Das deutsche Bildungssystem macht es Flüchtlingen nicht leicht

Jung, bildungshungrig, prekär

Viele der seit Sommer 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge sind jung und brauchen Sprachunterricht. Doch oft dauert es lange, bis sie einen Schulplatz bekommen. Mit Vollendung des 18. Lebensjahrs droht vielen dann das unfreiwillige Ende des Schulbesuchs.

»Ich wollte unbedingt weiter zur Schule gehen und einen Abschluss machen«, erzählt Naledi A. Vor seiner Flucht aus Eritrea hatte der 16jährige bereits sechs Jahre die Schule besucht. Nach seiner Ankunft in Bremen musste er ­jedoch mehrere Monate auf seinen Schulplatz warten – und verlor dadurch wertvolle Zeit. Mittlerweile besucht ­Naledi A. eine Realschule und bereitet sich auf seinen Abschluss vor. Doch warum er zunächst so lange warten musste, ist für ihn nicht nachvollziehbar.

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Nicht wenige der seit Sommer 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge sind im sogenannten bildungs­relevanten Alter: Sie wollen und müssen zu Schule gehen, um in Deutschland eine berufliche Perspektive zu haben. Allein im Zeitraum von 2015 bis zum Ende des ersten Halbjahrs 2016 waren über eine halbe Million der Schutz­suchenden zwischen sechs und 25 Jahre alt. 2017 machten die zwischen 18- und 25jährigen rund ein Viertel der 173 500 neu registrierten Flüchtlinge aus.

Vor große Probleme stellt junge Geflüchtete das Erreichen der Volljährigkeit. Im Vergleich zu erwachsenen Flüchtlingen genießen Minderjährige erheblich mehr Schutz, Teilhabemöglichkeiten und Versorgung. »Mit dem 19. Lebensjahr bricht dieser besondere Schutzstatus jedoch weg«, sagt Christian Müller der Jungle World. Er arbeitet in einer Leipziger Jugendhilfeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die jungen Erwachsenen müssten dann nicht nur aus der Einrichtung ausziehen, so Müller. Mit dem Erreichen der Volljährigkeit ende in den meisten Bundesländern auch die Schulpflicht. »Wer bis dahin keinen Abschluss schafft, dem bleiben nur sehr schlechte Perspektiven«, sagt Müller. »Nur mit Glück finden Geflüchtete auch ohne Schulabschluss einen Arbeitsplatz. Der ist dann aber meist schlecht bezahlt und prekär.«

In Bremen gestaltet sich die Situation ähnlich. »Etwa 850 Geflüchtete haben hier das Alter erreicht, in dem sie die Schule verlassen müssen«, sagt Marc Millies vom Bremer Flüchtlingsrat der Jungle World. Die meisten der unfreiwilligen Schulabgänger sind vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen und haben hier nicht gleich eine Schule besuchen können. »Doch ohne Schulabschluss und ausreichende Deutschkenntnisse ist es so gut wie unmöglich, einen Ausbildungsplatz zu finden«, sagt Millies. Letztlich drohe dadurch vielen jungen Geflüchteten ohne sicheren Aufenthalt die Abschiebung. »So wird der humanitäre Charakter das Asylrechts ad absurdum geführt und einer ökonomischen Verwertungslogik unterworfen«, kritisiert Millies.

Flüchtlinge unter 18 Jahren erhalten zunächst Sprachlektionen in eigens ­dafür eingerichteten Klassen. Dieser Deutsch-als-Zweitsprache-Unterricht (DAZ) findet an regulären Schulen statt. Gute Deutschkenntnisse ermöglichen den Geflüchteten, Teile des Regelunterrichts zu besuchen, in Leipzig sind das zum Beispiel die Fächer Sport, Mathematik und Kunst, berichtet Müller. Eine vollständige Teilnahme am Regelunterricht sei jedoch selten. Denn dafür seien sehr gute Deutschkenntnisse notwendig, über die die meisten Flüchtlinge zu diesem Zeitpunkt noch nicht verfügen, so Müller.

Die oft sehr starken Niveauunterschiede in den Sprachklassen sieht Müller als eine der größten Herausforderungen für die Jugendlichen aus ­seiner Einrichtung. So hätten etwa 30 Prozent der Betreuten schon im Herkunftsland kurz vor dem Abitur oder einem ähnlichen Schulabschluss gestanden. Entsprechend leichter falle ihnen im Vergleich zu den meisten anderen jungen Schutzsuchenden die Aneignung der deutschen Sprache. Am Ende der Schullaufbahn stehe bei ihnen zwar nicht immer das Abitur, doch oft bekämen sie immerhin einen Abschluss. Die restlichen Geflüchteten in den DAZ-Klassen hätten jedoch oft nur geringe Erfahrungen mit klassischer Schulbildung; manche seien sogar funktionale Analphabeten, so Müller. Entsprechend schwierig sei es für diese ­Jugendlichen, Deutsch zu lernen oder gar einen Schulabschluss zu erreichen – erst recht, bevor sie volljährig sind.

Eine Verkleinerung der DAZ-Klassen zur individuelleren Förderung der ­Lernenden sei wegen des Mangels an Lehrerinnen und Lehrern in Leipzig derzeit »vollkommen unrealistisch«, sagt Müller. Aus Bremen berichtet ­Millies von einer ähnlichen Situation: »Es gibt kaum Vertretungspersonal für die regelmäßig ausfallenden Stunden. Die Kinder und Jugendlichen ­werden teils schon weit vor Ende des regulären Unterrichts nach Hause ­geschickt.« Viele Lehrer seien zwar sehr engagiert, doch der große Mangel an Personal und notwendigen Schulungen führe zu starker Überforderung, so Millies.

20 000 zusätzliche Stellen an den Schulen seien nötig, schätzte die Kultusministerkonferenz der Länder im ­Oktober 2015 vor dem Hintergrund der damals stark gestiegenen Flüchtlingszahlen. Die GEW errechnete gar 24 000 benötigte Stellen, von denen inzwischen immerhin 16 000 geschaffen worden sind. Doch schon vor Sommer 2015 sei die Situation an den Schulen schwierig gewesen, sagte Nina Ohlmeier vom Deutschen Kinderhilfswerk kürzlich dem Handelsblatt: »Der Markt ist abgegrast, es gibt keine Lehrer mehr, es fehlt an Weiterbildungen, und es mangelt sogar an Ausbildern für diese Weiterbildungen.«

Ein weiteres großes Problem in Leipzig ist die Praxis der Zuteilung der ­Geflüchteten an die DAZ-Schulen durch die dortige Bildungsbehörde. Viele der Jugendlichen aus Müllers Betreuungseinrichtung werden für den Unterricht bis ans andere Ende der Stadt geschickt. »Manche müssen tagtäglich schon vor sechs Uhr morgens aufstehen und kommen erst gegen 16 Uhr wieder von der Schule zurück. Dazu kommen dann noch die Hausaufgaben«, berichtet Müller. »Für viele ist das sehr frustrierend, denn es gibt ja Schulen in der Nähe.«

Lange Wartezeiten zwischen der Ankunft in Deutschland und dem Beginn des Schulbesuchs sind ebenfalls nicht selten. Nicht der Schulpflicht unterliegen Kinder und Jugendliche in den Erstaufnahmeeinrichtungen in sieben Bundesländern, darunter Nordrhein-Westfalen, Hessen und Sachsen-Anhalt. Die Schulpflicht setzt hier erst dann ein, wenn die jungen Flüchtlinge mit ihren Familien auf die Kommunen ­verteilt worden sind. Schätzungen des Kinderhilfswerks Unicef zufolge befanden sich zuletzt in Erstaufnahmeeinrichtungen mehr als 10 000 Kinder und Jugendliche, die nicht beschult wurden oder lediglich rudimentären Sprachunterricht erhielten.

Bis zu sechs Monate darf es gemäß des Asylverfahrensbeschleunigungsgesetzes von 2015 maximal dauern, ­Geflüchtete auf die Kommunen zu verteilen. Längere Aufenthalte in den Erstaufnahmeeinrichtungen von bis zu einem Jahr seien jedoch nicht ungewöhnlich, so die Unicef-Studie. Und selbst nach der Zuweisung an eine Kommune könne noch weitere Zeit vergehen, bis vor Ort eine Schule ­gefunden sei, berichtet Millies.

Flüchtlingen aus sogenannten sicheren ­Herkunftsländern dürfen in den Erstaufnahmeeinrichtungen auf Grundlage des Anfang 2016 in Kraft ge­tretenen Asylpakets II sogar auf unbegrenzte Zeit ­untergebracht werden – bis sie »freiwillig ausreisen« oder abgeschoben werden.

»Durch das Unterbrechen der Bildungsbiographien wird der Bildungszugang unnötig verlangsamt und die Inklusion der Neuangekommenen stark erschwert«, sagt Millies. Der meist nur rudimentär vorhandene Schulunterricht in den Notunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen sei auch vor dem Hintergrund des Lernverhaltens von Kindern und Jugendlichen problematisch. Millies fordert deshalb einen ­Zugang zum Regelunterricht außerhalb dieser Einrichtungen.

»Häufig fehlt inmitten von Ad-hoc-Maßnahmen schlicht eine langfristige Perspektive«, bemängelt Millies. »Doch die Geflüchteten bleiben ja in Deutschland und wollen sich hier ein Leben aufbauen, allem Zeitdruck und allen Unterbrechungen zum Trotz«, so der Sprecher des Bremer Flüchtlingsrats.