Drugchecking in Berlin

Betreutes Ballern

»Drugchecking«, das pharmazeutische Testen von Drogen, hat seit den neunziger Jahren mit politischem Wider­stand und gesellschaftlichen Vorurteilen zu kämpfen. In Berlin beginnt nun ein Pilotprojekt.

Pillen und Pulver sind für viele Raver fester Bestandteil eines hedonistischen Partylebens. Doch Drogenkonsum birgt auch eine Menge Risiken mit sich, seien es unerwartete Zutaten, unan­genehme Trips oder Nebenwirkungen von Mischkonsum. Auf den freien Drogenmarkt ist in puncto Qualitätssicherung kein Verlass.
Im Herbst soll ein neues Drug­checking-Pilotprojekt in Berlin beginnen – das erste seiner Art in Deutschland. Der rot-rot-grüne Senat hat sich zuvor mit einem Rechtsgutachten ­abgesichert. 150 000 Euro stehen jährlich im Haushalt für das Projekt zur Verfügung, das von den Drogenberatungsstellen Eclipse, Vista und Fixpunkt entwickelt wurde und von dem Pharmazeuten Tibor Harrach koordiniert wird. In einem stationären Labor werden Substanzen auf Reinheitsgrad und Dosierung getestet.

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So können Warnungen ausgesprochen werden, wenn gefährliche Substanzen im Umlauf sind. Und im Umlauf sind viele. Für die Studie »Substanzkonsum und Erwartungen an Präventionsangebote in der Berliner Partyszene« wurden im vergangenen Jahr Clubgänger befragt. Die allermeisten (87,7 Prozent) hatten im zurückliegenden Monat Alkohol getrunken, 72,3 Prozent geraucht, mehr als die Hälfte (62,3 Prozent) hatte Cannabis konsumiert, die Hälfte Amphetamin (50,3 Prozent) und Ecstasy (49,1 Prozent). Es folgten Kokain und Ketamin bei rund einem Drittel (36 beziehungsweise 32,2 Prozent), danach LSD (zwölf Prozent) und GHB/GBL (flüssiges Ecstacy) mit 9,4 Prozent.

In Städten wie Zürich (Safer Party) und Wien (Check It!) wird Drugchecking bereits angeboten. Auch in Deutschland gab es in den neunziger Jahren mit den »Eve & Rave«-Vereinen ein ähnliches Projekt, das ebenfalls von ­Tibor Harrach initiiert wurde. Damals fehlte jedoch die entsprechende Rechtsgrundlage und das Projekt wurde rasch beendet: Drei Tage nach der Love Parade im Juli 1996 veranstaltete die Polizei eine Razzia in den Vereinsräumen in Berlin, allerdings ohne Betäubungsmittel zu finden. Doch die Durch­suchung eines Labors am gerichtsmedizinischen Institut der Charité, das mit dem Projekt zusammenarbeitete, brachte Ergebnisse. Die Staatsanwaltschaft leitete Strafverfahren gegen drei Vereinsmitglieder ein. Der Vorwurf: Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. In Deutschland verbietet das Betäubungsmittelgesetz bestimmte Rauschgifte, ihre Herstellung und Einfuhr, den Handel, Kauf und weitgehend auch den Besitz. Es gibt aber zahlreiche Ausnahmen für medizinische und wissenschaftliche Zwecke.

 

Juristisch ist der Sachverhalt unklar. Drugchecking stelle keinen Verstoß gegen das Gesetz dar, befand im Juni 1998 das Amtsgericht Charlottenburg, eine Auffassung, dem sich im März 1999 das Landgericht Berlin anschloss. Trotzdem wurden weder auf Bundes- noch auf Landesebene Mittel für ­entsprechende Projekte genehmigt. Harrach sieht politische Gründe dafür. Im Gespräch mit der Jungle World sagt er: »Es liegt in der Angst vor der symbolischen Wirkung, illegale Substanzen einer Art Qualitätskontrolle zu unterziehen. Die so erzeugte Normalität war und ist im Drogenbereich nicht erwünscht.«

Seit den gescheiterten Versuchen der neunziger Jahre gab es allerdings ­keinen Stillstand in Sachen safer use. Einige Projekte beschäftigen sich ­damit, einen vernünftigen und verantwortungsbewussten Konsum von ­Drogen zu fördern – wie zum Beispiel das Berliner Projekt Sonar bei der ­Berliner Drogenberatung Fixpunkt e. V. Rüdiger Schmolke leitet Sonar: »Ich bin selbst Technoparty- und Festivalgänger der ersten Generation und habe sehr viel im Partyumfeld erlebt. Ich bin auch deswegen in die Präven­tionsarbeit gegangen, weil ich in so einem Setting groß geworden bin«, sagt er der Jungle World. Das Projekt bietet Schulungen und Beratung für ­Beschäftigte in der Gastronomie, Konsumentinnen und Konsumenten sowie Infostände in Clubs, an denen zwei bis drei Mitarbeiter an Ort und Stelle beraten und safer use-Materialien ausgeben.

Diese sogenannten Safer-Sniffing-Packs beinhalten Leerkapseln, Alkoholtupfer zum Desinfizieren von Ziehflächen, eine Nasenspülung, eine Hackkarte und Papierröhrchen. »Es ist wichtig, dass es eine allgemeine Kultur wird, beim Ziehen von Drogen Röhrchen nicht zu teilen und keine Geldscheine zu benutzen«, sagt Schmolke. In welchen Clubs das Projekt arbeitet, möchte der 49jährige allerdings nicht verraten. »Wir machen Präventions­arbeit. Wir wollen nicht, dass Politik oder Presse sagten: Da gibt es ein Drogenproblem.« Finanziert wird Sonar seit 2018 von der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit. »Es war ein langer Weg, das zu erreichen. Wir haben für dieses und letztes Jahr Mittel vom Senat zur Verfügung gestellt bekommen«, so Schmolke, »aber die Frage ist natürlich, wie es ab 2020 weitergeht.«

 

Schmolke ist keineswegs ein Einzelkämpfer in der Präventionsarbeit. Er ist auch langjähriges Mitglied bei Eclipse e. V., einem wichtigen Kooperationspartner von Sonar. Der Verein setzt sich seit Jahren vor allem für einen ­sicheren Konsum von Drogen ein. Unter dem Banner »akzeptierende Drogen­arbeit und psychedelische Krisenintervention« ist der Verein seit 1997 auf zahlreichen Festivals vertreten, unter anderem auf dem Fusion-Festival auf dem ehemaligen Militärflugplatz in Lärz an der Müritz (Jungle World 20/2019). Wem es wegen Drogenkomsums nicht gut geht, den erwartet im ruhigen ­Eclipse-Zelt auf dem Festivalgelände eine psychedelische Ambulanz, genannt »Psycare«. Das klingt vielleicht esoterisch, basiert aber auf schulmedizinischen Erkenntnissen. In vielen Fällen hilft ein wenig Empathie und ein warmer Tee, bis das Schlimmste vorbei ist.

Anette Hofmann, die Pressesprecherin von Eclipse, war von Anfang an ­dabei. Ende der neunziger Jahre war sie Krankenpflegerin, brachte aber nicht nur professionelle Erfahrung mit. »Ich bin selbst Ex-Userin. Ich habe im Leben alles einmal probiert, was man probieren kann«, sagt die 53jährige, die mittlerweile Sucht- und Traumatherapeutin ist. »Wir verteufeln keine Drogen, wir verherrlichen sie aber auch nicht. Wir nehmen die Leute genau in ihrem Zustand an, wie sie zu uns kommen, und versuchen, das ganz wertfrei zu machen«, so Hofmann.

Eclipse wurde ins Leben gerufen, um eine Alternative zur herkömmlichen Behandlung von Drogenproblemen anzubieten. »Es kann gar nicht gut sein, wenn jemand total ›vertrippt‹ in eine geschlossene Psychiatrie eingeliefert wird«, sagt Hofmann. Eclipse soll jedoch keine Konkurrenz zu ausgebildeten ­Sanitätern darstellen. »Wir arbeiten auf Festivals eng mit den Sanitätern zusammen. Sie kümmern sich ums Körperliche und wir uns um das Psychische. Das ergänzt sich«, sagt Hofmann.

Zudem verfügt Eclipse über Drogenwissen, das Sanitäter nicht immer haben. »Ich habe schon welche erlebt, die wirklich keinen Plan hatten«, sagt sie. Es gibt aber auch selbständige Rettungsdienste wie »Blauer Stern«, die entsprechend ausgebildet sind. »Sie lassen sich von uns schulen und wissen ganz genau, worauf es in psychedelischen Krisen ankommt«, sagt Hofmann. Eclipse ist auf ehrenamtliche Arbeit und Spenden angewiesen. »Wir sind finanziell unabhängig und treffen Entscheidungen basisdemokratisch als Verein«, so Hofmann im Gespräch mit der Jungle World.

 

Informationen über safer use gibt es auch digital. Ein Beispiel liefert der Berliner Produktdesigner Philipp Kreicarek mit seiner App Knowdrugs. Nach einem Studium in Sozialer Arbeit und seiner Tätigkeit bei der queeren Drogenberatungsstelle Mancheck und der Organisation für Jugendarbeit Chill Out wollte der 30jährige Informationen über Drogen zugänglicher machen. Der Jungle World sagt er: »Online sind Ergebnisse von Drugchecking oft auf viele Webseiten verstreut. Auch ausgedruckte Pillenwarnungen auf Festivals erreichen nicht besonders viele Leute.« Seine App solle helfen, die Risiken zu minimieren und Wissen über Dosierungen, Wechselwirkungen und Sicherheitsprinzipien zu vermitteln, sagt Kreicarek. Die App – ein unabhängiges ­Projekt – zieht Ergebnisse von Tests aus Städten, in denen es bereits Drugchecking-Projekte gibt. Kreicarek hat einen Crawler programmiert, der auf Drugchecking-Websites geht, deren Testergebnisse dann in ein einheitliches Datenformat bringt und in der App anzeigt – »natürlich immer mit Quelle«.

Die App App Knowdrugs hilft mit Hinweisen nicht nur auf hochdosierte Pillen, sondern auch auf gefährliche Substanzen. Es gebe, so Kreicarek, immer wieder Fälle, hauptsächlich in Großbritannien, bei denen Paramethoxyamphetamin (PMA) in den Pillen enthalten sei. »Es soll ähnlich wie MDMA wirken«, sagt er, »der Wirkungseintritt ist aber viel später und wesentlich leichter. Das führt oft dazu, dass Leute nachdosieren. PMA kann aber zu einem sehr starken Anstieg der Körpertemperatur führen – es gab schon mehrere Todesfälle.« Dazu kommen synthetische Streckmittel oder unerwartete Substanzen. Auch Kokain wird manchmal mit den Betäubungsmitteln Lodocain oder ­Tetracain verfälscht – teils mit tödlichen Folgen.

Im dionysischen Tanztaumel kann man spontane, riskante Konsumentscheidungen treffen. Drugchecking ist eine effektive Art der Prävention und hilft, die Risiken des Konsums zu mindern. Grundlegendes Wissen über Drogen und ihre Wirkung kann es jedoch nicht ersetzen. Denn am Ende gilt: Wissen ist Macht – und dieses Wissen kann mitunter Leben retten.