Sonntag, 23 April, 2017; 15:12 Uhr

Io sto con Gabriele

Federica Matteoni

"Der Krieg ist nie vorbei. Die Kollegen an der Front erzählen jeden Tag von neuen Massakern. Ich verfolge ihre Berichte, während ich mich im Schatten bewege, am äußeren Rand des asiatischen Teils von Istanbul. Hier, in einem Industrieviertel, zwei Stunden Busfahrt vom lebhaften Taksim-Platz entfernt, lebt im Untergrund ein syrischer Maurer, einer, der die Geheimnisse des IS in Raqqa hütet. Monatelang habe ich nach ihm gesucht, jetzt habe ich ihn gefunden und dazu gebracht, sich vor meiner Kamera zu zeigen. Das Interview dauerte vier Tage lang, es war der Durchbruch für das internationale Projekt #unpartigianomidisse. Wer dieser mysteriöse Maurer ist und warum seine Geschichte so wichtig ist, wird erst in zehn Monaten bekannt werden. Mittlerweile geht die Recherche weiter. Weg vom Rampenlicht, der Kopf in die Bücher gesteckt und der Rucksack immer bereit für die nächste Reise.”

Das schrieb der Journalist, Regisseur und Menschenrechtsaktivist Gabriele del Grande am 26. März auf seiner Facebook-seite. Es war eines seiner letzten Postings bevor er am 9. April ohne Angabe von Gründen in Hatay, an der syrisch-türkischen Grenze festgenommen wurde, wo er für sein aktuelles Buchprojekt syrische Flüchtlinge interviewt hatte.

Zwei Wochen nach der Festnahme sind die Gründe dafür immer noch nicht bekannt. Erst am vergangenen Freitag durften der italienische Konsul Luigi Iannuzzi sowie und ein türkischer Anwalt del Grande im Abschiebegefängnis von Mugla besuchen. In den Tagen zuvor war den italienischen Anwälten den Zutritt zur Anstalt verweigert worden. „Uns wurde keine Information über eventuelle Anklagepunkte gegeben. Seine Festnahme ist völlig illegal“, berichtete der Anwalt, Taner Kilic, der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. Seit 10 Tagen, also seit er nach Mugla gebracht wurde, befinde er sich in Isolationshaft.

Offiziell soll der italienische Journalist abgeschoben werden, allerdings sei Kilic nicht gestattet worden, die entsprechenden Akten zu untersuchen. Del Grande befindet sich seit mehreren Tagen im Hungerstreik, um gegen seine rechtswidrige Verhaftung und gegen die Isolationshaft zu protestieren. Mittlerweile nimmt er wieder Flüssigkeit zu sich. Der Konsul hat dafür gesorgt, dass er unter ärztliche Beobachtung gestellt wird. Ihm gehe es körperlich gut.

Es wird befürchtet, dass die türkischen Behörden in den vergangenen zwei Wochen den Ablauf der Frist der 14tägigen Polizeihaft abgewartet haben, bevor sie Anklage erheben, wie auch im Fall Deniz Yücel geschehen ist. Sollte eine konkrete Anklage gegen del Grande formuliert werden, könnte ein Richter entscheiden, dass er bis zum Beginn eines Prozesses in Untersuchungshaft genommen wird.

Es wird befürchtet, dass die türkischen Behörden in den vergangenen zwei Wochen den Ablauf der Frist der 14tägigen Polizeihaft abgewartet haben, bevor sie Anklage erheben, wie auch im Fall Deniz Yücel geschehen ist. Sollte eine konkrete Anklage gegen del Grande formuliert werden, könnte ein Richter entscheiden, dass er bis zum Beginn eines Prozesses in Untersuchungshaft genommen wird.

>Bereits einige Tage nach seiner Festnahme hatte del Grande in einem ersten Telefonat mit seiner Familie berichtet: „Die Gründe meiner Verhaftung hängen mit meiner Arbeit zusammen“. Davon gehen nun auch seine Anwälte aus, obwohl ihnen noch keine vollständige Einsicht in die Akten gewährt wird.

Mit wem hat del Grande in Istanbul gesprochen, wer ist der mysteriöse Mann, der die Geheimnisse des IS in Raqqa hütet? Wie brisant sind die Informationen, die er von dieser Person bekommen hat und sind diese der Grund, warum der türkische Staat so großes Interesse an die Arbeit des Journalisten hat?

Del Grandes neues Buchprojekt trägt den Titel: „Un partigiano mi disse“ ("Ein Partisan erzählte mir"). Es ist eine Recherche über die Entstehung des Islamischen Staates und den Krieg in Syrien, eine Erzählung durch die Stimmen ihrer Protagonisten „weil wir jeden Tag vom IS hören, aber wieviele haben begriffen, was er wirklich ist und wll? Wer sind die tausenden Männer und Frauen, die an der Seite des IS kämpfen, wer sind die Rebellen und die Zivilisten, die in den zerbombten Städten geblieben sind? Aber vor allem: Wie konnte es so weit kommen?“, steht auf der Seite des durch Crowdfunding finanzierte Projekts.

Das Buch soll im Herbst veröffentlicht werden.

#iostocongabriele #freedeniz #freethemall


Update 24. April 2017 8:00: Der italienische Aussenminister Angelino Alfano verkündete vor wenigen Minuten auf Twitter: "Gabriele del Grande ist frei. Ich habe gerade mit ihm gesprochen. Ich hatte die Freude, seine Familie informieren zu dürfen". In einem weiteren Tweet schreibt  Alfano: "Die Entscheidung wurde mir heute Nacht vom türkischen Aussenminister Mevlut Cavusoglu mitgeteilt. Ich bedanke mich bei ihm."