Brendan McGeever, Soziologe, über Antisemitismus in der Roten Armee

»Judenfeindschaft gab es auch ohne Pogrome«

Interview Von Olaf Kistenmacher
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Sowohl unter den Führern des russischen Bolschewismus als auch unter den Vorkämpfern des Kommunismus in Europa war die Zahl der Juden verhältnismäßig groß. Auch deshalb galten die Bolschewiki als einzige politische Kraft, die konsequent gegen den Antisemitismus in der eigenen Armee kämpfte und für eine Aufklärung in der Bevölkerung sorgte. Brendan McGeever lehrt Soziologie an der Birkbeck-Universität in London. Im Frühjahr 2018 soll seine Dissertation »The Bolsheviks and Antisemitism in the Russian Revolution« erscheinen.

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privat

 

Was interessiert Sie an der Russischen Revolution?
Ursprünglich komme ich aus der soziologischen Rassismusforschung, und insbesondere der Zusammenhang von race und class beschäftigt mich seit einigen Jahren. Die marxistischen Bewegungen mussten sich in der Geschichte auf verschiedene Weise mit diesem Zusammenhang auseinandersetzen. Die Russische Revolution erscheint mir dafür als ein dramatisches Paradebeispiel. Eine politische Bewegung ist auf dem Weg an die Macht und sieht sich sofort gezwungen, auf antisemitische Pogrome zu reagieren.

»Die Rote Armee war verantwortlich für 8,6 Prozent aller Gewaltaus­brüche gegen Jüdinnen und Juden.«

Sehen Sie einen Bezug zur Gegenwart?
Das Thema ist für die Gegenwart von immenser Bedeutung. Wenn man sich umsieht, ist unsere Welt bedroht durch Krisen, Kriege, Rassismus, Antisemitismus, soziale Ungleichheit und so weiter. Diese Probleme bestehen nicht nur fort, sie haben sich in den vergangenen Jahren verschlimmert. Auch wenn sich vieles seit 1917 geändert hat – eine der Schlüsselfragen unserer Zeit ist, wie die Linke mit dem tiefsitzenden Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und ihrer jeweiligen Verschränkung mit Klassenlagen umgeht. Die Bolschewiki mussten sich damals mit genau diesen Fragen auseinandersetzen. Wenn wir das rückblickend betrachten, liefert uns das zwar keine fertigen Antworten auf diese Fragen. Aber ich bin überzeugt, dass die Aufarbeitung dessen, was der historische Marxismus übersehen hat, uns helfen kann, gegenwärtige Probleme besser zu verstehen.


In Ihren Vorträgen zitieren Sie eine Statistik, wonach während der Jahre 1918 bis 1921 etwa 100 von ungefähr 1200 Pogromen von Einheiten der Roten Armee begangen wurden.
Diese Tabelle wurde von Nahum Gergel, einem jüdischen Forscher, Ende der zwanziger Jahre erstellt. Gergel hatte zu jener Zeit keinen Zugang zu sowjetischen Archiven, seine Zahlen stammen aus einem jüdischen Archiv in New York City, dem YIVO. Seine Erhebung gehört zu den umfassendsten, die wir haben. Nach seiner Statistik war die Rote Armee verantwortlich für 8,6 Prozent aller Gewaltausbrüche gegen Jüdinnen und Juden. Es ist wichtig zu betonen, dass die Rote Armee damit von allen Militäreinheiten diejenige war, die am wenigsten zu dieser Form der Gewalt neigte. Die absolute Mehrheit der Pogrome wurde von den antibolschewistischen Kräften verübt. Trotzdem sind die Zahlen schockierend. Man muss berücksichtigen, dass sie sowohl etwas verbergen, als auch enthüllen. Antisemitismus war in ukrainischen Einheiten der Roten Armee zum Beispiel viel verbreiteter, als es Gergels Tabelle vermuten lässt. Selbst dort, wo sich diese Armeeeinheiten keiner Pogrome schuldig gemacht haben, war Judenfeindschaft ein ernstes Problem. Pogrome von Seiten der Roten Armee sind also keine Messlatte für Antisemitismus. Judenfeindschaft gab es auch ohne Pogrome.

Sie erwähnten ein antisemitisches Banner von Einheiten der Roten Armee, auf dem es hieß: »Schlagt die Bourgeoisie, schlagt die Juden, lang lebe die Sowjetmacht!« Wie verbreitet war das?
Der Slogan war 1919 in der ukrainischen Roten Armee weit verbreitet. In internen Berichten der Roten Armee, die an das Zentralkomitee geschickt wurden, wird er fast jedes Mal genannt. Warum? Viele derjenigen, die in der Ukraine die Bolschewiki unterstützten, kämpften für eine populistische Vorstellung von Sowjetmacht: für die Macht »des Volkes«, des narod, oder der »arbeitenden Bevölkerung«, gegen die Kapitalisten, Spekulanten und Ausbeuter. In diesem Zusammenhang bezeichneten die Begriffe »Ukrainer« oder »Jude« sowohl die Zugehörigkeit zu einer Klasse als auch zu einer Nationalität. Nach der populistischen Vorstellung war der Ukrainer der wahre und ehrlich Schaffende, der produktive, konkrete Arbeit leistete. Der Jude war, neben vielem anderen, derjenige, der nicht arbeitet, der Spekulant, der lediglich Mehrwert abschöpft, ohne ihn zu produzieren. Der ukrainische Bauer hatte demnach, vermeintlich anders als der Jude, eine organische Verbindung zum Boden, zur Klasse, zum Volk, zur Nation. Da sieht man, wie der revolutionäre Diskurs und ein populistisches antibourgeoises Ressentiment verschmelzen können und im Antisemitismus Ausdruck finden.
Überdies war die Zusammensetzung der ukrainischen Roten Armee speziell. Es war eine Armee von Kleinbauern, alles andere als eine reguläre Armee. Diese Einheiten operierten weitgehend ohne Kontrolle von außen und so hatten die Bolschewiki auf sie nur beschränkten Einfluss.

Was haben die Bolschewiki gegen die Gewalt und den Antisemitismus unternommen?
Die grundsätzliche Haltung der Bolschewiki war klar: gegen Antisemitismus. Bislang heißt es, Lenin und die Parteiführung hätten als Erste auf die Pogrome reagiert. Aber meine Recherche ergibt ein anderes Bild. Als die ersten Pogrome nach der Oktoberrevolution ausbrachen – Pogrome der Roten Armee in der Ukraine im Frühjahr 1918 –, reagierte die bolschewistische Führung nicht sofort. Nach den Unterlagen des Petrograder Komitees der Russischen Kommunistischen Partei (Bolschewiki) und der Sowjetregierung war Antisemitismus bis Juli 1918 kein Thema auf den Sitzungen. Erst am 26. Juli 1918 unterzeichnete Lenin ein Dekret, wonach Pogromisten »außerhalb des Gesetzes« stehen. Dieses wichtige Dokument ist allerdings nicht der Anfang, sondern das Ergebnis der ersten Reaktionen auf das Pogrom.
Zwischen April und Juli 1918 waren es indessen nichtbolschewistische jüdische Sozialisten aus dem Jüdischen Kommissariat, die das Thema aufgriffen. Diese Poale-Zionisten und linken Sozialrevolutionäre bildeten Lesezirkel, organisierten Informationsveranstaltungen und publizierten Pamphlete und Zeitungsartikel zu dem Thema. Es war gerade die Untätigkeit der bolschewistischen Führung, die diese Leute aktiv werden ließ. Demnach gab es eine sowjetische Reaktion auf den Antisemitismus. Aber sie war nicht ursprünglich bolschewistisch.

Emma Goldman und Alexander Berk­man berichteten Mitte der zwanziger Jahre über Judenfeindschaft in Russland nach der Revolution. Das bekannteste Buch ist sicherlich Isaak Babels »Die Reiterarmee«. Doch es war lange Zeit um eben die Stellen gekürzt, in denen es um Judenfeindschaft in der Roten Armee geht.
Ja, diese Veröffentlichungen sind als Quellen für meine Forschung bedeutsam. Die wichtigste Grundlage ist ein russisches Buch aus dem Jahr 2007, »Kniga Pogromow«, das Buch der Pogrome. Es wurde bislang nicht ins Englische übersetzt. Aber es ist die beste Zusammenfassung aller dokumentierten Pogrome und der politischen Reaktionen auf sie.

In Deutschland gibt es zurzeit eine Vielzahl von Veranstaltungen zur Russischen Revolution. Passiert etwas Ähnliches in Großbritannien?
Bemerkenswerterweise beschäftigt sich die Labour Party nicht mit der Oktoberrevolution. Der radikale Parteiflügel um die Organisation Momentum hat zur Parteikonferenz eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel »The World Transformed« organisiert. Trotz zig Vorträgen gab es keine Veranstaltung zur Russischen Revolution, was ich etwas seltsam finde.

Und wie reagiert die britische Linke auf Ihre Forschung?
Selbstverständlich ist es für Linke problematisch, sich dieser Geschichte zu stellen. Doch bislang fallen die Reaktionen positiv aus. Aber der eigentliche Test wird kommen, wenn mein Buch erschienen ist.