Von Tunis nach Teheran

Schon scheinbare Kleinigkeiten wie Stromausfälle können zu Protesten führen, die das Regime als Ganzes in Frage stellen. Im Westen interessiert das aber so gut wie niemanden.

Es sind keine Neuigkeiten, sondern eher nur die monotone Wiederholung des Immergleichen seit Jahren: Um die ökonomische und soziale Lage der iranischen Bevölkerung ist es schlecht bestellt, und ebenfalls seit Jahren kennt das Land nur eine Entwicklung, und zwar zum Schlechteren.

Aus einem Interview mit Ahmed Rashid:

"t-online: Herr Rashid, Joe Biden hat nun angekündigt, dass er die US-Truppen bereits Ende August aus Afghanistan abziehen wird - und nicht erst im September. Was bedeutet das?

Geradezu klammheimlich geht derzeit der Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan über die Bühne. Experten prophezeien, dass die Taliban in ca. sechs Monaten erneut die Macht übernommen haben werden. Derweil droht in Syrien eine neue Katastrophe in der Katastrophe.

 

Als das Bild damals um die Welt ging, wurde es zum Symbol des Scheiterns der USA in Südostasien: Eine lange Schlange verzweifelter Menschen, die versuchen, noch einen Platz im letzten amerikanischen Hubschrauber zu ergattern, der auf dem Dach der US-Botschaft in der vietnamesischen Hauptstadt Saigon wartet.

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Bildquelle: UN Photo/ Evan Schneider

 

Nur selten hört man noch etwas aus der Westsahara und wenn, dann so etwas:

Schon jetzt, Anfang Juki, steigen die Temperaturen im Süden des Irak auf über 50 Grad Celsius und wie jedes Jahr folgen Stromausfälle, das das überlastete Netzt nicht in der Lage ist, den Bedarf an Kühlgeräten zu decken. Die Konsequenzen für die Menschen sind katastrophal:

Während die Aufgabe der UNRWA-Schulen in Gaza die Erziehung und Schulbildung sein sollte, rekrutieren sie Kinder für die Sommer-Militärlager der Hamas.


Es geht weiter:

Turkey is set to leave the Istanbul Convention to prevent violence against women on July 1 following a decision by the nation’s Council of State Tuesday to reject appeals seeking to reverse the move.

Mindestens 622 Palästinenser durch Folter in Syrien gestorben. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen, da das Assad-Regime diesbezügliche Daten unter Verschluss hält, und die Hinterbliebenen aus Angst vor Repression oft schweigen.

 

Die Streiks und Arbeitskämpfe im Iran gehen weiter und scheinen sich sogar noch zu verschärfen:

Iranian workers of the gas, oil and petrochemical sector continued to protest over delayed and low salaries on Sunday.

Nach einem für die Region halbwegs ruhigen ersten Halbjahr - und ruhig ist wirklich wirklich relativ - intensivieren Russen und syrische Armee erneut ihre Angriffe aus die Region Idlib. Mit dem üblichen Resultat: Tausende fliehen, allerdings nur innerhalb der Region, denn die Grenzen zur Türkei sind inzwischen hermetisch geschlossen:

Freitag der 18. Juni 2021 ist der Tag, an dem die Islamische Republik Iran aufhörte zu existieren. Auf dem Papier mag es sie noch geben, in Realität nicht mehr. Damit ist ein seit Jahrzehnten schleichend vorangehender Prozess vollendet.

 

In Algerien hat das Militär wählen lassen. Entsprechend fiel die Veranstaltung aus. Die taz berichtet:

Der Restauration einer pseudodemokratischen Fassade im Land sind die Generäle hinter den Kulissen damit ein Stück näher gekommen. Legitimität genießt die neue Nationalversammlung in Algier keineswegs.

„Die radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt werden bleiben. Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die „Juden“ und „Kosmopoliten“, nicht die „Feministinnen“ und die „Virologinnen“ sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscherinnen.“ (Carolin Emcke)