Seth J. Frantzman, Nahostkorrespondent, über den Einsatz von Drohnen in Konflikten

»Allein mit Drohnen kann man keine Kriege gewinnen«

Interview Von

Was macht Drohnen so interessant und gleichzeitig so gefährlich?

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Jeder kann diese Maschinen benutzen, egal ob Drogenboss, Terrorist, Soldat oder Polizist. Das Seltsame an Drohnen ist, dass sie meistens sehr klein sind, fast unsichtbar und lautlos. Man weiß nicht, ob es Freund oder Feind ist. ­Irgendwie gruselig.

Welche Arten von Drohnen gibt es?

Drohnen – die technische Bezeichnung ist unbemannte Luftfahrzeuge (UAV) – waren zunächst sehr groß und wurden für spezielle Missionen eingesetzt, wie 1982 im ersten Libanon-Krieg, als Israel die syrische Luftverteidigung ausschaltete. Die USA nutzten sie häufig, um gezielt Terroristen zu töten. Heut­zutage gibt es UAVs von der Größe einer Kaffeetasse bis zu der eines Wals.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Drohnen die Schlachtfelder der Zukunft entscheidend beeinflussen werden. In welchem Ausmaß werden sie die Zukunft des Krieges verändern?

Wir werden eine ganze neue Kriegsführung sehen, die Computertechnologie und Künstliche Intelligenz (KI) verwendet. Auch wird die Zukunft zeigen, welches Militär die unbemannten Flugzeuge, Schiffe und Militärfahrzeuge am effektivsten einsetzt. Sie ermöglichen hochtechnologisierten Armeen eine präzisere Kriegsführung und können auch zur Langzeitüberwachung verwendet werden.

Was ist darunter zu verstehen?

Die meisten Streitkräfte lassen Drohnen für mehrere Tage über Städte fliegen, um sich Informationen zu verschaffen. Diese können dann mit anderen Drohnen ausgetauscht werden. Es ist viel aufwendiger, ständig bemannte Aufklärungsflugzeuge in der Luft zu haben.

Man verwendet Drohnen also auch, um potentielle Gefahren aufzuspüren?

Im Gegensatz zu einer F-16 (Mehrzweckkampfflugzeug aus US-amerikanischer Produktion, Anm. d. Red.) können Drohnen auf eine Gelegenheit warten, um einen Terroristen aufzuspüren oder sonst irgendein Ziel anzu­greifen. Sie können gezielter eingesetzt werden, da sie ununterbrochen am Himmel schweben. Für Armeen sind ihre Einsätze auch mit weniger Risiken verbunden, da keine Piloten zu Schaden kommen können.

Wie sieht es für technologisch nicht so gut ausgerüstete Streitkräfte aus?

UAVs ermöglichen es vergleichsweise kleinen Armeen oder Ländern, die nicht zu den OECD-Staaten gehören, aber ein großes Budget besitzen – zum Beispiel Aserbaidschan –, als ernstzunehmende Luftstreitkraft aufzutreten, ohne moderne Kampfjets zu besitzen.

Gilt das auch für die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain?

Es gilt für jedes Land der Welt, das ­genügend Geld für Militärausrüstung ausgeben kann. Anstatt in die Ausbildung von Piloten zu investieren, kaufen sie lieber Drohnen. Von den USA, von ­Israel, aber vor allem von den sogenannten aufstrebenden Mächten wie China oder der Türkei, die viel in diese neuen Technologien investieren.

Die Kriegsbereitschaft wird also größer?

Zum Teil, doch einzelne Staaten wollen keine neuen Kriege, da sie dennoch viele Opfer kosten könnten. So hat die Türkei bei ihren Einsätzen in Syrien und im Irak verstärkt Drohnen eingesetzt. Ob diese die Schlachtfelder der Zukunft verändern, werden wir erst in der nächsten Phase erleben. Momentan sind es noch Versuche, unbemannte Maschinen einzusetzen und dabei innovativ zu sein.

Brauchen Armeen dann noch Piloten oder überhaupt Soldaten?

Die wird man immer brauchen, obwohl nach israelischen Angaben Drohnen bereits heute 80 Prozent der Flugstunden bei den Luftstreitkräften ausmachen. Experten bezeichnen diese Geräte als die »drei D« (dull, dirty, dangerous, zu Deutsch: dröge, schmutzig, gefährlich). Die nächste Technologiegenera­tion wird ganz anders sein, UAVs, die besser vernetzt sind und unter anderem Grenzen bewachen; Dutzende von Drohnenschwärmen, die künstliche Intelligenz einsetzen.

Die israelische Armee (IDF) bezeichnete den elftägigen Konflikt im Gaza-Streifen dieses Jahr als »ersten KI-Krieg«.

Trotzdem war es kein »perfekter Waffengang«, da es zivile Opfer gab. Die IDF erklärten, der jüngste Konflikt sei viel gefährlicher, schneller und tödlicher gewesen als der Krieg 2014. Doch es ­wurden nicht so viele Hamas-Kämpfer getötet, da die IDF diese meines Erachtens nicht »neutralisieren«, sondern eher deren Tunnel und Waffenfabriken zerstören wollten. KI war bestimmt sehr hilfreich. Doch sie wird nicht alle Probleme des Generalstabs lösen, der nicht das Leben von Soldaten und Zivilisten riskieren möchte.

War der Drohneneinsatz im jüngsten Gaza-Krieg nur eine Art Training für den nächsten Einsatz im ­Libanon?

Israel nutzt viele Drohnen für die Sicherung der Nordgrenze. Bei einem Konflikt mit der Hizbollah werden die IDF alles benutzen, was sie einsetzen können, und UAVs werden einen großen Teil davon ausmachen.

Welche Rolle werden Drohnen für die zukünftige Kriegsführung ­spielen?

Sie sind wie Panzer und Flugzeuge Teil der Kriegsführung. Es ist eine ganz neue Art von Maschine, eine Art Plattform, die zum Sammeln von Informa­tionen verwendet werden kann, aber auch, um verschiedene Ziele auszu­löschen. Doch selbst große Drohnen sind nicht mit vielen Raketen ausgestattet. Allein mit UAVs kann man also keine Kriege gewinnen.

Trifft das auch auf andere Konflikte der jüngsten Vergangenheit zu, zum Beispiel in Bergkarabach?

Aserbaidschan setzte im Kaukasus-Konflikt einige türkische und israelische UAVs ein, um die armenische Luftverteidigung und Militärfahrzeuge zu neutralisieren. Doch man kann nicht von einem »Drohnen-Blitzkrieg« sprechen. Um den Krieg zu gewinnen, operierte Aserbaidschan in der zweiten Phase mit Bodentruppen.

Werden Drohnen also hauptsächlich für Aufklärungsmissionen oder gezielte Angriffe – wie bei der Tötung des iranischen Offiziers Qasem So­leimani – eingesetzt?

Sowohl als auch. KI kann bei Überwachung oder Ausführung viel leisten. Wenn zum Beispiel das gesamte Gebiet rund um Gaza mit vielen kleinen Drohnen ausgestattet ist, können diese im Gegensatz zum menschlichen Auge kleine Veränderungen und Details in der Umgebung erkennen und im Zeitverlauf vergleichen.

Im Gaza-Streifen unterstützt der Iran die Hamas und weitere Terrorgruppen auch mit UAVs. Ist die ­iranische Drohnentechnologie eine akute Gefahr?

Da der Iran mit seinen alten US-Kampfjets aus den Zeiten des Schahs keine schlagkräftigen Luftstreitkräfte besitzt, hat er in den vergangenen drei Jahrzehnten enorm in die Entwicklung von Drohnen investiert und sein Sortiment ständig erweitert. In den vergangenen Jahren flogen mindestens zwei iranische Drohnen über Israel. Mittlerweile hat das iranische Regime seine Technologie auch an seine Stellvertreter exportiert, etwa an die Hizbollah im Libanon, die Houthis im Jemen und weitere Terrormilizen im Irak und Syrien.

Welche Gefahren entstehen durch diese nichtstaatlichen Organisationen?

Für sämtliche Terrororganisationen und Milizen ist es eine Revolution, weil es ihnen die Möglichkeit gibt, eine Art von Luftwaffe zu besitzen. Vor nicht allzu langer Zeit hatten sie noch nicht einmal weitreichende Raketen. Drohnen ermöglichen diesen vergleichsweise schwachen Gruppen, ihren Terrorismus mit einer ganz neuen Methode zu verbreiten, über die bislang nur Staaten mit Kampfflugzeugen verfügten.

Die Bedrohung durch den Iran wächst nun also auch durch Drohnen?

Der Iran ist sehr aktiv und in vielerlei Hinsicht ein Vorreiter auf diesem Gebiet. Durch seine Stellvertreter stellt er eine ständige Bedrohung für Israel und sämtliche sunnitisch-arabischen Staaten dar. Vor allem durch die sogenannte »Kamikaze-Drohne«, die wie ein Marschflugkörper mit einem Sprengkopf ausgerüstet ist, ähnlich einer deutschen V1 im Zweiten Weltkrieg. Diese Art von UAV hat eine komplizierte Flugbahn und stellt für die Luftabwehr ein sehr schwierigeres Ziel dar.

Könnten UAVs die iranischen Atomanlagen zerstören?

Drohnen können keine Sprengköpfe von solcher Größe tragen. Israel müsste daher Kampfjets einsetzen oder Langstreckenraketen. Aber meiner Meinung nach will der Iran gar keine Atombombe bauen. Das Regime will die Welt lieber erpressen und mit einer »falschen« Bombe bedrohen. Ich glaube auch nicht, dass Russland, China und andere Länder in der Region ihm erlauben würden, zur Nuklearmacht aufzusteigen.

Welche Auswirkungen hat die neue Technologie auf den Schattenkrieg zwischen Israel und Iran?

Die neuen Technologien, die der Iran in dieser asymmetrischen Kriegsführung einsetzt, machen selbst einen hochtechnisierten Staat mit so starker Luftverteidigung wie Israel anfällig. ­Sogenannte weiche Ziele wie Schiffe, Ölanlagen oder andere zivile Einrichtungen sind durch UAVs einer akuten Gefahr ausgesetzt.

Welche Möglichkeiten hätte dann die moderne israelische Luftverteidigung?

Sie benötigt einen guten Radardetektor, da Drohnen sehr niedrig fliegen können. Und natürlich Möglichkeiten, sie mit Raketen oder Lasern abzuschießen; oder auch mit Kampfflugzeugen, da UAVs sehr langsam sind.

Wie funktioniert der Drohnenmarkt?

Es ist ein Multimilliarden-Dollar-Markt, der stetig wächst. Aber man muss zwischen dem militärischen und dem zivilen Markt unterscheiden. Für Hochzeitsfeiern werden verschiedene UAVs vom chinesischen Hersteller DJI oder von kleineren Unternehmen verwendet.

Und für das Militär, Polizei und andere Sicherheitsorgane?

Da war Israel das erste Land, das moderne Drohnen baute und im Gegensatz zu den USA weltweit verkaufte. Heute ist China in diesem Bereich weltweit führend. Aber auch die Türkei und die USA mischen kräftig mit.

Und der Iran?

In diesem Bereich ist er nicht Teil des globalen Markts. Außer vielleicht an Venezuela verkauft das Regime keine Drohnen, sondern bewaffnet eher seine Stellvertreter in der Region damit.

Ist eine Veränderung des Mächtegleichgewichts wahrscheinlich?

Ja. Aber durch den Einsatz von KI und der sogenannten automatischen Ziel­erkennung gibt es auch positive Effekte, zum Beispiel bei Such- und Rettungseinsätzen in gefährlichen Regionen.

Wird man Drohnen im alltäglichen Leben einsetzen?

Hochentwickelte Industrienationen werden weiter in die Drohnentechnologie investieren, damit UAVs Teil unseres Lebens werden, zum Beispiel für Paketlieferungen und andere Dienstleistungen. Dafür muss man dann aber auch neue Gesetze erlassen, etwa dass Drohnen nur bis zu einer bestimmten Höhe fliegen dürfen, um keine Flugzeuge zu gefährden, eine Art Drohnen-Autobahn.

 

Seth Frantzmann

Seth J. Frantzman ist leitender Nahostkorrespondent der »Jerusalem Post«. In seinem im Juni bei Bombardier Books erschienen Buch »Drone Wars. Pioneers, Killing Machines, Artificial Intelligence, and the Battle for the Future« beschäftigt er sich mit den Ursprüngen, den ­aktuellen Entwicklungen und der Zukunft von Drohnen.