Studentenverbindungen in Österreich

Korporierte Kader

Seite 2 – »Kaderschmiede für die FPÖ«

Avantgarde waren Burschenschaften auch in Hinblick auf Antisemitismus. Im vergangenen Jahr gab es in Österreich einen Skandal um das Liederbuch der pennalen Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt ­(einer Schülerverbindung, Anm. d. Red.). Darin wird die NS-Zeit verherrlicht und in einem Lied heißt es: »Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million.« Existiert dieser eliminatorische Antisemitismus also weiterhin?
Als eliminatorischen trifft man ihn heute kaum mehr an. Selbst in Österreich distanzieren die meisten Burschenschafter sich heute von Antisemitismus überhaupt. Allerdings oft auf der Basis fragwürdiger Ansichten darüber, wo denn Antisemitismus beginnt. Heinz-Christian Strache etwa postete 2012 auf Facebook eine Karikatur zur Finanzkrise, darauf ein Banker in stereotyp antisemitischer Darstellung, mit Hakennase und – für die ganz Dummen – Davidsternen auf den Manschettenknöpfen. Strache argumentierte, es handle sich bloß um Kritik am politischen Handling der Bankenkrise – und die Staatsanwaltschaft gab ihm Recht.

Hakennase und Davidsterne. Antisemitischer Facebook-Post von Heinz-Christian Strache.

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Die Debatte um das Liederbuch hat dennoch die FPÖ dazu gebracht, eine Historikerkommission einzuberufen. Was soll die klären?
Im Wesentlichen soll es um eine Aufarbeitung der Parteigeschichte gehen, auch mit Blick auf die vielzitierten »braunen Flecken«. Die Partei hat aber von Anfang an darauf hingewiesen, dass auch die historischen Verdienste der FPÖ für die österreichische Demokratie gewürdigt werden sollen. Ich gehe davon aus, dass diese Würdigung einen wesentlichen Teil des Kommissionsberichts ausmachen wird.

Welche Rolle spielen die völkischen Verbindungen für die extreme Rechte in Österreich?
Die völkischen Verbindungen waren schon immer eine Kaderschmiede sowohl für die FPÖ als auch für den außerparlamentarischen Rechtsextremismus. Nach 1945 gab es kaum eine relevante Regung am rechten Rand, wo Burschenschafter nicht an vorderster Front beteiligt gewesen wären. Aus dieser doppelten Kaderschmiedefunktion und den damit verbundenen Netzwerken und Männerseilschaften ergibt sich eine Scharnierfunktion der Verbindungen innerhalb der extremen Rechten. Nicht zuletzt über sie gelangen Personen und Anliegen des österreichischen Rechtsextremismus in das Zentrum des politischen Geschehens.