Der ehemalige Basisgewerkschafter Aboubakar Soumahoro nimmt in den Debatten der italienischen Linken die Klassenperspektive ein

Die Ausgebeuteten zuerst

Der ehemalige Basisgewerkschafter Aboubakar Soumahoro nimmt in den häufig von identitätspolitischen Fragen bestimmten Debatten der italienischen Linken die Klassenperspektive ein.

Aboubakar Soumahoro weiß, dass er während des coronabedingten Ausnahmezustands Regeln bricht. Social distancing sei ein Privileg, sagt er in ­einem kürzlich veröffentlichten Kurzfilm der Dokumentarfilmerinnen ­Diana Ferrero und Carola Mamberto, während er sich auf den Weg nach Borgo Mezzanone bei Foggia in Süditalien macht. Er will die Erntehelferinnen und -helfer, die auf den Feldern Apuliens arbeiten, mit Lebensmitteln, Mund-Nasen-Masken und Desinfek­tionsmitteln versorgen.

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»Die Unsichtbaren«, so nennt der 40jährige Soziologe und ehemalige Vertreter der Basisgewerkschaft Unione Sindacale di Base (USB) die Saisonarbeiterinnen und Tagelöhner, deren Arbeit mit dem im Frühling verhängten lockdown über Nacht systemrelevant ­wurde. Sie sorgten dafür, dass Obst und Gemüse nicht auf den Feldern verrotteten und in den Supermärkten kein Mangel entstand. Diese Menschen genießen keinerlei Arbeits- und Gesundheitsschutz. Sie werden kaum wahrgenommen, weil sie in Barackensiedlungen am Rand der Städte hausen müssen, abgeschirmt vom Rest der Gesellschaft. Die Siedlung von Borgo Mezzanone, auch »Ghetto« genannt, ist eine Art town­ship. Allein in Apulien gibt es mehrere solcher Siedlungen.

Es ist ein Programm, das jenen aus dem Herzen sprechen sollte, die linke Politik in Italien vermissen – und das sind viele. Zumindest als Symbolfigur hat Soumahoro es geschafft, verschiedene politische Gruppen in seinen Kampf für universelle Rechte der Ausgebeuteten zu integrieren. Linke Politikerinnen und Gewerkschafter sollten zunächst eines tun: Soumahoro ­genau zuhören.

Seit Jahren kämpft Soumahoro dafür, den an den Rand Gedrängten Gesicht und Stimme zu geben. Seit 2018 setzt er sich gegen das System aus Ausbeutung, Erpressung und Rassismus ein, in dem die illegalisierten Erntehelferinnen und -helfer stecken, und unterstützt sie bei der Selbstorganisation. Doch es bedurfte der Coronakrise, damit sein Vorhaben auf nationaler Ebene politisch wahrgenommen wurde.

Mitte August hat Soumahoro die USB verlassen und eine eine neue politische Gruppe gegründet, die Lega di Braccianti (Liga der Landarbeiter). Das war der Höhepunkt eines für ihn sowie seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter kämpferischen Sommers, der von erfolgreichen Mobilisierungen mit teilweise spektakulären Aktionen geprägt war. In Italien werden Erntehelferinnen und -helfer gewöhnlich als braccianti (von braccia, die Arme) bezeichnet.
Mitte Mai beschloss die italienische Regierung ein umfassendes Dekret zum Wiederaufbau der Wirtschaft nach der Coronakrise. Demnach konnten ­illegal beschäftigte landwirtschaftliche Arbeitskräfte sowie private Haushalts- und Pflegehilfskräfte unter bestimmten Bedingungen bis zum 15. Juli straffrei angemeldet werden. Arbeitskräfte ohne gültige Papiere konnten zum Zweck der Arbeitssuche in diesen drei Arbeitsbereichen eine auf sechs Monate befristete Aufenthaltserlaubnis beantragen. Ein Schritt in die richtige Richtung, könnte man meinen – doch Soumahoro widerspricht.

Die Legalisierung sei aus reinem wirtschaftlichem Opportunismus erfolgt, kritisiert er: »Man hat Angst, dass die Tomaten ausgehen.« In der Pandemie würden die Erntehelferinnen und -helfer schlicht gebraucht. Weit entfernt sei man noch vom Schutz ihrer Rechte, ganz zu schweigen von der Anerkennung ihrer menschlichen Würde. Heftig kritisiert wurde auch die Begrenzung des Dekrets auf Landwirtschaft, Haushalt und Pflege; die Ausgebeuteten in Sektoren wie Bau, Logistik, Handwerk oder Gastronomie blieben ausgeschlossen.

Als die Zahl der Neuinfektionen sank, organisierte die USB Streiks in mehreren Städten. »Auch auf den Feldern unsichtbar!« skandierten am 21. Mai Hunderte Teilnehmende. Es war nicht das erste Mal, das Soumahoro vor den Kameras landesweiter Fernsehsender erschien, aber diesmal hatte er viele Unterstützerinnen und Unterstützer hinter sich. Im Juni entschied er sich für eine medienwirksame Aktion: Er kettete sich an den Toren der Villa Pamphili in Rom an. In dieser trafen sich zu diesem Zeitpunkt unter anderem Unternehmensvertreter und Gewerkschafterinnen zu den von der Regierung unter Ministerpräsident Giuseppe Conte einberufenen Stati generali (Generalstände), um über den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Coronakrise zu beraten. Soumahoro prangerte an, dass die politisch Verantwortlichen Gesetze beschlössen, die von der Logik des Marktes diktiert seien. Er kämpfe für soziale Gerechtigkeit.

Conte hörte sich das alles an, doch seine Glaubwürdigkeit dürfte in den Augen Soumahoros nicht besonders groß sein. Er war immerhin Ministerpräsident einer Regierung, in der Matteo Salvini, der Vorsitzende der extrem rechten Partei Lega, zum Innenminister und stellvertretenden Ministerpräsidenten avancierte, und ließ die Verabschiedung der noch immer nicht abgeschafften sogenannten Sicherheitsdekrete zu. Diese verschärften unter anderem das Asylrecht und kriminalisierten die zivile Seenotrettung.

Anfang Juli organisierte Soumahoro eine große Veranstaltung in Rom, die er in Abgrenzung von den Stati generali der Regierung Stati popolari (Volksstände) nannte. Die Forderungen der illegalisierten Arbeiterinnen und Arbeiter bildeten nur einen Teil der Themen auf der Piazza San Giovanni in Rom. Bezeichnenderweise waren weder linke Parteien noch die großen Gewerkschaften vertreten. Neben den in der USB organisierten Erntehelferinnen und -helfern nahmen Arbeitslose, prekäre Arbeiterinnen, Kurierfahrer, Aktivistinnen von Fridays for Future und Black Lives Matter, italienische und ausländische Pflegehilfskräfte sowie die Feministinnen von »Non una di meno« (Nicht eine weniger) an der Veranstaltung teil.

Soumahoro ist überzeugt, dass die Kämpfe der Ausgebeuteten zusammengehören, unabhängig von ihrer Herkunft. Während viele italienische Linke sich in identitätspolitischen Debatten verstricken, die von der rechtsextremen Propaganda von Salvinis Partei Lega weiter angeheizt werden, nimmt Sou­mahoro in der politischen Debatte die Klassenperspektive ein. Salvinis »Prima gli italiani!« (Italiener zuerst!) setzt er die Losung »Prima gli sfruttati!« (Die Ausgebeuteten zuerst!) entgegen. Zum Abschluss der Veranstaltung stellte er sein »Manifest für Gerechtigkeit, Freiheit und Glück« vor.

Darin fordert er einen nationalen Beschäftigungsplan, ein umfassendes Programm für sozialen Wohnungsbau, eine tiefgreifende Reform der Lieferketten in der Agrar­industrie, eine radikale Umgestaltung der Migrationspolitik, eine Strategie für den ökologischen Wandel sowie ein aktives Vorgehen gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung.

Das ist ein Programm, das jenen aus dem Herzen sprechen sollte, die linke Politik in Italien vermissen – und das sind viele. Zumindest als Symbolfigur hat Soumahoro es geschafft, verschiedene politische Gruppen in seinen Kampf für universelle Rechte der Ausgebeuteten zu integrieren. Unabhängig davon, welche Chancen die Lega di Braccianti bei Wahlen hat, sollten ­linke Politikerinnen und Gewerkschafter zunächst eines tun: Soumahoro ­genau zuhören.