Rezensieren Bücher, die gar nicht geschrieben wurden

Saftige Früchte

Auch in diesem Jahr werden in Frankfurt zahllose Bücher präsentiert, die nicht hätten geschrieben werden müssen. Zum Ausgleich rezensieren Roger Behrens, Marit hofmann, Evelyn Steinthaler, Thomas Blum, Christian Y. Schmidt und andere an dieser Stelle Werke, die nicht geschrieben wurden.

Kommunismus für Kinder
»Noch ist die Erde der Wohnsitz aller Menschen. Und obwohl es interessant ist, sich Gedanken über die Lebensmöglichkeiten auf anderen Planeten unseres Sonnensystems oder gar anderer Sternensysteme zu machen, werden doch die meisten von uns ihr Leben auf der Erde verbringen. So hat es einen guten Sinn, so viel wie möglich über unseren Planeten zu wissen.« Damit beginnt das Vorwort zu »Unsere Erde«, erschienen 1963 als erster Band der Reihe »Was ist Was«, der deutschen Übersetzung desselben Bandes aus der US-amerikanischen Reihe »How and Why Wonder Books« von Felix Sutton, illustriert von John Hull, deutsche Ausgabe von Otto Ehlert. Wissenschaftliche Überwachung durch Dr. Paul E. Blackwood vom amerikanischen Gesundheits- und Erziehungsministerium, Washington, D.C.
Mittlerweile gibt es weit über einhundert Bände, zusätzlich eine CD-ROM-Serie, Software für den Nintendo und Apps, die Bücher als Hörspiele und E-Books, eine TV-Serie und eine Internetseite. Ende der Siebziger wurde die Reihe in den USA eingestellt; eine britische Edition erschien eigenständig weiter. Seit Band 61 (»Pyramiden«) gibt es die Reihe in deutscher Originalpublikation. Nach und nach sind nunmehr alle Bände aktualisiert oder neu geschrieben worden. Selbstverständlich heißt der alte Band 3 (»Atomenergie«) heute »Energie«, auch die Bildsprache der Illustrationen ist aktualisiert und soll zeitgemäßer wirken.
Leider wurden nie alle Titel des amerikanischen Programms übersetzt. Interessanterweise fehlt in der deutschen Reihe weitgehend die Beschäftigung mit der Geschichte der Neuzeit und der modernen Gesellschaft; die Gegenwart gerät nur in der Beleuchtung des technischen Fortschritts in den Blick. »Civil War«, »American Revolution«, »First World War«, aber auch »Ballet« oder – aus der UK-Edition – »Costume« gibt es in der »Was ist Was«-Buchreihe nicht, auch nicht adäquat zum Beispiel »Französische Revolution« oder »Mode« oder einfach »Kultur«. Stattdessen versucht der Verlag sich mit »Polizei« (Bd. 120), »Päpste« (Bd. 123) oder »Deutschland« (Bd. 126) auf dem Markt zu halten.
Umso erstaunlicher, dass nun, nach »Maya, Inka und Azteken«, der Band 131 sich dem »Kommunismus« widmet, und zwar mit ungeahnt kritischer Genauigkeit und konkret-utopischer Weitsicht. In der gewohnten Machart ist jedem Absatz eine Frage vorangestellt, angefangen mit »Was ist Kommunismus?« bis schließlich zu »Wann ist Kommunismus?«. Dazwischen wird vermittelt, was zu vermitteln ist: Urkommunismus, Eigentum, Tauschen und Teilen, Stellung zur Religion, Wunschvorstellungen vom besseren Leben, Science-Fiction, Arbeit versus Spiel, aber auch falscher (despotischer) Kommunismus, Realsozialismus, Illusionen eines gerechten Kapitalismus.
Es mag am Thema liegen, dass dieser Band wieder an den alten Fortschrittsoptimismus anknüpft, der die US-amerikanischen Ausgaben der sechziger Jahre prägte. Hier wirkt er jedenfalls sympathisch. Zukunftsvertrauen bestimmt auch die Illustrationen, deren Sachlichkeit und Minimalismus – viele Flächen, Stilisierungen, kein graphischer Kitsch – nicht affirmativ den Text bestätigen, sondern reflexiv das geschriebene Wort weiterführen: Von den Kindern, für die diese Bücher gedacht sind – Adressaten sind die Acht- bis 14jährigen –, verlangt das kritische Phantasie beim Lesen. Insofern geht es nicht um »Information«, sondern um Wissen im Sinne eines die Erkenntnis leitenden Interesses.
Das letzte Bild zeigt die Erde, womöglich vom Mond aus. Dazu heißt es: »Innerhalb nur weniger Jahrhunderte hat der Mensch die Erde beinahe unbewohnbar gemacht. Kriege, Hunger und die Vernichtung der Natur bedeuten die fortschreitende Zerstörung der Lebensgrundlagen auf diesem Planeten. Der Kommunismus ist für das Weiterbestehen der Menschheit notwendig. Die Geschichte ist allerdings offen. Ungewiss bleibt, ob der Kommunismus auf der Erde gelingt oder sich die Menschen in den Weiten des Kosmos eine neue Welt aufbauen müssen.«

Was ist Was: Kommunismus. Band 131, Tessloff-Verlag, Hamburg 2012, 48 Seiten, 9,95 Euro
Roger Behrens

Nüt für Hochgestochne
»Die verwegene Ansicht in den Ring werfend, Literatur werde gemeinhin überschätzt, wendet sich der Verfasser dieser Zeilen umgehend der ­filigranen Kunst des Tütenklebens zu.« Bis zu dem Sensationsfund, aus dem dieser Satz stammt, gab es keinen Anhaltspunkt dafür, dass der Schweizer Schriftsteller Robert Walser in den 24 Jahren, in denen man ihn in der Heilanstalt Herisau (Appenzell) bis zu seinem Tod »verwahrte«, noch etwas geschrieben hat.
Nach seiner Zwangseinweisung im Jahr 1933 infolge von Angstzuständen und einer schweren Schreibkrise lehnte er Privilegien ab. Dem Zimmer mit Schreibtisch, das man ihm anbot, zog er den Schlafsaal und das Tütenkleben vor. Dass er sich den Ärzten verweigerte, brachte ihm Diagnosen wie »Autismus« und »Schizophrenie« ein. Nur ein Pfleger wollte gesehen haben, wie der Literat, der in Unfreiheit keiner mehr sein mochte, auf Zettel kritzelte, die er, sobald er sich beobachtet fühlte, im »Gilet-Täschli« verschwinden ließ.
Das Rätsel um die Westentaschentexte scheint nun gelöst. Nach dem Tod der in der Anstaltswäscherei angestellten Anni Kägi im vergangenen Jahr fand ihre Nichte Iris ein Kästchen mit Walser-Mikrogrammen im Nachtschrank. Ihre Tante habe erzählt, dass sie, als sie mit 17 den Dienst antrat, oft ein Insasse abgepasst habe, um ihr in winziger Schrift notierte Geschichten vorzulesen und danach zuzustecken. Sie habe den Alten wunderlich gefunden, aber bald feststellen müssen, dass er gar keinen »Riss i d Schüssle« gehabt habe. Das Ritual wurde zum Höhepunkt ihres harten Arbeitstages, denn amüsiert hätten sie die absurden Texte, auch wenn sie sie nicht immer verstand. Außerdem habe der höfliche Herr gesagt, sie, ja, sie, die Wäscherin Anni, komme in jeder der Geschichten vor.
Tatsächlich taucht in den Texten oft eine anmutige Frau auf, die den sich danebenbenehmenden Erzähler beobachtet, wie er Psychiater und Kritiker, die ihn zu analysieren trachten, selbst einer erbarmungslosen Analyse unterzieht (»Wenn Kranke sich für gesund halten«). Als ein Arzt immer wieder wissen will, ob der Erzähler Stimmen höre, lautet seine Antwort: »Mir ist so, als hörte ich ständig eine Stimme, die mir nahezulegen scheint, ich müsse Stimmen hören.« Nicht weniger als ein Psychogramm der Psychiatrie und des Literaturbetriebs hat deren vermeintliches Untersuchungsobjekt hier vorgelegt.
Anni Kägi soll aus der Lokalzeitung erfahren haben, dass »ihr Poet« lange nach seinem Tod wiederentdeckt worden sei. Abfällig äußerte sie sich gegenüber ihrer Nichte zu den Symposien, die »Hochgstochne« nun auch in Herisau abhielten: »Röbele hätte Reißaus genommen.« Wer Walser liest, muss ihr Recht geben: »Eingedenk der vielfältigen und ungemein honorigen Bemühungen, mich zu durchleuchten, erlaube ich mir, mich höflichst in Luft aufzulösen.« Die Herausgeber haben sich offenbar nicht gemeint gefühlt und die verspielten Botschaften an die Wäscherin der klotzigen Kritischen Ausgabe einverleibt.

Robert Walser: Aus der Westentasche. Mikrogramme aus Herisau. Kritische Robert-Walser-Ausgabe (KWA), VI.13–15, Stroemfeld-Verlag, Basel und Frankfurt/Main 2012, 138 Seiten, 72 Euro
Marit Hofmann
Ahabs Erben
Herman Melvilles opus magnum »Moby-Dick« von 1851 zählt zu den Klassikern der Weltliteratur. Wir erinnern uns: Der Ich-Erzähler Ishmael (Marlon Brando) heuert auf dem Walfangschiff »Pequod« an, das unter der Ägide des monomanischen und monobeinischen Kapitäns Ahab (Leonard Nimoy) Jagd auf den Albino-Pottwal Moby Dick (Gert Fröbe) macht. Am Ende versenkt der dämonische Wal die Pequod, und alle außer dem final girl Ishmael ersaufen jämmerlich. »Moby-Dick« inspirierte zahlreiche weitere Klassiker wie den Untergang der Titanic (1912; der Eisberg ist der weiße Wal des Industriezeitalters), liegt aber bis heute ungelesen wie Blei in den Regalen der Buchhandlungen – und das völlig zu Recht. Der Roman ist viel zu lang, ein bisschen dramatische Walkampf-Action kann die erschreckende Plotarmut (über weite Kapitel passiert überhaupt nichts – hier hätte Melville viel von heutigen Autoren wie Dan Brown lernen können) und das Fehlen jeglicher Romanze (einmal abgesehen von vereinzelt angedeuteter Seemanns-Homoerotik) nicht wettmachen. Zugegeben, auf einem Walfänger gab es damals keine Frauen, aber hätte man nicht eine schiffbrüchige Südsee-Prinzessin oder wenigstens Rückblenden einbauen können, in denen die Seefahrer sich ihrer daheimgebliebenen Liebsten erinnern, wie dies heute in jeder Fernsehserie üblich ist?
Am Ende überleben sowohl der Ich-Erzähler als auch Moby Dick. Melville hatte also sicherlich eine Fortsetzung geplant, aber diese kam nie zustande – wohl wegen des kommerziellen Misserfolgs. Diesem Mangel hat Frank Schätzing nun Abhilfe geschaffen. Der gealterte und desillusionierte Ishmael (jetzt Bruce Willis) lehrt als unterbezahlter Privatdozent Walkunde an der Fischereihochschule von Nantucket. Aus dem Walfanggeschäft hat er sich vor Jahren zurück­gezogen, frustriert über den unaufhaltsam wachsenden Einfluss der Großkonzerne. Eines Tages erhält er unerwarteten Besuch von Ashley Carbine (Natalie Portman oder Scarlett Johansson), der Witwe seines Cousins. Dieser war einer großangelegten Verschwörung des Walfangkartells auf der Spur und musste dafür mit seinem Leben bezahlen. Ishmael und Ashley tun sich zusammen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Bald zeigt sich, dass sie dafür auf die Hilfe eines alten Feindes angewiesen sind: Moby Dick (Udo Kier), der sich tief unter dem arktischen Eis versteckt halten soll. Eine spannende Suche beginnt, die ein völlig neues Licht auf die verborgenen Ursachen des US-Bürgerkriegs werfen wird. In Rückblenden tritt Kapitän Ahab wieder auf (Leonard Nimoy, die künstlerische Kontinuität zum ersten Teil verbürgend), in dessen Nachlass entscheidende Informationen versteckt sind, die allein den Weg zum weißen Wal weisen können. »Moby-Dick 2« teilt die Stärken des ersten Teils, vermeidet aber seine Schwächen. Ein echter Pageturner!

Frank Schätzing: Moby-Dick 2. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 2 552 Seiten, 36 Euro
Oliver Schott
Die erlösende Tat
Moses Hess ist – leider – noch immer zu unbekannt, um auf eine kurze biographische Skizze verzichten zu können: geboren im Januar 1812 in Bonn, ebendort Kindheit, Jugend und ein abgebrochenes Philosophiestudium, Freundschaft mit Marx und Engels, Mitglied im Bund der Kommunisten; überdies wegbahnend für die Marxsche Theorieentwicklung, auch wenn dann im »Kommunistischen Manifest« heftig gegen Hess polemisiert wird. Hess’ radikale Geld-, Eigentums- und Arbeitskritik bildet die Grund­lage für den »realen Humanismus«, von dem auch Marx und Engels noch in frühen Schriften sprechen. Am Manuskript der »Deutschen Ideologie« formuliert Hess mit; seine Analyse der Entfremdung und des bürgerlichen Individualismus bildet gleichsam den philosophischen Ausgangspunkt der Kritik der politischen Ökonomie (ausgeführt hat das Zwi Rosen in seinem den Schriften beigefügten Essay, der offenbar aus Auszügen seines Buches »Moses Hess und Karl Marx«, Hamburg 1983, besteht).
Der erste Band der »Ausgewählten Schriften« versammelt Hess’ Beiträge zu seiner Idee des Kommunismus als real-humanistischer Geschichtsphilosophie: Das sind Auszüge aus »Die Heilige Geschichte der Menschheit« (1837), »Die europäische Triarchie« (1841), vollständig die »Philosophie der Tat« (1843), »Sozialismus und Kommunismus« (1843) sowie weitere Korrespondenzen für die damals von ihm mit herausgegebene Rheinische Zeitung; ferner die »Briefe aus Paris« (1844), »Über die Not in unserer Gesellschaft und ihre Abhilfe« (1845), »Über das Geldwesen« (1845), Hess’ »Kommunistisches Bekenntnis« (1846) und, ebenfalls in Auszügen, sein »Roter Katechismus für das deutsche Volk« (1850), schließlich »Rechte der Arbeit« (1863) und »Über sozialökonomische Reformen« (1863).
Der zweite Band widmet sich Hess als Wegbereiter des Zionismus und Kritiker des Antisemitismus: neben »Rom und Jerusalem« (1862) in Auszügen auch »Briefe über die Mission Israels in der Geschichte der Menschheit« (1864), zudem einige Briefe und kleinere, das Themenfeld betreffende Texte. Der dritte Band schließlich ist den naturwissenschaftlichen und religionsphilosophischen Schriften Hess’ gewidmet, darunter sein Entwurf einer »Dynamischen Stofflehre« (1872) und sein letzter erschienener Artikel, »Ein charakteristischer Psalm« (1873). Darüber hinaus sind hier zahlreiche Manuskripte, Fragmente, Tagebuchaufzeichnungen und noch einmal Briefe aufgenommen.
Mit der Auswahl der Schriften wird ein Bogen gespannt, der es erlaubt, Hess endlich als einen der wichtigsten Theoretiker und Praktiker der kommunistischen Kritik zu erkennen. Zweifellos ist das nicht nur von historischer Relevanz für die Forschung, sondern, angesichts der herrschenden Verhältnisse des korporativen Globalkapitalismus, für jede emanzipatorische Bestrebung von unabdingbarer Bedeutung: Die Möglichkeit des Menschen denkt Hess im athe­istischen Sinne eschatologisch; Freiheit und Harmonie bilden für den »Communistenrabbi« den Horizont einer Geschichte, den zu überschreiten den wahren Kommunismus verspricht. Die Erlösung liegt in der Tat des Menschen, nicht im Glauben an Gott oder Geld.
Moses Hess starb an den leidvollen Folgen eines Schlaganfalls am 6. April 1875 in Paris. Die aus Anlass seines 200. Geburtstags am 21. Januar herausgegebene Edition der »Ausgewählten Schriften« trägt hoffentlich dazu bei, seine kritische Theorie im 21.Jahrhundert lebendig zu halten.

Moses Hess: Ausgewählte Schriften. Drei Bände im Schuber, herausgegeben und kommentiert von Zwi Rosen, Diebsteich-Verlag, Timmendorf 2012, 690 Seiten, 44 Euro
Gregor Katzenberg
Volltext für alle
Jahrelang war es nur ein Gerücht in Exellenzclustern und Sonderforschungsbereichen, nun ist es Wirklichkeit: Die in Berlin-Dahlem angesiedelte Edition Textschwall, der bereits die Digitalausgabe der gesammelten Werke Julian Nida-Rümelins zu verdanken ist (Jungle World 78/11), hat endlich die akademikersichere Software des Diskursgenerierungsprogramms »Habermann« herausgebracht. Wer das benutzerfreundliche Tool installiert hat, kann durch Eingabe einer beliebigen Themenstellung (etwa »Genderaspekte im Werk Friedrich von Schlichtegrolls«, »Martin Mosebach und die ästhetische Avantgarde«), in Kombination mit bis zu acht ebenso beliebigen Theorieoptionen (»Postkolonialismus«, »Systemtheorie«, »Sonstiges«) und durch Nennung der erwünschten Textlänge (1–1 000 Seiten) innerhalb von zwei bis 180 Minuten stilsichere, garantiert widerspruchsfreie wissenschaftliche Arbeiten für alle Qualifikationsgrade generieren. Damit wird ein Paradigmenwechsel in den Humanity Studies eingeläutet, dessen Folgen nicht abzusehen sind. Um die Diskurskompetenz der innovativen Anwendung zu veranschaulichen, hat Textschwall bereits in diesem Herbst unter fingierten Autorennamen bei Suhrkamp, Merve und Transkript 15 »Habermann«-Erzeugnisse auf den Markt gebracht. Wer alle errät, erhält ein »Habermann«-Paket gratis: ein angesichts der Prekarisierung der akademischen Berufe verlockendes Angebot für Nachwuchswissenschaftler.

Der ganze Habermann. Edition Textschwall, Berlin 2012, 3 CD-ROM mit Zubehör, 56 Euro/45 Euro (Studierendenrabatt)
Magnus Klaue
Josef hat euch lieb
Peter O. Chotjewitz ist es mit seinem neuesten Buch »Stalin« ein weiteres Mal gelungen, die Gattungsbezeichnung Roman, die auch Georg Lukács letztlich nicht auf den Begriff bringen konnte, auszuhöhlen. Obschon sein Roman über den sowjetischen Despoten zunächst einmal tatsächlich ein klassischer Roman ist.
Und in diesem Buch greift der Erzähler nicht in die Handlung ein oder kommentiert sie, im Gegenteil, »Stalin« ist eines der wenigen Bücher von Chotjewitz, dessen Handlung einfach nacherzählt werden kann. Es ist plot-driven.
Stalin wird in einer Weise dargestellt, dass die Leserinnen und Leser alsbald den Autor verdächtigen, sie auf den Arm zu nehmen. Schon die Eingangsszene ist schrecklich kitschig: Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili liegt auf seinem Sterbebett, um das Bett herum sitzen mit geröteten Augen die wichtigsten Mitglieder der Partei, da erhebt sich der Todkranke noch einmal, sagt »Vater«, fällt zurück und stirbt. An anderen Stellen liest man erstaunt, wie Stalin liebevoll mit seinem einzigen Töchterchen spielt, wie der »Generalissimus« nichts weiter als den Frieden will, man liest irritiert, wie es ihm um jeden der innerparteilichen Feinde leid tut, deren Leben er durch seine Unterschrift auf den Todeslisten auslöscht.
Bald verdächtigt man Chotjewitz, einen Kolportageroman geschrieben zu haben. Und das ist »Stalin« auch – es ist allerdings ein Kolportageroman mit Hintersinn. Chotjewitz hat für sein Buch über Jahrzehnte manisch recherchiert. In seiner Arbeitsbibliothek findet sich ein ganzes Regal, das nur mit Büchern zu und über Stalin gefüllt ist. Der 77jährige Autor hat für sein Buch die interessantesten Stellen aus Dutzenden Hagiographien zu einem Plot verarbeitet, in dem die Hauptfigur wieder jener große Mensch ist, als der Stalin in der Zeit zwischen dem Tode Lenins und der Rede Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU hingestellt worden ist.
»Stalin« ist zugleich ein Roman über Kolportageromane. Wie immer reflektiert Chotjewitz die Form seines Textes mit, hier allerdings erstmals allein mittels der Form. Und wie immer präsentiert er eine andere Version der Geschichte als die der offiziellen Geschichtsschreibung. Chotjewitz’ Version könnte genauso wahr sein. Auf dieser Irritation baut der Roman auf. Der Romancier zeigt Stalin ausschließlich in privaten Situationen und enthält sich völlig der Bewertung seiner Taten. Ohne eine Handlungsanleitung aber bleiben die Leserinnen und Leser, die es gewohnt sind, die Bewertung gleich mit­serviert zu bekommen, verstört. »Die Kritiker werden mich für dieses Buch schlachten«, sagte Chotjewitz kürzlich – und wie die bisherigen Reaktionen zeigen, ist genau dies eingetreten.

Peter O. Chotjewitz: Stalin. Roman. Rowohlt, Reinbek 2012, 225 Seiten, 21 Euro

Peter O. Chotjewitz plante in den Jahren vor seinem Tod im Dezember 2010 tatsächlich, nach Abschluss des Romans »G.«, der unvollendet blieb, einen »Stalin«-Roman zu schreiben. Das hier Mitgeteilte geht auf Gespräche zwischen Chotjewitz und dem Verfasser zurück.
Jörg Sundermeier
Sie hat es getan
Für Dorothy Parker war ihre eigene gespaltene Haltung zum Schreiben immer wieder Thema. Dass sie, eine der bedeutendsten Autorinnen ihrer Zeit, eben Lyrik, Kurzgeschichten und Theaterstücke geschrieben hatte und es nie zum Roman schaffte, schien eine unwiderlegliche Tatsache zu sein. Von ihrer literarischen Arbeit konnte Parker nicht leben. Sie arbeitete unter anderem als Kritikerin für den New Yorker und als Drehbuchautorin in Hollywood, wo sie nicht nur an der Gründung der Drehbuchautoren-Gewerkschaft, sondern auch an der »Anti-Nazi-Liga« maßgeblich beteiligt war. Parkers politisches Engagement fing nicht in Hollywood an und hörte dort nicht auf: So demonstrierte sie beispielsweise im April 1927 an der Seite von John Dos Passos gegen die Verurteilung der Anarchisten Sacco und Vanzetti und bezeichnete sich öffentlich als Kommunistin, was ihr, neben dem Verlust ihres Reisepasses während des Zweiten Weltkrieges, in der McCarthy-Ära einen Platz auf der Schwarzen Liste Hollywoods einbrachte.
Die 1967 verstorbene Parker vermachte ihren Nachlass dem NAACP Martin Luther Kings und zeigte sich nicht nur in dieser Entscheidung politisch, sondern auch in ihrem kürzlich im Nachlass gefunden Roman: »The Executed«. Mit »Dottie did it!« ging nach dem Bekanntwerden des Fundes ein Aufschrei durch das angloame­rikanische Feuilleton. Niemand hatte damit gerechnet, da sich Parker ja selbst in der Öffentlichkeit immer wieder über ihre Unfähigkeit erging, einen Roman zu schreiben. Und nun das: ein rund 480 Seiten starkes Buch, das vorvergangene Woche in New York präsentiert wurde und am Tag seines Erscheinens auf allen bedeutenden angloamerikanischen Bestseller­listen Titel wie »Shades of Grey« verdrängte.
Parker, die Politische, greift hier im Gegensatz zu ihren Kurzgeschichten und ihrer Lyrik eher nebenher die Frage der Geschlechterverhältnisse auf und widmet sich in »The Executed« Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Sie erspart sich und ihren Lesern nichts, ihre klare und unbarm­herzige Sprache macht trun­ken, man folgt ihr atemlos ins Charlestown State Prison in Massachusetts, in dem beide einsaßen, und ins Norfolk County Courthouse, wo der zweite Prozess stattfand. Parkers klarer, schnörkelloser und erschütternder Stil lässt nicht los und erinnert dabei etwas an Rodolfo Walshs »Operación Masacre« aus dem Jahr 1957 oder Truman Capotes »In Cold Blood«, der zwei Jahre vor Parkers Tod erschien. Mit ihrem Roman sprang sie aber keineswegs auf den erfolgreichen Zug des New Journalism auf. »The Executed« wurde eindeutig noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs verfasst. Durch zahlreiche Details und Verweise lässt sich die Entstehung von Parkers Tatsachenroman in den frühen dreißiger Jahre verorten. Ihre sprachliche Klarheit ist unnachahmlich und stellt andere Autoren des Genres in den Schatten. Ein wahrlich kostbarer Fund, der hier gemacht wurde. »Dottie did it!« Was für eine Freude!

Dorothy Parker: The Executed. Random House, New York 2012, 476 Seiten, 32 $
Evelyn Steinthaler
Daheim bei den Dämonen
Zehn Jahre lang mussten wir auf Melinda Fords neuen Roman warten. Ein paar Kurzgeschichten, ein paar Essays hier und dort waren die einzigen Wortmeldungen, mit denen sich das eins­tige Wunderkind der amerikanischen Literaturszene ab und zu in Erinnerung rief.
Wir erinnern uns: 1996 erschien ihr Debüt­roman »Silver Lake«, in dem sich alles um die junge Kreativszene in dem damals noch nicht völlig gentrifizierten Stadtteil von Los Angeles drehte, der gegenüber den Hollywood Hills gelegen ist. »Silver Lake« hatte den düsteren Zynismus eines Bret Easton Ellis, die epische Erzählweise eines Jonathan Franzen und lehnte sich teilweise an die postmodernen Phantasien von David Foster Wallace an – vor allem war der Roman aber eine Abrechnung mit der Lebensweise, die Ford als College-Absolventin und sogenanntes Trust-Fund-Kid bis dato in der Sonne Kalifornien gepflegt hatte. Ihre Hauptfigur Lola war unschwer als die Autorin selbst zu erkennen und die bleierne Schwere der Worte, welche die Stimmung in Fords Debüt bestimmte, entsprach ihrer eigenen Medikamentensucht, die das öffentliche Interesse an ihr bald stärker bestimmen sollte als ihre beeindruckende Literatur.
Fords zweiter Roman, »On The Edge«, war ebenfalls eng an ihr Leben angelehnt und beschrieb die Zeit nach dem ersten Ruhm; eine Zeit, die viele auch auf Blogs wie »Perez Hilton« und »TMZ« verfolgen konnten, wenn Ford nicht immer mit ganz klaren Augen und öfter mal verschmiertem Make-Up, meistens in Begleitung ihrer damals besten Freundin Lindsay Lohan, aus Clubs schwankte. »On The Edge« wurde vor allem nach Klatschgeschichten und Personen des mehr oder weniger öffentlichen Lebens durchsucht und hatte leider auch nicht viel mehr zu bieten. Das Buch strotzte vor Klischees, so wie ihr eigenes Leben eines geworden zu sein schien. Wo »Silver Lake« diese Klischees in Wahrheit und Erkenntnis, Schönheit und Düsternis umwandelte, zogen die Klischees die Figuren und Geschichten in »On The Edge« wie Blei zu Boden.
Danach wurde es ruhig um Melinda Ford. Es gab Gerüchte, dass sie an einer Fernuniversität Freies Schreiben unterrichte, dass sie in einer Entzugsklinik in Arizona gewesen sei. Vanity Fair berichtete, dass sie in einem Motel vor Las Vegas lebe. All das trug zwar erheblich zur Mythosbildung bei, zu lesen gab es von ihr aber viel zu wenig. Vor zwei Jahren dann erschien ein Essay im New Yorker, in dem sie über den Horror in der amerikanischen Literatur schrieb und davon, wie er sich bis heute im alltäglichen Leben widerspiegelt. Dieser Essay erweist sich heute als Vorarbeit zu »Phillin«, ihrem dritten Roman, der dieser Tage erscheint.
Auch die Protagonistin Melissa ist eine Wiedergängerin von Ford selbst, doch sonst ist nichts, wie es früher in ihren Büchern war: Melissa nimmt eine Stelle in der Kleinstadt Phillin an, in der sie geboren wurde und aufgewachsen ist. Los Angeles spielt keine Rolle mehr; Melissa hat in New York studiert, dort für eine Zeit mit ihrem Freund in einem kleinen Apartment gelebt. Von ihm trennt sie sich, als ihre Großmutter, die sie großgezogen hat, anruft und ihr berichtet, das sie nur noch wenige Monate zu leben habe. Doch das sind nicht die einzigen Dämonen, die sie in der Kleinstadt ihrer Jugend wiederfindet. Nach und nach erinnert sie sich, warum sie die Stadt kurz vor dem Beginn ihres Studiums fluchtartig verlassen hat. Sie trifft Freunde und Feinde von damals wieder, und gemeinsam begeben sie sich ein letztes Mal in den Wald, der Phillin umgibt und den man mehrere Stunden aus jeder Richtung mit dem Zug durchqueren muss, um in die verlassene Stadt zu kommen, in der die Zeit merkwürdig stehengeblieben ist – und in der es immerzu regnet, niemals die Sonne scheint.
Dieses Mal hat sich Ford nicht an Wallace, Franzen und Ellis orientiert, hat deren postbildungsbürgerlichen Literaturentwurf hinter sich gelassen und eine anderes Szenario entworfen, das im Kleinen wie im Großen beunruhigt: Phillin erinnert vage an die Kleinstädte, die man aus den Serien und Filmen des »Scream«- und »Vampire Diaries«-Autors Kevin Williamson kennt. Und das große Amerika in ihrem Roman erinnert an das riesige Land, durch das der Thriller-Autor Lee Child seinen Held Jack Reacher in bisher 17 erschienenen Bänden geschickt hat. Doch das Beeindruckende sind die Verletzlichkeit und die Klugheit, die in diesem Buch stecken und bezeugen, dass Ford weiß, wie man Dämonen, nicht nur in Kleinstädten, begegnet.

Melinda Ford: Phillin. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 198 Seiten, 19,90 Euro
Nina Scholz
Lücken stopfen
Nur selten im Leben wird einem als Leser das Glück zuteil, ein neu erschienenes Buch in der Hand zu halten, bei dem man nach der Lektüre nur weniger Zeilen die unerschütterliche Gewissheit hat: Solch Sprachmagie kann nur einem von Gott gesegneten Geist entstammen. Dieser Roman, vielleicht der vorvorletzte des greisen Martin Walser, lässt einen dieses späte, unfassbare Glück erleben. Nach leeren Jahren fruchtloser Lektürestunden, die man – so weiß man jetzt – sinnlos vertan und vertändelt hat mit Kleist, Kafka, Konsalik und anderem Kokolores, wird man plötzlich gewahr, dass wahrhaft erotische deutsche Literatur weit mehr sein kann als die geistlose Aneinanderreihung von Signalworten und gynäkologischen Fachbegriffen, mehr als das handelsübliche Rein-Raus-Kunstgewerbe. Zum Beweis sei hier eine der anrührendsten Stellen aus diesem Jahrhundertro­man in voller Länge zitiert: »Schlagartig von brennender Leidenschaft durchzuckt, versenkte der Professor blindwütig sein vor Kühnheit zitterndes Zepter in ihrer Liebesgrotte, aus der es tropfte wie aus einem Kieslaster. Er musste, so schoss es dem Gelehrten durchs Hirn, äußerste Behutsamkeit walten lassen und seinen strammen Pillermann dort, im Ungewissen, wo dieser nun rastlos umherstocherte, so sorgfältig dirigieren wie seinen BMW durch den Verkehr von Berlin. Als er sich schnaufend und schicksalsergeben auf dem geschmeidigen Leib der Klosterschülerin auf und ab bewegte, wurde ihm bewusst, dass die Lücke, in die er mit seiner Moralkeule so vehement stieß, sich nun wie durch ein Wunder zeitweise schloss! Hatte er nicht auch seit je die deutsche Teilung als schmerzende Lücke empfunden, als Wunde, die sich womöglich niemals schließen ließ? Und bestand gar die Lösung der deutschen Frage am Ende darin, dass man die Lücke einfach stopfte? Er nahm sich fest vor, nach der ordnungsgemäßen Verrichtung des Beischlafs noch einmal über diesen famosen Geistesblitz nachzudenken.«
Wie immer bei Walser wird auch hier Hohes und Tiefes, alltäglich Banales und spitzfindig Metaphysisches unmittelbar nebeneinandergestellt, auch dialektisch ausgespielt.
Wer so feinfühlig, so sprachmächtig, so anspielungs- und kenntnisreich, mit der schlafwand­lerischen Sicherheit des geübten Wortmetzes jede gemeine Zote und jedes falsche und überflüssige Wort meidend, über das Intimste zwischen zwei Menschen zu berichten weiß und dabei geschickt den geheiligten Akt der geschlechtlichen Vereinigung mit dem ungewissen Schicksal der deutschen Nation verknüpft, der darf wohl mit Fug ein Großdichter genannt werden. Bereits in der Vergangenheit hat Walser bewiesen, dass in ihm ein großer Philosoph ebenso wie ein obsessiver Erotomane schlummert.
Mit der Meisterschaft dessen, der auf eine jahrzehntelange Erfahrung sowohl im Geschlechtsleben (fünf gesunde Kinder) als auch auf dem Gebiet des fachkundigen Buchstabenaneinanderreihens zurückblicken kann, erzählt uns der Spitzenpoet vom Bodensee in seinem 73. Roman die aufwühlende Geschichte des emeritierten Literaturprofessors Siegfried Stoß, der infolge des Mauerbaus unter schweren Depressionen leidet und erst durch die intensive Zuwendung seiner Sekretärin Helga, einer ehemaligen Klosterschülerin, wie durch ein Wunder geheilt wird. Zentrale Nebenfigur in diesem vielschichtigen Prosawerk ist der heimtückische jüdische Unterhosenfabrikant Ilja Schlaff, der alles daran setzt, mit seinen Intrigen das späte Liebesglück des arglosen Philologen zunichte zu machen.
Wie immer beim Erscheinen eines neuen Werks Walsers wird dem Schriftsteller von den Zeitgeistüberwachungsbeauftragten eines auf  inks gebürsteten Gegenkulturbetriebs gebetsmühlenartig »Antisemitismus« vorge­worfen werden. Davon kann jedoch keine Rede sein. Schließlich hat der Dichter selbst erst kürzlich darauf verwiesen, dass auch der Jude an sich ein feiner Kerl sein könne, wenn er nur wolle.

Martin Walser: Die Pfeife des Professors. Rowohlt-Verlag, Reinbek 2012, 594 Seiten, 29,95 Euro
Thomas Blum
Aufreizende Löffel
Sie ist 21, Literaturstudentin und hat in der Liebe schon alles erlebt. Analverkehr und Gangbang langweilen sie unendlich, beim flotten Dreier ist sie schon mit einem Schwanz im Mund eingeschlafen, und von den ewigen Fesselspielchen kämpft sie mit einem unangenehmen Ausschlag, den sie nur noch mit Kuheutercreme in den Griff bekommt. Doch dann lernt Anna Steele den reichen und ebenso unverschämt selbstbewussten wie attraktiven Politiker Peter Altmaier bei einem Interview für ihre Swingerclub-Zeitung kennen. Und möchte ihn eigentlich schnellstmöglich wieder vergessen, denn die Begegnung mit ihm hat sie zutiefst verwirrt. So sehr sie sich aber darum bemüht: Sie kommt von ihm nicht los. Und als Peter einige Zeit später wieder vor ihr steht, kann sie nicht anders, als seinen Gefühlen nachzugeben und sich mit ihm in seiner Wohnung zu treffen. Von da an ist nichts mehr wie zuvor. Sie lernt, wilde Abende in der Küche zu verbringen, ihr Verlangen stillt sie, indem sie das Besteck in der Löffelchenstellung in die Schublade räumt, und eines Tages darf sie sogar zu Peter ins Schlafzimmer, um das Kissen aufzuschütteln. Als sich schließlich Ilse Aigner zu dem sich manchmal leicht aufreizend zublinzelnden Paar gesellt, branden die Emotionen in der neuen Dreieckskonstellation hoch und brechen sich in wildem Skatklopfen Bahn. Ein Buch, das sich mutig an das letzte große Tabu unserer Gesellschaft wagt, ein Hohelied auf die abendliche Migräne, ein Roman, der den Absatz der Häkelwarenanbieter mächtig in die Höhe treiben wird.

E. L. James: Noch geheimeres Verlangen. Der vierte Teil der Shades-of-Grey-Trilogie. Goldmann-Verlag, München 2012, 212 Seiten, 19,90 Euro
Heiko Werning
Lavalampenglut
»Johann Holtrop«, der jüngste Roman von Rainald Goetz, war toll. Kalt, düster, voller Verachtung und funkelndem Goetz-Hass. Ein großer, negativer Monolith, den jeder gelesen haben muss. Sogleich aber hat Goetz den nächsten Sprung gewagt: Vom dunklen Werkkomplex »Schlucht« zu einem, der »Olymp« heißt. Ab sofort soll in seinen Romanen alles gut sein.
Das erste Buch der Reihe, »Eden«, spielt in ­einem Lust- und Zaubergarten, der irgendwie an Avalon, Entenhausen und die Insel der Hesperiden gemahnt. Die Ortschaften hier sind keine Stätten der Dunkelheit mehr, die Nörse, Tonna, Ursel, Gössitz, Orla, Horre oder Krölpa heißen. Sie tragen durchweg helle, lichte Namen – Bieber, Honeymoonhausen, Himmelspfort, Amöneburg, Pfirsichhaut und Bielefeld. Die Flüsse, die dieses Land durchfließen, nennt man Euphrat, Bimmel, Tigris, Dill oder Weißbier. Die Nacht ist abgeschafft.
Permanent blühen in »Eden« die Granatapfelbäume, Eukalyptus, Euphorien, Erdbeerbowlesträucher, die süße, saftige Früchte tragen. Und Dosenananas!
Peitschenhiebnamen für Menschen wie Funzel, Poggart, Brosse, Trude Gosch, Göhrener, Straub, Duhm oder Blaschke sind im neuen Roman verboten. Stattdessen regiert auch hier das Licht. Man heißt Beda Venerabilis, Felicitas von Liebesberg, Bilbo Beutlin, Iris Iltis, Mausfried Muschi, Fürst Kripitkin, Dr. Eugen und Prinz Eumel.
Die Handlung? In »Eden« ist gerade der Kommunismus eingeführt worden. Jeder Mensch erhält pro Jahr 10 000 Golddublonen als bedingungsloses Grundeinkommen. Generalmissmut, Betrug, Vergangenheitskrätze und Machtkaputtheit sind ausgerottet. Die Bewohner führen das richtige Leben im völlig richtigen. Sogar die Armbanduhren gehen auf die Atomsekunde genau.
Die Zeit vertreibt man sich mit Altruismus pur, Gütigsein, Gnadenerweisen und Wohltätigkeitsbällen. Keiner lügt. Alle sind von einer grenzenlosen Okayness durchdrungen. Zwischendurch: Kuschelsex mit In-die-Augen-Kucken, der quadratbombenmäßig glücklich macht!
Und dann das Essen, die Labsal, die Speise: Schabbi Mirch, Döni, Dicknudelsud und Benzol­schorf – die Standardmahlzeiten in »Johann Holtrop« – sind von der Speisekarte gestrichen. Serviert werden nur Aloe-Vera-Mousse satt, Bleu d’Auvergne, Manna, Kraftscheibletten, Götterspeise, Googlehupf, Hongshaorou, Toast Hawai und reiche Ritter. Zum Trinken stehen Nektar, deliziöse Powercolas, Moloko Vellocet und Schampus ultra auf der Karte. Und bisweilen fliegen einem gebratene, gut abgehangene Chef­redakteure der Exquisitpresse direkt in den Mund.
Alle sehen multipel gut aus und sind supernovageil unterwegs. Die schlaffen, breiig aufgedunsenen Teiggesichter haben ausgedient, es regiert der hosiannagesunde Teint. Augen strahlen wie Brillantfeuerwerke, Sixpacks spannen über praktisch nicht vorhandenen Bäuchen und alle Brüste sind wie, wie, wie …  Lavalampenglut.
Man schläft auf Schlaraffia-Matrazen. Und es duftet nach Myrrhe, Eucerin forte, Hattric for intersexuals, Chanel No. 5 hoch 8. Dazu spielen an Stelle von Gunter Gabriel und den Donalfonskosaken die Eurythmics, die Eugenics und die Guten Onkelz goldenen Piratenparteipop.
Natürlich kann diese Zusammenfassung nur die müde, kraftlose Skizze eines Stümpers sein. Schreiben kann eine solche Bibel der Vollkommenheit nur Rainald Goetz. Aus Ehrfurcht vor seinem »Eden« könnte ich kurzerhand ein Pferd umarmen. Los, Pferd, komm!

Rainald Goetz: Eden. Olymp 1. Suhrkamp, Berlin 2012, 342 Seiten, 22,90 Euro
Christian Y. Schmidt