»Männer mit relativ bürgerlichem Antlitz«

Vor kurzem trat Markus Nierth vom Amt des Bürgermeisters von Tröglitz (Sachsen-Anhalt) zurück. Er hatte die Unterbringung von Flüchtlingen befürwortet und war deshalb von Nazis bedroht worden. Über die Vorgänge in Tröglitz hat Daniel Bohn, Mitglied des Bündnisses »Halle gegen Rechts«, mit der Jungle World gesprochen.

Nierth behauptet, die Einwohner seines Ortes, die gegen die Einquartierung von Flüchtlingen demonstriert haben, seien »von der NPD instrumentalisiert« worden. Was ist davon zu halten?

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Das ist Ausdruck der etwas verschobenen Problemdeutung, die bei Politikern im Burgenlandkreis üblich ist. Auch Nierth ist nicht der Vorkämpfer einer offenen Flüchtlingspolitik, sondern hat die Aufnahme in Tröglitz prinzipiell verteidigt, weil der Kreistag diese beschlossen hatte. Das ist zwar die progressivste Position in der Region, aber trotzdem unendlich weit von der Forderung nach offenen Grenzen entfernt. In dieser Logik muss auch die Mehrheitsbevölkerung verteidigt werden, die dem Treiben der Nazis im besten Fall kritisch gegenübersteht, aber in der Regel völlig passiv bleibt.

Wer steckt hinter den Protesten in Tröglitz?

Die Aktivisten der NPD im Burgenlandkreis. Die NPD ist im Süden Sachsen-Anhalts fest verankert und tritt dort schon immer viel bürgerlicher auf als im Rest des Landes. Die NPDler sind zwar in ihrer provinziellen Art besonders blöd. Das beeinträchtigt ihre Position vor Ort aber nicht im Geringsten. Sie werden bei den Demonstrationen von weiteren Nazis, Hools und »besorgten Bürgern« begleitet.

Wann begannen die Proteste in Tröglitz?

Diese Demos finden seit dem 4. Januar regelmäßig mit ungefähr 50 bis 150 Personen statt, obwohl die Unterbringung von knapp 40 Flüchtlingen erst am 9. März formal beschlossen wurde. Wieso hat sich der Burgenlandkreis zur braunsten Ecke von Sachsen-Anhalt entwickelt? Wie so oft in der ostdeutschen Provinz wurde der Strukturaufbau der NPD und der Kameradschaftsszene von der örtlichen Politik völlig ignoriert. So kann die NPD dort seit langem auf etablierte Männer mit relativ bürgerlichem Antlitz setzen, die als Handwerksmeister und Sporttrainer überall bekannt sind. Diese Leute veranstalteten, lange bevor das in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern üblich wurde, Sport- und Kinderfeste und wurden von den örtlichen Fußballklubs unterstützt.