Kritik, Scham und Abwehr in der Debatte über »cancel culture«

Die Macht der Beschämung

Wer sich schämt, weiß eigentlich, dass die Kritik berechtigt ist. Diese Erkenntnis wird aber oft abgewehrt – unter anderem mit offenen Briefen.

diskoDer Anfang Juli im US-amerikanischen »Harper’s Magazine« veröffentlichte »Letter on Justice and Open Debate« sieht die Meinungsfreiheit durch linken Dogmatismus gefährdet. Tom Uhlig (No Justice, No Debate - Jungle World 30/2020) verteidigte die Notwendigkeit einer Kritik an menschenfeindlichen Äußerungen, Hannah Wettig (Es geht nicht um Inhalte - Jungle World 31/2020) beklagte dagegen die Tendenz, Vorwürfe nicht mehr zu begründen. Frédéric Valin forderte, sich die jeweiligen Fälle genau anzusehen (Konkret werden - Jungle World 32/2020).

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Verschiedene Autoren und Autorinnen haben im renommierten Harper’s ­Magazine einen offenen Brief für eine offene und gerechte Debattenkultur veröffentlicht. Unterzeichnet haben ihn auch Margaret Atwood und Jeffrey Eugenides. Atwoods »The Handmaid’s Tale« und Eugenides’ »Middlesex« sind kritische, poetische Romane, die insbesondere das heteronormative Geschlechterverhältnis als Machtverhältnis bloßstellen. Beide Romane sprechen jeweils aus marginalisierter Position: der einer zur Reproduktionsmagd erniedrigten Frau beziehungsweise der einer intersexuellen Person. Dass ­Atwood und Eugenides den Brief mitunterzeichnet haben, stimmt nachdenklich.

Das Gefühl von Beschämung bei der kritisierten Person zeigt, dass diese die Kritik nicht nur versteht, sondern auch teilt.

Der Brief nimmt unter anderem gegen die öffentliche Beschämung von Autoren, Autorinnen, Künstlern und Künstlerinnen Stellung, die sich dadurch in ihrem Recht auf künstlerische Freiheit eingeschränkt fühlen. Der Zeitpunkt ist schlecht gewählt: Der Brief erscheint, während die Black Lives Matter-Bewegung in den USA erste Erfolge verzeichnet. Die durch den Brief ausgelöste Debatte über »Meinungsfreiheit« droht den Diskurs der Bewegung zu überlagern und lenkt damit vom eigentlichen Problem – dem Rassismus – ab.

In dem Brief heißt es: »Die Kräfte des Illiberalismus nehmen weltweit Fahrt auf und haben in Donald Trump einen mächtigen Verbündeten, der die Demokratie ernsthaft bedroht. Aber Widerstand darf nicht zum Dogma oder Zwang werden – was rechte Demagogen bereits ausnutzen.« Zwar kommen in dem Brief die Kampfbegriffe cancel culture und political correctness nicht vor, sie werden aber bei den ­Lesenden aufgerufen. Der Vorwurf des ideologischen Dogmatismus und der Vergleich Trumps mit angeblich dogmatischen Linken spielt denen in die Hände, die Antifaschismus, Antirassismus und Antisexismus, critical whiteness und Gender Studies als machtvolle, vom Staat unterstützte Einheit imaginieren. So argumentieren Rechte und Verschwörungsideologinnen. Cancellations, also der Versuch, rassistische oder andere menschenfeindliche Äußerungen zu unterbinden, sind auch eine Antwort auf ein System, das legitime Kritik ignoriert. Häufig wird, zumeist von Menschen, die nicht von Diskriminierung betroffen sind, verkannt, dass cancellations in feministischen und antirassistischen Kreisen angewandt werden, weil es kaum institutionelle Macht gibt, die gegen Rassismus und Sexismus sowie andere Formen der Diskriminierung interveniert.

Es geht um die Macht der Worte, ­darum, wie Geschichte erzählt wird. Es geht darum, wie über People of Colour, Frauen und LGBTIQ* geschrieben und gesprochen wird. Denn Worte sind wirkmächtig. Das haben zum Beispiel John Langshaw Austin mit »How to Do Things with Words« oder Judith Butler mit »Excitable Speech: A Politics of the Performative« (auf Deutsch unter »Hass spricht« erschienen) gezeigt. Toni Morrison hat in »Playing in the Dark« die rassistische Sprache der weißen Literatur untersucht. Worte können Waffen des Hasses sein. Aber sie sind auch die Instrumente des Kampfes für Veränderung und Gerechtigkeit.

In der Debatte über den offenen Brief gibt es mindestens drei Seiten: Zum einen die Menschen, die jahrhundertelange und heutige Diskriminierung sowie Aufrufe zu Mord und Totschlag anprangern, zum anderen die offenen Rassistinnen, Sexisten und Antisemitinnen. Und dann gibt es die als diskriminierende Personen »Beschämten« – das heißt diejenigen, die sich schämen, weil sie selbst empfinden, dass die Kritik ihrer Stoßrichtung nach, wenn auch vielleicht nicht im Einzelfall, berechtigt ist. Die Reaktionen dieser dritten Gruppe zeigen sich in der Debatte über den offenen Brief. »Das Wort ›Rassismus‹ wirkt wie eine Gießkanne voller Scham, ausgekippt über die Benannten. Weil die Scham so groß ist, geht es im Anschluss selten um den Rassismus an sich, sondern darum, dass ich jemandem Rassismus unterstelle.« So beschreibt die afrodeutsche Journalistin und Autorin Alice Hasters dieses Phänomen in ihrem Buch »Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten«.

Das Wort Rassismus scheint also ­jenes zu beinhalten, was die Unterzeichnenden des offenen Briefes anprangern: »Intoleranz gegen Andersdenkende, eine Welle öffentlicher Beschämung und Ausgrenzung sowie die Tendenz, komplexe politische Fragen in betäubende moralische Gewissheiten zu überführen«. Es ist die moralische Gewissheit, die ihnen missfällt. Hannah Wettig hat in ihrem Artikel (Jungle World 31/2020) beklagt, dass konkrete und ausformulierte Kritik von linker Seite oft verweigert wird. Stattdessen werde behauptet, die Sache sei klar. »Sie behaupten einfach und verkünden Dogmen, die die Angegriffenen oft nicht kennen. Zuweilen werfen sie auch nur mit Schlamm« schreibt Hannah Wettig. In anderen Worten: Die Person, der die Kritik gelte, werde »mit Schlamm beworfen«, sie werde also öffentlich beschämt.

Die Beschämung jener, die sich an den Pranger gestellt fühlen, verweist darauf, »dass der Blick der anderen uns als etwas sichtbar macht, das wir nicht sein wollen oder sollen oder nicht zu sein glauben«. So beschreibt die Künstlerin Renate Lorenz in einem Aufsatz zur Scham deren Wirkung: »Sich schämen heißt, sich vor einem Publikum damit zu beschäftigen, wie man als Subjekt in den Hierarchien des Sozialen positioniert wird.«

Scham funktioniert durch die anderen, die mich erblicken und meine Tat, die sie erblicken, verurteilen. Dabei funktioniert Scham als Moment der Selbstreflexion. Die Unterzeichnenden des offenen Briefes wehren sich dagegen, als Rassistinnen oder Sexistinnen eingestuft zu werden. So wie sich wiederum die durch den offenen Brief beschämten Linken, die mit Trump verglichen werden, gegen die Einstufung als Dogmatiker und Ideologinnen zur Wehr setzen. Sie wehren sich dagegen, dass ihre Kritik abgeschmettert wird – und es im Folgenden um den Vorwurf und nicht um den Rassismus oder ­Sexismus geht. Lorenz beschreibt weiter, dass der »Vorgang der Beschämung als eine Art Veröffentlichung der Szene der Anrufung« gelesen werden kann. Dies verweist auf Louis Althussers Aufsatz »Idéologie et appareils idéologiques d’état« (»Ideologie und ideologische Staatsapparate«): In der Anrufung manifestiert sich die Macht, die ein Subjekt subjektiviert. Je nachdem, wie das angerufene Subjekt auf die Anrufung beziehungsweise die Beschämung konkret reagiert, wirkt die Anrufung beziehungsweise Beschämung. Das Eingeständnis, beschämt worden zu sein, offenbart, dass die Maßstäbe der Kritik, die der Anrufung zugrundeliegen, ­akzeptiert werden, insofern eben auch die beschämte Person die in der Kritik zur Geltung gebrachten Ideale verinnerlicht hat.

Das Gefühl der Beschämung bei den öffentlich Kritisierten oder Angegriffenen könnte so vielleicht als Selbstreflexionsmoment gelesen werden. An ihm zeigt sich, dass die kritisierte und sich nun schämende Person die Kritik nicht nur versteht, sondern deren Ziele auch teilt. Scham führt jedoch oft zu Abwehr. Sie vergrault auch die, die wie Atwood oder Eugenides gesellschafts- und machtkritische Intellektuelle sind, deren Werke für Emanzipation stehen. Sie haben den offenen Brief unterzeichnet, in dem vor »ideologischer Konformität« gewarnt wird und in dem sie sich gegen das »intolerante Klima wenden, das auf allen ­Seiten um sich greift« – gegen dogmatischen linken Widerstand und gegen Donald Trump, »der die Demokratie ernsthaft bedroht«. Diese Analogie zielt auf die Beschämung der radikalen Linken als Dogmatiker und Ideologinnen, deren Taten und Kritik rechten Demagogen zugutekämen.

Ich lese den offenen Brief (auch) als einen Akt der Scham: Aus der Beschämung heraus werden die Beschämer beschämt: als Ideologen und Dogmatikerinnen. Vielleicht beschämt dieser Vorwurf wiederum und es wird reflektiert, dass Veränderung erfordert, sich zu bewegen – und nicht an starren Fronten zu verharren. Damit sich menschenfeindliches Verhalten und die dazugehörigen Einstellungen verändern, müssen sich diejenigen, die nicht von Rassismus, Sexismus, LGBTIQ*-Feindlichkeit und Ableism betroffen sind, bewegen, sich öffnen, Kritik, Scham, Wut und Traurigkeit aushalten. Scham ­allein reicht nicht als Währung für eine bessere und gerechtere Gesellschaft.