Ein Besuch bei italienischen Hanfbauern

Im Hanffeld hinter den Bergen

In einem kleinen Dorf in den italienischen Abruzzen baut eine Familie seit einigen Jahren Hanf an. Daraus entstehen CBD-Produkte wie Öle, Cremes und Kristalle. Sie enthalten kaum THC und machen nicht high. Deshalb ist der Verkauf in Europa bislang legal. Das könnte sich jedoch bald ändern.
Reportage Von

Wenn man von Rom aus Richtung Osten fährt, werden die Berge immer höher und die Hochebenen erstrecken sich weit. Abruzzo, die nördlichste Region Süditaliens, reicht von den Stränden der Adria bis weit in den Apennin. Die eiszeitlichen Täler der Abruzzen sind bedeckt mit Buchen- und Eichenwäldern, die im Winter bis zu minus 20 Grad aushalten. Am Gran-Sasso-Massiv erreicht das Gebirge 2912 Meter Höhe. Die Gegend ist dünn besiedelt. Im Regionalpark Sirente-Velino westlich des Gran Sasso gibt es noch heute ­Bären und Wölfe. Und es gibt Cannabisbauern.

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In dem kleinen Dorf Castelvecchio leben rund 800 Menschen, früher waren es mehr. Es ist ein typisches Abruzzendorf. Steinhäuser kleben übereinander an einem Berghang, enge Gassen führen auf kleine Vorplätze. Einmal in der Woche gibt es einen Markt.

»Wenn es um die Zucht von Nutz­hanf geht, das kaum THC enthält, muss man sich viel Wissen selbst erarbeiten.« Jacopo Paolini, Hanfbauer

Marco und Jacopo sitzen auf der Veranda ihres Hauses in der Sonne und blicken auf den Gemüsegarten. Der Hund Tortilla liegt unter dem Tisch im Schatten und döst. Es ist heiß. Schon am Vormittag klettert das Thermometer hier im Juli auf 30 Grad.

»Ich habe schon immer gerne im Garten gearbeitet. Den Gemüsegarten liebe ich, besonders die Tomaten«, sagt Jacopo Paolini und grinst. Für das Mittagessen pflückt er das frische Gemüse vor dem Haus. Sein Onkel beobachtet den Erntevorgang von seinem Schattenplatz unter einem Olivenbaum aus.

»Ich bin hier aufgewachsen. Aber zum Studieren und Arbeiten kann man hier nicht bleiben. Es ist traurig zu sehen, wie immer mehr Menschen die Gegend verlassen müssen, weil sie keine Anstellung finden«, sagt Jacopo. Der ehemalige Rechtsanwalt gründete vor zehn Jahren gemeinsam mit seinem Cousin Marco Cappiello eine kleine Firma, die aus Hanf CBD-Produkte herstellt; CBD ist die Abkürzung für Cannabidiol. Nachdem beide jahrelang anderen Beschäftigungen nachgegangen waren, trafen sie sich in Holland wieder, wo sie beide gute Erfahrungen mit Cannabis machten.

Das Cannabis für ihre Produkte wächst heute auf den Feldern am Rande des Dorfes. Denn in den Abruzzen ist der Boden fruchtbar. Die Region bietet Trauben, Oliven, Zuckerrüben und Safran. Im Gegensatz zum empfindlichen Safran ist die Hanfpflanze eher robust. Der Boden und das Klima in den Abruzzen bieten besonders gute Bedingungen für die Pflanzen.

»Am Anfang hatten wir wirklich keine Ahnung vom Cannabisanbau. Wenn es um die Zucht von Nutzhanf geht, das kaum THC enthält, muss man sich viel Wissen selbst erarbeiten. Das dauert lange und ist manchmal wirklich frustrierend«, räumt Jacopo ein. Einmal sei ihnen über Nacht fast die komplette Ernte verlorengegangen. »Die Pflanzen hatten Schädlinge, und als wir eines Morgens aufstanden und aufs Feld fuhren, waren fast alle welk.«

Cannabis ohne Rausch
Cannabidiol ist einer von vielen Inhaltsstoffen der Hanfpflanze. Im Gegensatz zum Hanfbestandteil THC (Tetrahydrocannabinol) hat CBD keine berauschende oder psychoaktive Wirkung. Es gilt nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom vergangenen Jahr daher auch nicht als Betäubungsmittel. Dem Cannabinoid werden dennoch verschiedene medizinische Eigenschaften nachgesagt, etwa angstlösende, entzündungshemmende, entkrampfende, antidepressive und sogar antipsychotische Effekte. Fast alle deutschen Drogerieketten und sogar einige Supermärkte vertreiben mittlerweile CBD-haltige Produkte als Tropfen, Cre­mes oder Kaugummis. Bis heute sind die Wirkungen von CBD, THC und vielen weiteren Cannabinoiden aber nicht vollständig erforscht. Inzwischen existieren einige Studien, in denen CBD auf seine Eigenschaften hin untersucht wurde. Wie genau CBD aber wirkt, ist nicht bekannt. Vermutet wird, dass Cannabidiol die Wirkung anderer Medikamente verstärken kann. Außer positiven Erfahrungsberichten gibt es kaum Studien, die einen Effekt belegen.

Für Marco und Jacopo steht die Wirkung ihrer Produkte außer Frage. »Ich nehme CBD vor allem zum Schlafen und in stressigen Situationen. Für mich funktioniert es wahnsinnig gut«, berichtet Jacopo, während er durch die Felder streift. An jeder zweiten Pflanze bleibt er stehen und betrachtet sie genau. Der schwere, süße Grasgeruch steigt sofort in die Nase. Dabei sind die Pflanzen gerade einmal einen Meter hoch und wachsen noch rund zwei Monate, bis sie schließlich geerntet werden. Die Sorte, die Marco und Jacopo hier anbauen, ist eine von ihnen selbst gezüchtete Sativa-Sorte.

Sativa wächst um die Welt
Heute wird Cannabis Sativa auf der ganzen Welt angebaut. Seine Einführung in Europa begann wahrscheinlich im zweiten Jahrtausend vor Christus. In Italien wurden die Spuren von Cannabis-Sativa-Pflanzen gefunden, die auf das 1. Jahrhundert nach Christus datiert werden können. Seither hat sich der Cannabisanbau über die ganze Welt verbreitet. Circa 1930 waren Samen und Pflanzen der Sorte Cannabis Sativa fast überall auf der Welt zu finden. In den vierziger Jahren war Italien einer der größten Hanfproduzenten der Welt. Der Hanfanbau für Fasern hielt sich bis in die fünfziger Jahre auf recht hohem Niveau. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die ehemals boomende Branche rapide an Bedeutung. Die Einführung von Kunstfasern führte dazu, dass weniger Hanf benötigt wurde; die Hanfproduktion wurde schließlich vollständig verboten.

»Die Beamten kommen hier regel­mäßig vorbei und nehmen Proben von Pflanzen mit.« Marco Cappiello, Hanfbauer

Heute ist der Anbau und Vertrieb in Europa unter bestimmten Bedingungen wieder erlaubt. 2016 wurde der Hanf­anbau für THC-arme Sorten in Italien vereinfacht. Für den Anbau ist keine Lizenz erforderlich. Es besteht nur eine Meldepflicht an die nächstgelegene Polizei- oder Carabinieri-Dienststelle oder dem nächstgelegenen Posten der Finanzpolizei. »Die kommen hier auch wirklich regelmäßig vorbei und nehmen Proben von Pflanzen mit«, bestätigt Marco. Beträgt der Gehalt an THC in einer Cannabispflanze weniger als 0,2 Prozent, handelt es sich nach dem geltenden EU-Recht um Industriehanf. Im europäischen Sortenkatalog sind rund 75 Nutzhanfsorten zugelassen, die einen THC-Wert aufweisen, der zum Zeitpunkt der Ernte unter 0,2 Prozent liegt. Diese sind in Europa legal und werden für die Herstellung von Fasern, Samen und CBD-Extrakten genutzt. Der Besitz und der Erwerb von CBD-Blüten ist allerdings verboten.

Unklare Gesetzeslage
Die EU stuft CBD als »neuartiges Lebensmittel« ein. Sie wird im Novel-Food-Katalog der Europäischen Kommission unter dem Eintrag »Cannabinoids« als neuartig beurteilt und benötigt damit eine Zulassung nach der Novel-Food-Verordnung. Da eine Zulassung von CBD als neuartiges Lebensmittel bisher aber nicht erfolgt sei, seien derartige Erzeugnisse auch nicht verkehrsfähig, heißt es auf der Seite des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.

Aus diesem Grund findet sich zur Zeit auf vielen Verpackungen von CBD-Produkten noch der Zusatz: Nicht zum Verzehr geeignet. Solange die Frage, ob CBD nun ein Lebensmittel oder ein Medikament darstellt, nicht geklärt ist, ist die Zukunft von Marcos und Jacopos Unternehmen ungewiss. Tatsächlich ist die gesetzliche Regelung recht ungenau. Das hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass Verkäufer von CBD-Produkten sowie Betreiberinnen von CBD-Läden immer wieder der Strafverfolgung ausgesetzt waren. Für Marco und Jacopo, die ihre Produkte nur im Internet vertreiben, sei das bislang kein Problem gewesen. Aber im Gegensatz zu großen Firmen sind sie auf private Konsumentinnen und Konsumenten angewiesen. Diese, so fürchten sie, könnten durch die unklare Gesetzeslage verunsichert werden.

Neben ihrer Begeisterung für die Hanfpflanze wollen die beiden Gründer aber auch ein Projekt vorantreiben. Das gemeinsame Arbeiten und die Vorstellung, dass sie in der Region faire Arbeitsplätze schaffen, motiviere sie. »Am liebsten würde ich ja noch mal Soziologie studieren«, sagt Jacopo nach dem Essen. Er nimmt einen tiefen Zug aus seinem Joint. Hauptsache sei, »die Welt nicht schlechter zu hinterlassen«, als man sie vorgefunden habe, meint er. Ob da ein Soziologiestudium helfen könne, wisse er nicht. Er denke noch darüber nach.