Julia Jost erzählt von einer queeren Kindheit in der archaischen Dorfgemeinschaft Kärntens

Virtuose Verrenkung

In ihrem Debütroman »Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht« malt Julia Jost ein soziales Wimmelbild vor den Karawanken, mit dem sie sich in eine Reihe mit Josef Winkler und Elfriede Jelinek stellt.

In ihrem autobiographisch grundierten Debütroman »Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht« erzählt Julia Jost von einer queeren Kindheit und Jugend im erstickenden bäuerlich-konservativen Milieu der kärntnerischen Provinz der neunziger Jahre.

Es wird in breitestem Kärntnerisch geschimpft und gelästert, doch so richtig miteinander gesprochen wird nicht.

Es entsteht ein figurenreiches soziales Wimmelbild in der Tradition des bösen österreichischen Antiheimatromans. Die 1982 in Kärnten geborene Autorin erzählt in einer kompromisslosen, erfindungsreichen und unglaublich rasanten Sprache von der ersten heimlichen Verliebtheit in ihre Freundin Luca, vom Sexismus und Rassismus der Stammtische, den Abgründen der Dorfgemeinschaft und den Karrieren, die die Söhne von »Ehemaligen« bei der regierenden FPÖ machen – und von der Angst des unangepassten Mädchens, wie eine junge Katze im Teich ertränkt zu werden.

Die Sätze sind gespickt mit sprachlichen Verrenkungen und Wortspielereien, Oberfläche und Tiefe wechseln sich ab. Manches geht einem schmerzhaft unter die Haut. Manches liest sich wie ein Protokoll verworrener Träume.

Zärtlich und sehnsüchtig beschreibt Jost die erste Verliebtheit. Und immer wieder wendet sie sich der Popkultur ihrer Kindheit zu. Der Sound von Queen, Take That und 4 Non Blondes schallt durch das knochenkalte Milieu am Fuß der Karawanken.

Beklemmend beschreibt Jost die Sprachlosigkeit der österreichischen Provinz. Es wird in breitestem Kärntnerisch geschimpft und gelästert, doch so richtig miteinander gesprochen wird nicht.

Es ist jene Sprachlosigkeit, deren Wurzeln in historischer Schuld und kollektiver Verdrängung liegen, wie Josef Winkler und Elfriede Jelinek gezeigt haben. Julia Jost stellt sich mit ihrem Roman in diese Reihe unerbittlicher Betrachtungen ihrer Heimat.

 


Buchcover

Julia Jost: Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht. Suhrkamp, Berlin 2024, 231 Seiten, 24 Euro