Ein Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler und Autor Bruno Chaouat über Antisemitismus in Frankreich

»Französische Intellektuelle waren unfähig, den neuen Antisemitismus zu begreifen«

»Ein eigentümliches Bündnis zwischen dem radikalen Islam und der antiisraelischen und antiamerikanischen radikalen Linken« - Der Literaturwissenschaftler Bruno Chaouat, Autor von »Is Theory Good for the Jews?«, spricht im Interview über das Phänomen des »islamo-gauchisme«
Interview Von

Anlässlich des jüngsten Krieges zwischen Israel und der Hamas versammelten sich in europäischen Hauptstädten Antizionistinnen und Antizionisten zu Massendemonstrationen, es kam auch zu Angriffen auf Synagogen, israelische und jüdische Personen wurden auf der Straße bedroht. Bereits in den Jahren zuvor gab es antisemitische Morde in Toulouse und Paris. Wie erklären Sie sich den Anstieg des Antisemitismus in Frankreich?

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Die derzeitige Situation ist brisant, aber ich bin an der längeren Geschichte interessiert. Man muss bedenken, dass Frankreich seit dem Sechstagekrieg seine Neutralität im Nahostkonflikt verloren hat. Bis dahin hatte Frankreich Israel unterstützt. 1967 war ein Wendepunkt (damals verhängte Frankreich unter anderem ein Waffenembargo gegen Israel, Anm. d. Red.). Hinzu kommt, dass in Frankreich eine große muslimische Bevölkerung aus den ehemaligen Kolonien lebt. Das ist einer der Gründe, warum französische Offizielle so ziemlich jegliches militärische Vorgehen Israels verurteilen.

Zudem ist eine starke Agitation von islamischen Radikalen zu beobachten. Die französische Regierung tut alles, was sie kann, um diese Entwicklungen zu überwachen. Einerseits haben Sie also die französische Regierung, die aus diplomatischen und geostrate­gischen Gründen Feindseligkeit gegen Israel pflegt, die aber andererseits neue Formen des muslimischen Antisemitismus bekämpft. Diese Aspekte müssen zusammen verstanden ­werden.

Kobili Traoré, der 2017 die 65jährige Jüdin Sarah Halimi in ihrer Wohnung ermordete (Verschwiegen und verharmlost), wurde im April letztin­stanzlich für nicht strafmündig ­erklärt. Was bedeutet das für die jüdische Bevölkerung Frankreichs?

Die französisch-jüdische Community ist völlig entgeistert, und ich bin es auch. Ich denke, dass es sich um ein antisemitisches Verbrechen gehandelt hat und der Mörder als schuldfähig hätte eingestuft werden sollen. Natürlich bin ich kein Psychologe und auch kein Jurist, aber es ist offensichtlich, dass es ein sehr ernstes Problem in der französischen Justiz gegeben hat. Es gab Behauptungen, die Richter seien antisemitisch. Ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, dass es einen strukturellen Antisemitismus innerhalb des französischen Justizsystems gibt – strukturell, sage ich. Wenn sie mich fragen, ob einige Richter antisemitisch sind: Ja, warum nicht.

Wie erklären Sie sich dann die Entscheidung des Gerichts?

Meine persönliche, vielleicht etwas ­eigene Lesart ist, dass die Entscheidung des Berufungsgerichts mit einem unbewussten und viel komplexeren Thema zu tun hat, das mit Traorés Herkunft aus Westafrika, aus Mali, zusammenhängt – dem kolonialen Unbewussten. Mit anderen Worten, der Täter Traoré wurde als nicht moralisch kompetent genug angesehen, um zwischen gut und böse, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Es würde mich nicht wundern, wenn es diese Form von kolonialer Herablassung durch die Richter gegeben hätte und auch die Angst vor möglicher Vergeltung oder einer Gewaltexplosion, wenn Traoré verurteilt worden wäre.

Gibt es in Frankreich Maßnahmen auf institutioneller oder juristischer Ebene zur Bekämpfung von Antisemitismus?

Es gibt ein starkes Bewusstsein und eine starke Rhetorik gegen Antisemitismus auf der offiziellen exekutiven Ebene in Frankreich. In der Vergangenheit waren die Beamten sehr zurückhaltend und neigten dazu, das »Problem« als einen Konflikt zwischen Gemeinschaft und Gemeinschaft, Muslime gegen Juden, darzustellen, als ob es gegenseitige Gewalt gäbe. Seit Manuel Valls (der von 2012 bis 2014 Innenminister und anschließend bis 2016 Premierminister war, Anm. d. Red.) ist die Rhetorik nicht mehr zweideutig und es besteht die Entschlossenheit, den Antisemitismus, insbesondere den mörderischen, zu bekämpfen. Auch BDS wird übrigens von der französischen ­Regierung aufs Schärfste verurteilt, doch in der französischen Gesellschaft fällt die Reaktion weniger entschieden aus.

»Es gab offensichtlich eine Unfähigkeit, Antisemitismus zu verstehen, der nicht aus der traditionellen Rechten kam.«

Derzeit wird unter französischen Intellektuellen viel über eine neue Bewegung, die der »islamo-gauches« diskutiert – ein eigentümliches Bündnis zwischen dem radikalen Islam und der antiisraelischen und antiamerikanischen radikalen Linken. »Islamo-gauchisme« ist kein unumstrittener Begriff, aber der französisch-algerische Journalist Mohamed Sifaoui zeigt in seinem neuen Buch »Les Fossoyeurs de la République« (Die Totengräber der Republik), dass diese Allianzen eine jahrzehntelange Vorgeschichte bis zum Algerien-Krieg (1954 bis 1962, Anm. d. Red.) aufweisen.

Wie muss man sich diese Allianz vorstellen? Basiert sie auf Verharmlosung, Solidarität oder ideologischen Gemeinsamkeiten wie dem Antisemitismus?

Ursprünglich rühren diese Allianzen aus der marxistischen Tradition, der Religion gegenüber blind zu sein, und der Vorstellung, dass Religion nur ein Hirngespinst sei, das mit der Revolution verschwinden wird. Es gibt ein großartiges Buch von Jean Birnbaum, »Un silence religieux« (Ein religiöses Schweigen), das dem Versagen vor allem linker Politiker und Intellektueller auf den Grund geht, die religiöse Dimension des islamistischen Terrorismus zu verstehen. Ob der Antisemitismus in dieser Allianz in Frankreich eine Rolle spielt, ist schwer zu sagen, in England ist das offensichtlicher. Sicher jedoch gibt es eine antisemitische Rhetorik in bestimmten Teilen der radikalen Linken, prominent etwa bei Jean-Luc Mélenchon.

Zum Judentum verhielt sich die Linke historisch betrachtet nicht so indifferent.

Für die revolutionäre Linke hat die Frage des Judentums historisch immer ein Problem dargestellt. Seit Proudhon und Marx’ »Zur Judenfrage« hat es zudem immer eine starke Verknüpfung von Jüdinnen und Juden mit dem Kapitalismus gegeben. Der Universalismus, der von der revolutionären Linken imaginiert und propagiert wird, ist problematisch für das Verständnis eines »rooted universalism«, wie er das Judentum kennzeichnet, aber auch die Ideale des französischen Republikanismus ausmacht. Dies bedeutet, dass das Universelle nur über eine konkrete kulturelle und historische Erfahrung erreicht werden kann. Auch Aimé Césaire sprach von einem konkreten Universalismus im Gegensatz zu einem ­abstrakten. Es gibt also eine Spannung zwischen dem abstrakten Universalismus der revolutionären Linken und einem jüdischen Universalismus, obwohl viele Juden der revolutionären Linken angehörten. Die Spezi­fik des Antizionismus oder Antisemitismus in der Linken ist, so würde ich sagen, überdeterminiert durch die Geschichte des revolutionären Universalismus.

2016 haben Sie das Buch »Is Theory Good for the Jews?« veröffentlicht. Was war der Anlass, über diesen Zusammenhang nachzudenken?

Ich war äußerst schockiert von dem Massaker vor einer jüdischen Schule in Toulouse 2012, bei dem drei Kinder und ein Lehrer ermordet wurden. Ebenso schockiert war ich vom Ausbleiben intellektueller Reaktionen auf diese Morde. Ich hatte schon lange vorher damit begonnen, mich für die französische Philosophie der Nachkriegszeit zu interessieren und für die Frage, wie sie sich auf jüdische Motive bezog und wie diese den damals weitverbreiteten Philosemitismus nährten. Einer der Protagonisten, Maurice Blanchot, war vor dem Zweiten Weltkrieg ein Antisemit gewesen und hat dann seine Ideologie komplett umgekrempelt. In der französischen Philosophie begegnet uns der Jude als Metapher für Literatur, für Exil, für Marginalität. Es gab etwas sehr Zweischneidiges an dieser Art der Idealisierung des Juden. Wenn man idealisiert, verdinglicht man, und das ist die gleiche Geste wie die Geste der Abjektion (in etwa Abscheu, Schmach, Verworfenheit; der Begriff gehört zur poststrukturalistischen Terminologie, Anm. d. Red.), die den Antisemitismus ausmacht.

Aber wie hängt der Antisemitismus der unmittelbaren Nachkriegsjahre mit dem neuen Antisemitismus nach 9/11 zusammen?

In den nuller Jahren war ich schockiert von der Unfähigkeit französischer Intellektueller, die neuen Formen des Antisemitismus zu begreifen. Der Titel meines Buchs »Is Theory Good for the Jews?« verweist also auf die Frage, ob es ein Problem gibt, das die französische Philosophie in all ihrer Idealisierung und Romantisierung des Juden übersehen hat. Die Verdinglichung des ­Juden als positive Figur des Wanderns, des Leidens und des Exils konnte offensichtlich nicht darauf vorbereiten, neue Fragen zu denken wie die nach der jüdischen nationalen Souveränität oder jüdischen militärischen Erfolgen. Es fiel sehr schwer, sich einen historischen oder politischen Juden vorzustellen, der nicht dieser literarischen Figur entsprach, die in der Nachkriegszeit und später bei so unterschiedlichen Theoretikern wie Alain Badiou oder Jacques Derrida eine wichtige Rolle spielt.

Außerdem gab es offensichtlich eine Unfähigkeit, Antisemitismus zu verstehen, der nicht aus der traditionellen Rechten kam. 2004 erschien ein Dialog zwischen Jacques Derrida und der Psychoanalytikerin Élisabeth Roudinesco, in dem er über den Antisemitismus der Zukunft spricht. In den frühen nuller Jahren stellte er sich den Antisemitismus als die Rückkehr des faschistischen Rasse-Antisemitismus vor. Er hat das Problem wirklich völlig verfehlt. Er hat nicht verstanden, dass da noch etwas anderes im Gange ist.

Im deutschen Feuilleton ist unter Beteiligung internationaler Historikerinnen und Historiker eine Diskussion entbrannt, die bereits als neuer Historikerstreit bezeichnet wurde. Im Zentrum stehen Kontinuitäten zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus und die Frage nach der Singularität des Holocaust. Wie werden diese historischen ­Zusammenhänge in Frankreich debattiert?

In Frankreich gibt es die doppelte Erinnerung an koloniale Verbrechen, insbesondere den Algerien-Krieg, und an die Kollaboration im Vichy-Regime. Es ist eine sehr schweres Erinnerungserbe für die Französinnen und Franzosen, die gleichzeitig mit kolonialer und antisemitischer Schuld umgehen müssen, die mindestens bis zur Dreyfus-Affäre zurückreicht. Die Frage nach der historischen Kontinuität zwischen Kolonialismus und National­sozialismus halte ich für problematisch. Nicht, weil ich denke, dass wir eine Hierarchie des Leidens aufbauen sollten, sondern weil wir aus einer historischen und intellektuellen Perspektive Singularitäten berücksichtigen müssen.

Wir verstehen die Besonderheit des nazistischen Antisemitismus überhaupt nicht, wenn wir den Hass oder die Gewalt in den Kolonien in denselben Kategorien begreifen. Wir verstehen nicht, dass es einen quasireligiösen, fast mystischen Aspekt, einen geradezu ­erlösenden Aspekt im Nazi-Antisemitismus gibt, der für die koloniale Gewalt keine Rolle spielte, auch wenn sie zu Formen des Genozids führte. Ich bevorzuge eine Geschichtserzählung des Bruchs und ich denke, dass der Holocaust aufgrund der quasireligiösen Aspekte des Vernichtungsanti­semitismus präzendenzlos ist.

Bruno Chaouat ist Professor für Französisch und ­Jüdische Studien sowie Direktor des Center for Holocaust and Genocide Studies an der Universität von Minnesota. Er hat vier Bücher in Frankreich und den USA veröffentlicht, darunter »Is Theory Good for the Jews? French Thought and the Challenge of the New Antisemitism« (Liverpool University Press, 2016).

Geändert am 9. August 2021