24.05.2017 / 12:35 Uhr

Allein unter Linken

Von
Nina Nuñez

Tuvia Tenenbom diskutierte in Leipzig über sein Buch »Allein unter Flüchtlingen«

 

»Nächste Frage!« schallt es vom Podium. Etwa 120 Personen haben sich am Abend im linken Leipziger Kulturzentrum Conne Island zur Lesung des israelisch-amerikanischen Autors Tuvia Tenenbom eingefunden. Zuvor hatte es eine Kontroverse gegeben: Die Gruppe »Rassismus Tötet«, welche die Lesung ursprünglich am 3. Mai veranstalten wollte, hatte ihre Beteiligung kurzfristig abgesagt. Grund dafür war, dass Tenenbom eine Einladung des neurechten Instituts für Staatspolitik in Schnellroda/Sachsen-Anhalt angenommen hatte. Mitglieder der Gruppe trafen zuvor Tenenbom zum Gespräch und verfassten ein Statement zur Absage ihrer Teilnahme. Das Conne Island beschloss, die Veranstaltung am 18. Mai nachzuholen.

Kapitel aus »Allein unter Flüchtlingen« werden abgespielt. Sie handeln vom Widerspruch zwischen dem Kanzlerinnen-Motto»Wir schaffen das!« und den verheerenden Zuständen in deutschen Asylunterkünften – und von den verborgenen Motiven der deutschen »Willkommenskultur«. Dokumentiert werden von Tenenbom sowohl Gespräche mit Flüchtlingen als auch mit deutschen Studenten und Rentnern, die sich großteils als »gute Menschen« in Szene setzen, indem sie ihren Antirassismus herausstellen. Immer wieder wird Tenenbom auf die Frage, warum Deutschland im Sommer 2015 seine Grenzen für Flüchtlinge geöffnet hat, auf die deutsche Vergangenheit verwiesen. Er schlussfolgert, dass es den Deutschen weniger um die Flüchtlinge geht als darum, endlich von der Welt geliebt zu werden oder sich zumindest als geläuterte Nation von Nicht-Nazis beweisen zu können. Das Motiv der Hilfsbereitschaft vieler Deutscher zieht der Autor in Zweifel.

In der anschließenden Diskussion geht der Autor auf die Vorwürfe der Gruppe »Rassismus Tötet« und anderen Linken ein. Er berichtet von seinen jahrelangen Kämpfen als Journalist bei Zeit-online. Man habe ihn nicht über den Nahostkonflikt berichten lassen wollen, er habe seine Artikel schwer durchsetzen können. Außerdem habe man ihn strenger als andere kontrolliert, weil seine Artikel nicht der Haltung seiner Redakteure entsprochen hätten. Er erklärt nachdrücklich: »Und das waren keine Rechten, das waren Liberale, Menschenrechtler!« Diese mitunter netten Leute, denen er Antisemitismus attestiert, könne er doch auch nicht boykottieren. So kooperiere er auch mit Organisationen wie der Rosa Luxemburg Stiftung, die übrigens am selben Abend, an dem Tenenbom in Leipzig liest, in Berlin eine Veranstaltung mit einer Vertreterin der antisemitischen BDS-Gruppe »Coalition of Women for Peace« ausrichtet. Für die Zusammenarbeit mit Institutionen wie der Rosa Luxemburg Stiftung habe ihn keine linke Gruppe je kritisiert, geschweige denn seine Ausladung debattiert. Tenenbom verteidigt seinen Auftritt beim Institut für Staatspolitik und spitzt sein Plädoyer für Meinungsfreiheit in dem Satz zu: »Wenn ich so gut bin die Rosa-Luxemburg-Stiftung zu besuchen, bin ich so gut Götz Kubitschek zu besuchen«.

Zudem, meint Tenenbom, ignoriere die Linke die Machtverhältnisse: Sie verschaffe sich mit dem Engagement gegen Rechts mitunter gegen relativ unbedeutende Akteure eine weiße Weste, während sie bei ranghohen Politikern und renommierten Medien antisemitische Positionen akzeptiere. Antisemitismus sei weitaus verbreiteter und eine alle gesellschaftlichen Lager, werde aber nicht vehement bekämpft. Tenenbom vergleicht daher diejenigen, die seinen Ausschluss aus linken Räumen fordern mit den Gesprächspartnern aus »Allein unter Flüchtlingen«, die sich für bessere Menschen hielten, weil sie sich in der Flüchtlingskrise als Antirassisten profilierten.

Warum es an jedem 1. Mai Aufrufe gebe, Nazis zu »boxen«, aber eine entsprechende Agitation gegen die »israelkritische« Süddeutsche Zeitung ausbleibe, will er wissen. Und er fragt: »Wer hat die Macht in Deutschland? Götz Kubitschek?« Das Engagement gegen Rechts diene der Linken als Feigenblatt.