In Hamburg betreibt ein Kollektiv das Gesundheitszentrum Poliklinik Veddel

Das Poliklinik-Syndikat

Ein kollektiv betriebenes Gesundheitszentrum im Hamburger Stadtteil Veddel setzt sich gegen die gesundheitliche Benachteiligung im Viertel ein.

»Uns war es wichtig, das Impfen gemeinsam mit Leuten aus dem Stadtteil zu machen und Dolmetscher aus dem Viertel zu gewinnen«, erzählt Milli Schroeder vom Stadtteilgesundheits­zentrum Poliklinik Veddel im Gespräch mit der Jungle World. »Die Leute haben sich aufgehoben gefühlt, weil es ein nachbarschaftlicher Ort ist.« So habe das Zentrum erfolgreich über die Covid-19-Impfungen aufgeklärt, die Akzeptanz für sie vergrößert und zahlreiche Menschen geimpft.

Anzeige

Der Hamburger Stadtteil Veddel liegt zwischen Industrieanlagen, Autobahnen und Bahngleisen und ist von Armut und Einwanderung geprägt. »Menschen, die mit komplexen Problemen zu uns kommen, sind manchmal überfordert von den vielen Angeboten, die wir haben«, so die Mitarbeiterin Irina Wibmer, die früher als Krankenpflegerin in der Suchthilfe arbeitete. »Aber dann sind sie oft erleichtert, wenn ich ihnen am Ende der Sprechstunde genau sagen kann, wo sie sich mit diesem oder jenem Problem hinwenden können, etwa an die soziale oder die psychologische Beratung bei uns.«

Die Menschen auf der Veddel seien öfter und früher von chronischen Krankheiten betroffen, von Depressionen über Diabetes bis hin zur Herzinsuffizienz, sagt Milli Schroeder von der Poliklinik Veddel.

Die Poliklinik nahm 2017 im Gebäude eines ehemaligen Pferdestalles einer Polizeikaserne ihre Arbeit auf. Ähnliche Projekte gibt es in Berlin, Dresden und Leipzig, ein weiteres ist in Köln geplant, sie haben sich im »Poliklinik-Syndikat – Solidarische Gesundheitszentren« zusammengeschlossen. Die Hamburger Poliklinik sollte dort eröffnet werden, wo der Bedarf am größten ist; bei dieser Entscheidung half der 2013 von der Stadt veröffentlichte »Morbiditätsatlas Hamburg«. »In dieser Studie ist erhoben, wie hoch die gesundheitliche Belastung in den unterschiedlichen Stadtteilen ist«, erläutert Milli Schroeder. Die Stadtteile Wilhelmsburg und Veddel hätten in drei von vier Kate­gorien am schlechtesten abgeschnitten. Die Menschen in diesen Vierteln seien öfter und früher von chronischen Krankheiten betroffen, von Depressionen über Diabetes bis hin zur Herzinsuffizienz. »Diese Daten bestätigen sich ­jeden Tag in der Praxis«, so Schroeder.

Am Anfang stand eine allgemeinmedizinische Stadtteilpraxis mit nur zwei bezahlten Mitarbeitern sowie eine ehrenamtlich organisierte Gesundheits- und Sozialberatung. Getragen wurde diese von einem Kollektiv, der »Gruppe für Stadtteilgesundheit, Gesundheit und Verhältnisprävention e. V.«. Sie war 2012 gegründet worden, viele Mitglieder waren zuvor Teil des Medibüro Hamburg gewesen, einer medizinischen Beratungs- und Vermittlungsstelle für Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten, die seit 1994 »als autonom organisiertes Kollektiv« arbeitet, wie es in einer Selbstdarstellung heißt. »Daraus erwuchs die Idee, Gesundheitsversorgung größer aufzuziehen, um an den ungerechten gesellschaftlichen Verhältnissen etwas zu ändern«, erinnert sich Milli Schroeder.

Mittlerweile arbeiten in der Stadtteilpraxis zwei Ärzte mit 13 Beschäftigten. Hinzu kommt eine Hebamme, weitere 13 in der Poliklinik tätige Personen sind über den Verein angestellt. Ein großer Teil der Arbeit jedoch wird nach wie vor von Ehrenamtlichen erledigt, zuletzt etwa eine ­erneute Impfaktion. Für einen Ausschuss des Bezirks Hamburg-Mitte fasste Milli Schroeder in einer Präsentation die Ziele der Poliklinik so zusammen: »Entwicklung einer Alternative in der ambulanten Gesundheitsversorgung und -vorsorge: Verbindung von interdisziplinärer Versorgung mit partizipativer Gemeinwesenarbeit & Adressierung der sozialen Determinanten der Gesundheit«.

Die Angebote umfassen Gesundheits- und Sozialberatung, psychologische Beratung und ambulante Pflege sowie die Hausarzt- und die Hebammenpraxis. Die Fälle der Patienten werden auf wöchentlichen Teamsitzungen besprochen. »Wir bieten eine interdisziplinäre Versorgung an, die möglichst viele Problemlagen gleichzeitig berücksichtigen kann«, so Schroeder. »Das zeichnet uns aus: ein interdisziplinärer Ansatz mit dem Ziel, gemeinsam mit den Nutzern und Nutzerinnen eine gute Versorgung zu entwickeln.« In diesem Jahr gab es bereits 31 Fallkonferenzen, in denen das Team gemeinsam mit der jeweils betroffenen Person über die bestmögliche Unterstützung beratschlagte.

Dann gibt es noch eine Mitarbeiterin im Bereich Gemeinwesenarbeit. Sie hat unter anderem die Aufgabe, die Angebote der Poliklinik bekannt zu machen, und Präventionsangebote mit kleineren Geldsummen zu unterstützen. Das Kollektiv bedauert, kein Geld für eine langfristige Präventionsstrategie auftreiben zu können. »Da müsste man gucken: Wie sind die gesellschaft­lichen Verhältnisse, wie sind infolgedessen hier die Lebensbedingungen«, erläutert Schroeder. »Was braucht man strukturell, damit die Menschen hier gesünder leben können? Das wäre nachhaltige Gesundheitsförderung.«