Freitag, 1 September, 2017; 18:21 Uhr

Bunker, Berge und Birrari: Der Letzte macht das Licht aus

Von
Jörn Schulz

Man kann darüber streiten, ob Tirana eine schöne Stadt ist. Es gibt keine pittoreske Altstadt und keine grandiosen Monumente (Erdogan lässt allerdings eines errichten, eine gewaltige Moschee im ja eigentlich reizvollen Istanbuler Kuppelstil). Gerade das Chaotische, Improvisierte, bisweilen Unbeholfene verleiht der Stadt aber einen gewissen Reiz - ein wenig Denkmalschutz könnte allerdings nicht schaden. Die Stadt ist ungeplant gewachsen, was natürlich einige Infrastrukturprobleme aufwirft, so gibt es in einigen Stadtteilen Probleme mit der Wasserversorgung. Von den etwa 2,9 Millionen Albanerinnen und Albanern leben knapp 770.000 im Großraum der Hauptstadt, Tendenz steigend. Andere Teile des Landes sind unzweifelhaft schön, aber Schönheit macht nicht satt. Ein Auskommen findet man am ehesten noch in Tirana, aber einfach ist auch das nicht.

Ich freue mich ja immer, wenn ich Fans der "Paten"-Trilogie kennenlerne, vor allem wenn es sich, wie in diesem Fall, um eine Politologin handelt, die meine Ansicht teilt, dass diese Filme auch cineastische Politologie sind. Wenig erfreulich ist hingegen, dass sie in den Filmen die Realität ihres Landes und ihrer Gesellschaft wiedererkennt. Sätze wie "Wende dich nie gegen deine Familie" oder "Irgendwann werde ich dich um eine kleine Gefälligkeit bitten", erzählt sie, haben hier existentielle Bedeutung, und zwar keineswegs nur in kriminellen Kreisen. Das Gewaltniveau ist relativ gering, aber die Abhängigkeiten sind groß. Schon um einen miesen Job zu bekommen, braucht man oft Verbindungen. Wer aufmuckt und sich gegen die Dons stellt, muss mit seiner Entlassung rechnen. Ernstzunehmende rechtsstaatiche Strukturen gibt es nicht. Wie das alles genau funktioniert, erfahren Sie am 14. September, jedenfalls trägt es zur Auswanderung bei, die von den unabhängigen Linken (auch über die erfahren Sie am 14. September mehr) hier als großes Problem betrachtet wird.

Deshalb gibt es in der Gruppe, die wir besucht haben, offenbar so etwas wie einen Ehrenkodex: dableiben und kämpfen. Nicht in dogmatischer Strenge natürlich, es gibt ökonomische Zwänge, und auch viele Ausbildungsgänge können besser oder überhaupt nur im Ausland absolviert werden. Aber man will das Land nicht den Dons überlassen. Eigentlich eine recht kuriose Angelegenheit: eine kleine Gruppe radikaler Linker bemüht sich letztlich um das nation building, für das ja ganz andere Leute zuständig sein sollten. Und die EU setzt unverdrossen auf die Dons, obwohl man es selbst in Brüssel mittlerweile besser wissen sollte. 

Die sozialen Kämpfe hier sind defensiv, der Grad der sozialen Organisierung ist gering. Das ist vor allem eine Folge der Atomisierung der Gesellschaft unter dem Stalinismus, der hier ja eine deutlich krassere Form hatte als etwa im damaligen Jugoslawien unter Tito. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die Lage vielleicht doch nicht so schlecht. Die Stalinisten haben das Land in die erste Phase der Moderne geprügelt (Alphabetisierung, formale Gleichstellung der Frauen etc.), aber im Hinblick auf fast alles, was mit Emanzipation und Freiheit zu tun hat, war die Zeit um 1990 hier die Stunde Null.

Und die Linken, die wir hier kennengelernt haben, sind wirklich sehr sympathisch und, nun ja, hedonistisch, ohne davon viel Aufhebens zu machen. Das philosophische Niveau der Debatten, so erfuhr ich gestern, steigt mit der Zahl der getrunkenen Rakis. Wir werden uns bemühen, das zu verifizieren.