Blogeinträge von Knud Kohr

Montag, 09.04.2018 / 12:51 Uhr

»Knud gegen Böse«, Teil sechs - Hallo Frühling!

Von
Knud Kohr

Nur selten gibt es Situationen, in denen ich und der Volksmund einer Meinung sind. Neulich war es mal wieder soweit.

 

»Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte«, murmelte ich ganz entschieden bewegt, als ich auf der Rollstuhlrampe vor meinem Wohnhaus an den Gestaden der Spree parkte.

 

Kaum war Ostern vorbei, ließ sich nicht mehr mehr leugnen, dass die warme Jahreszeit 2018 begonnen hatte.

 

»Hallo!«, meldete sich eine Frau zu Wort, die gerade vorbeischlenderte. »Genieß ruhig noch ein bisschen das schöne Wetter. Der Winter war ja nun wirklich lang genug.«

 

»Immer eins nach dem anderen. Zunächst werde ich einkaufen gehen. Und gleich danach eine Petition aufsetzen. Wenn es nach mir geht, sollte dringend eine Großstadt im Nordosten Frankreichs nach Dir benannt werden.« Da die Frau in der Nachbarschaft wohnt, kenne ich ihren Namen. Eine Großstadt in Lothringen heißt genauso. Daran, dass sie grinste und dabei ihre Nasenspitze nach oben zog, war zu spüren, dass auch in diesem Frühjahr die Pointen wieder leichter über die Lippe gehen.

 

Ich winkte der schönen Nachbarin mit drei Fingern zu, um zum Supermarkt meines Vertrauens zu rollen. Als ich  nach einer Stunde bepackt wieder zurückkehrte, stand ziemlich schnell fest, dass ich mich auch in diesem Jahr mit geringem Aufwand zur Slapsticknummer machen kann.

 

Da ich im dritten Stock wohne, musste ich die klobige Waschmittelflasche zwischen meine Beine drücken. Direkt unter dem Hals klemmte ich mein Portemonnaie, darüber zwang ich Urinflasche und Schlüssel zu friedlicher Koexistenz. Schön sah das nicht aus.

 

Hätte aber dennoch gut gehen können. Wenn der Fahrstuhl nicht wieder mit schräg nach oben stehender Rampe vor mir gehalten hätte. Ich musste also wenden, und danach rückwärts in die Fahrstuhlkabine einrollen. Nach wenigen Sekunden begannen die Beine zu zittern. Das Telefon fiel während der Fahrt vom Schoß zu Boden und zerbrach dabei in die vorgesehenen drei Teile.

 

Wahrscheinlich bremst der Fahrstuhl immer so ruckartig. Aber diesmal war ich nicht darauf vorbereitet. Als die Tür in meinem Rücken wieder aufging, rutschte mir die Waschmittelflasche zu Boden, und riss dabei die Einkäufe mit sich. Gern würde ich berichten, dass auch noch etwas Unangenehmes mit der Urinflasche passiert wäre. Aber die war gänzlich leer und frisch gesäubert. Und nur für eine nahe liegende Pointe zu lügen, das liegt mir nicht.

 

Es dauerte eine Viertelstunde, bis ich die Lage wieder unter Kontrolle hatte. Dabei sagte ich Dinge, von denen ich hoffe, dass Sie sie nicht in Ihrem aktiven Wortschatz haben.

 

Eine weitere Viertelstunde später schmorte das frisch gekaufte rote Hühnercurry auf dem Herd. Nach alter Väter Sitte genoss ich dazu eine Paprikaschote, die ich oberflächlich abwusch und dann wie einen Apfel aus der Hand knabberte. Der Frühling hatte also begonnen. Völlig ohne Fleischwunden. Immerhin.

 

Montag, 05.03.2018 / 16:53 Uhr

»Knud gegen Böse«, Teil fünf - Das Böse ganz vergessen

Von
Knud Kohr

Guten Tag!

Wenn Sie aus dem Fenster sehen, werden Sie bemerken, dass sich dort schon wieder eines dieser Wochenenden angeschlichen hat. Da es heute Mittag minus vier Grad hatte, und für die kommende Nacht minus elf angesagt sind, dürfte es sich damit um das kälteste Wochenende seit Beginn der offiziellen Aufzeichnungen von achtzehnhundertschlagmichtot sein.

Sollte es da draußen bereits regelmäßige Leserinnen und Leser dieses Blogs gegeben haben, obwohl er bislang erst vier Teile hatte, dann wird Ihnen wahrscheinlich aufgefallen sein, dass er in den letzten beiden Wochen spontan gleich wieder pausierte.

Das lag allerdings nicht nur an mir. Ich bestand darauf, dass zunächst eine Startseite für diesen Blog eingerichtet wird, von der ich Ihnen charmant entgegen lächle, wann immer Sie mich besuchen mögen. Genau das aber wird nun sehr bald geschehen, und deshalb beende ich nun die Arbeitswoche mit einer diskreten Wiedereröffnung meines Blogs.

Ist irgendwas besonderes geschehen in der Zwischenzeit? Nun, bei mir vor allem, dass ich fast täglich Besuch an den Gestaden der Spree empfing. Es scheint zu einer unterstützenswerten Routine der Besucherinnen und Besucher zu werden, meine Wohnung nicht ohne Kuchen zu betreten. Das ist schmackhaft, und ganz nebenbei bemerkt tut die Routine meinem Körper auch nichts böses an. Neulich wurde er nämlich mal wieder vermessen. Er ist nach wie vor 190 Zentimeter lang und er wiegt knapp 80 Kilo.

Beruflich hat sich auch ein bisschen was getan. Das Buch, an dem ich weiterhin schreibe, wird nun doch kein Kriminalroman werden, sondern eine Heimatgeschichte. Von Seite zu Seite musste ich mich nämlich mit dem Krimi mehr schinden. Bis mich mein alter Freund Stefan beiseite nahm, und mir sagte: „Wenn der Krimi Dir mehr und mehr zur Schinderei wird, dann erzähle doch davon, was Dir gerade im Kopf rumschwirrt“.

Das mache ich jetzt also. Erst gestern überwand die neue Version die 90-Seiten-Marke. Ist also noch weit entfernt von einem Manuskript, das ich Verlagen vorlegen könnte. Aber sollte es weiter in diesem Tempo gehen, könnte sich das bis Ende Mai ändern. Aber ehrlich gesagt: Das wird dann das zehnte Buch eines 52jährigen Schwerbehinderten. Ich glaube, allzu viele Menschen werden keine Schlaflosen Nächte verbringen, wenn sie noch etwas weiter warten müssen.

So, liebe Leserinnen und Leser, das soll es auch schon gewesen sein mit der Wiedereröffnung meines Blogs. Auf jeden Fall verspreche ich Ihnen, dass Sie auf den nächsten Teil nicht so lange werden warten müssen wie auf diesen hier.

Fällt mir zum Schluss noch auf: Der Blog heißt „Knud gegen Böse“. Aber das Böse habe ich diesmal ganz vergessen. Und dass ich heute morgen, wenn nicht böse, so doch gedankenlos war, erzähle ich Ihnen einfach das nächste Mal.

Wir lesen uns wieder.

P.S. Mein neues Film-Exposé liegt nach wie vor in Teheran herum. Im Iran sozusagen. Auch davon erzähle ich Ihnen beim nächsten Mal.

 

Dienstag, 13.02.2018 / 11:26 Uhr

»Knud gegen Böse«, Teil vier - Braucht man Duschgel im Dschungel?

Von
Knud Kohr

Guten Tag!


Sie werden sich vielleicht erinnern: In meinem letzten Blog-Beitrag wollte ich eigentlich erläutern, warum ich mich vor einigen Wochen entschied, der übernächste kommende Starblogger in spe im glasharten Social-Media-Dschungel zu werden. Allerdings musste ich mir schnell eingestehen, dass ich von dieser Art des Lebens keine Ahnung hatte Braucht man Duschgel im Dschungel? Und wie hart ist eigentlich Glas?

Es wurde also als erstes Zeit zu recherchieren, an welchen Vorbildern ich mich orientieren konnte. Recherche liegt mir nämlich eigentlich im Blut. Schon seitdem ich als Schüler im Lichtenberg-Gymnasium Cuxhaven erste Erfahrungen als Besserwisser machte. Kaum hatte ich mein Abitur-Zeugnis in der Tasche, saß ich auch schon im Zug nach Berlin, wo mich seitdem niemand mehr wegbekam. Langfristig jedenfalls.

Gut, nachdem die Mauer gefallen war, leistete ich drei Jahre in Prenzlauer Berg meinen Wiedervereinigungsdienst ab. Aber das tat damals eigentlich jeder. Es folgten knapp zwanzig Jahre Journalismus, der mich u. a. in 46 Länder auf fünf Kontinenten führte Aber das erwähnte ich bereits. Ebenso, dass ich eigentlich immer entweder an einem neuen Buch oder einem neuen Film schrieb. Dass nebenbei das Internet immer wichtiger wurde, bekam ich lange Zeit nur am Rande mit.

Wichtig wurde mir die digitale Welt eigentlich erst, als ich aufgrund meiner MS-Erkrankung viel lieber am Computer saß, als ständig an einer Zeitung rumzublättern. Aber jetzt sitze ich schon seit einer Stunde an diesem Text. Bevor ich nun also demnächst wieder blöd im Kopf werde, wende ich mich also subito dem Alltag der Blogger-Konkurrenz zu.

Die besten Hinweise auf ein gelungenes Blogger-Leben fand ich in einem Podcast der Zeit. Vor einigen Tagen widmete der sich nämlich in seiner gesamten, halbstündigen Länge einem Berliner Modeblog namens »Dandy Diary«. Studiogast war einer der beiden Dandys, der außerhalb des Computers auf den Namen Carl Jakob Haupt hört. Fand ich schon mal gut. Vor allem deshalb, weil es scheinbar nur einen Carl Jakob Haupt gibt.

 

Bestimmt erwähnte ich ja schon, dass es auf der ganzen Welt nur einen einzigen Knud Kohr gibt.

 

Der Epileptiker aus dem dritten Stock etwa erwidert meinen Gruß nur, wenn er sich nicht zur Sicherheit hinter seinen vorgehaltenen Händen verstecken muss. Zwei Eingänge neben mir wohnt mein derzeitiger Lieblingsheld. Begleitet von einer Betreuerin übt er manchmal Gehen.

 

Nun gut. Haupts Alltag scheint vorrangig darin zu bestehen, dass er morgens aufwacht, sich sein Laptop heranzieht und bloggt. Gern auch mal in Unterhose und im Liegen. Ich sitze vollständig bekleidet im Handrollstuhl am Computer. In einer Stunde werde ich zur Physiotherapie in der Schlossparkklinik aufbrechen. Bis dahin wird mich aber niemand von meinem Computer wegbekommen. Wäre ja auch viel zu anstrengend für mich, allein die Hose auszuziehen.

Mittags lässt Haupt sich gerne von Kunden oder Kollegen zum Essen einladen.

Dann sitzt er wieder am Computer, bevor er am Abend auf Partys oder sonstigen Veranstaltungen auftaucht, die er nicht selten selbst organisiert.

So, meine Damen und Herren. Während der letzten beiden Zeilen habe ich mich drei Mal verschrieben. Und in einer Stunde sollte ich meinen E-Scooter satteln. Wahrscheinlich werde ich noch eine halbe Stunde vor der Tür an der Straße rumlungern. Da in meinem Haus etliche Behinderte leben, werde ich wohl vor meinem Aufbruch zur Schlossparkklinik einige Gespräche führen, die die meisten von Ihnen gar nicht als Gespräche identifizieren würden.

Der Epileptiker aus dem dritten Stock etwa erwidert meinen Gruß nur, wenn er sich nicht zur Sicherheit hinter seinen vorgehaltenen Händen verstecken muss.

Zwei Eingänge neben mir wohnt mein derzeitiger Lieblingsheld. Begleitet von einer Betreuerin übt er manchmal Gehen. Aber nur einige Schritte. Das Auto, aus dem man ihn vor vier Jahren heraus schweißen musste, sah aus... als ob...

Meine Damen und Herren, ein eleganter Schuss fällt mir einfach nicht mehr ein.

 

Wir lesen uns wieder.

 

 

Donnerstag, 08.02.2018 / 05:01 Uhr

»Knud gegen Böse«, Teil drei - Inkludier mir, Baby

Von
Knud Kohr

Neues vom schwerbehinderten Blogger Ihres Vertrauens.

Wovon leben eigentlich Blogger? Wie genau werden sie so furchtbar reich, und warum dürfen sie immer zwischen mindestens drei Beilagen auswählen, ohne jemals einen Spaten oder eine Maurerkelle in die Hand zu nehmen?

 

All das sind Fragen, die sich mir noch nie gestellt haben. Jedenfalls nicht, bis ich mich vor wenigen Wochen entschied, der übernächste kommende Starblogger in spe im glasharten social-media-Dschungel zu werden. Seitdem hat sich mein Alltag gehörig verändert.

 

Heute morgen zum Beispiel wuchtete ich mich zunächst lässig von meiner Matratze in den parallel gestellten Handrollstuhl. Die ersten zehn Minuten des Tages verbrachte ich dann auf meinem Balkon.

 

Erwähnte ich eigentlich schon, dass der knapp fünf Quadratmeter groß ist? Und hundert Meter entfernt die Spree fließt? Wahrscheinlich schon. Aber ich erwähne es eben so gern.

 

Jedenfalls rollte ich danach in mein barrierefreies Badezimmer. Griff lässig nach den Griffen, um mit einem geradezu akrobatischen hundertachtzig-Grad-Schwung auf das Toilettenbecken überzusetzen... als ich von einem der Griffe abrutschte. Hätte Harold Loyd genauso präzise die einzig mögliche Lücke zwischen Rollstuhl und Griff erwischt? Auf jeden Fall hätte er weniger laut geflucht als ich. Immerhin ergab ich mich in mein Schicksal. Versuchte gar nicht erst, mich ohne fremde Hilfe von den Badezimmerkacheln auf den Rollstuhlsitz zurück zu wuchten. Immerhin hatte ich weder Wunden noch Schwellungen noch Beulen zu beklagen. Also begann ich langsam zu zählen. Eins...zwei...drei... Kaum war ich bei eintausendachthundertzwölf angekommen, öffnete sich die Wohnungstür Die Helferin von Renafan wollte mir gleich in den Stuhl helfen. Keine Chance. Denn ich bin 190 Zentimeter groß und wiege 80 Kilogramm Um auch das noch einmal zu wiederholen. Da der Notdienst, den ich per Knopfdruck jederzeit rufen kann, sich Zeit ließ, klingelte meine Helferin zwei Nachbarn herbei. Die schauten sich die Lage kurz an. Packten zu. Und schon konnte mein Tag beginnen.

 

Fünf Minuten später winkte ich meinen Nachbarn zum Abschied. Ich selbst ließ mich von ihnen zuvor noch schnell an meinen Computer rollen. Denn seitdem ich vor einiger Zeit mal gelesen habe, dass Arbeit wichtig ist, um mich auch als Schwerbehinderter als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu fühlen, arbeite ich jeden Tag ein bisschen. Bis ich nach ein paar Stunden unkonzentriert werde. Oder ich vom Toilettenbecken auf den Boden falle. Man nennt so was glaube ich „Inklusion“.

 

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich kurz auf die Uhr schauen....

 

Jetzt sitze ich schon seit fast anderthalb Stunden an diesem Text. Also mache ich für heute lieber Schluss. Sonst rutsche ich noch aus dem Rollstuhl.

 

Obwohl: Eigentlich wollte ich Ihnen ja erzählen, warum meine Mitbewerber im glasharten Social-Media-Dschungel so reich sind. Reicher noch als ich sogar. Meine Damen und Herren, also habe ich schon ein Thema für meinen nächsten Blog-Beitrag. Haben Sie noch einen schönen Tag!

Montag, 29.01.2018 / 12:58 Uhr

»Knud gegen Böse«, Teil zwei: im Reich von Lärm und Gezitter

Von
Knud Kohr


Guten Tag!

Eigentlich wollte ich mit Ihnen fröhlich aus der Arbeitswoche ins Wochenende surfen. Aber die Umstände... Sie sperrten sich einfach gegen meine gut gelaunten Pläne.

Schon am Mittwoch musste ich mich mal wieder in die MRT-Röhre legen, um dort eine Magnet-Resonanz-Weißichdochauchnichtwiederstußheißt-Untersuchung an mir durchführen zu lassen. Da ich einer von den großen Jungs bin, war die Röhre sehr eng. Jedenfalls für mich. Nachdem man mir die etwas zu kleinen Kopfhörer aufgedrückt hatte, war nur noch ein Knopfdruck nötig, um mich eine knappe Stunde lang im Reich von Lärm und Gezitter zurück zu lassen.

Glauben Sie mir, danach machen Sie für den Rest des Tages nichts mehr.

Immerhin bekam ich die ersten beiden Reaktionen auf diesen Blog hier. Ein alter Freund von der Taz belehrte mich unaufgefordert, dass die DDR sich am 3. Oktober 1990 durch Anschluss an die BRD selbst auflöste Und nicht schon ein Jahr früher.

Und eine Freundin von mir mahnte an, dass ihr in meinem Blog bislang meine Grundhaltung »Die Lage ist hoffnungslos«, aber nicht ernst“ fehlte.

Nun gut. Gestern war mal wieder Zeit, mir selbst Betaferon in den Bauch zu spritzen. Wie jeden zweiten Tag.

Als ich danach mit einem Freund von mir telefonierte, wollte der wissen, wie die Dame heißt, die mit mir zusammen Kuchen isst.

Einmal mehr: Whiteout im Kopf. Ich wusste es einfach nicht. Die Dame und ich blödelten die Situation souverän weg, und fünf Minuten nach dem Auflegen war der Name wieder da. Das ist aber auch ein schöner Name. Vergessen wäre schlicht Verschwendung gewesen.

Dafür merkte ich gleich, nachdem ich mir das Betaferon in den Bauch gespritzt hatte, dass da ein ganz schöner Schwall an Nebenwirkungen fällig würde.

Morgens um fünf konnte ich nicht mehr schlafen. Dafür gelang es mir, den Sitz meines Rollstuhls um wenige Zentimeter zu verfehlen. Also landete ich direkt neben dem Bett auf dem Rücken. Ärgerlich. Aber dafür habe ich ja den Notfallknopf am linken Handgelenk.

So, meine Damen und Herren. Ich schaue auf die Uhr. In einer Stunde werde ich einen Gesprächstermin mit einem Filmproduzenten haben. Und allmählich kann ich auch weitgehend wieder geradeaus denken. Also schlage ich ein arbeitsteiliges Verfahren vor: Sie haben noch ein schönes Wochenende, und ich bemühe mich, nicht noch einmal aus dem Bett zu fallen.

Ich melde mich wieder.

P.S.
Meine Damen und Herren, mittlerweile ist früher Montagmorgen. Bei mir lief das Wochenende ganz gut. Ich hoffe, dass Sie ähnliches erlebt haben. Dieses P.S. schreibe ich nur, weil die Meldung vom vergangenen Freitag doch irgendwie recht düster klang.

Also: Bitte haben Sie eine schöne Woche! Ich fange gleich schon mal damit an.

Ich melde mich wieder.

Mittwoch, 17.01.2018 / 14:57 Uhr

»Knud gegen Böse«, Teil eins: Einzelhaft mitten in Berlin

Von
Knud Kohr

Guten Tag!

Sie erinnern sich? Ich bin der Neue. Obwohl ich persönlich eigentlich gar nicht mehr so neu bin. Wenn ich die Nacht unbeschadet überstehe, werde ich morgen als 52jähriger aufwachen. Heute bin ich gerade mal wieder in meinem Haus eingesperrt. Einzelhaft im Schatten vom Schloss Charlottenburg. Dass meine Wohnung laut Vertrag barrierefrei und behindertenfreundlich ist, nützt mir nichts, wenn sich die Hausbesitzer der Firma Inter Real einen Dreck um den Erhalt dieses Status kümmern.

 

Im letzten Spätsommer und Herbst war die Elektrotür zur Straße gleich drei Monate lang defekt. Seit vorgestern hat sie jetzt einen neuen Schaden auf Lager. Sie öffnet und schließt sich scheinbar permanent. Vor allem aber ohne Vorwarnung.

 

Eigentlich begann der Ärger schon vergangenen Donnerstag. Am Spätnachmittag hing im Inneren des Fahrstuhls ein handgeschriebener Zettel. Ab sofort könne man leider den Fahrstuhl nicht mehr benutzen.

 

Gerade auch zur Sicherheit der Mieter. Unter denen sich viele Schwerbehinderte befinden. Wichtige Teile des Fahrstuhls seinen nämlich von Ermüdungsschäden gefährdet.

 

Aber man habe bereits reagiert. Ersatzteile seien bereits bestellt. Bei derselben Firma übrigens, die für die Lieferung der Elektrotür-Ersatzteile drei Monate gebraucht hat.

 

Da etliche Mieter des Hauses schwerbehindert sind, hagelte es sofort Protest von den Mietparteien und ihren Betreuern. Schon im Herbst wurden die Proteste so lange ignoriert, bis am nächsten Ersten Teile der Miete einbehalten oder nur unter Vorbehalt überwiesen wurden.

 

Da ging dann plötzlich alles ganz schnell. Bis letzten Donnerstag.

 

Meine Damen und Herren, langweile ich Sie eigentlich sehr? Erstmal sei Ihnen gedankt, dass Sie wacker bis hierhin gelesen haben.

 

Wie ich bereits schrieb, soll es in diesem Blog um das Leben eines Schwerbehinderten mittleren Alters in Berlin gehen.

 

Wenn ich daran denke, wie die Multiple Sklerose in den letzten Jahren mein Leben eingeschränkt hat, könnte ich eigentlich nur noch heulen.

 

Heute morgen zum Beispiel musste ich plötzlich an eine Situation vor ungefähr acht Jahren denken. Da bretterte ich mit zwei Kollegen an Denver, Colorado vorbei.

 

Einige Kilometer später würde es in die Rocky Mountains gehen, wo ich am kommenden Tag eine Lesung haben würde.

 

Aus den Boxen bretterte „Paradise City“ von Guns and Roses.

 

Wenn ich daran denke, werde ich schon wieder ganz traurig. Naja, immerhin schneit es draußen. Da habe ich einen Grund, warum ich heute mit verstockter Laune in meiner Wohnung bleibe.

 

Haben Sie bitte noch einen schönen Tag. Ich melde mich wieder.

 

 

Mittwoch, 17.01.2018 / 14:46 Uhr

»Knud gegen Böse« stellt sich vor: Guten Tag, ich bin der Neue

Von
Knud Kohr

Guten Tag, ich bin der Neue. Und wie es sich für Neue gehört, nutze ich diesen ersten Beitrag, um mich vorzustellen.

 

Dieser Blog hier heißt Knud gegen böse. Vor allem deshalb, weil ich selbst Knud heiße. Knud Kohr, Acht Buchstaben, keine Mittelnamen. Aber obwohl mein Name nur aus diesen acht Buchstaben besteht, gibt es in der ganzen Welt des Internets nur einen einzigen, der genauso heißt wie ich. Mich nämlich. Jedenfalls habe ich noch niemand anderen gefunden.

 

Geboren wurde ich gegen Ende des letzten Jahrtausends. Am 18.1.1966 in Cuxhaven, um wieder die ganze Wahrheit zu schreiben. Dort wurde ich 190 Zentimeter groß und 80 Kilo schwer.

 

Neunzehn Jahre nach meiner Geburt machte ich mein Abitur und nahm den nächsten Zug nach Berlin. Wo ich bis heute lebe. Meistens in Charlottenburg, Wenn ich meinen Kopf entschlossen aus dem Fenster strecke und nach rechts drehe, kann ich das Schloss Charlottenburg sehen. Zwischen dem Schloss und meiner Wohnung plätschert die Spree.

 

Natülich gab es auch für mich diese seltsamen Jahre zwischen 1989 und 1993, wo die DDR gerade den Geist aufgegeben hatte. Wie fast alle meiner Generation zog auch ich für drei Jahre nach Prenzlauer Berg. Da ich bereits am 1.10.1989 umzog, darf ich also mit recht viel Fug behaupten, einen Teil meines Lebens in der DDR verbracht zu haben. Na gut, am 3.10. hörte die DDR auf zu existieren Aber immerhin.

 

Kurz danach schloss ich mein Studium an der FU ab, und war Diplom-Politikwissenschaftler mit Spezialisierung Erwachsenenbildung und Volkswirtschaftslehre. Meine mündliche Diplomprüfung war vermutlich eine der schlechtesten in der Geschichte des Otto-Suhr-Instituts. Kam wahrscheinlich daher, dass ich mich nur wenige Stunden vorbereitet hatte. Denn ich musste nur noch irgendwie durchkommen, um einen akademischen Titel zu erhalten.

 

Ich hatte nämlich schon andere Pläne.

 

In den nächsten Jahren schrieb ich ein paar Bücher und ein paar Drehbücher, und als Reisejournalist sah ich 46 Länder auf fünf Kontinenten.

 

Und dann wurde mir Multiple Sklerose diagnostiziert. Im Jahr 2002 schon. Ein paar Jahre konnte ich die Krankheit noch ignorieren. Aber dann fiel ich zu ersten Mal hin Und dann gleich nochmal Seit drei Jahren sitze ich im Elektroscooter und lebe in einer barrierefreien, behindertengerechten Wohnung.

 

Darum soll es ab sofort in diesem Blog gehen: Wie lebt es sich als Schwerbehinderter in dieser Stadt? Wenn es keine Hoffnung gibt, dass die Krankheit in absehbarer Zeit geheilt wird? Ich also quasi nie wieder gesund werde?

 

Haben Sie bitte noch einen schönen Tag.

 

Ich melde mich wieder.