Der Co-Vorsitzende der »Jungen Alternative« ist überraschend zurückgetreten

Das Boomertum schlägt zurück

Nach parteiinterner Kritik an seinen rassistischen Äußerungen ist der erst kurz zuvor gewählte Co-Vorsitzende der Parteijugendorganisation »Junge Alternative« aus der AfD ausgetreten. Seine Unterstützer beklagen eine »linke Cancel Culture« innerhalb der Partei.

Der 27jährige Brandenburger Marvin Timotheus Neumann hatte sich viel vorgenommen, als er sich am 18. April zusammen mit dem 31jährigen Carlo Clemens aus Nordrhein-Westfalen bei dem Bundeskongress der Jungen Alternative (JA), der Parteijugend der AfD, als Bundesvorsitzender wählen ließ. Angetreten gegen das »geistige Boomertum« in der AfD und »den eklatanten Theoriemangel von Entscheidungsträgern«, wollte er innerpartei­liche Diskussionen durch »provokante Tweets und Aussagen befeuern«, wie er in einem Interview mit einem neurechten Online-Magazin verlautbarte.

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Wenige Tage vor der Wahl hatte er sich in einem Gespräch mit der Jungen Freiheit als »Vertreter der Neuen Rechten« exponiert und zum Konzept des »Solidarischen Patriotismus« bekannt. Das Konzept stammt von Benedikt Kaiser, Lektor beim neurechten Verlag Antaios, und soll die völkischen Kräfte in der AfD mit sozialpolitischen Ideen versorgen. Die JA zählt bundesweit etwa 100 Mitglieder und wird seit 2019 vom Verfassungsschutz als »rechtsextremistischer Verdachtsfall« beo­bachtet.

Dass Neumann kaum taktisch spricht, sondern offen sagt, was er denkt, ist ihm nun zum Verhängnis geworden. Die partei­interne »Arbeitsgruppe Verfassungsschutz«, die verhindern will, dass der ­Inlandsgeheimdienst die Gesamtpartei als »rechts­extremistischen Verdachtsfall« einstuft, hatte Äußerungen Neumanns überprüft und dem Bundesvorstand der Partei daraufhin ein Gutachten vorgelegt, in dem sie seinen Rücktritt anriet. Kurz bevor der Bundesvorstand bei einer Telefonkonferenz Neumann anhören und über seine Personalie beraten konnte, ist dieser aus der Partei ausgetreten. Sein Mandat im Bundesvorstand der JA ist damit automatisch erloschen.

Das Gutachten der Arbeitsgruppe stützte sich auf Tweets des Rechtsex­tremismusexperten Robert Wagner, der Äußerungen Neumanns auf ­Twitter und Instagram mit Hilfe von Bildschirmfotos dokumentiert und auch schon länger auf dessen ideologische Einbindung in neurechte Netzwerke hingewiesen hatte.

Auf seinem mittlerweile gelöschten Twitter-Kanal hatte Neumann zum Beispiel geschrieben: »Andere weiße Europäer beziehungsweise ihre Nachfahren könn(t)en Deutsche werden, Schwarzafrikaner aber nicht.« Er ergänzte, dass es keine »Schwarzen Deutsche und Europäer« gebe, diese seien »bestenfalls Teil der Gesellschaft und besitzen bestimmte Staatsbürgerschaften, aber sie sind nicht Teil einer tradierten, authentischen, ›europäischen Identität‹«. In einem anderen Tweet kokettierte er mit der Idee der white supremacy: »Wenn die europäische Zivilisation sich nicht selbst zerstören will, nur um die Komplexe einer degenerierten Oberschicht in den Medienhäusern, Universitäten und Konzernen zu befrieden, muss früher oder später auch mal in aller Schärfe gesagt werden: ›Weiße Vorherrschaft‹ ist okay.«

Häufig zitierte Neumann, der mit dem »ideologisch-toxischen Rattenschwanz des Liberalismus« brechen will, auch Arthur Moeller van den Bruck, den bei Neurechten beliebten Ahnherren der sogenannten Konservativen Revolution; auf Instagram stylt er sich wie der britische Faschistenführer Oswald Mosley – mit nach hinten gegelten Haaren und adrettem Oberlippenbart. Vor allem aber seine Parteinahme für das chinesische ­Modell der Gesellschaftssteuerung brachte Parteimitglieder gegen ihn auf: »Nach einigen Diskussionen mit Ordnungsstaatlern fällt auf, dass, trotz grundsätzlicher Differenz, man oftmals beim chinesischen Modell als im Groben sinnvollster Form zukunftsfähiger Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ankommt. Das gilt es, für Europa zu formulieren«.

Die JA bedauerte in einer Stellungnahme Neumanns Rücktritt und distanzierte sich sowohl vom Vorgehen der Arbeitsgruppe, »die im Kampf gegen junge Patrioten sich von links­radikalen und aus dem Umfeld der Antifa kommenden Autoren treiben ließ«, als auch vom AfD-Bundesvorstand, der der Parteijugend keine »­Rückendeckung« gegeben habe. Ferner beklagte die JA, dass »selbst in­nerhalb der AfD die linke Cancel Culture Einzug hält«. Benedikt Kaiser ­solidarisierte sich auf Twitter mit Neumann und witterte eine Verschwörung der »Meuthen-Cotar-Clique« im Bundesvorstand der AfD. Paul Rzehaczek, der Vorsitzende der NPD-Parteijugend Junge Nationalisten (JN), legte Neumann auf Twitter den Eintritt in die JN nahe.

Neumann selbst zeigte sich in einer Stellungnahme irritiert über die scharfe Kritik und verwies seinerseits auf ­rassistische Äußerungen der Bundesvorstandsmitglieder Jörg Meuthen, ­Beatrix von Storch und Alice Weidel, die sich in der Sache kaum von seinen Tweets unterscheiden. Meuthen hatte 2017 auf dem Bundesparteitag in Köln beklagt, dass er in seiner Heimatstadt »nur noch vereinzelt Deutsche sehe«. Weidel hatte anlässlich der Freilassung des Journalisten und Mitherausgebers der Jungle World, Deniz Yücel, aus einem türkischen Gefängnis getwittert, dass der »unser Land regelrecht hassende ›Journalist‹« keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen sollte. Storch hatte 2017 in einem Tweet die »Wiedereinführung des Abstammungsprinzips« gefordert.

Anders als die Bundesvorstandsmitglieder führt Neumann den rechten Tabubruch allerdings in Permanenz auf. Im Gutachten der Arbeitsgruppe wurden deshalb vor allem Sorgen um die Außenwirkung der Partei formuliert: »Diese Mitteilungen sind ›Wasser auf die Mühlen des Verfassungsschutzes‹ und konterkarieren die Arbeit der Arbeitsgruppe und der gesamten Partei zur Abwehr der Beobachtung der AfD in einem unvorstellbaren Maß.« Die parteiinterne Kritik an Neumann ist also taktisch und nicht inhaltlich motiviert.

Die Posse um Neumann zeigt, dass die Gefahr einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz Wirkung entfaltet und innerparteiliche Konflikte verschärft. Ohne den beständigen Druck von außen wären Neumanns Äußerungen im provokativen Ge­raune der älteren Funktionäre kaum aufgefallen. Den größten inhaltlichen Widerspruch erfuhren daher auch nicht seine rassistischen Äußerungen, sondern seine Sympathien für das ­chinesische Staatssystem.

Der verbleibende JA-Bundesvorsitzende Carlo Clemens bezeichnete Neumanns Äußerungen als »falsch«, pflegt aber ebenfalls Kontakte zur Neuen Rechten. Im Gegensatz zu Neumann inszeniert er sich als heimatverbundener Familienvater und tritt rhetorisch gemäßigter auf. Er bat um Vertrauen und Disziplin, um seine Amtszeit bis 2022 zu Ende zu führen.