In arabischen Ländern und der Türkei gab es kaum Proteste gegen Israel

Stille Straße

Vor allem in arabischen Staaten gab es in den vergangenen Tagen kaum große antiisraelische Proteste – in erster Linie weil viele den Iran als Gegner sehen.

Wer in den Tagen des Kriegs zwischen der Hamas und Israel in Städten der sogenannten islamischen Welt nach großen Massenaufmärschen für die Sache der palästinensischen Schwestern und Brüder suchte, wurde kaum fündig. Sicher, in Teheran gab es die obligatorische Kundgebung, auch im Jemen und im Irak kam es zu Demonstrationen. Doch Proteste, die die vom Iran unterstützten jemenitischen Houthi-Rebellen in Sanaa veranstalten oder die der schiitische Geistliche Muqtada al-Sadr in Bagdad inszeniert, sind – das weiß eigentlich jeder in der Region – alles andere als spontane Ausbrüche irgendeines Volkszorns. Das gilt auch für Katar, den wichtigsten Geldgeber der Hamas, wo deren in einem Luxushotel residie­render Anführer, Ismail Haniya, eine Kundgebung abhalten durfte.

Anzeige

Auch in der Türkei, deren Präsident Recep Tayyip Erdoğan sich in den vergangenen Tagen einmal mehr als oberster Retter Jerusalems in Szene setzte, fehlte es an Massenprotesten, obwohl sie sicher von der Regierung sehr willkommen geheißen worden wären. Das gilt auch für arabische Länder, vor allem die Golfstaaten, die vergangenes Jahr Friedensabkommen mit Israel geschlossen hatten. In Ägypten wurden sogar propalästinensische Demonstranten festgenommen.

Fast absurd mutete es deshalb an, dass tagelang auf den Startseiten vieler Medien aus dem Nahen Osten nicht etwa Bilder einer erbosten »arabischen Straße« zu sehen waren, sondern von Demonstrationen in Europa und den USA. Wie bereits während des Gaza-Kriegs 2014 schienen in der Tat, sieht man vom Iran und seinen Satelliten ab, mehr Menschen im Westen demonstriert zu haben als in der Region selbst.

Das liegt nicht unbedingt an schwindender Solidarität mit den Palästinensern, sondern an den beträchtlichen politischen Veränderungen in der Region. Die Hamas wird sowohl auch von der Türkei und Katar unterstützt, also von Regierungen, die den Muslimbrüdern nahestehen, doch ging diese Runde ganz eindeutig an den Iran. Selbst schrillste antisemitische Töne aus dem Munde Erdoğans konnten nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass sein Land im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern deutlich an Einfluss verliert. Kundgebungen zur Unterstützung der Hamas werden in der Türkei inzwischen natürlich auch als Manifestationen für die Regierung wahrgenommen – ein Grund für deren Opponenten, ihnen fernzubleiben. Offenbar hat, inmitten der Covid-19-Pandemie und einer sich ständig verschlechternden ökonomischen Situation, Erdoğan gewisse Probleme, seine eigene Klientel zu mobilisieren.

Mag die Hamas, die, zusammen mit ihren Schutzherren in Teheran, eindeutig als politischer Sieger aus dem jüngsten Konflikt hervorgegangen ist, auch viele Sympathisanten haben – ihre Nähe zum Iran macht sie nicht nur zum Feind jener arabischen Länder, die inzwischen die Nähe zu Israel suchen. Auch die Protestbewegungen im Libanon und im Irak stehen in offener Gegnerschaft zu iranischer Einmischung in die Angelegenheiten ihrer Länder und sehen in vom Iran bezahlten und gesteuerten Milizen wie der Hizbollah im Libanon oder al-Hashd al-Shaabi im Irak eher Gegner als Verbündete. Eine antiisraelische Demonstration in Bagdad beispielsweise erscheint dieser Tage immer auch als eine proiranische.

Denn das ist dem iranischen Regime inzwischen geglückt: Durch die Schwächung der Fatah und der von Mahmoud Abbas geführten Autonomiebehörde fehlt eine innerpalästinensische Alternative zur Hamas, der es mit ihren Raketen und ihrer Propaganda gelungen ist, sich als Stimme aller Palästinenser zu präsentieren.

Entsprechend viele Gründe gab es für arabische Regierungen und »die Straße«, zwar Lippenbekenntnisse zur Sache der darbenden Palästinenser abzugeben, sich ansonsten aber eher auffallend zurückzuhalten. Denn jeder Sieg des Iran ist zugleich eine Niederla­­ge seiner Gegner. Dies gilt besonders für Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, die die Annäherung an den jüdischen Staat immer auch als Zweckbündnis gegen den Erzfeind in Teheran verstanden haben.