit einem Lehrfilm, Flugblättern, öffentlichen Diskussionsrunden und politaktivistischen Volksliedern (»Wir Frauen halten z’amm«) dafür geworben, dass junge Frauen Berufe wie Installateurin oder Maschinenbauerin ergreifen. 1978 unterstützte Dohnal die Gründung des ersten Wiener Frauenhauses und reiste zu verschiedenen Frauenberatungsstellen, die oft anonym in Kaufhäusern eingerichtet wurden. Einmal sei eine Bäuerin, die seit 40 Jahren von ihrem Mann geschlagen wurde, den weiten Weg aus Tirol angereist. Sie hatte entschieden, sich scheiden lassen, und wollte wissen, was zu tun sei, erzählt Aufreiter.

Als die lange Jahrzehnte dominierende SPÖ durch das Erstarken von Jörg Haiders Freiheitlicher Partei Österreichs unter Druck geriet, verlor Dohnal an Rückhalt. 1995 wurde sie gegen ihren Widerstand von Vranitzky aus der Regierung entlassen. Als sie ihre Sachen holen wollte, stand ihr der Dienstwagen schon nicht mehr zur Verfügung. Auch das Namensschild an der Tür hatte man bereits ausgewechselt. Dohnal aber blieb, wie sie selbst einmal verschmitzt sagte, weiterhin »lästig«.

Die Dohnal – Frauenministerin, Feministin, Visionärin (Österreich 2019).
Drehbuch und Regie: Sabine Derflinger.
Filmstart: 29. Juli
Auch als DVD und Video on demand erhältlich.