Der Krieg in Syrien ist längst zu einem internationalen Konflikt geworden

Es gibt nur Verlierer

Die Koalition gegen den IS hat versagt. Überall kämpfen ihre Mitglieder nun gegeneinander.

Wird nach Homs, Aleppo, Raqqa, Mossul, Sinjar, Cizre, Kobanê und anderen Orten in der Region als nächstes Afrin in eine Ruinenstadt verwandelt? Verwundern sollte es nicht, wenn in ein paar Wochen die Bilder aus Afrin denen aus so vielen anderen, inzwischen weitgehend unbewohnbaren Städten der Region gleichen werden. Spielt es dann noch eine Rolle, wer am Ende als Sieger dasteht? Was bleiben wird, sind weitere Hunderttausende Menschen auf der Flucht, die alles verloren haben, Ruinenlandschaften, für deren Wiederaufbau niemand Geld zur Verfügung stellt, Elend, Hass und Hoffnungslosigkeit.

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Auch das nächste Kapitel dieses furchtbaren Kriegs in Syrien wird keine Gewinner kennen, sondern nur Verlierer, auch wenn eine Seite sich schließlich zum Sieger erklärt. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen der kurdischen Demokratischen Einheitspartei (PYD) und der türkischen Regierung in einen bewaffneten münden würde. Angekündigt hatte die Türkei diesen Einmarsch seit Jahren.

Und die PYD, auch das war absehbar, steht nun ohne Verbündete da. Für den Großteil der syrischen Opposition – oder besser für das, was von dieser Opposition noch übrig geblieben ist, egal ob islamistisch ausgerichtet oder nicht – wird sie immer ein Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK bleiben, der sich in den entscheidenden Jahren des Syrien-Konflikts mit dem Regime arrangiert hat. Der die Invasion unterstützenden Erklärung des Syrian National Council (SNC) stimmen zwar nicht alle innerhalb der Opposition zu, mit Sympathie kann die PYD dennoch nicht rechnen. Obwohl die im Kurdischen Nationalrat (KNC) organisierten syrisch-kurdischen Parteien, die in Opposition zur PYD stehen, sogar aus Protest gegen diese Entscheidung den SNC verlassen haben, werden auch sie die PYD niemals unterstützen. Ganz im Gegenteil: Dank der desaströsen Syrien-Politik der USA und Europas ist die Türkei inzwischen das einzige Land, das – wenn auch nur aus Eigeninteresse und bestenfalls halbherzig – überhaupt noch syrische Oppositionelle unterstützt und ihnen Zuflucht gewährt. Diese werden daher kaum die türkische Invasion offen kritisieren.

Auch von anderen kurdischen Parteien, etwa im Irak, hat die PYD nichts zu erwarten. Sie sind geschwächt von den Folgen eines undurchdachten Unabhängigkeitsreferendums im September vorigen Jahres und zumindest die von Massoud Barzani angeführte Kurdische Demokratische Partei (KDP) ist mit der PKK verfeindet.

Zumindest unter den kurdischen Parteien existiert keine kurdische Einheit. Diese Erkenntnis ist so alt wie die, dass kurdische Parteien und Milizen von ihren vermeintlichen Verbündeten, sei es in der Region oder auf internationaler Ebene, immer wieder fallengelassen wurden. Ein ähnliches Schicksal droht nun der PYD, die lange Zeit glaubte, sie könne ein taktisches Bündnis sowohl mit Russland als auch den USA aufrechterhalten. Nur war eigentlich die ganze Zeit klar, dass die noch von US-Präsident Barack Obama ins Leben gerufene Koalition gegen den Islamischen Staat (IS), die aus verfeindeten Akteuren bestand, einen Sieg über die Jihadistenmiliz keine Woche überleben würde. Und so ist eingetreten, wovor zur Genüge gewarnt wurde: Überall kämpfen die Mitglieder dieser Koalition nun gegeneinander. Im Irak musste die KDP schmerzhaft lernen, dass die USA dem Bündnis mit der irakischen Zentralregierung größeres Gewicht beimessen als kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen. In Syrien stellt die PYD jetzt fest, dass die US-Regierung trotz aller Differenzen keinen offenen Konflikt mit dem Nato-Partner Türkei eingehen will und wird.

So wird vor den Augen der vielbeschworenen Weltöffentlichkeit die nächste Region in Syrien verwüstet. Der Krieg tritt nur in eine neue Phase. Er ist längst zu einem internationalen Konflikt geworden, an dem unzählige Akteure beteiligt sind, die alle keine langfristige Strategie, sondern lediglich kurzfristige taktische Ziele verfolgen. Schon jetzt ist absehbar, dass es nicht die letzte Phase sein wird. Noch sind schließlich einige Städte weitgehend unversehrt und bieten sich für die Kriegsparteien zur weiteren Verwüstung an.