Blasphemie als Kunstform

Die Kunst der Lästerung

Die Gläubigen sind beleidigter denn je. Deshalb hat die Kunst der Blasphemie eine große Zukunft vor sich.
Anzeige

Es ist heiß an diesem sonntäglichen Septemberabend in Berlin. Und das Thema, das auf dem Literaturfestival verhandelt werden soll, ist es auch: »Die Kunst der Blasphemie«. Das sieht man schon am Ambiente der Veranstaltung. Eine gute Handvoll Securitys mit Knopf im Ohr beäugt die Ankommenden. In einem roten Kleinbus sind die Taschen und Rucksäcke abzugeben, ein mehrköpfiges Team kontrolliert das Publikum vor Betreten des Saals.
So ist das im Jahr 2016, wenn über Blasphemie debattiert wird – über Blasphemie als Kunst und nicht als Sakrileg. Als Erbe der radikalen Aufklärung, die die Blasphemie als Kunstform nutzte, um die Macht der religiösen Institutionen zu brechen. Als Erbe der revolutionären Kritik, die deklarierte: »Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.« Und eben nicht als zu verdammendes, zu ächtendes, die religiösen Gefühle unterdrückter Communities verletzendes, islamophob-rassistisches Sakrileg, das manchmal schwerer wiegt als das Leben des Kritikers, der im Zweifelsfall ermordet wird.
Die Sicherheitsvorkehrungen sind kein Wunder. Für das Podium angekündigt sind drei bekannte Menschen, die ihren Alltag unter dem wachsamen Auge von Personenschützern verbringen. Sie sind im Visier der jihadistischen Netzwerke gelandet, die ihnen nach dem Leben trachten.
Ein Veteran in dieser Hinsicht ist Flemming Rose, der als Redakteur der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten für die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen am 30. September 2005 verantwortlich war. Dänische Islamisten entfachten damals eine globale Kampagne gegen die in ihren Augen blasphemischen Machwerke, an deren Ende Medienberichten zufolge bei Protesten, riots und Pogromen 200 Menschen ums Leben gekommen waren. »Blasphemie ist ein Verbrechen ohne Opfer«, sagt Flemming Rose an diesem Abend in Berlin – schließlich ist es schwierig, sich einen allmächtigen Gott als Opfer von Gotteslästerungen vorzustellen – und, nicht zuletzt im Hinblick auf die unterschiedlichen religiösen Vorstellungen, die im Widerspruch zueinander stehen: »Des einen Blasphemie ist des anderen Poesie.« Aber er sagt auch: »Das Problem ist grundsätzlich, was in einer globalisierten Welt als grenzüberschreitend und provokativ aufgefasst wird. Heutzutage kann man Kunst und Blasphemie nicht auf einen nationalen Rahmen beschränken, wegen der digitalen Technologie und wegen der Migration. Diese beiden Faktoren haben die Bedingungen für eine Diskussion über free speech verändert.«
Mit ihm auf dem Podium sitzt Marc Trévidic, den sein Job ebenfalls in Gefahr gebracht hat. Er fungierte in Frankreich bis vor kurzem als Richter in zahllosen Antiterrorverfahren gegen Jihadisten. Kürzlich erschien sein erster Roman in deutscher Übersetzung, »Ahlam oder Der Traum von Freiheit«, in dem es um den Kampf zwischen Kunst und religiösem Fanatismus in Tunesien nach dem Sturz von Ben Ali geht. Als Jurist unterscheidet Trévidic zwischen Blasphemie und dem Verbot derselben – nur bei Fanatikern, etwa radikalen Islamisten, existiere diese Trennung nicht.
Angekündigt für das Podium war auch Solène Chalvon, die im April vergangenen Jahres, drei Monate nach dem jihadistischen Attentat, bei Charlie Hebdo als Redakteurin angeheuert hat. Aber sie hat ihren Auftritt in Berlin kurzfristig abgesagt. So fehlt eine Stimme aus der Redaktion, die die spezifische Kunst der Blasphemie von Charlie Hebdo erläutern und vielleicht auch erklären könnte, warum die Satirezeitschrift mittlerweile nicht nur wegen blasphemischer Mohammed-Zeichnungen, sondern auch wegen x-beliebiger anderer Karikaturen Todesdrohungen erhält, etwa wegen der vom französischen Fußballnationalspieler Antoine Griezmann als Sexspielzeug unter dem Motto: »Lass uns weiter vibrieren!«
Auch wenn das an diesem Abend nicht unmittelbar zur Sprache kommt, ist es doch unübersehbar: Die Kunst der Blasphemie hat einen Rückschlag erlitten. Denn die Kunst der Mohammed-Karikaturen scheint auszusterben – ein Kollateralschaden der jihadistischen Massaker wie dem in der Redaktion von Charlie Hebdo. Im vergangenen Jahr, zum zehnten Jahrestag der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in Dänemark, republizierte Jyllands-Posten auf der rechten Seite den Artikel von 2005, mit weißen Feldern anstelle der Karikaturen. Auf der linken Seite war zu lesen: »Niemand kann vorhersagen, wo die Selbstzensur enden wird.« Ebenfalls im vergangenen Jahr erklärte Laurent Sourisseau (alias »Riss«), Herausgeber von Charlie Hebdo, im Gespräch mit dem Stern, warum er keine Mohammed-Karikaturen mehr zeichnen werde: »Wir haben Mohammed gezeichnet, um das Prinzip zu verteidigen, dass man zeichnen darf, was man will. Es ist ein wenig seltsam: Man erwartet von uns, dass wir eine Freiheit ausüben, die im Grund niemand mehr zu nutzen wagt. Dabei haben wir unseren Job gemacht. Wir haben das Recht auf Karikatur verteidigt. Nun sind andere dran.«
Die anderen, die dran wären, machen sich rar. Es scheint kaum noch Menschen zu geben, die die Freiheit, zu zeichnen, was man will, beispielsweise Mohammed, noch zu nutzen wagen. Wohin die Reise geht, zeigte sich bereits kurz nach dem Morden in der Redaktion von Charlie Hebdo. Das Titelblatt der Satirezeitung nach dem Gemetzel – Mohammed mit einer Träne im Auge und dem Ausspruch »Alles ist vergeben« – erschien dem britischen Guardian als so verwegen, dass er den Abdruck mit einer Trigger-Warnung versah. In der New York Times wurde es nicht dokumentiert. Als Caroline Fourest das Cover während eines Interviews in die Kamera des US-amerikanischen Nachrichtensenders MSNBC hielt, wurde es, wie sie es vorhergesagt hatte, in der Ausstrahlung der Sendung verpixelt, und auch CNN verkündete, keine Mohammed-Karikaturen zu zeigen. Sie agieren, als wollten sie den jihadistischen Killern Recht geben, die nach dem Gemetzel bei Charlie Hebdo ausriefen: »Wir haben den Propheten Mohammed gerächt.«
Dabei hat sich die Funktion des Blasphemieverbots, das im Europa vor der Aufklärung und der bürgerlichen Revolution verbreitet war, grundlegend verändert, außer etwa in Staaten wie Saudi-Arabien oder den Islamischen Republiken Iran und Pakistan mit ihren drakonischen Blasphemiegesetzen. Die Kritik der Staatsreligion stellte in Europa das Gesellschaftsgefüge und die Herrschaft in Frage, die durch die Religion legitimiert wurden und auf ihr gewissermaßen gegründet waren, und war deshalb verboten. Das Blasphemieverbot hatte die Funktion, die traditionelle politische Autorität zu verteidigen. Es ging nicht einfach um Religion und theologische Spitzfindigkeiten, sondern auch um Politik und Herrschaft.
Doch in den weitgehend säkularisierten Gesellschaften Europas wird die Herrschaft nicht mehr durch das christliche Dogma legitimiert. Was ein Grund für die Abschaffung des Blasphemieverbots sein könnte, habe zu seiner Transformation geführt, in eine Straftat, die in den entchristianisierten, pluralisierten Gesellschaften die religiösen Glaubensinhalte und Gefühle von Nichtchristen zu schützen hat, um den inneren Frieden der Gesellschaft zu bewahren, argumentiert Kenan Malik in seinem Aufsatz »Be­yond the sacred«. Hand in Hand gehe das mit einer grundlegenden Veränderung im Charakter des religiösen Glaubens in den vergangenen Jahrzehnten, der nunmehr geprägt sei von einem »Antiintellektualismus, der eine emotionalere Religiosität bevorzugt«, wie es der französische Politologe Olivier Roy analysierte. Der Glaube, so Kenan Malik, habe sich »in den religiösen Flügel der Identitätspolitik transformiert«: Die Religion werde weniger von einer Suche nach Frömmigkeit und Heiligkeit getrieben als von einer Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Blasphemie, die früher als Sünde gegen Gott gesehen wurde, werde nunmehr als »Sünde gegen den individuellen Gläubigen gefühlt«. Deswegen seien viele Gesetze heutzutage, die angeblich den Glauben schützen, vorrangig in Begriffen gefasst, die die Kultur und die Identität von Gläubigen oder sogenannten Communities schützen.
Das bringt neue Komplikationen mit sich. Auf dem »Marktplatz der Empörung« entstehe ein Wettbewerb, bei dem jeder sagen will: »Mein Gefühl ist stärker verletzt als deines«, kritisiert die britische Schriftstellerin Monica Ali.
Das jüngste Spektakel, bei dem eine moderne säkularisierte Version der Blasphemie eingefordert wurde, betraf die US-amerikanische Schriftstellerin Lionel Shriver. Sie hatte auf dem Brisbane Writers Festival eine scharfe Kritik an Identitätspolitik und der Idee der kulturellen Aneignung formuliert, woraufhin ihr vorgeworfen wurde, »respektlos« zu sein und es an Bescheidenheit mangeln zu lassen. Ihre Haltung zeuge von »racial supremacy«. Im Internet folgte ein shitstorm, der Fall schlägt derzeit hohe Wellen, unter anderem im Guardian und in der New York Times.
Angesichts solch ungeschickter, aber vehementer Versuche, säkularisierte sacred spaces, neue Tabuzonen für die Kritik zu errichten, hat die Kunst der Blasphemie noch eine große Zukunft vor sich.