Freitag, 06.07.2018 / 17:34 Uhr

Antirassismus & Antiimperialismus

Von
Patrick Grad

Seit 2014 gibt es mit der im Walter De Gruyter Verlag erscheinenden Zeitschrift für kritische Sozialtheorie und Philosophie ein linkes Forum für sozialtheoretische Debatten. Das Heft versucht mit Themen wie „Natur und Gesellschaft“, „Critical Realism“, „Was bedeutet Kritik heute?“, „Aktuelle Fragen der Politischen Ökonomie“, „Technik und Technikdiskurse“ und „Materialistische Ästhetik“ unterschiedliche Disziplinen wie Philosophie, Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaft sowie Kultur- und Medienwissenschaften mit der Kritik der politischen Ökonomie auf der Höhe der Zeit zusammenzuführen.

Während die bisher erschienenen Ausgaben sich eher abseits der tagespolitischen Streitfragen bewegten, ist die gerade erschienene Nummer 1/2018 mit dem Schwerpunkt „Antirassismus & Antiimperialismus“ hochaktuell.

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Das Editorial beginnt mit einem Zitat aus Frantz Fanons „Schwarze Haut, weiße Masken“: „Der Jude und ich: nicht zufrieden damit, mich zu rassifizieren, machte ich mich durch eine glückliche Fügung des Schicksals menschlicher. Ich schloss mich dem Juden an, Brüder im Unglück. – Eine Schande!“

Diese Allianz, die Frantz Fanon zu Beginn der 1950er Jahre beschworen hatte, zerbrach gegen Ende der 1960er Jahre. Die Mehrheit der Linken, die den Rassismus ebenso wie den Antisemitismus ganz selbstverständlich bekämpft hatten, erklärte sich spätestens seit dem Sechstagekrieg mit den antikolonialen Bewegungen in Afrika und Asien solidarisch – und sah in den Juden nun neue Kolonialherren und damit im Staat Israel ein Bollwerk des westlichen Imperialismus inmitten von Tausendundeiner Nacht, wo Scheherazade nun von todesmutigen Fedajin erzählte. Noch ehe Edward Said den Begriff als Vorwurf in die entgegengesetzte Richtung schleuderte, hatten erklärte Antizionisten ihren eigenen Orientalismus erfunden.

„Das Problem heißt Rassismus“, lautet eine populäre Parole. Die antirassistischen Antworten auf dieses Problem sind allerdings ebenfalls oft ein Problem, denn der heutige „identitäre“ Antirassismus bleibt den binären Konstruktionen des Rassismus verhaftet, indem er sich an der Hervorhebung, Sichtbarmachung, Konstruktion und Festschreibung von Differenz und „ethnischen Gruppen“ beteiligt. Im Kampf gegen des Rassismus hat sich ein ethnopluralistisch argumentierenden Identitäts-Antirassismus durchgesetzt, der  trotz seiner sozialkonstruktivistischen Rhetorik essentialistisch von der Existenz von Rassen, Ethnien, Völkern und Kulturen ausgeht. „Kulturelle Vielfalt“, „interkulturelle Kompetenz“ und „Respekt vor Differenz“ sind die Zauberworte mit denen dieser Antirassismus die staatlichen Institutionen und die Massenmedien erobert hat. Besonders affirmativ ist dabei die Critical Whiteness-Ideologie, die völlig selbstverständlich davon ausgeht, dass Personen in ihren Handlungen Ethnien und Kulturen repräsentieren.

Weißsein, Schwarzsein, Color-sein etc. gelten als unveränderliche, vor allem aber als zu bewahrende - wertzuschätzende und zu respektierende - Identitäten, weshalb man die universalistische „alt-antirassistische Farbenblindheit“ für die schlimmste Form des Rassismus hält: Colorblindness negates the cultural values of people of color.

In den Kultur- und Sozialwissenschaften gibt es seit Jahren einen Diskurs, der seine Spuren in diversen linken Gruppen hinterlässt: eine Gemengelage aus traditionellem Antiimperialismus und dekonstruktivistischen Theorien aus dem Bereich der Post-Colonial Studies.

Ein kruder Antiimperialismus, der einst der Legitimation des bewaffneten Kampfs der „unterdrückten Völker“ diente, ist zurück mit einem renovierten Vokabular, mit dem man sich gegen den Universalismus richtet, der als Eurozentrismus abgetan wird. Die Aufklärung, von deren Dialektik man nichts wissen will, wird bestenfalls als eine Kultur unter anderen toleriert, vor allem aber als imperialistisch verleumdet.

Mit den Konsequenzen dieser Entwicklung, insbesondere mit der Verwandtschaft von linkem Kulturrelativismus und neurechtem Ethnopluralismus sowie mit dem  Antisemitismus, der sich heute auch im Namen des Antirassismus Bahn bricht, setzt sich nun die Zeitschrift für kritische Sozialtheorie und Philosophie auseinander:  

Ein bisher in der politischen Auseinandersetzung wenig beachteter Trend ist der Versuch etlicher postkolonialer  Ideologen, den 2. Weltkrieg als Kolonialkrieg und den Holocaust als „kolonialen Genozid“ zu interpretieren. Die damit verfolgte Absicht liegt auf der Hand: In Antirassismustrainings, wie sie heute in Behörden und Großbetrieben üblich sind, wird der als "afrikanischer Holocaust" bezeichnete europäische Sklavenhandel (der arabische wird grundsätzlich unterschlagen) von Dozenten, die Critical Whiteness-Anhänger sind, gegen die Ermordung der europäischen Juden ausgespielt und das Festhalten an der Singularität des Holocaust als eurozentristische Sichtweise zurückgewiesen.

Der Behauptung der vergleichenden Genozidforschung und der postkolonialen Studien, wonach Nationalsozialismus und Holocaust eine koloniale Qualität aufweisen, geht Steffen Klävers in seinem Beitrag „Postkoloniale Normalisierung: Anmerkungen zur Debatte um eine koloniale Qualität von Nationalsozialismus und Holocaust“ nach. Er setzt sich im Detail mit den Thesen auseinander, die den qualitativen Unterschied zwischen kolonialer und nationalsozialistischer Herrschaft und Gewalt leugnen  und kontrastiert diese Ansätze mit den Erkenntnissen der Holocaust- und Antisemitismusforschung. Dabei zeigt sich, dass die Spezifik des modernen NS-Antisemitismus in komparativ-postkolonialen Analysen des Holocaust nicht adäquat aufgegriffen wird.

Der Beitrag „Islamischer Antirassismus. Zur antirassistischen Unfähigkeit, den Universalismus gegen die Islamisierung zu verteidigen“ von Felix Perrefort untersucht einen weiteren Aspekt des zur Holocaust-Relativierung tendierenden Rassismusbegriffs der Critical Whiteness: Die Darstellung des Islam als „nicht-weiße“ Religion, die durch eine als „white supremacy“ bezeichnete westliche Zivilisation  bekämpft wird. Aus dieser identitätspolitischen Sicht ist der Islam Objekt eines postkolonialen westlichen Überlegenheitsgefühls. Die Kritik an der Ausbreitung des politischen Islam, erscheint – einschließlich des radikalislamischen Terrorismus - als willkürliche koloniale Wissensproduktion ohne jeden Wirklichkeitsbezug. Dieser kulturalistische Antirassismus, der jede Verbindung zum Universalismus aufgegeben hat, substituiert die Kritik der Wirklichkeit durch eine ihrer Darstellung.

Der Aufsatz “Critical Whiteness Studies and the ´Jewish Problem´” von Balázs Berkovits untersucht, wie die whiteness der Juden zu einem populären Topos des kulturalistischen Antirassismus wurde, der Israel und die Juden unbedingt den rassistischen Unterdrückern zuordnen will. Da whiteness für “weiße Privilegien” steht, zielt die Zuordnung der Juden zu den “Weißen” und somit zu den Herrschenden – insbesondere zu denen der Weltmacht USA - auf die Leugnung des Antisemitismus, der bei “intersektionalen” Antirassisten tatsächlich nur noch als eine Randerscheinung des Rassismus vorkommt. “In this kind of discourse, the U. S. represents an empire of interlinked systems of white supremacy, imperialism, capitalism, and patriarchy. From this perspective, it is the case that a once oppressed minority has gained acceptance in majority culture and society and thus become part of the dominant and oppressive majority.”

Wenn Agenturen heute Models für die Illustration der Diversity-Broschüren großer Unternehmen engagieren, betonen sie, dass es nicht ausreicht, sich einer Minderheit zugehörig zu fühlen. Erwartet wird vielmehr, dass die Bewerber auch „migrantisch aussehen“: „Ihr Status als Minorität muss durch die Fotografien evident sein.“

Der identitäre Antirassismus setzt auf angeblich sichtbare „Differenzen“. Im Unterschied zum „alten Antirassismus“  wollen die jenem anhängenden heutigen Antirassisten Hautfarben, Ethnien und  Kulturen nicht mehr bedeutungslos machen, sondern sie als Repräsentationen von Identitäten „respektieren“ und “wertschätzen“. Es ist bisher nicht untersucht worden, wie es dazu kommen konnte, dass heute fast alle Antirassisten sein wollen und zugleich die Produktion von „Identitäten“, „Kulturen“ und „Minderheiten“ boomt wie nie.

In dem Essay „Die Verdoppelung des Rassismus im Antirassismus. Eine Fallstudie“ beschreibt  Günther Jacob die politischen Konsequenzen dieses neuen identitären Antirassismus am Beispiel eines „türkischen Community-Radios“ des Hamburger Alternativradios „Freies Sender Kombinat“ (FSK). Zehn Jahre lang unterstützten identitäre Antirassisten dort eine türkischsprachige Sendung, die radikalislamische AKP-Kader und islamisierte Graue Wölfe ins Studio holte. Auf Beschwerden reagiert man mit Argumenten aus dem Arsenal des Ethnopluralismus und der Privilegientheorie.  Eine Bewertung der Sendung müsse die strukturell größere Macht der „Weißdeutschen“ mitdenken; eine besondere Radikalität darin, „nichtdeutsche Faschisten“ aus dem Sender haben zu wollen, könne mit einer Verdrängung des Nationalsozialismus zu tun haben. Community-Politik wurde in den 1980er Jahren von New Labour unter Slogans wie „Remaking Community“ und „New Deal for Communities“ als  Konzept der Ethnisierung und Kontrolle „sozialer Nahräume“ entwickelt. Heute ist es unter der Bezeichnung „Migrantenselbstorganisation“ und durch Staatsverträge mit Moscheegemeinden Bestandteil der Politik der deutschen Migrationsverwaltung.

Der identitäre Antirassismus ermöglicht offenbar ganz neue Querfronten. Bündnisse mit radikalislamischen Akteuren sind eine Konsequenz dieses Antirassismus und deshalb keine Ausnahmefälle. In dem Beitrag „Eine Renaissance völkischen Denkens?“ von Julian Köck wird auf die starke strukturelle Ähnlichkeit von Gedanken der äußersten Rechten (in Gestalt der völkischen Bewegung) im späten 19. und 20. Jahrhundert und solchen hingewiesen, die heute überwiegend im linken politischen Spektrum zu finden sind. Sowohl der völkische Nationalismus als auch die „Identitätspolitik“ zielen auf die Konstruktion von Gruppen ab, denen normativer Charakter im Bezug auf ihre Mitglieder eingeräumt wird. Entsprechend werden Identitätsgruppen als die wesentlichen Träger von Gesellschaft und Staat angesehen – und nicht autarke Individuen. Der Essay formuliert die These, dass sich Rassisten und Antirassisten immer schwerer unterscheiden lassen, was letztlich nichts Gutes für Individualisten, die Vernunft und das Ideal einer aufgeklärten Gesellschaft mündiger Bürger bedeuten kann.

An die weit zurück reichende Vorgeschichte solcher Grenzüberschreitungen erinnert der Text "Rosa Luxemburgs Analyse imperialistischer Politik als Alternative zum marxistisch-leninistischen Antiimperialismus“ von Olaf Kistenmacher: In den 1920er Jahren suchte die Komintern das Bündnis mit so genannten  nationalen Befreiungsbewegungen, auch wenn diese wie im Fall der arabischen Nationalbewegung im britischen Mandatsgebiet Palästina antisemitisch  waren.

In den beiden letzten Texten des Heftes „Antirassismus & Antiimperialismus“ geht es um Edward Said, dessen einflussreicher Klassiker „Orientalism“ aus dem Jahr 1978 gewissermaßen am Anfang des Booms der antiuniversalistischen Postkolonialen Studien steht. Die „Orientalisierung“ der Araber und Muslime erscheint bei Said als Vorspiel und Begleitmusik des Imperialismus. Alles westliche Wissen leide, wie Said betonte, an seiner zutiefst voreingenommenen Ansicht der arabischen Welt, die es, negativ, zu einem „Anderen“ gemacht und somit „orientalisiert“ habe.

In dem Beitrag „Desorientiert durch Said. Die Auswirkung des Postkolonialismus auf den geistigen Dschihad des 21. Jahrhunderts“ untersucht Richard Landes nicht nur Saids Einfluss auf die Nahoststudien und die Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften, sondern auch auf den „Osloer Friedensprozess“.  Das Orientalismus-Konzept habe dazu bei getragen, dass jede Thematisierung von negativen Erscheinungen in der arabischen Welt als Verletzung von Gefühlen und Angriff auf die Ehre erscheint. Aus der Perspektive einer Gesellschaft von Ehre und Schande, in der in der wichtiger als jedwede Realität ist, wie etwas den Augen der Öffentlichkeit scheint, wurde der „Osloer Friedensprozess“ auch von Said selbst als „entwürdigender Akt“ abgelehnt. Mit derselben Begründung zog Arafat später seine Zustimmung zurück.

Der zweite Text zu dem Thema heißt: „Was will Edward Saids Orientalismus? Eine Kritik“. Irfan Khawaja legt hier dar, dass das Gründungsdokument der postkolonialen Studien aufgrund logischer Inkonsistenzen keine stringente These aufweist. Saids überzeitlicher Orientalismus-Begriff, der angeblich die Kolonialherrschaft rechtfertigen soll, erstrecke sich wesenhaft über eine 2500-jährige Geschichte von der griechischen Antike über das christliche Mittelalter bis in die Renaissance und die Aufklärung. Er soll die Kreuzzüge, diverse Neurosen, den Rassismus und die Fehler von Karl Marx gleichermaßen erklären. Saids kategoriale Unterscheidung von Orient und Okzident, die Ereignisse wie den „arabischen Frühling“ ignoriert und den Islam als politisch bedeutungslose individuelle Glaubensüberzeugung darstellt,  wird somit als doktrinärer Essentialismus und Meta-Erzählung bewertet.

 

Zeitschrift für kritische Sozialtheorie und Philosophie
Heft 1/2018 Antirassismus & Antiimperialismus
Walter De Gruyter Verlag, 175 Seiten, 49,00 €
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