Über den Abriss der Kommandantenvilla des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenburg

Zum Abriss freigegeben

Auf dem Gelände des ehemaligen KZ Sachsenburg wurden kürzlich Teile der sogenannten Kommandantenvilla abgerissen. Während der zuständige Bürgermeister der Stadt Frankenberg/Sachsen das Vor­­ge­­hen mit der Baufälligkeit der Villa begründet, versuchen Kriti­ke­r:innen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft, den Abriss aufzuhalten.

Viel ist nicht mehr übrig: Der Kellersockel und das Eingangsportal samt Türöffnung sowie einem kleinen Fenster sind alles, was derzeit noch an die sogenannte Kommandantenvilla des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenburg erinnert. Mit dem Abriss schafft die Stadt Frankenberg/Sachsen seit dem 11. Oktober vollendete Tatsachen, ungeachtet der seit vielen Jahren andauernden Debatte über die Einrichtung einer Gedenkstätte. Sachsenburg ist ein Ortsteil der Kleinstadt Frankenberg/Sachsen und liegt etwa eine halbe Stunde Autofahrtzeit von Chemnitz entfernt.

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Die Stadt folgte dem einstimmigen Beschluss, den ein zuständiger Ausschuss Anfang September gefasst hatte, das denkmalgeschützte Gebäude vor dem Auslaufen von Fördermitteln Ende des Jahres bis auf den Sockel zurückzubauen. Zu dem ehemaligen KZ gehören neben der Kommandanten­villa ein mehrstöckiges Fabrikgebäude, in dem unter anderem die Inhaftierten und Wachmänner untergebracht waren, das Kommandanturgebäude der SS-Angehörigen, der Appellplatz, ein Steinbruch und weitere Gebäude, die noch heute besichtigt werden können. 2012 hatte der Freistaat Sachsen das ehemalige KZ in seinem Gedenkstättenstiftungsgesetz als einen förderungswürdigen Ort anerkannt. Dennoch erinnern nur ein in den sechziger Jahren aufgestelltes Denkmal, ein kleinerer Gedenkstein und eine von der Stadt vor drei Jahren installierte Außenraumausstellung an die Geschichte des Lagers.

Forscher:innen konnten bislang nur einen Bruchteil der im KZ Sachsen­burg ermordeten und verstor­­benen Häftlinge namentlich ermitteln.

Das im Mai 1933 für rund 2 000 Häftlinge gebaute KZ gehörte zu den frühen Konzentrationslagern, die die Nationalsozialisten im jenem Frühjahr auf dem gesamten Reichsgebiet errichten ließen. Es diente zunächst der Konsolidierung ihrer Macht und der Bekämpfung Oppositioneller; die größte Häftlingsgruppe bildeten zunächst männliche Anhänger der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). For­scher:innen schätzen, dass im KZ Sachsenburg mehrere Tausend Menschen inhaftiert wurden; nur einen Bruchteil der dort ermordeten und verstorbenen Häftlinge konnten sie bislang namentlich ermitteln. Zu den bekanntesten Inhaftierten gehören der KPD-Anhänger und spätere DDR-Schriftsteller Bruno Apitz (»Nackt unter Wölfen«) und Max Sachs, vormals Redakteur der Dresdner Volkszeitung und Abgeord­neter des Sächsischen Landtags für die SPD. Die Inhaftierten mussten Zwangsarbeit leisten, wurden systematisch in Todesangst versetzt, schi­kaniert und teilweise so schwer misshandelt, dass sie, wie Sachs, aufgrund der ­Verletzungen starben.

Ab 1934 war das KZ Sachsenburg eine Ausbildungsstätte für die SS-Wachtruppen der Kon­zentrations­lager im gesamten Deutschen Reich. Als es 1937 im Zuge der Errichtung von Großlagern wie Buchenwald und Sachsenhausen aufgelöst wurde, wurden nicht nur die Inhaftierten dorthin deportiert. Auch das Per­sonal, darunter Angehörige des SS-Kommandanturstabs und der -Wachtruppen, zog in die Großlager und adaptierte dort die in Sachsenburg entwickelten Organisationsprinzipien und Foltermethoden.

Thomas Firmenich, der im vergangenen Jahr aus der CDU ausgetretene und nun parteilose Bürgermeister von Frankenberg/Sachsen, sagt auf Nachfrage der Jungle World: »Das Gebäude ist so vom Hausschwamm zersetzt und im Inneren nach jahrelangem Wassereinbruch zerstört, dass eine fachgerechte Wiederinstandsetzung nicht möglich ist.« Er verweist auf das Konzept für den Aufbau der Gedenkstätte im ehemaligen Kommandanturgebäude, das die Stadt »nach langer und intensiver Beratung« verabschiedet habe. Dort befänden sich auch die noch erhaltenen Zellen; die Kommandantenvilla werde hingegen »entsprechend den Auflagen« zurückgebaut.

Gisela Heiden, die Vorsitzende des Vereins Lagerarbeitsgemeinschaft KZ Sachsenburg (LAG), bezeichnet den Abriss in einem Schreiben, aus dem die Chemnitzer Tageszeitung Freie Presse zitiert, als »totales Versagen der poli­tischen Verantwortlichen«. Sie ist Nachfahrin eines ehemaligen Häftlings des KZ und bezweifelt, dass der Abriss »denkmalgerecht« verlaufe.

Die Historikerin Anna Schüller, die dem Verein Geschichtswerkstatt Sachsenburg angehört, forscht seit Jahren zu dem KZ und veranstaltet auf dem Gelände Workshops und Touren. Im Gespräch mit der Jungle World sagt sie, dass es eine offene Diskussion über die Nutzung der Villa gegeben habe – unter anderem lobte die Stadt im vorvergangenen Jahr einen »internationalen Ideenwettbewerb« aus, im Mai fand ein Symposium mit dem Titel »Orte von ­Belang« statt. Dieser Prozess sei durch den Abriss der Villa durchkreuzt worden. Aus Sicht des Vereins wäre es am besten gewesen, die Villa zu erhalten. »Nur so können Besucherinnen und Besucher einen räumlichen Eindruck von der Lage, der Umgebung, den Ausmaßen und den Blicken aus dem Gebäude erhalten«, sagt Schüller.

Thomas Danzl, Professor für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft an der Technischen Universität München, bezeichnete den Abriss im Gespräch mit dem MDR als »Vandalismus«. »Geschichte wird durch originale Orte erhalten und vorgehalten. Das originale Material ist dafür ein Wissensspeicher«, sagte Danzl. Er verwies zudem auf den finanziell und technisch geglückten Umgang mit Hausschwamm an historischen Gebäuden in anderen ostdeutschen Städten wie Meißen und Quedlinburg. Der Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-­Dora, Jens-Christian Wagner, kommentierte das Vorgehen auf Twitter wie folgt: »Der Abriss widerspricht allen denkmalpflegerischen, musealen und gedenkstättendidaktischen Standards.«

Einer von Mitgliedern der LAG Ende September veröffentlichten Petition zufolge hat die Stadt seit ihrer Übernahme der Villa von einem Investor im Jahr 2015 keine Maßnahmen wie eine Reparatur oder Abdichtung des Dachs ergriffen, um sie vor dem Verfall zu schützen. Den Abriss habe sie bereits im Jahr der Übernahme beschlossen. Keines der Gutachten, die die Stadt erst 2019 in Auftrag gegeben habe, ent­halte »Aussagen zur Standsicherheit der zweigeschossigen steinernen ­Außenmauern«.

Mike Schmeitzner, der Sprecher des wissenschaftlichen Beirats der KZ-­Gedenkstätte Sachsenburg, plädiert im Gespräch mit der Jungle World für eine rasche Verwirklichung des geplanten Gedenkstättenkonzepts: »Damit besteht die große Chance, am Ort eines frühen Konzentrationslagers über das Verhältnis von Gewalt und gesellschaft­licher Transformation in der Etablierung der NS-Diktatur zu informieren.« Dafür müssten auch die Reste der abgerissenen Villa einbezogen werden, von der der wissenschaftliche Beirat gerne möglichst viel erhalten möchte.

Das von Bürgermeister Firmenich ­favorisierte Konzept für die Gedenkstätte wurde zusammen mit dem wissenschaftlichen Beirat entwickelt und soll von Bund und Land langfristig gefördert werden. Trägerin der zukünftigen Gedenkstätte soll die Stadt Frankenberg/Sachsen sein.

Anna Schüller befürchtet den Abriss weiterer Gebäude und berichtet im ­Gespräch, dass diese Sorge auch die Angehörigen der einst Verfolgten um­treibe: »Die Zeitzeugen sind verstorben, es stehen nur noch die Gebäude als ›Zeitzeugen‹ und die Dokumente in den Archiven.«