Ein Gespräch mit dem Autorenkollektiv Wu Ming über Kritik an Italiens Pandemiepolitik

»Der Green Pass ist ein reines Propagandainstrument«

Das linke Autorenkollektiv Wu Ming spricht im Interview über Proteste gegen den sogenannten Green Pass in Italien, Verschwörungsglauben und radikale Kritik an der Pandemiepolitik.
Interview Von

Verantwortlich für den Angriff auf die CGIL vom 9. Oktober (siehe Infokasten) waren Neofaschisten. All­gemein kann man feststellen, dass die extreme und sonstige Rechte bei den Protesten gegen das Pandemiemanagement stark vertreten ist. Warum halten Sie die Bezeichnung der Mobilisierungen gegen den Green Pass als ausschließlich faschistisch für falsch?
Bereits im Frühjahr 2020 hatten wir vermutet, dass der soziale Unmut sich entladen würde, sobald die Angst vor dem Virus nachlässt. Wir schrieben, dass die fehlende Kritik am Umgang der ­Regierung mit der Pandemie den unvermeidlichen Protest in etwas sehr Verwirrendes und Zweideutiges verwandeln würde, das der extremen Rechten und verschiedenen Verschwörungstheoretikern dient. Wir kritisieren auch einen Großteil der Linken scharf, die eine »virozentrische« Sichtweise vertraten, das heißt, sie konzentrierten sich ausschließlich auf die Ansteckungsgefahr und sprachen kaum darüber, dass das politische Management der Pandemie irrational, ungerecht und heuchlerisch war. Wir kritisierten die Leichtigkeit, mit der Etiketten angebracht wurden, sowie das Festhalten am von uns so genannten »pandemischen sozialen Frieden« der Regierung Draghi (Mario Draghi ist seit dem 13. Februar 2021 Ministerpräsident Italiens, Anm. d. Red.) aus Angst, »das Gleiche wie die Rechten« zu sagen. Die Mobilisierungen strotzen ja auch vor ideologischem Müll. Aber nicht nur, genau das ist der Punkt.
Bei jeder Massenmobilisierung hat man immer vieles  gehört: Auf dem Tahrir-Platz hörte man auch antisemitische Verschwörungsphantasien, bei den Protesten am im Gezi-Park auch nationalistische Verschwörungsphantasien. Wäre es richtig gewesen, diese Kämpfe abzutun? Nein, und es macht auch keinen Sinn, dies für die post-pandemischen Kämpfe zu tun, die widersprüchlich aber unausweichlich sind.

»Die Mobilisierungen gegen den Green Pass sind auch voller ideologischem Müll. Aber nicht nur, genau das ist der Punkt.«

Angesichts der Proteste griff der neoliberale Mainstream sofort auf die reductio ad Hitlerum zurück. Ein Teil der Linken, sogar Teile der sozialen Bewegungen folgten diesem Beispiel sofort. Das hat in dieser postpandemischen Phase den Neofaschisten genutzt, weil ihre Rolle dabei übertrieben wurde. Auf vielen Kundgebungen sind die Faschisten abwesend oder irrelevant, auf anderen sind sie da und versuchen offensichtlich, ihre schmutzigen Manöver zu machen, aber vielleicht haben sie nur in Rom eine gewisse Bedeutung. Ansonsten ist diese Bewegung wild, sie entzieht sich jedem Interpretations­parameter, und keine politische Kraft schafft es, eine wirkliche Hegemonie zu erringen.

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Die Ausdehnung des Green Pass auf alle Arbeitsbereiche führt zu immer mehr Ungereimtheiten und Widersprüchen. Es wird immer offensichtlicher, dass diese Maßnahme ein Weg ist, alle Verantwortung nach unten abzuschieben, auf die einzelnen Bürgerinnen und Bürger. Der Green Pass wurde als der Tropfen empfunden, der das Fass zum Überlaufen brachte, nach zwei Jahren, die das Leben so vieler Menschen zerstört haben.

Es ergibt wenig Sinn, über den angeblichen Missbrauch des Begriffs »Freiheit« bei diesen Mobilisierungen zu philosophieren. Das geht an der Sache vorbei, denn meistens geht es den Teilnehmenden nicht um Freiheit, sondern um ihre eigene Proletarisierung. Ein Teil der prekären, verarmten und verängstigten Mittelschicht – Menschen, die die Sprache des sozialen Kampfes nicht beherrschen und nicht zu den Erben politischer Traditionen mit etabliertem Vokabular gehören – übersetzt seine Wut über seinen kürzlich erfolgten oder bevorstehenden sozialen Abstieg und über die Ungerechtigkeit, die er aufgrund der Art und Weise erlitten hat, wie der pandemische Notfall gehandhabt wurde, in Begriffe der »Freiheit«.

In ihrem Bestreben, sich von diesen Demonstrationen zu distanzieren, hat eine gewisse Social-Network-Linke ihre Verachtung für persönliche Freiheiten, die als »bürgerliche« Freiheiten gelten, zur Schau gestellt. Man muss vorsichtig sein, welche Begriffe man in abwertender Weise verwendet. Individualismus und Egoismus sind eine Sache; die Sphäre der Autonomie, die jeder Mensch genießen muss, ist eine andere. Ohne diese Unterscheidung kommt es zu einer schrecklichen Verwirrung und wir enden damit, dass wir den Autoritarismus befürworten, noch dazu in einem kapitalistischen Kontext, ohne auch nur den Vorwand der Diktatur des Proletariats! Wichtig ist vor allem, dass diese Art der Pandemiebewältigung die kollektive und soziale Dimension angreift, die Beziehungen zwischen den Menschen. »Freiheit« bedeutet in diesem Zusammenhang auch die Freiheit, gemeinsam zu leben, zu streiten, zu demonstrieren. Sich darauf zu beschränken, dies alles als »faschistisch« zu bezeichnen, ist zumindest ein Zeichen von ideologischer Verblendung.


Seit einigen Tagen herrscht in den italienischen Medien jedoch die ­gegenteilige Befürchtung vor, nämlich dass die »radikale Linke«, die »Anarchisten«, die »schwarzen Blöcke«, sogar die »ehemaligen Roten Brigaden« eine Rolle bei der Mobilisierung gespielt hätten. Was hat sich geändert?
Der rhetorische Rahmen ist natürlich der der »gegensätzlichen Extremismen«, wie in den siebziger Jahren: die liberale Demokratie, die sich sowohl ­gegen Schwarze als auch gegen Rote verteidigen muss. Aber in der Erzählung sind die Roten immer gefährlicher. Es kam immer mehr Kritik am Green Pass von Linken und antikapitalistischen Gruppen: Alle Basisgewerkschaften, sogar die größte italienische Gewerkschaft, die CGIL, die früher kommunistisch war und jetzt sozialdemokratisch ist, haben sich dagegen ausgesprochen. All diese Personen sehen den Pass als Synthese der neoliberalen und technokratischen Logik, mit der die Pandemie in Italien gemanagt wurde, sowie als diskriminierendes Instrument, das der weiteren Verschärfung der Kontrolle der Arbeitgeber über die Arbeitskräfte dient.

Die Rhetorik auf den Demonstrationen änderte sich mit der Blockade des Hafens von Triest Mitte Oktober, im Rahmen einer Mobilisierung, die in eine völlig andere Richtung ging als die in Rom. In einem Beitrag auf Ihrem Blog sprechen Sie von »Klassensolidarität«. Können Sie das näher erklären?
Seit August findet in Triest eine Massenmobilisierung statt, die immer noch andauert. In einer Stadt mit 200 000 Einwohnern sind mehrmals 20 000 Menschen auf die Straße gegangen. Es sind Arbeiterinnen und Arbeiter aus allen wichtigen Produktionsbereichen von Triest, angefangen bei den Hafenarbeitern, die eine führende Rolle spielen. Am 15. Oktober blockierten Hafenarbeiter einen der Haupteingänge des Hafens und erhielten Solidarität von großen Teilen der Bevölkerung. Die Polizei räumte die Demonstrierenden mit Wasserwerfern und Tränengas.

Erinnern wir uns: Die Polizei wurde entsandt von der unternehmerfreundlichsten und neoliberalsten Regierung der Geschichte Italiens, geführt vom ehemaligen Chef der Europäischen Zentralbank, einem der Männer, die die Strangulierung der griechischen Zivilgesellschaft gesteuert haben.

Bei all dem spielen die Genossinnen und Genossen eine wichtige Rolle, die seit April vorigen Jahres politische Arbeit und militante Untersuchungen leisten. Sie leben seit Monaten in einer Situation, die sicherlich widersprüchlich und schwer zu bewältigen, aber auch sehr lebendig ist. Triest zeigt, dass es von Anfang an Spielraum für Interventionen gab, dass es möglich ist, den Protest gegen den Pass auf dem richtigen Weg zu halten, indem man eine gemeinsame Basis klar definiert.

Als der Kampf begann, Resonanz in den Medien zu erfahren, tauchten in Triest natürlich Faschisten und Qanon-Verschwörungsgurus auf. Diese Menschen versuchten, sich in den Vordergrund zu spielen, und die Medien halfen ihnen dabei, indem sie sie ständig interviewten, obwohl sie bei den Mobi­lisierungen in der Stadt kaum eine Rolle spielten. Im Moment sieht es so aus, als sei ihr Versuch, die Proteste zu ­kapern, gescheitert. Das bedeutet allerdings nicht, dass auf den Demonstra­tionen nicht mehr Verschwörungsgerede und pseudowissenschaftliche Thesen zu hören wären.

Sie haben geschrieben, dass das, was in Triest passiert, einen Vorgeschmack darauf gibt, wie zukünftige Mobilisierungen aussehen werden und welche Probleme die Bewegungen in der postpandemischen Phase des Spätkapitalismus angehen und lösen müssen, wenn sie nicht nur harmlose »Meinungsbewegungen« sein wollen. Wie meinen Sie das?
In Europa und darüber hinaus werden die Aufstände der Zukunft immer heterogener und überraschender sein, zumindest in ihrer Entstehungsphase. Dies wurde bereits 2018 beim Aufstand der sogenannten Gelbwesten in Frankreich deutlich, und es wird immer so sein, da das Kapital in der schwindel­erregenden Beschleunigung der reellen Subsumption immer mehr Existenzen verschlingt und selbst das Leben von zuvor gesicherten Klassen immer prekärer werden lässt. Diese Aufstände werden heterogen beginnen, weil deren Protagonisten nicht den Hintergrund haben, den wir uns von ihnen wünschen: die Erinnerung an Arbeiterkämpfe und soziale Bewegungen, ein Klassenbewusstsein, eine Tradition des sozialen Konflikts und so weiter. Aber paradoxerweise macht das Fehlen dieses Hintergrunds diese Kämpfe auch frei davon, vorgefertigten Mustern zu folgen. Das ist etwas, was auch Toni Negri in einer auf eine vage Art und Weise gespürt hat. Er schrieb darüber in einem Artikel von 1981 mit dem Titel »Erkenntnistheorie. Elogio dell'assenza di memoria« (Erkenntnistheorie. Lob des Fehlens des Gedächtnisses).

Die Protagonisten der nächsten Wellen sozialer Kämpfe werden häufig ­»bikonzeptuell« sein: proletarisch (und zwar prekär) in ihrem neuen Zustand, aber bürgerlich in ihrer sonstigen Mentalität. Gerade wegen des Schocks des sozialen Abstiegs werden sie zunächst versuchen, die kleinbürgerlichen Werte von früher zu pflegen, die Überbleibsel ihres früheren Status.

Wie der Kognitionslinguist George Lakoff sagt, müssen wir mit den Bikonzeptuellen reden, indem wir den Teil ihres Geistes ansprechen, den sie mit uns gemeinsam haben. Wir müssen an ihre Erfahrung mit den neuen materiellen Bedingungen anknüpfen, an das, was sie tatsächlich erleben werden, an ihre Wut auf das System. Wenn wir das nicht tun, tun es Faschisten und andere Reaktionäre, und sie werden sich an die andere Seite jenes Verstandes wenden, an die ressentiment­geladene Nostalgie nach ihrem weißen, bürgerlichen Privileg.

Solche Mobilisierungen erfordern mehr Interpretationsaufwand, mehr politische Vorstellungskraft und mehr Geduld. Nur mit Geduld und dem Verzicht auf eine sofortige Kategorisierung des Geschehens können wir hoffen, fruchtbare Synthesen zu finden. Die für den Austausch in den sozialen Medien typische vorschnelle Beurteilung ist zweifellos unser Feind.

Wie fügt sich der GP in das Gesamtmanagement der Pandemie in Italien ein?
Im Februar 2020 entwickelte sich die Provinz Bergamo in der Lombardei, der am stärksten industrialisierten und verkehrsreichsten Region Italiens, zum Covid-Infektionsherd. Im Seriana-Tal gibt es Hunderte von Fabriken unterschiedlicher Größe, die Zehntausende von Menschen beschäftigen und den Pendlerverkehr aus Bergamo und der Provinz ankurbeln. Experten schlugen sofort vor, diese Unternehmen zu schließen und das Tal zur »roten Zone« zu erklären, aber der Unternehmerverband Confindustria setzte die Politik unter Druck, dies nicht zu tun. Die Ansteckungen gerieten bald außer Kontrolle und breiteten sich im gesamten Ballungsraum der Lombardei aus, in dem rund acht Millionen Menschen leben. Das Gesundheitssystem der Lombardei, das durch jahrelange Kürzungen und Privatisierungen verwüstet worden war, brach innerhalb weniger Tage zusammen. Von dort aus breitete sich die Epidemie auf halb Italien und sogar ins Ausland aus.
Um ihre Verantwortung für das Geschehen zu verschleiern, griff die Regierung zu einer Reihe von Ablenkungsmanövern, die auf dem klassischsten neoliberalen Trick basierten, der bereits vor der Pandemie in Bezug auf Umwelt, Klima und Gesundheit massiv eingesetzt wurde: Jede Verantwortung für die Ansteckungen wurde dem individuellen Verhalten der Bürgerinnen und Bürger zugeschoben. Das Gesamtpaket an strengen Beschränkungen, das man »Lockdown« nannte, enthielt neben vernünftigen Maßnahmen auch solche, die überhaupt keinen Sinn machten. Die Orte, an denen die Ansteckungsgefahr am größten war (Produktionsbetriebe, Logistikzentren, Fleisch- und Lebensmittelverarbeitung und -verpackung), blieben geöffnet, aber harmloses Verhalten wie Spazierengehen wurde verboten und bestraft. Diejenigen, die diese restriktiven Maßnahmen »im Namen der Wissenschaft« verteidigten, verbreiteten zum Teil Ängste und wissenschaftsfeindliche Überzeugungen. Allen Studien zufolge reicht die Bandbreite der Coronavirus-Infektionen im Freien von »höchst unwahrscheinlich« bis »fast unmöglich«. Doch alle Sündenböcke, die von der Regierung und den Medien als Schuldige für die Epidemie genannt wurden, waren Menschen, die sich im Freien aufhielten: Joggerinnen, Spaziergänger, Menschen, die mit mit dem Hund »zu oft« rausgingen, junge Leute, die auf einer Piazza Bier tranken – während die Ausbrüche in der Industrie aus allen Debatten verschwanden.
Dieser selektive und unausgewogener »Lockdown« diente gerade dazu, den Eindruck zu erwecken, dass die Regierung »etwas tut«, ohne die Interessen von Confindustria zu beeinträchtigen. Gleichzeitig war es eine hervorragende Gelegenheit, einen noch größeren Kapitalismus zu stärken, nämlich den der großen Tech-Giganten wie Amazon, Google, Facebook... Die Kampagne um den Green Pass hat die Politik der Schuldzuweisung an die einzelnen Bürgerinnen und Bürger auf eine neue Ebene gebracht. Es ist ein Instrument, welches die Regierung und die Arbeitgeber aus der Verantwortung entlässt und das Sündenbocksyndrom anheizt.

Aber kann man den Green Pass aus einer radikalen Perspektive heraus kritisieren?
Es stimmt nicht, dass der Green Pass notwendig war, um die Menschen zur Impfung zu bewegen. Als er eingeführt wurde, war die Impfkampagne bereits in vollem Gange, die Impfquote in Italien lag bereits bei fast 80 Prozent. Beim Schulpersonal lag sie bei fast 90 Prozent, im Gesundheitswesen war sie sogar noch höher. Zwei Monate nach der Einführung ist die Rate nur minimal gestiegen. Es gab nicht nur keinen wirklichen Anreiz zum Impfen, sondern die Arroganz der Regierung hat den Widerstand noch verstärkt.
Der Green Pass ist ein reines Propagandainstrument, ein diskriminierendes Instrument, das Millionen von Menschen, die nichts Illegales getan haben – es gibt ja keine Impfpflicht –, durch soziale Isolation oder Verlust des Arbeitsplatzes bestraft. Es ist ein Instrument, das den Arbeitgebern eine noch nie dagewesene Kontrolle über die Arbeitnehmer ermöglicht.

In den vergangenen zwanzig Monaten hat ein Großteil der Linken die Kritik an der Logik dieser Maßnahmen aufgegeben und nur noch über das Virus gesprochen. Aus diesem Grund war sie nicht in der Lage, den Green Pass zu kritisieren, im Gegenteil, sie hat ihn verteidigt, indem sie genau dieselbe Position wie die Confindustria, Draghi und die gesamte herrschende Klasse eingenommen hat.

Zurück zu den Mobilisierungen. Wer darin nicht nur die Faschisten sieht, tendiert häufig zum paternalistischen Aufklären: »Man muss diesen Leuten erklären, dass Impfung Leben rettet.« Warum funktioniert das nicht?
Man muss unterscheiden zwischen dem Diskurs über Impfstoffe und dem Diskurs über die Impfpolitik, das heißt darüber, wie Anti-Covid-Impfstoffe her­gestellt, vermarktet, legitimiert und verabreicht werden. Wir sind nicht in der Lage, wissenschaftliche und pharmakologische Debatten über den Impfstoff zu führen, aber wir können bestimmte Aspekte der Impfkampagne kritisieren. Das ist eine politische Frage. Viele Entscheidungen in dieser Kampagne hatten nichts Wissenschaftliches an sich, sie waren rein politisch, oft ging es nicht um Logik, sondern um die mediale Wirkung.

Ein Beispiel: Der Green Pass sollte ursprünglich für neun Monate gültig sein, wurde aber später auf ein Jahr Geltung verlängert. Weil sich herausgestellt hat, dass die Impfung länger als erwartet schützt? Nein. Diese Entscheidung wurde getroffen, um Zeit zu gewinnen: Im Oktober und November hätten die meisten Beschäftigten im Gesundheitswesen ihn erneuern müssen, ein großes Chaos wäre ausgebrochen.

Wir haben uns impfen lassen, aber wir finden es verständlich, dass einige Leute das nicht wollen, angesichts der widersprüchliche Kommunikation und der Arroganz, mit der die Regierung außerhalb der bürgerlichen Konsensblasen agiert. Es gibt eine Legitimationskrise der Institutionen, ein allgemeines Misstrauen gegenüber dem, was der Mainstream sagt. Die Hälfte der Be­völkerung geht nicht mehr wählen, sie schert sich nicht mehr darum, am Funktionieren des Parteiapparats teilzunehmen. Aus all diesen Gründen wollen wir die Schuld nicht allein denen zuschieben, die sich nicht impfen lassen wollen, und wir können diese Leute auch nicht, wie es viele »Linke« tun, als größere Feinde betrachten als die herrschende Klasse, die uns in diese beschissene Situation gebracht hat.

Wenn Impfgegner Schwachsinn, fake news und Verschwörungsphantasien verbreiten, müssen wir sie natürlich so weit wie möglich demontieren, wie Wu Ming 1 es in seinem Buch »La Q di Qomplotto« tut. Wir schließen uns nicht denen an, die die Impfgegner zum Sündenbock gemacht haben, wir schließen uns nicht der Hasskampagne an, die die ­Regierung und die Bosse entlasten soll.

 

Q

Im vergangenen März stellte Wu Ming 1 im Gespräch mit dem Disruption Network Lab sein letztes Buch, »La Q di Qomplotto - QAnon e dintorni. Come le fantasie di complotto difendono il sistema« (Das Q von Qomplott - QAnon un Umgebung. Wie Verschwörungsphantasien das System verteidigen), vor. Darin analysiert er die Entstehung von und den Umgang mit Verschwörungsideologien und unter anderem welche Rolle sie in der Pandemie gespielt haben. Hier können Sie das Gespräch in englischer Sprache nachhören: Disruptive Fridays: The Q In Qonspiracy. 

 

In dem erwähnten Buch analysiert Wu Ming 1 die Verschwörungsphantasien ausgehend von einem »Wahrheitskern«. Können Sie dieses Konzept kurz erläutern und wie es sich auf die Pandemiesituation anwenden lässt?
Wir erkennen in der massenhaften und flächendeckenden Verbreitung von Verschwörungserzählungen, auch zum Thema Impfung, den Ausdruck eines Unbehagens, einer Unzufriedenheit, eines verwirrten Bewusstseins davon, dass die kapitalistische Gesellschaft entmenschlichend und entfremdend ist. Das sind die »Kerne der Wahrheit«, es gibt allgemeine und spezifische.

Sogar QAnon hat einen Wahrheitskern: Das System ist in der Tat ungeheuerlich, die US-amerikanische Demokratische Partei dient wirklich den ­Interessen einer lausigen »Elite«. Dass aus diesen Prämissen und Erkenntnissen statt eines kohärenten antikapitalistischen Bewusstseins der Glaube an einen Geheimbund pädophiler Vampir-Satanisten erwächst, der Millionen von Kindern im Untergrund ver­sklave, ist ein großes Problem. Aber die Wahrheitskerne verschwinden ­deswegen nicht. QAnon ist eine unbewusste Allegorie, eine ungewollte Parodie einer Systemkritik. 

»Die Protagonisten der nächsten Wellen sozialer Kämpfe werden häufig ›bikonzeptuell‹ sein: proletarisch (und zwar prekär) in ihrem neuen Zustand, aber bürgerlich in ihrer sonstigen Mentalität.«

Die »Kerne der Wahrheit« sind allgemeine Prämissen, partielle Einsichten, vage Unzufriedenheiten. Und wenn wir sie bei QAnon finden können, dann umso mehr bei den Impfgegnern. Es handelt sich um die gleichen Kerne, aus denen sich in der Vergangenheit edle Stränge der Kritik an der kapitalistischen Medizin entwickelt ­haben, von Ivan Illich bis zum Ehepaar Basaglia, von Michel Foucault bis zum deutschen Sozialistischen Patientenkollektiv, von Félix Guattari bis zu den britischen Antipsychiatern.

Die Unterordnung der Gesundheit unter das Profitstreben, die krankhafte Beziehung zwischen Medizin und Markt, die Abhängigkeit der medizinischen und pharmazeutischen Forschung von Unternehmen mit hoher Kapitalkonzentration, die Bürokratisierung und Entpersönlichung der Pflege – das sind, oder wären, alles unsere Themen. Darin kommt eine Unzufriedenheit zum Ausdruck, die wir nie auffangen werden, wenn wir uns weigern, sie zu sehen und diejenigen, die sie äußern, nur als Feinde behandeln. Damit reduzieren wir uns selbst zu Torwächtern des Systems, zu Verteidigern des status quo und wir überlassen das Feld den Unruhestiftern und Faschisten.

Wie kann eine radikale Linke auf Verschwörungserzählungen reagieren, ohne sie arrogant zu krimi­nalisieren oder zu verspotten oder paternalistisch eine »Aufforderung zur Vernunft« auszusprechen?
Wir kritisieren die typischen Heran­gehensweisen an Verschwörungsvorstellungen, idealistische (im philosophischen Sinne des Wortes), liberale, szientistische und andere Herangehens­weisen. In diesem Ansatz verschwinden die Widersprüche im System sowie die Klassen, die sozialen Beziehungen, die Machtverhältnisse und ganz allgemein die kollektiven Dynamiken. Kurz gesagt: Es verschwinden dabei die materiellen Bedingungen der Verschwörungsideologien. Wie in einer klassischen »Robinsonade«, wie Karl Marx es nannte, bleibt in dieser Erzählung nur »der Verschwörungstheoretiker« ­übrig, eine Figur, die entweder entlarvt oder zur Vernunft gebracht werden kann (oder beides gleichzeitig), aber immer auf dem abstrakten Boden des »Kampfes der Ideen«. Dies ist der Ansatz, den Wu Ming 1 in seinem Buch scharf kritisiert.

Nur neue Bewegungen, neue kollektive Verkettungen können das indivi­duelle und dann stammesmäßige Abdriften in die Verschwörungsszene verhindern und den Spielraum, den wir leer gelassen und den die Verschwörungsphantasien gefüllt haben, wieder mit antikapitalistischen Kämpfen und solidarischen Beziehungen besetzen.

Bei Verschwörungen werden Energien, die in reale Kämpfe für soziale Veränderungen investiert werden könnten, an Orte gelenkt, an denen diese Energien zur Förderung reaktionärer Projekte verwendet werden. Deshalb verteidigen Verschwörungsphantasien das System, wie es im Untertitel des Buches heißt. Sie sind »Ablenkungsmanöver«. Aber sie wären nicht erfolgreich, wenn sie nicht um »Kerne der Wahrheit« herum gebildet würden. Wenn Verschwörungsphantasien in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen an Einfluss zu gewinnen scheinen, dann deshalb, weil diese Räume leer geblieben sind.

Die Genossinnen und Genossen, die inmitten von unzähligen Schwierigkeiten bei den No-Pass-Mobilisierungen zu intervenieren versuchen, gehen vom Bikonzeptualismus der Menschen aus, die sich daran beteiligen. Sie ­haben etwas mit uns gemeinsam: die Vorstellung, dass das System beschissen ist, dass die vorherrschenden Narrative betrügerisch sind, dass die Kosten der Pandemie von den Schwächsten bezahlt werden und so weiter. Etwas ­anderes trennt sie von uns: die Pseudoerklärungen, die sie sich selbst geben, die reaktionären Schlussfolgerungen, die sie aus diesen Prämissen ziehen, die Sündenböcke und imaginären Figuren, auf die sie sich stürzen, die Ka­bale, die Reptiloiden und so weiter. Wir müssen einen Weg finden, um die Schnittmenge zwischen ihnen und uns anzusprechen, die Hälfte ihrer Denkweise, die wir gemeinsam haben.


Der Green Pass
Im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie gilt in Italien seit dem 15. Oktober die sogenannte Green-Pass-Regelung. Seitdem dürfen Erwerbstätige ohne Impfpass beziehungsweise einen kostenpflichtigen negativen Covid-19-Test (entspricht der 3G-Regelung in Deutschland) die Arbeitsstelle nicht betreten. Die Impfpasspflicht galt zuvor nur für das medizinische Personal und seit Beginn des Schuljahres auch für Lehrkräfte. Umfragen zufolge befürwortet ein Großteil der italienischen Bevölkerung diese in Europa bislang einzigartige Maßnahme. Doch es gibt auch Gegenstimmen. Bei einer Demonstration mit rund 10 000 Teilnehmenden in Rom am 9. Oktober verwüsteten neofaschistische Gruppen den Sitz der Gewerkschaft CGIL. Am 15. Oktober streikten in Triest Hafenarbeiterinnen und -arbeiter, die die Rücknahme dieser Regelung für Arbeitende in jeder Branche forderten. Die Demonstration verlief friedlich, wurde jedoch von der Polizei mit Wasserwerfern aufgelöst. Die italienische Regierung erwägt, die Maßnahme, die ursprünglich bis Ende des Jahres gelten sollte, bis März 2022 aufrecht­zuerhalten. Mittlerweile sind in Italien mehr als 80 Prozent der über Zwölfjährigen vollständig geimpft.


Wu Ming


Das italienische Schriftstellerkollektiv Wu Ming hat auf seinem Blog seit Beginn der Covid-19-Pandemie ein ­Forum geschaffen, auf dem das Pandemiemanagement der vergangenen zwei Jahre sowie die Einführung des Green Pass aus linker Perspektive kritisiert werden.