Nach dem Anschlag in Orlando

Hass ohne Widersprüche

Nach dem Massaker in Orlando wird über das Motiv des Täters gerätselt. Homophobie und Islamismus passen jedoch prima zusammen.

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Terroranschlag oder hate crime, Islamismus oder Homophobie? Auf diese vermeintliche Alternative schoss sich die mediale Suche nach dem Motiv des Attentäters des Massakers im schwullesbischen Club Pulse in Orlando schnell ein. Tatsächlich erweist sich das Attentat von Samstagnacht als eine Kombination aus beiden Motiven. Drängte offenkundig das homophobe Moment stärker zur Tat, geht es doch im islamistischen Motiv auf, das im Kern immer schon homophob ist. Vordergründig scheint die Frage nach dem »eigentlicheren« Motiv des Täters nebensächlich angesichts der 49 Toten und 53 Verletzten und Schwerverletzten. Längerfristig zeichnet sich mit Blick auf gesellschaftliche Kämpfe um Emanzipation – nicht nur der LGBT-Minderheit – jedoch die Notwendigkeit ab, zu bestimmen, aus welcher Ecke die homophobe Reaktion nun (auch noch) schießt. Bislang sahen sich LGBT (Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle) in den USA wie in Europa vor allem seitens rechter und christlich-fundamentalistischer Kräfte mit religiös motivierter Hetze konfrontiert – »God hates fags«. Nun dürfte sich mit dem jihadistisch inspirierten Anschlag die Erkenntnis einer neuen, fundamentalen Bedrohung sukzessive Bahn brechen. Zwar existiert diese spezifisch für LGBT auch im Westen, seit der politische Islam global expandiert, doch konnte sie bislang als relativ abstrakte noch verdrängt werden.
Ob Omar Mateen tatsächlich im Auftrag des »Islamischen Staats« (IS) agierte, dem er die Treue geschworen haben will, oder, wonach es bis Redaktionsschluss aussah, sich bloß als hypermas­kuliner Soldat des Kalifats gerierte, spielt nur nachrangig eine Rolle. Sich der obsessiven, totalitären Destruktivität und ihrer zugrundeliegenden Ideologie nicht zu beugen – und nicht etwa, wie zuvor auf anstößige Karikaturen, nun auf Pride-Demonstrationen zu verzichten –, sondern mit der nötigen Courage auch der islamischen Reaktion zumindest das rotzige Selbstbewusstsein, wie es etwa in der Umkehrung der Zumutung durchscheint (»Fags hate God!«), überall da, wo es nötig ist, entgegenzuschleudern, darauf wird es nun noch stärker ankommen. Ob Salafisten in Tunesien das Halali auf Schwule blasen, die AKP-Jugend in der Türkei LGBT einschüchtert oder Islamisten in Bangladesh LGBT-Rechtler mit Macheten zu Tode hacken – das treibende eliminatorische Moment ist dasselbe: die Verachtung der individualistischen, sexuell libertären und lustbetonten Diesseitsorientierung, gepaart mit dem unbedingten Willen zu vernichten, woran man ob der selbstauferlegten Sexualtabus nicht teilhaben darf.
Dass Omar Mateen mehrmals in jenem LGBT-Club als Gast gesehen worden sein soll, widerspricht nur scheinbar dem vom Vater konstatierten homophoben Ressentiment des Attentäters, der schon beim Anblick küssender Schwuler in der Öffentlichkeit in Rage geraten sein soll. Zusammen mit dem von einer ehemaligen Ehefrau Mateens geschilderten misogyn-gewalttätigen Verhaltensmuster weist es eher in Richtung eines narzisstisch gekränkten, ambivalent-männlichkeitsfixierten Egos und eines reaktionären Geschlechterbilds. Auf jenes prototypische Persönlichkeitsprofil also, dessen grausiger Entfaltung in Form der finalen Selbstüberhöhung als Herr über Leben und Tod die Welt zu oft schon beiwohnen musste. Dass dem aus Afghanistan kommenden Vater angesichts der Bluttat daran gelegen ist, zu betonen, Sohn und Tat hätten mit Homophobie alles, mit der Religion, dem Islam also, »gar nichts zu tun gehabt«, verweist tatsächlich auf die islamisch-patriarchale Kernproblematik, die sich im Islamismus bloß verabsolutiert. Doch ist absehbar, wie sich dieser kollektiven Verdrängungsleistung die notorischen Relativierer, gerade auch aus queeren Kreisen, in den kommenden Tagen allzu gern wieder anschließen werden, um sie mit Pseudoargumenten in allerlei Variationen zu unterfüttern, geneigt, den Mythos vom reinen, widerspruchsfreien Islam zu perpetuieren.