Nadeschda Mongusch von der Bewegung Nowaja Tuwa über praktische Antikriegsarbeit in der ­autonomen Republik Tuwa

»Die meisten Aktivisten agieren anonym«

Ein Gespräch mit der Aktivistin Nadeschda Mongusch über die Antikriegsbewegung Nowaja Tuwa „Die meisten Aktivisten agieren anonym“ Die sibirische Republik Tuwa wurde 1944 in die Sowjetunion eingegliedert. Nowaja Tuwa ist im Mai entstanden, hat eine unabhängige Medienplattform gegründet, um die Tuwiner über den Krieg gegen die Ukraine zu informieren und tritt für die Dezentralisierung des politischen Systems Russlands ein.
Interview Von

Was genau ist Nowaja Tuwa? Kann man von einer Bewegung sprechen und wenn ja, welche Ziele verfolgt sie?

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Nowaja Tuwa ist eine regionale Antikriegsbewegung. Sie entstand erst im Mai, etwas später als in anderen Regionen. Die Gründerin der Bewegung hat im Internet nach Gleichgesinnten ­unter der tuwinischen Bevölkerung gesucht, sie angeschrieben und vorgeschlagen, zusammen eine unabhängige Medienplattform zu gründen. Der Großteil der Aktivisten agiert aus Sicherheitsgründen anonym. Die Zielsetzung besteht darin, die Tuwiner aus unabhängigen Quellen mit Informationen über den Krieg Russlands gegen die Ukraine zu versorgen. Es handelt sich gleichzeitig auch um eine Bewegung gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Russland, die für einen echten Föderalismus und die Dezentralisierung des politischen Systems eintritt.

Kann man in Tuwa von einer weit verbreiteten Antikriegsstimmung sprechen?

Die Mehrheit der Tuwiner weiß sehr wenig über den Krieg. Das liegt auch an der isolierten Lage. Tuwinisch ist außerdem größtenteils die Umgangssprache in der Republik und längst nicht alle Tuwiner sprechen Russisch auf hohem Niveau. Die größten Probleme sind aber die Armut und die hohe Arbeitslosigkeit. Junge Männer sehen nach ihrer Ausbildung kaum Möglichkeiten, ihr durch Bildung erworbenes Wissen auf dem Arbeitsmarkt anzuwenden. Deshalb erscheint ein Vertragsabschluss als Zeitsoldat überaus attraktiv. Aus diesem Grund fallen prozentual gesehen die Beteiligung und auch die Zahlen im Krieg gestorbener tuwinischer Soldaten so hoch aus.

»Die größten Probleme in Tuwa sind die Armut und die hohe Arbeits­losigkeit. Deshalb erscheint ein Vertragsabschluss als Zeitsoldat überaus attraktiv.«

Können Sie Zahlen nennen?

Leider nein, denn unsere Regierung macht weder Angaben zu den Verlusten noch zur Anzahl derjenigen, die an der Front eingesetzt werden. Bis Anfang September, also noch vor der Mobilmachung, sind etwa 120 Tuwiner ums Leben gekommen. Mit Beginn der Mobilmachung ist die Situation noch undurchsichtiger geworden. Der Regierungschef sprach von rund 700 eingezogenen Soldaten – mit einem Lächeln, was uns besonders verärgert hat. Wir sammeln aber weiterhin Daten.

Welche praktische Arbeit leistet die Bewegung?

Es gelang uns in einigen Fällen, Soldaten aus der Ukraine zurückzuholen. Vor der Mobilmachung habe ich Zeitsoldaten dabei unterstützt, ihren Vertrag über einen Einsatz in der Ukraine aufzulösen, so dass sie nach Hause zurückkehren konnten. Konkretisieren kann ich das nicht, um niemanden zu gefährden. Nach Beginn der Mobilmachung gab es Anfragen von eingezogenen Soldaten, die nicht an der Front kämpfen wollten und fragten, was sie tun können. Ihnen zu helfen, ist allerdings weitaus komplizierter. Tuwiner haben eine Heidenangst davor, sich in ukrainische Gefangenschaft zu begeben, wegen pauschal gegen Asiaten gerichteter Anschuldigungen. Die schlimmsten in der Ukraine verübten Kriegsverbrechen wurden asiatischen Soldaten zugeschrieben, also Tuwinern, Burjaten, Kalmücken, die als Aushängeschild für diesen Krieg in der Ukraine gelten. Darum ranken sich viele Gerüchte, und Tuwiner fürchten sich deshalb vor schlechter Behandlung und Folter im Fall der Gefangennahme. Wenn man das Prozedere der Einberufung komplett absolviert hat, ist es generell schwierig, sich einem Einsatz zu entziehen, und denen, die es trotzdem versuchen, wird damit gedroht, sie an die vorderste Front zu versetzen.

Haben Sie von solchen Fällen etwas mitbekommen?

Einberufene haben uns das mitgeteilt. Einige Soldaten melden sich direkt bei uns, wenn sie den Dienst verweigern wollen. Dazu sind sie aber nur bereit, solange sie sich auf russischem Territorium befinden. Wer sich bereits im ­Donezker oder Luhansker Gebiet aufhält, traut sich dies nicht, aus Angst vor Repressalien und einem Einsatz an der Front. Sie wollen zurück in die ­Kaserne und dort verweigern, auch wenn das strafrechtliche Konsequenzen mit sich bringt.

Ist es Ihnen schon einmal gelungen, einen ­Soldaten zurück in die Kaserne zu überführen?

Nein, bislang nicht. Es gibt keinen einzigen uns bekannten Fall, in dem es jemand von der Front zurück in die Kaserne geschafft hat.

Wie ist die Mobilmachung in Tuwa insgesamt abgelaufen?

Ziemlich chaotisch. Die Rekrutierungsstellen sind in großer Eile vorgegangen, um die Vorgaben zu erfüllen. Einberufungsschreiben haben sie wahllos zugestellt – an Männer über 50, Väter von fünf Kindern; außerdem haben sich dort zum Datenabgleich auch jene eingefunden, die zurückgestellt wurden oder untauglich sind, und wurden vom Fleck weg eingezogen. Auch kam es vor, dass die Polizei Männer von zu Hause abgeholt hat, ohne ihnen zu erlauben, ihre Sachen zu ­packen.

Wie wirkt sich der Umstand aus, dass der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu selbst ­Tuwiner ist?

Soweit bekannt, hat er auch ukrainischen familiären Hintergrund. Aber natürlich spielt seine Person in Tuwa eine enorme Rolle. Allein schon, weil er in den neunziger Jahren das Kata­strophenschutzministerium praktisch aus dem Nichts aufgebaut hat, wurde er für viele Menschen zum Vorbild. Auch als Verteidigungsminister war die Bevölkerung stolz auf ihn. Schoigu gilt als ideales Beispiel für Männlichkeit. Tatsächlich gibt es in Tuwa einen ausgeprägten Personenkult, was in diesem Krieg ausgiebig genutzt wird, damit sich Männer freiwillig für einen Einsatz melden.

Auf welche Weise erfahren die ­Leute von Nowaja Tuwa und wie schätzen Sie den Bekanntheits­grad der Bewegung ein?

Etliche sind uns auf Instagram oder Telegram bereits vor der Mobilmachung gefolgt, andere haben unsere Informationskanäle erst später entdeckt. Insgesamt war unsere Bewegung vor der Mobilmachung nicht sehr bekannt, danach aber begannen viele, offen über uns zu sprechen. Am 29. September fand in der Hauptstadt Kysyl außerdem eine von Frauen organisierte Antikriegskundgebung statt, für die wir geworben haben. Für Männer wäre eine Teilnahme zu gefährlich gewesen, weil das eine sofortige Einberufung zum Militärdienst hätte bedeuten können. Eine Frau hatte versucht, die Veranstaltung anzumelden, was natürlich scheiterte. Trotzdem kamen Leute. Allerdings dauerte es keine fünf Minuten, bis die Kundgebung aufgelöst wurde – so viel Polizei habe ich mein ganzes Leben in Kysyl nicht gesehen. Noch am selben Tag verkündete die örtliche Regierung, dass die Mobilmachung beendet sei. Aber solchen Ankündigungen trauen wir ohne entsprechenden Präsidentenbeschluss nicht.

In der russischen Gesellschaft sticht die extreme Vereinzelung der Menschen hervor. In den autonomen Republiken im Nordkaukasus hingegen existiert beispielsweise durch weitverzweigte verwandtschaftliche Beziehungen ein größerer gesellschaftlicher Zusammenhalt, der in bestimmten Situationen Menschen dazu befähigt, offen zu protestieren, wie dies in Dagestan nach Verkündung der Teilmobilisierung der Fall war. Wie sieht es damit in Tuwa aus?

In Tuwa gibt es keinen so starken Zusammenhalt wie in Dagestan. Das liegt auch an den riesigen sozialen Problemen und dem allgegenwärtigen Misstrauen. Dass es sich bei den Tuwinern um eine sehr kleine Bevölkerung handelt, die weitgehend in kleinen Ortschaften verstreut lebt, verursacht sogar einen gegenteiligen Effekt. Wenn jemand sich gegen den Krieg ausspricht, wo doch die Mehrheit diesen unterstützt oder sich zumindest indifferent verhält, ist die Gefahr auf dem Land wesentlich größer als in einer Großstadt. Schließlich kennen alle einander.

Gab es Repression gegen Nowaja Tuwa oder einzelne Aktivisten?

Als zu Beginn der Mobilmachung unsere Bewegung größere Bekanntheit erlangte, hat die Staatspropaganda dafür gesorgt, Namen von Aktivisten zu veröffentlichen und in den Schmutz zu ziehen. Strafermittlungen laufen bislang nur gegen Ajan Xhuruma, der Nowaja Tuwa nicht angehört, aber offen gegen den Krieg auftritt. Ihm wird die Organisation jener Kundgebung und Diskreditierung der Armee zur Last gelegt, er ist untergetaucht.

Haben Sie auch Kriegsdienstverweigerern geholfen, das Land zu verlassen?

Ja, wir haben damit recht spät angefangen. Wir haben einen Bus nach Kasachstan und zwei Busse in die Mongolei organisiert. Das war kein einfaches Unterfangen, weil die Leute voller Panik waren. Es gibt zwar eine gemeinsame Grenze mit der Mongolei, aber die allermeisten Tuwiner haben keinen Reisepass. Nach Kasachstan kann man auch mit dem Personalausweis einreisen, aber allein die Vorstellung, in ein fremdes Land zu fahren, macht den meisten Leuten große Angst. Wir unterstützen aber auch jene, die auf eigene Faust ausgereist sind, und versuchen, Solidaritätsnetzwerke aufzu­bauen.

Teile der russischen Opposition sprechen in letzter Zeit über einen möglichen Zerfall der Russischen Föderation. Vor diesem Hintergrund ist die eingangs von Ihnen erwähnte Programmatik von Nowaja Tuwa besonders interessant. Richtet sie sich hauptsächlich an die lokale Bevölkerung oder will die Bewegung ihren Positionen Gehör in anderen Regionen Russlands und in Moskau verschaffen?

In Tuwa ist es üblich, sich für die eigene desolate Lage zu schämen. Viele Menschen verstehen nicht, dass sie nicht selbstverschuldet ist. Tuwa ist reich an Rohstoffen, aber seit der Kolonisierung Sibiriens durch Russland hat sich ein System etabliert, dem sich die Bewohner unterzuordnen haben, um in Armut von Almosen zu leben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. ­Lokale Unternehmen überweisen ihre Abgaben nach Moskau und von dort kommt nur ein Bruchteil in Form von Subsidien zurück in die Region. Das ist ungerecht und wir wollen den Tuwinern klarmachen, dass sie an ihrer Armut keine Schuld tragen. Außerdem ließe sich die Situation durch eine ­Dezentralisierung der Wirtschaft verändern. Gleichzeitig wollen wir auch der russischen Gesamtbevölkerung und der Regierung in Moskau verdeutlichen, dass die jetzige Situation für uns inakzeptabel ist und wir Veränderungen fordern.

Kooperiert Nowaja Tuwa mit ­Gruppen in anderen autonomen Republiken?

Am aktivsten sind derzeit Bewegungen in Burjatien und Jakutien (der offizielle Name lautet Sacha, Anm. d. Red.), während Kalmückien, der Altai oder Chakassien in der Hinsicht weniger auffallen, also in etwa wie wir. Wir kooperieren, nur früher war das schwieriger, weil wir anonym blieben und nicht mit ihnen zusammen offen auftreten konnten. Jetzt aber gehen auch wir offensiver vor, schließlich sind die Probleme überall die Gleichen: Armut und eine Haltung uns gegenüber als Menschen zweiter Klasse. Weil wir alle aus Asien stammen, unterscheidet man uns ­zudem kaum voneinander. So werden russische Kriegsverbrechen in der ­Ukraine den Soldaten aus den asiatischen Republiken zugeschrieben. Wir tauschen uns auch untereinander aus, um herauszufinden, wer diese Ver­brechen verübt hat. Die jahrzehntelange Sonderbehandlung in Russland verbindet uns.
 

Nadeschda Mongusch gehört der Bewegung Nowaja Tuwa an. Die in Sibirien gelegene Republik Tuwa wurde erst 1944 in die Sowjetunion eingegliedert. Rund 80 Prozent der 330 000 Einwohner sind Tuwiner. Nowaja Tuwa ist eine im Mai entstandene Antikriegsbewegung und verfolgt auch antikoloniale Ziele.