Mittwoch, 6 September, 2017; 01:08 Uhr

Bunker, Berge und Birrari: Left go, right back

Von
Jörn Schulz

Nein, da geht es ausnahmsweise nicht um Politik, das war eine Anweisung beim diesjährigen Extremsport im Selbstversuch. Worum es sich da handelt, erfahren Sie am 14. September. An dieser Stelle sei nur verraten, dass ich froh über meine Entscheidung bin, mein Motto „and definitely no sports“ einmal ignoriert zu haben und wir einer Meute wilder Hunde entkommen konnten. Es gelang uns auch, das Dorf Lazarat, das als Zentrum des Cannabisanbaus in Albanien gilt, ohne Einschusslöcher an unserem Mietwagen zu passieren. Auch zu diesem Thema (Cannabisanbau, nicht Einschusslöcher in Mietwagen) mehr am 14. September.

Albanien wird ja manchmal den Klischees gerecht. Zum Opferfest schlachteten unsere Gastgeber im Garten ein Schaf. Hin und wieder traben Schafherden gemächlich über die Straßen. Manchmal auch Ziegen oder Kühe. Raki ist hier tatsächlich sehr beliebt und nicht alle warten bis zum Abend, um ihnen zu genießen. In Bars und Restaurants kennt man die 2cl-Nummer nicht, es wird deutlich großzügiger eingeschenkt. Auf die albanische Gastfreundschaft stößt man an den wunderlichsten Orten, etwa an einer Schnellstraße Richtung Süden in einem winzigen Café. Die Wirtin holt nicht nur jemanden herbei, der etwas Englisch kann, um eine rudimentäre Verständigung zu ermöglichen, sondern lehnt es auch strikt ab, Geld für den Kaffee zu nehmen. Und natürlich wird auch Raki aus einer Wasserflasche angeboten.

Aber keine Sorge, ich will Ihnen hier nicht mit dem Klischee „arm, aber freundlich und glücklich“ kommen (wozu übrigens auch gehören würde, dass hier die meisten Nahrungsmittel „Bio“ sind, weil es wenig industrialisierte Landwirtschaft gibt). Also, freundlich sind die Leute wirklich; wie glücklich der Hirte ist, der lächelnd und winkend für uns seine Schafe von der Straße getrieben hat, will ich mir nicht anmaßen zu beurteilen. Über eine für ihn erschwingliche zahnmedizinische Behandlung würde er sich aber vermutlich freuen. Das Schwarzbrennen hat ohne Zweifel seine Romantik, und der Schnaps ist wirklich gut, aber in Sachen Akkumulation kommt man so natürlich nicht so recht voran.

Die kapitalistische Entwicklung verläuft hier noch chaotischer als anderswo, da offenbar bislang keine Regierung in der Lage war, so etwas wie Wirtschaftspolitik und Investitionslenkung zustande zu bringen. Das Ergebnis sind unter anderem zahlreiche Neubauruinen, so gut wie fertiggestellte Geschäftsbauten, die bereits wieder verfallen. Und wer braucht die unzähligen Tankstellen und Autowaschanlagen? Möglich natürlich, dass manche Geldwaschanlagen sind.

Was tun? Der EU-Beitritt wäre sicherlich in verschiedener Hinsicht hilfreich (das scheinen auch die Linken hier so zu sehen, aber repräsentativ war meine Umfrage natürlich nicht) im Hinblick etwa auf rule of law (inklusive Arbeitsrecht, da ein schlechtes immer noch besser ist als de facto gar keins) oder Hilfe für strukturschwache Gebiete (de facto das ganze Land). In absehbarer Zeit wird in dieser Hinsicht aber nichts vorankommen. Die realpolitisch klügste Strategie wäre für Albanien wohl, mit der Türkei (Russland kommt wegen der bevorzugten Beziehungen zu orthodoxen und/oder slawischen Staaten wohl nicht in Frage), vielleicht China anzubandeln, um für die EU zum Problem zu werden, das Investitionen und Aufmerksamkeit verdient. Bezüglich der Türkei versucht man das wohl auch, was natürlich Risiken für die, soweit ersichtlich, tatsächlich vorherrschende religiöse Toleranz birgt. Enver Hoxha hat es übrigens geschafft, Albanien außenpolitische Bedeutung zu geben, allerdings bedurfte es dazu einer sehr spezifischen geopolitischen Konstellation. Und der Bau von 200.000 Bunker – eine Art stalinistischer Extremsport – gehört auch in diesen Kontext. Die Folgen unseres Extremsports machen sich bei mir nun langsam bemerkbar. Na, einen Raki vielleicht noch. So sehr den Albanerinnen und Albanern eine gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung zu wünschen ist – um den Selbstgebrannten wäre es wirklich schade.