Small Talk mit Thilo Manemann über die Atomwaffen-Division

»Die Gewaltbereitschaft ist auf jeden Fall da«

In Deutschland war Anfang des Jahres ein Ableger der rechtsterroristischen Gruppe »Atomwaffen Division« aktiv. Dominiert wurde er von bekannten Nazis, die versuchten, Minderjährige zu rekrutieren. Einer von ihnen soll bei der Deutschen Bahn arbeiten. Die Jungle World sprach mit Thilo Manemann von der Amadeu-Antonio-Stiftung (Projekt: de:hate), der eine Recherche zu dem Thema veröffentlicht hat.
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Was ist die »Atomwaffen Division«?

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Es handelt sich um eine rechtsterroristische Gruppe, die 2015 in den USA gegründet wurde und für Morde an mindestens fünf Menschen verantwortlich gemacht werden kann. Ihre Ideologie speist sich hauptsächlich aus dem Akzelerationismus, einer Strategie, den gesellschaftlichen Kollaps und dadurch einen »Rassenkrieg« herbeizuführen, an dessen Ende die Errichtung eines weißen Ethnostaats stehen soll. Die Gruppe folgt dem Prinzip des sogenannten führerlosen Widerstands. Vor allem junge Männer sollen ermutigt werden, eigene Zellen aufzubauen. Das entsprechende Propagandamaterial und Handlungsleitfäden sind im Internet leicht zu finden. Dementsprechend tauchen überall in der Welt immer wieder rechtsextreme Zellen nach dem Vorbild der »Atomwaffen Division« auf.

In dem konkreten Fall in Deutschland waren es zwei ältere, schon im Neonazimilieu verwurzelte Männer, Patrick G. und Steven T. Was haben die gemacht?

Der erste Schritt ging von einem polnischen Mitglied aus, das eine europäische Gruppe der »Atomwaffen Division« gründen wollte. Dort sind auch deutsche Neonazis beigetreten. Sie kamen hauptsächlich aus dem Umfeld der NPD, so auch Steven T.; Patrick G. war schon seit Jahren als Neonazi in Süddeutschland bekannt. Durch die beiden geriet die Gruppe immer mehr unter deutsche Führung. Sie haben größtenteils Minderjährige hinzugeholt. Das kann man als Kontinuität deuten, denn besonders Steven T. hat schon vorher versucht, Gruppen zu bilden, die Minderjährige anziehen sollten. Da kam die »Atomwaffen Division« sehr gelegen – mit ihrem martialischen Auftreten und der Internet-Propaganda.

Es gibt Hinweise, dass Patrick G. bei der Deutschen Bahn (DB) arbeitet, zum Beispiel Fotos von seinem Arbeitsplatz, die er auf seinem Instagram-Account gepostet hat.

Natürlich kann die DB aus Personenschutzgründen nicht bestätigen, ob Patrick G. dort arbeitet. Aber es gibt Hinweise darauf, dass er in kritischer Infrastruktur tätig ist. Wenn jemand, der versucht hat, eine rechtsterroristische Gruppe aufzubauen, die vor allem die ­akzelerationistische Ideologie vertritt, in kritischer Infrastruktur ­arbeitet, ist das hochproblematisch. Diese Gefahr bleibt auch bestehen, wenn sich Teile der Gruppe zurückziehen und die Gründung einer »Atomwaffen Division« erst einmal einstellen, wie es nach Erscheinen unserer Recherche geschehen ist.

Sie haben sich auch die interne Kommunikation der Gruppe angeschaut. Welchen Eindruck erhält man dort von den Mitgliedern, etwa was deren Gewaltbereitschaft angeht?

Die Gewaltbereitschaft ist auf jeden Fall da. Patrick G. schrieb zum Beispiel, er wolle Kontakt zum Regiment Asow aufnehmen, um an einem Trainingslager teilzunehmen. Das ist eine ukrainische Miliz, die viele Neonazis im bewaffneten Kampf ausbildet. Auch darüber hinaus ist die Gewaltbereitschaft der Mitglieder hoch. Wir haben Chatprotokolle einsehen können, die zeigen, dass zumindest die Ambitionen da waren, sich Waffen zu besorgen. Jemand hat geschrieben: »Bewaffneter Widerstand – ja oder nein? Ich wäre dafür.«